Medien

Medientheorie

Von den Bedingungen möglicher Erfahrung zur künstlichen Intelligenz

Medientheorie hat ein eigentümliches Problem: Ihr Gegenstand wartet nicht auf seine Theorie. Während die Theorie noch damit beschäftigt ist, Fernsehen, Fotografie oder Computer begrifflich zu ordnen, haben sich die Medien bereits verwandelt. Geräte verschwinden, Plattformen entstehen, technische Standards wechseln, Kommunikationsformen verschieben sich, und was eben noch als neues Medium erschien, ist wenig später bloße Infrastruktur. Gerade darin liegt vermutlich einer der Gründe, weshalb „Medientheorie“ immer etwas Vorläufiges behalten muss. Ihr Gegenstand ist nicht statisch genug, um sich dauerhaft in einem abgeschlossenen Theoriegebäude einzurichten. Das muss allerdings kein Einwand gegen Theorie sein. Theorie ist kein Denkmal, sondern ein Werkzeug. Sie muss nicht ewig gelten. Sie muss etwas sichtbar machen, das ohne sie weniger deutlich wäre. Vielleicht ist Medientheorie deshalb überhaupt weniger als eine fest umrissene Disziplin zu verstehen denn als eine Folge immer neuer Versuche, zu bestimmen, was zwischen Welt, Wahrnehmung, Zeichen, Technik und Kommunikation geschieht.

Dass diese Frage keineswegs erst mit den technischen Medien beginnt, wird leicht übersehen. Wer Medientheorie ausschließlich als Theorie von Fotografie, Film, Radio, Fernsehen oder Internet versteht, setzt begrifflich bereits zu spät an. Noch bevor es technische Medien im modernen Sinn gibt, stellt sich die grundsätzlichere Frage, ob Wirklichkeit uns jemals unvermittelt gegeben ist. Deshalb gehört Immanuel Kant überraschend in die Vorgeschichte jeder ernsthaften Medientheorie. Die Kritik der reinen Vernunft handelt weder von Kameras noch von Computern, und Kant wäre selbstverständlich nicht im heutigen Sinne als Medientheoretiker zu etikettieren. Aber er stellt jene Frage nach den Bedingungen möglicher Erfahrung, die später unter technischen Vorzeichen erneut auftaucht. Wir haben keinen einfachen, vollkommen transparenten Zugriff auf eine Welt „an sich“. Erfahrung entsteht unter Bedingungen. Anschauungsformen, Begriffe und Kategorien strukturieren das, was für uns überhaupt als Gegenstand erscheinen kann.

Damit ist noch keine Theorie technischer Vermittlung gewonnen, wohl aber eine entscheidende Voraussetzung: Wirklichkeit erscheint uns nicht voraussetzungslos. Zwischen Welt und Erkenntnis gibt es keine transparente Passage. Erfahrung hat Form. Sie besitzt Bedingungen, Selektionsmechanismen und Voraussetzungen, die nicht erst dann entstehen, wenn ein Bildschirm zwischen uns und einen Gegenstand tritt. Der Begriff des Mediums lässt sich deshalb weiter verstehen als bloß im Sinne eines technischen Kanals. Das Medium beginnt dort, wo etwas eine Form annimmt, in der es wahrnehmbar, denkbar oder kommunizierbar wird.

Bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel wird Vermittlung geradezu zur Bewegungsform des Denkens selbst. Das vermeintlich Unmittelbare erweist sich bei näherer Betrachtung als Resultat von Geschichte, Begriff und Vermittlung. Auch Hegel ist natürlich kein Medientheoretiker avant la lettre. Interessant ist vielmehr die philosophische Skepsis gegenüber jedem Anspruch auf reine Unmittelbarkeit. Spätere Mediengesellschaften haben diese Skepsis auf eine geradezu drastische Weise bestätigt. Was als unmittelbarer Eindruck erscheint, ist oft bereits das Produkt zahlreicher technischer, institutioneller und symbolischer Operationen. Das Bild eines Ereignisses, die Meldung einer Nachricht, die Sichtbarkeit einer Person oder die scheinbar spontane öffentliche Reaktion sind Resultate von Auswahl, Aufzeichnung, Bearbeitung, Übertragung, Sortierung und Wiederholung.

Auch die Frühromantik gehört auf eine eigentümliche Weise in diese Vorgeschichte. Novalis und Friedrich Schlegel experimentierten mit Fragmenten, Verweisen und offenen Formen, in denen der Text nicht mehr notwendig als linear abgeschlossenes Ganzes gedacht wurde. Es wäre anachronistisch, daraus Vorhersagen des Hypertexts oder des Internets zu machen. Solche rückwirkenden Prophezeiungen sagen meist mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit. Interessanter ist etwas anderes: Technische Medien realisieren bisweilen Formen, für die kulturell und ästhetisch längst Vorstellungen vorhanden waren. Das Netz hat die Offenheit, Verweisstruktur und Unabschließbarkeit von Text nicht erfunden. Es hat ihnen lediglich neue technische Möglichkeiten gegeben. Das Fragment musste nicht auf das Internet warten. Aber das Internet hat aus dem Verweis eine technische Operation gemacht.

Noch näher an die technische Bedingtheit des Denkens führt Friedrich Nietzsche. Seine Erfahrungen mit der Schreibmaschine sind längst zu einem kleinen Gründungsmythos der Medientheorie geworden, weil sie eine Frage berühren, die seither immer wichtiger geworden ist: Halten Werkzeuge Gedanken nur fest, oder arbeiten sie an ihrer Form mit? Der Satz, dass unser Schreibzeug an unseren Gedanken mitarbeitet, ist in seiner Konsequenz erheblich. Wer mit der Hand schreibt, schreibt anders als jemand, der diktiert; wer an einer mechanischen Schreibmaschine sitzt, arbeitet anders als jemand, der in einer Textverarbeitung beliebig korrigieren, verschieben und vervielfältigen kann. Schreiben ist nicht unabhängig von seinen Werkzeugen. Technik verändert Rhythmus, Korrektur, Erinnerung, Geschwindigkeit, Länge und Gestalt eines Textes.

Das heißt nicht, dass die Schreibmaschine denkt. Genau diese Differenz bleibt wichtig. Aber Denken vollzieht sich unter Bedingungen, und zu diesen Bedingungen gehören Werkzeuge. Das Schreibgerät steht nicht einfach außerhalb des geistigen Vorgangs und wartet darauf, dass ein fertiger Gedanke in es hineingegossen wird. Bereits die Möglichkeit des Löschens, Kopierens, Verschiebens, Speicherns oder Suchens verändert die Form des Schreibens. Der Computer hat dabei nicht einfach die Schreibmaschine verbessert. Er hat Text in eine bewegliche Datenstruktur verwandelt. Und mit künstlicher Intelligenz tritt nun erstmals ein Schreibwerkzeug hinzu, das nicht nur Zeichen aufnimmt, sondern selbst sprachliche Fortsetzungen erzeugt. Damit wird die alte Nietzsche-Frage plötzlich erheblich schärfer.

Doch bevor man dort ankommt, liegt eine lange medientheoretische Geschichte dazwischen. Daniel J. Boorstin hat mit seiner Analyse der „Pseudo-Ereignisse“ früh auf eine Verschiebung aufmerksam gemacht, die für moderne Mediengesellschaften zentral geworden ist. Ereignisse werden nicht mehr nur dargestellt, nachdem sie geschehen sind. Sie werden so hergestellt, dass sie medial dargestellt werden können. Pressekonferenzen, Auftritte, Produktvorstellungen, politische Inszenierungen und öffentlichkeitswirksame Handlungen entstehen bereits im Hinblick auf ihre spätere mediale Zirkulation. Das Medium tritt nicht nachträglich zu einer unabhängig vorhandenen Wirklichkeit hinzu; die Erwartung medialer Darstellung wird Bestandteil des Ereignisses selbst.

Im Zeitalter sozialer Medien ist dieser Gedanke beinahe trivial geworden, und gerade deshalb lohnt es sich, seine Radikalität festzuhalten. Menschen reisen an Orte nicht nur, um dort gewesen zu sein, sondern um Bilder davon zu produzieren. Politiker sprechen Sätze, deren eigentliche Form bereits der spätere Ausschnitt ist. Demonstrationen, Sportereignisse, Unternehmenspräsentationen und sogar private Lebenssituationen werden unter dem Blick einer möglichen Aufnahme organisiert. Die mediale Erscheinungsform liegt dem Ereignis nicht mehr notwendig zeitlich nach. Sie kann es mit hervorbringen. Damit verwischt eine alte Unterscheidung: Wirklichkeit hier, Darstellung dort.

Bazon Brock hat auf eine andere Weise immer wieder gezeigt, dass Vermittlung nicht auf technische Übertragung reduziert werden kann. Seine Aktionen, Besucherschulen, theoretischen Inszenierungen und Interventionen bewegen sich gerade dort, wo Wahrnehmung selbst zum Gegenstand wird. Medien funktionieren nicht in einem kulturellen Vakuum. Was gesehen, verstanden oder übersehen wird, hängt von Erwartungen, Routinen, Bildungsformen und sozialen Szenen ab. Das ist ein wichtiger Gegenakzent zu allen Theorien, die die technische Apparatur zum alleinigen Erklärungsgrund erheben. Ein Bildschirm hat Wirkungen, aber diese Wirkungen ergeben sich nicht mechanisch aus seinen technischen Eigenschaften. Menschen eignen sich Medien an, missverstehen sie, zweckentfremden sie, langweilen sich an ihnen und entwickeln Gegenformen.

Marshall McLuhan hat dennoch zu Recht den Blick auf das Medium selbst verschoben. Sein berühmtester Gedanke wurde so häufig zitiert, dass seine methodische Provokation beinahe verschwunden ist. Nicht nur die Inhalte, die durch ein Medium verbreitet werden, sind theoretisch interessant. Die Form des Mediums selbst verändert Wahrnehmung, Sozialität und Verhalten. Buchdruck, Radio, Fernsehen oder Computer sind keine neutralen Röhren, durch die eine ansonsten unveränderte Botschaft fließt. Sie verändern Reichweiten, Rhythmen, Gleichzeitigkeit, Aufmerksamkeit und die Struktur des Publikums. Ein gedrucktes Buch organisiert Kommunikation anders als ein Fernsehprogramm, eine Suchmaschine anders als eine Zeitung, ein sozialer Feed anders als eine Bibliothek.

McLuhans Stärke lag dabei gerade nicht in einem sauber abgeschlossenen System. Vieles ist aphoristisch, spekulativ, gelegentlich prophetisch und mitunter falsch. Doch vielleicht verdankt sich gerade daraus seine Haltbarkeit. Er hat keine endgültige Medienontologie hinterlassen, sondern eine Änderung der Blickrichtung: Wer ausschließlich danach fragt, was gesagt wird, übersieht möglicherweise, was die Form des Sagens mit dem Sagbaren, mit seinem Publikum und mit der gesellschaftlichen Situation anstellt.

Friedrich Kittler radikalisierte diesen Gedanken, indem er die technischen Bedingungen von Speicherung, Übertragung und Verarbeitung in den Mittelpunkt rückte. Aufschreibesysteme, Grammophon, Film und Computer sind bei ihm keine bloßen Hilfsmittel eines souveränen menschlichen Geistes. Sie bestimmen mit, was überhaupt aufgezeichnet, gespeichert und verarbeitet werden kann. Der Mensch verliert damit einen Teil seiner traditionellen privilegierten Stellung. Nicht mehr ausschließlich Bewusstsein, Sinn und Interpretation bestimmen die Kulturgeschichte, sondern auch technische Standards, Frequenzen, Speichergrößen und Apparaturen.

Das besitzt einen erheblichen intellektuellen Reiz, weil es den anthropozentrischen Hochmut korrigiert. Zugleich liegt darin die Gefahr des technischen Determinismus. Technik erklärt nicht alles. Dass etwas technisch möglich ist, bedeutet nicht, dass es kulturell bestimmend wird. Zwischen Apparatur und Lebensform liegen Aneignung, Ökonomie, Institutionen, Mode, Widerstand, Zufall und Vergessen. Manche Technologien setzen sich gegen alle Erwartungen durch, andere verschwinden trotz technischer Überlegenheit, wieder andere werden für Zwecke benutzt, für die sie ursprünglich überhaupt nicht vorgesehen waren. Technik schreibt mit. Aber sie schreibt nicht allein.

Vilém Flusser ist in diesem Zusammenhang besonders interessant, weil er Apparate nicht lediglich als Maschinen, sondern als programmierte Möglichkeitsräume verstand. Technische Bilder scheinen zunächst unmittelbar. Eine Fotografie suggeriert, etwas einfach zu zeigen. Tatsächlich stehen hinter jedem Bild Apparat, Programm und Auswahl. Im Digitalen ist dies noch deutlicher geworden. Sensoren, Objektive, Software, Kompressionsverfahren, Filter, Plattformen und Algorithmen wirken daran mit, was schließlich als sichtbare Wirklichkeit erscheint. Ein digitales Bild ist niemals nur eine transparente Scheibe auf die Welt.

Flussers Gedanke des Apparats gewinnt heute eine zusätzliche Bedeutung. Nutzer sind frei, aber ihre Freiheit bewegt sich innerhalb programmierter Möglichkeiten. Man kann mit einem Smartphone unzählige Dinge tun, aber die Oberfläche, die Anwendungen, die Voreinstellungen und die Plattformarchitektur bestimmen den Raum des Wahrscheinlichen. Die entscheidende Macht liegt dabei oft nicht im ausdrücklichen Verbot. Viel wirksamer ist es, bestimmte Handlungen leicht, andere schwer, manche sichtbar und andere nahezu unsichtbar zu machen. Medien steuern Verhalten häufig weniger durch Zwang als durch die Architektur der Möglichkeit.

Paul Virilio wiederum hat Geschwindigkeit zum Grundbegriff seiner Technik- und Medienkritik gemacht. Seine Diagnose war für eine bestimmte Epoche außerordentlich suggestiv: Telekommunikation, Echtzeitübertragung und elektronische Medien scheinen Entfernung und Verzögerung abzubauen. Wer schneller sehen, senden und reagieren kann, gewinnt Handlungsmacht. Geschwindigkeit wird damit politisch. Dass Finanzmärkte heute in Millisekunden reagieren und Kommunikationskrisen innerhalb weniger Minuten entstehen können, bestätigt einen Teil dieser Intuition.

Doch Beschleunigung allein genügt als Erklärung nicht. Menschen reagieren auf Geschwindigkeit nicht bloß durch weitere Beschleunigung. Sie entwickeln Filter, Ignoranz, Routinen, Rückzug und künstliche Verlangsamung. Permanente Erreichbarkeit erzeugt nicht permanente Kommunikation, sondern häufig selektives Nichtreagieren. Die unbegrenzte Verfügbarkeit von Information führt nicht notwendig zu größerer Informiertheit, sondern zu Auswahlzwang und Erschöpfung. Technische Beschleunigung produziert ihre eigene Langsamkeit. Mediengeschichte ist deshalb nicht linear als Geschichte zunehmender Geschwindigkeit zu erzählen, sondern als Wechselspiel von Beschleunigung und Gegenbewegung.

Mit Jochen Hörisch, Rainer Leschke und Hartmut Winkler wurde Medientheorie stärker zu einer akademisch reflektierten Disziplin. Dadurch gewann sie begriffliche Ordnung, verlor allerdings bisweilen auch etwas von jener spekulativen Kühnheit, die McLuhan oder Flusser ausgezeichnet hatte. Hörisch hat Medienfragen mit Geld, Religion, Literatur und Formen gesellschaftlicher Sinnproduktion verbunden. Darin liegt eine wichtige Erweiterung: Medien sind nicht bloß Apparate, sondern Teil symbolischer Ordnungen. Was eine Gesellschaft als Wahrheit, Wert, Ereignis oder Bedeutung behandelt, hängt auch davon ab, in welchen Formen etwas zirkulieren kann.

Leschkes systematisierende Perspektive macht wiederum sichtbar, dass irgendwann nicht mehr nur Medien, sondern bereits die Medientheorien selbst unübersichtlich geworden waren. Eine Disziplin beginnt dann, ihre eigenen Kategorien zu sortieren. Das ist notwendig und zugleich symptomatisch. Sobald eine Theoriegeschichte ihre Schulen, Paradigmen und Metaebenen ausbildet, droht sie sich von jenem Gegenstand zu entfernen, der währenddessen technisch längst weitergezogen ist.

Hartmut Winkler interessiert besonders dort, wo Sprache, Speicher, Zirkulation und Wiederholung zusammenkommen. Digitale Medien lassen sich kaum verstehen, wenn man ausschließlich auf ihre sichtbaren Oberflächen schaut. Hinter jeder Kommunikation stehen technische Operationen des Speicherns, Adressierens, Kopierens, Suchens, Verknüpfens und Löschens. Das Internet erscheint gern als grenzenloser Raum des Erinnerns, ist aber zugleich von eigentümlicher Vergesslichkeit. Seiten verschwinden, Formate werden unlesbar, Plattformen werden abgeschaltet, Links führen ins Leere. Digitale Speicherung erzeugt nicht notwendig Dauer. Sie produziert ebenso neue Formen des Verschwindens.

Mike Sandbothes pragmatische Medienphilosophie führt schließlich zu einer Perspektive, die mir angesichts der schnellen technischen Entwicklung besonders plausibel erscheint. Vielleicht muss man weniger danach fragen, was ein Medium „an sich“ ist, und stärker danach, was Menschen damit tun. Medien sind nicht nur technische Dinge, sondern Gebrauchsweisen. Ein Telefon ist etwas anderes, wenn man damit hauptsächlich telefoniert, als wenn dasselbe Gerät zur Kamera, Zeitung, Navigationshilfe, Bankfiliale, Musikmaschine und sozialen Bühne geworden ist. Die technische Einheit des Geräts sagt immer weniger darüber aus, welche soziale Funktion es besitzt.

Gerade mit dem Internet gerät die klassische Vorstellung einzelner Medien deshalb zunehmend in Schwierigkeiten. Zeitung, Radio, Fernsehen und Telefon ließen sich noch vergleichsweise deutlich unterscheiden. Das Netz verschränkt ihre Funktionen. Text, Bild, Film, Sprache, Archiv, Nachricht, Handel und Öffentlichkeit existieren auf denselben technischen Oberflächen. Dadurch verliert der Begriff des einzelnen Mediums einen Teil seiner früheren Eindeutigkeit.

An seine Stelle tritt die Plattform. Und mit der Plattform verschiebt sich die medientheoretische Frage. Plattformen übertragen nicht bloß Inhalte. Sie sortieren, gewichten, empfehlen, verbergen, monetarisieren und messen. Sie entscheiden nicht im strengen Sinne wie ein souveränes Subjekt, aber ihre technischen und ökonomischen Regeln erzeugen Sichtbarkeit. Die zentrale Frage lautet daher nicht mehr nur: Was macht ein Medium mit einer Botschaft? Sondern: Nach welchen Regeln wird überhaupt entschieden, welche Botschaft erscheint, wem sie erscheint und wie lange sie sichtbar bleibt?

Damit bekommt Aufmerksamkeit eine neue theoretische Bedeutung. Sie ist nicht mehr bloß eine psychologische Eigenschaft eines individuellen Bewusstseins, sondern wird zur messbaren und handelbaren Ressource. Klicks, Verweildauer, Wiederkehr, Interaktion und Reichweite werden erfasst, verglichen und optimiert. Medien beobachten ihre Nutzer, während Nutzer Medien beobachten. Es entsteht eine Rückkopplung, die ältere Modelle von Sender und Empfänger kaum noch erfassen können. Das Publikum ist zugleich Zuschauer, Produzent, Datenquelle und Gegenstand permanenter Prognose.

Frank Schirrmacher hat diese Entwicklung mit einem gelegentlich alarmistischen, aber bemerkenswert frühen Gespür für die kommende Aufmerksamkeitsökonomie beschrieben. Sein Thema war weniger eine klassische Theorie des Mediums als die Frage, was mit dem Individuum geschieht, wenn Informationssysteme, ökonomische Interessen und algorithmische Prognosen in die Organisation seiner Aufmerksamkeit eingreifen. Der Einzelne konkurriert nicht mehr lediglich mit anderen Menschen. Er bewegt sich in Umgebungen, die sein Verhalten statistisch erfassen und Wahrscheinlichkeiten zukünftigen Verhaltens errechnen.

Damit verändert sich auch der Begriff von Autonomie. Freiheit bedeutet unter solchen Bedingungen nicht nur, zwischen angebotenen Möglichkeiten entscheiden zu dürfen. Man muss zusätzlich fragen, wer diese Möglichkeiten angeordnet hat, weshalb eine Option sichtbar und eine andere verborgen ist und welche Vorhersage über das eigene Verhalten bereits in die Gestaltung der Oberfläche eingeflossen ist. Die alte Vorstellung eines souveränen Benutzers, der sich eines neutralen Mediums bedient, wird dadurch immer weniger plausibel.

Künstliche Intelligenz verschiebt diese Lage noch einmal grundlegend. Das Medium vermittelt nicht mehr ausschließlich zwischen einem Autor und einem Leser, einem Produzenten und einem Publikum. Es tritt selbst in die Produktion von Sprache, Bildern, Musik und Programmen ein. Damit wird eine Grenze unscharf, die für ältere Medientheorien vergleichsweise stabil geblieben war: die Grenze zwischen Medium und Produzent.

Ein Sprachmodell ist kein bloßer Kanal. Es reagiert, variiert, formuliert, kombiniert und erzeugt Vorschläge. Es besitzt deshalb noch keine Autorschaft im menschlichen Sinn. Es hat keine Biografie, keine Erfahrung, keine Erinnerung an ein gelebtes Leben und keine Absicht in jener Bedeutung, die wir menschlichen Akteuren zuschreiben. Dennoch entstehen Texte, die kommunikativ wirksam werden und die von menschlichen Lesern als Argument, Stil, Vorschlag, Irrtum oder Erkenntnis behandelt werden.

Die Frage „Wer spricht?“ erhält damit eine merkwürdige neue Aktualität. Die Antwort lautet zunehmend: nicht mehr nur eine einzelne Person. An einem Text können menschliche Entscheidungen, Trainingsmaterial, Softwarearchitektur, Systemvorgaben, statistische Modelle und spätere redaktionelle Bearbeitung beteiligt sein. Autorschaft verschwindet dadurch nicht. Aber ihre Grenze wird schwieriger zu ziehen.

Hier kehrt Nietzsches alte Beobachtung in verschärfter Form wieder. Wenn schon Schreibzeug an Gedanken mitarbeitet, was geschieht dann, wenn das Schreibzeug selbst Formulierungen vorschlägt? Die Differenz zur Schreibmaschine ist nicht graduell. Eine Schreibmaschine erzeugt keine Sätze. Ein Sprachmodell tut es. Es ist deshalb unzureichend, KI lediglich als besonders komfortables Werkzeug zu behandeln. Ebenso unzureichend wäre es allerdings, dem Modell ohne Weiteres menschliche Autorschaft zuzuschreiben. Zwischen Werkzeug und Autor entsteht eine neue Zone technischer Mitproduktion, für die unsere alten Begriffe nur teilweise vorbereitet sind.

Noch grundlegender verändert künstliche Intelligenz die Rolle des Archivs. Klassische Medien greifen auf gespeicherte Inhalte zu. Generative Systeme produzieren dagegen aus großen Datenbeständen neue sprachliche oder bildliche Konfigurationen. Speicher und Produktion treten dadurch in eine neue Beziehung. Das Archiv ist nicht länger bloß ein Ort, aus dem etwas wiedergefunden wird. Es wird statistisch transformiert und als Möglichkeit neuer Äußerungen wirksam.

Damit verschiebt sich auch der Begriff des Originals. Die digitale Kopie hatte bereits gezeigt, dass Identität nicht mehr notwendig an ein materielles Einzelstück gebunden ist. Generative Systeme gehen weiter: Sie vervielfältigen nicht nur vorhandene Formen, sondern erzeugen Varianten, deren Verhältnis zu ihren Voraussetzungen sich nicht mehr als einfache Kopie beschreiben lässt. Fragen nach Urheber, Stil, Herkunft und Originalität werden dadurch nicht erledigt, sondern komplizierter.

Vielleicht besteht eine der wichtigsten medientheoretischen Einsichten der Gegenwart deshalb darin, endgültig Abschied vom neutralen Medium zu nehmen. Jede technische Form eröffnet Möglichkeiten und schließt andere aus. Jede Oberfläche lenkt Aufmerksamkeit. Jede Suchmaschine sortiert. Jede Plattform priorisiert. Jedes Sprachmodell erzeugt Wahrscheinlichkeiten. Doch daraus folgt nicht, dass technische Systeme alles bestimmen. Gerade das wäre wieder eine jener Theorien, die ihren Gegenstand dadurch verlieren, dass sie ihn zu vollständig erklären wollen.

Menschen eignen sich Medien an, ignorieren sie, verändern sie, zweckentfremden sie und benutzen sie gegen ihre ursprüngliche Konstruktion. Mediengeschichte ist deshalb immer auch eine Geschichte unbeabsichtigter Nutzungen. Das Telefon wurde zum Fotoapparat, der Computer zur sozialen Bühne, das Netz vom wissenschaftlichen Kommunikationssystem zur universellen Infrastruktur, und künstliche Intelligenz wird bereits für Dinge verwendet, die ihre Entwickler nicht im Einzelnen geplant haben.

Vielleicht hatte deshalb keine der großen Medientheorien vollständig recht – und gerade darin liegt ihr Wert. McLuhan sah die Macht der Form, Kittler die technischen Bedingungen, Flusser die Programme der Apparate, Virilio die Geschwindigkeit, Boorstin die produzierte Wirklichkeit des Ereignisses, Brock die Inszenierung der Wahrnehmung, Hörisch die symbolischen Ordnungen, Winkler Speicher und Zirkulation, Sandbothe die Praxis und Schirrmacher die umkämpfte Aufmerksamkeit. Diese Perspektiven widersprechen einander teilweise. Aber eine Theorie, die all diese Differenzen beseitigte, wäre vermutlich ärmer als die Konstellation ihrer Widersprüche.

Damit führt der Weg schließlich überraschend wieder zu Kant zurück. Die entscheidende Frage lautet weiterhin: Unter welchen Bedingungen ist Erfahrung möglich? Nur sind diese Bedingungen heute nicht mehr ausschließlich erkenntnistheoretisch zu verstehen. Sie sind auch technisch, ökonomisch und infrastrukturell geworden. Was wir sehen, lesen und für relevant halten, hängt zunehmend von Apparaten, Interfaces, Algorithmen, Plattformen und Modellen ab. Die Bedingungen möglicher Erfahrung sind teilweise programmierbar geworden.

Das ist keine kleine Veränderung. Es bedeutet, dass Medientheorie weniger denn je eine Theorie einzelner Geräte sein kann. Sie muss sich mit technischen Ordnungen beschäftigen, in denen Wirklichkeit erscheint, gespeichert, sortiert und erzeugt wird. Dabei darf sie allerdings nicht vergessen, dass auch diese technischen Bedingungen wiederum historisch, ökonomisch und gesellschaftlich bedingt sind. Der Algorithmus fällt nicht vom Himmel. Hinter jeder Software stehen Institutionen, Entscheidungen, Interessen und kulturelle Erwartungen.

Gerade deshalb scheint mir die alte romantische Idee des Fragments am Ende wieder überraschend zeitgemäß. Eine angemessene Medientheorie wird kein abgeschlossenes System mehr sein können. Ihr Gegenstand ist zu beweglich, seine Grenzen sind zu porös, seine technischen Voraussetzungen ändern sich zu schnell. Theorie muss anschlussfähig bleiben. Sie muss ihre eigenen Begriffe korrigieren können, wenn der Gegenstand sie überholt.

Medientheorie wird deshalb vermutlich niemals abgeschlossen sein. Das ist kein Mangel. Eine Theorie, deren Gegenstand sich permanent verändert, muss selbst beweglich bleiben. Sie sollte weniger darauf hoffen, die Medien endgültig zu erklären, als darauf, im richtigen Augenblick die richtigen Fragen zu stellen: Welche Formen der Wahrnehmung entstehen, welche verschwinden? Was wird sichtbar und was bleibt unsichtbar? Wer entscheidet darüber? Wer speichert, wer sortiert, wer löscht? Wer erzeugt? Wer spricht? Und wem schreiben wir das Gesprochene zu?

Vor allem aber stellt sich eine Frage, die Kant so noch nicht stellen konnte und die doch aus seiner Frage nach den Bedingungen möglicher Erfahrung hervorgeht: Was geschieht, wenn die Systeme, durch die wir Wirklichkeit erfahren, nicht mehr nur vermitteln, sondern selbst auswählen, prognostizieren und produzieren?

Vielleicht beginnt Medientheorie heute genau dort.