Texte

Alain

Literarische Texte, Essays und Lektüren.

Die Lehre des Alain, in der Pflicht, glücklich zu sein, ist ganz einfach: Vertraue nicht schlechter Physiologie, hänge keinen Gedanken des Leibes nach, sondern erkenne, wie klein dein Unglück ist. Selbst wenn es das nicht ist, hat es keinen Sinn, seiner Einbildungskraft auf ihren Nachtwegen zu folgen. Alain hat hier einen wichtigen Aspekt der mentalen Diätetik entdeckt: Dann soll man Probleme wälzen, wenn die Stimmung positiv getönt ist, wenn der Körper in einem vitalen Zustand ist, am besten in der Morgenröte... Von hier aus leitet sich eine Lebenskunstphilosophie ab, die zahllosen Regungen des stimmungsvollen Selbstbetrugs nachspürt.

Die Gedanken des Leibes sind besonders überzeugend, weil sie sich selten als solche vorstellen. Die Müdigkeit sagt nicht: Ich bin müde. Sie sagt: Das wird nichts mehr. Der gereizte Körper legt keine Beschwerde über seine Verfassung vor, sondern ein Gutachten über die Unerträglichkeit der anderen. Und die Einbildungskraft arbeitet bereitwillig die Fußnoten dazu aus. Aus einem ausgebliebenen Gruß wird eine Feindschaft, aus einer mühsamen Stunde ein Urteil über das ganze Leben. Mentale Diätetik beginnt für mich mit dem Misstrauen gegen diese ungeheure Beförderung eines Zustands zur Weltanschauung. Man muss dem Gedanken nicht deshalb glauben, weil er sich im Augenblick vollständig anfühlt.

Alain setzt in „Bucéphale“, dem ersten Stück der Propos sur le bonheur, genau bei einer solchen Verwechslung an. Ein schreiendes Kind veranlasst die Pflegerin zu immer einfallsreicheren Charakterdeutungen, bis sich eine stechende Nadel als Ursache findet. Beim Pferd des jungen Alexander liegt die Nadel gewissermaßen im Blick: Bukephalos erschrickt vor dem eigenen Schatten und wird durch seine Bewegung immer neu erschreckt. Alexander wendet es der Sonne zu. Alain lässt die große Erklärung an einer kleinen Veränderung der Lage scheitern. Sein „Cherchez l’épingle“ ist ein hübsch respektloser Auftrag an die Psychologie: Ehe der ganze Mensch erklärt wird, wäre nachzusehen, was ihn gerade sticht.

Der Einwand gegen den eigenen Gedanken muss deshalb nicht aus einem noch gewaltigeren Gegengedanken bestehen. Wer eine Nacht lang die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens bewiesen hat, braucht womöglich zunächst eine Unterbrechung dieser Beweisführung. Am Morgen liegt dasselbe Vorhaben wieder da, aber es hat die Allmacht verloren, mit der es in der Nacht den ganzen Horizont besetzte. Die Morgenröte bezeichnet hier auch einen Wechsel der Verfügung: Man kann die Schwierigkeit wieder bearbeiten, anstatt von ihr bearbeitet zu werden. Dass ein Problem unter besseren Bedingungen betrachtet wird, macht es nicht kleiner, als es ist. Es nimmt ihm die Vergrößerung, die unser Zustand unbemerkt beigesteuert hat. Darin liegt der Sinn, seine Grübeleien nicht zu jeder beliebigen Stunde als Sitzung des höchsten Gerichts anzuerkennen.

Alain unterscheidet selbst, worauf seine Kunst zielt. In „L’art d’être heureux“ spricht er zunächst von einigermaßen erträglichen Umständen und den kleinen Beschwerden, die ihnen den ganzen Geschmack verderben können. Sein Regenbeispiel ist entsprechend genau: Das Wetter lässt sich beklagen, während es bereits Geräusche, gewaschene Luft und einen Anblick hervorbringt. Die Klage beseitigt keinen Tropfen und kann doch verhindern, dass noch etwas anderes wahrgenommen wird. Hier wird nicht das Unglück abgeschafft. Hier wird einer Aufmerksamkeit widersprochen, die ihre eigene Verengung für Sachlichkeit hält. Alain interessiert, was man unter den gegebenen Umständen noch mit seiner Wahrnehmung anfangen kann.

Die Spannung bleibt schärfer, sobald das Unglück wirklich groß ist. Ein Verlust verschwindet nicht, weil man ausgeschlafen hat, und eine Demütigung wird durch den besseren Appetit ihres Empfängers nicht ungeschehen. Aber auch ein begründeter Schmerz kann von der Einbildungskraft in alle künftigen Tage verlängert werden, als seien diese bereits eingetreten. Zwischen dem Ereignis und seiner endlosen Vorausberechnung liegt ein Unterschied, an dem sich die mentale Diätetik festhalten lässt. Dem Schmerz seinen Grund zugestehen und seiner Prophezeiung widersprechen sind zwei verschiedene Handlungen. Man kann am ersten festhalten, ohne der zweiten Glauben schenken zu müssen. Schwieriger als der billige Optimismus ist gerade diese Arbeit an einem Unglück, das weder weggeredet noch zum einzigen noch zulässigen Inhalt des Lebens erhoben werden soll.

In „Devoir d’être heureux“ erkennt Alain ausdrücklich an, dass es unüberwindliche Ereignisse und ein Unglück geben kann, das stärker ist als der angehende Stoiker. Zugleich beharrt er auf der Tätigkeit: Das Glück soll nicht wie eine bestellte Unterhaltung geliefert werden. Die Pflicht reicht bei ihm zu den anderen, die in der Atmosphäre unserer Stimmungen mitleben. Das macht die Forderung anspruchsvoll und unbequem. Der eigene schlechte Zustand besitzt keine automatische Vollmacht, allen Anwesenden den Tag zu regieren. Eine Pflicht zur Heiterkeit als bloße Miene wäre dagegen schnell selbst eine Zumutung. Mich interessiert an Alain die vorausgehende Frage: Was vermag ich an meiner Haltung zu tun, ehe ich ihre Folgen zur unveränderlichen Natur meiner Person erkläre?

Das Kinderbild gehört für mich mitten in diese Überlegung. Eine Buchhandlung ist für den Erwachsenen ein Versprechen geistiger Tätigkeit. Für den mitgebrachten Körper kann dieselbe Veranstaltung ganz andere Anforderungen besitzen. Schon diese Verschiedenheit genügt, um die erhabenen Deutungen etwas zurückzunehmen. Der Nachwuchsintellektuelle muss seine Verfassung noch nicht in ein Urteil über die Kultur übersetzen. Er nimmt unter dem Tisch Platz.

Ausgang des Menschen aus seiner unverschuldeten Unmündigkeit
Dieser Nachwuchsintellektuelle verbringt Besuche in einer  Buch- und Medienhandlung (Köln Zweitausendeins) regelmäßig unter dem Tisch.   

Man könnte aus dieser Lage sogleich die bekannte Geschichte von Bildungsferne oder Bildungsüberdruss gewinnen. Das wäre nur eine besonders frühe Berufung in den Interpretationsbetrieb. Das Bild zeigt erst einmal einen Menschen, der mit einer räumlichen Möglichkeit etwas anfängt. Ob ihm langweilig ist, ob er spielt oder ob ihm dieser Platz einfach besser gefällt, entscheidet die philosophische Bildunterschrift nicht. Die Pointe des „Ausgangs“ liegt gerade darin, dass die geistige Veranstaltung oben stattfindet und der kleine Mensch seine eigene Lage darunter einrichtet. Er hat keinen Traktat über Selbstbestimmung verfasst. Er hat den Ort gewechselt.

Vielleicht besteht ein Stück Lebenskunst darin, diese Möglichkeit nicht vollständig zu verlernen. Nicht jeder Gedanke muss ausdiskutiert werden, solange die Verfassung, die ihn produziert, unverändert auf ihrem Platz sitzt. Das ist keine Abdankung des Denkens. Es ist eine Bedingung dafür, dass Denken wieder mehr leisten kann als die Rechtfertigung der gegenwärtigen Stimmung. Alain bleibt interessant, weil er der Einbildungskraft ihre Nachtwege nicht abkauft und dennoch Arbeit verlangt: an den Umständen, an der Aufmerksamkeit, an den Folgen für andere. Mitunter fängt diese Arbeit sehr klein an. Man sucht die Nadel, öffnet ein Fenster oder entdeckt, dass auch unter einem Tisch noch Platz für einen Menschen ist.