Die Frage des Textbildes ist absichtlich unbequem: Welche Verantwortung würden Sie wählen? Schon die Formulierung widerspricht der Hoffnung, Aufklärung könne einem die Last des Urteilens abnehmen. Sie verspricht keine sichere Position, sondern verlangt, die eigene einzunehmen – und für sie einzustehen.
Kants berühmte Bestimmung der Aufklärung richtet sich gegen die selbstverschuldete Unmündigkeit. Selbstverschuldet ist sie nicht deshalb, weil jeder Irrtum vermeidbar wäre. Sie entsteht dort, wo Bequemlichkeit zum Prinzip wird: wenn andere für uns lesen, auswählen, bewerten und schließlich entscheiden sollen. Die Versuchung besteht darin, das Urteil an Autoritäten, Mehrheiten oder Verfahren zu delegieren und die Verantwortung dennoch für sich zu reklamieren.
Informationsüberfülle hat diese Zumutung nicht beseitigt. Sie hat nur die Ausreden vermehrt. Wo alles jederzeit verfügbar scheint, wird Auswahl selbst zur geistigen Arbeit. Man kann sich durch unzählige Mitteilungen bewegen und doch unmündig bleiben, wenn man nur übernimmt, was bereits vorsortiert, bestätigt oder empörungsfähig gemacht wurde.
Aufklärung ist daher kein Besitzstand und keine historische Epoche, auf die man sich berufen könnte. Sie ist eine Praxis des Misstrauens – auch gegen die eigene Bequemlichkeit. Das Textbild stellt keine Wissensfrage. Es stellt eine Charakterfrage: Bin ich bereit, die Unsicherheit des eigenen Denkens auszuhalten, statt mich hinter dem Urteil anderer zu verbergen?