Und jetzt mal ehrlich: Kein Bonner sieht dieses angenehm konturlose Nachkriegsobjekt mit seiner sanften Sahnekloß-Ästhetik noch als emphatische Bereicherung des Rheinpanoramas. Ist das dem schnöden Alltags-Blick geschuldet? „Die Beethovenhalle prägt die Rheinsilhouette der Stadt und fügt sich zugleich in sie ein. Die sanft schwingende Kuppel ist markant, ohne aufdringlich zu sein. Weit öffnen sich die rheinseits gelegenen Räume zum Fluss. Ihre wasserblaue Kachelung ist ein munterer Gruß an den Strom.“ (Gassmann) Der Strom freilich, der schnöde, grüßt eher nicht zurück, weil er sich nicht für Farbigkeit, sondern dumpfes Grau entschieden hat. Gassmann schöpft hier wenigstens im Text die Architektur nach, das klingt poetisch und man reibt sich die Augen. So - wenigstens semantisch - schön ist also die Bonner Ansicht, alle Witze über unbewegliche Bahnschranken, rheinische Dösigkeit und schlechtes Wetter Kolportage und wir, wir Ignoranten, haben es nicht gesehen. Markant sind diese Formen nicht. Die Halle zeichnet sich durch eine Unbestimmtheit aus, der zugute zu halten sein mag, dass diese Formenwelt fernab von Herrschaftsarchitektur steht. Doch reicht das aus? Das assoziative Namedropping "Scharoun" zum Beleg der architektonischen Organizität der Halle rettet es nicht, vor allem deshalb nicht, weil dessen Bauten sehr viel dynamischer und mutiger sind als die Beethovenhalle.
Es gibt Eisdielen aus diesen Tagen, die ästhetisch keinen anderen
Regeln folgen als Wolskes Architektur. Auch die waren in irgendeinem
Sinne schön, ohne dass
wir sie dauerhaft hätten konservieren wollen. Das Eis schmeckte gut,
aber das gibt noch keinen fetten Grund, hier dauerhaft zu verweilen.
Diese und andere Nachkriegsarchitektur löste sich von ihren grausigen
Vorgängern pathetischer Aufdringlichkeit, ohne ihre relative Formarmut
je völlig verhehlen zu können. Dieser Formenschatz wandert in die
Museen und Kataloge und das ist gut so. Für Gassmann wäre es indes ein
barbarischer Akt, die Beethovenhalle dem Festspielhaus Beethoven zu
opfern. In jeder Kultur steckt Barbarei. Anders kann sie sich nicht
konstituieren. Diese älteste Dialektik des Denkmalschutzes, dieser
Kampf zwischen Erhaltenswürdigem und der „Demolition“ ist nicht
dadurch auflösbar, dass der Kritiker großzügig das Label
„Barbarei“ verhängt. Denn diese Markierung ist nicht nur im
vorbezeichneten Sinne kategorisch schwach, sondern könnte, man erinnere
sich für eine aufklärerische Sekunde an Adornos Wortgebrauch, für
wirklich schändliche Taten reserviert werden. Wenn unsere, damaligen Maßstäben
folgend, gelungene „Eisdiele“ verschwindet, ist das kein Freudenakt,
aber wir werden es verschmerzen. Das Lebensgefühl dieser Tage, das
Siegfried Wolske Architektur werden ließ, ist nicht so unvergänglich,
dass wir nun weinen müssten. Das alte Paris bot bestimmt größere Schätze.
Ist es nicht von eigener ästhetischer Erhabenheit, gerade in Zeiten des
Speicherwahns, Dinge vergehen zu sehen und nur noch ihre Spuren zu
konservieren? Erinnerungen, die aus solchen Relikten entstehen, sind die
besten. Erst jetzt, im Moment des Falls, glaubt man eine Schönheit
beschwören zu müssen, die längst dahin ist, wenn sie denn je
existiert haben sollte. Farewell. Oder sind die Entscheidungen von
Denkmalschützern selbst denkmalgeschützt?
Goedart Palm

P.S.: Denkmalschutz sollte in Zeiten der virtuellen Wirklichkeitsvor- wie -nachbereitung die absolute Ausnahme sein. Das haben sich unsere Kinder verdient. Generationengerechtigkeit heißt auch das zu entrümpeln, wo unser Herzblut betroffen ist. Eure Kinder werden es euch danken.

Verweise und Varianten (8)
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Verweise und Varianten (7)
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