Texte

Cervantes

Literarische Texte, Essays und Lektüren.

Cervantes Don Quichotte
© Goedart Palm

Cervantes war ein Konstruktivist ante litteram. Das lässt sich an einer sehr handfesten Tätigkeit erkennen: Ein Mann liest sich eine andere Existenz zusammen und beginnt, nach ihren Bedingungen zu handeln. Der Landjunker gibt sich einen Ritternamen, seinem Pferd einen Namen, einer Frau den Rang der angebeteten Dame. Damit werden keine beliebigen Verzierungen an ein unverändertes Leben gehängt. Wer Don Quichotte ist, kann nicht länger das tun, was Alonso Quijano gestern tat. Ein Weg wird zur Ausfahrt, eine Begegnung zur Bewährungsprobe, ein Unrecht zum persönlichen Auftrag. Die Bücher liefern ihm keine zusätzliche Information über seine Umgebung, sondern eine Form, in der diese Umgebung überhaupt erst als seine Welt auftritt. Seine Lektüre hat Folgen bis in die Beine des Pferdes hinein. Das unterscheidet diesen Leser von jenen, die ihre Lieblingshelden abends ordentlich zuklappen.

Don Quichotte ist bei seiner Art der Wirklichkeitsverfehlung erfolgreich. Insofern widmet er die Wirklichkeit zu einer neuen Wirklichkeit um. Letztlich tut er das, was jede Wirklichkeitskonstruktion leistet. Er schafft eine Welt, die selbst wenn er gegen Windmühlen reitet, wenigstens vorübergehend Bestand hat. An den Windmühlen im achten Kapitel des ersten Teils lässt sich diese Beständigkeit unter widrigen Bedingungen studieren. Sancho sieht Mühlen und sagt es; Don Quichotte sieht Riesen und greift an. Der Wind interessiert sich für keine der beiden Beschreibungen und treibt die Flügel weiter. Nach dem Sturz ist der Widerstand körperlich unübersehbar, aber der Ritter verfügt über eine Erklärung, die den Zusammenstoß in seine Welt zurückholt: Ein feindlicher Zauberer hat die Riesen in Mühlen verwandelt. Die Niederlage widerlegt dann nicht die Ritterwelt, sondern bestätigt die Tücke ihrer Gegner. So arbeitet Selbsttäuschung, wenn sie sich gegen Erfahrung abdichtet. Die Erklärung wird umso beweglicher, je härter der Körper aufschlägt. Ein System, das jede Widerlegung in einen weiteren Beweis verwandelt, ist schwer zu besiegen; sein Benutzer erheblich leichter.

Die produktive Einbildung beginnt indessen früher als diese Abdichtung. Sie gibt einem Leben Richtung, macht aus einem herumliegenden Gegenstand eine Möglichkeit und aus einem unscheinbaren Mann einen, der sich zuständig fühlt. Ohne sie gäbe es die Ausfahrt nicht, aber auch nicht die Bereitschaft, für jemanden einzutreten, den alle anderen seinem Schicksal überlassen. Selbsttäuschung entsteht dort, wo diese eröffnende Kraft nicht mehr hören will, was ihr widerspricht. Don Quichottes Problem ist nicht, dass er überhaupt eine Welt entwirft. Er verlangt von den anderen, in ihr die vorgesehenen Stellen einzunehmen. Der Bauer soll ein ehrbarer Vertragspartner werden, die Wirtin eine Burgherrin, Sancho der Knappe, der die Unterschiede gefälligst nicht dauernd bemerkt. Die Weltkonstruktion braucht Personal, und dieses Personal hat eigene Geschäfte.

Die Fiktion ist kein Modell gegen die Wirklichkeit, sondern ihr Ausdruck. Wie weit dieser Ausdruck reicht, zeigt die Geschichte des geschlagenen Hirtenjungen Andrés im vierten Kapitel des ersten Teils. Don Quichotte unterbricht die Misshandlung, fordert den ausstehenden Lohn und glaubt dem Versprechen des Bauern, alles zu begleichen. Sobald der Ritter fort ist, wird Andrés erneut und umso heftiger geschlagen. Hier ist das Unrecht keine eingebildete Windmühle. Der Ritter erkennt etwas Wirkliches und handelt aus einem Anspruch, den man nicht schon deshalb verwerfen kann, weil seine Rüstung lächerlich ist. Aber er verwechselt die erzwungene Zusage mit einer veränderten sozialen Beziehung. Seine Lanze verschafft ihm für einen Augenblick Gehör; nach seinem Abritt gehört der Junge wieder dem Machtbereich des Bauern. Im einunddreißigsten Kapitel begegnet Andrés seinem Retter wieder und bittet, bei künftiger Not auf solche Hilfe zu verzichten. Eine bessere Welt darf nicht nur im Selbstgefühl ihres Erfinders erfolgreich sein.

Die soziale Wirklichkeit besteht dabei nicht einfach aus einer nüchternen Wahrheit, die der Ritter falsch liest. Sie wird auch von den Menschen hergestellt, die seine Lektüre ausnutzen. In der Herberge spielt der Wirt bei der Ritterweihe mit; beim Herzogspaar im zweiten Teil wächst das Mitspielen zum aufwendigen Vergnügungsbetrieb. Dort verfügen die vermeintlich Vernünftigen über genügend Geld, Diener und Zeit, um die Vorstellungen ihrer Gäste in Szenen zu verwandeln. Don Quichotte findet Bestätigungen vor, weil andere sie arrangiert haben. Seine Täuschung erhält Bühnenarbeiter. Das ist die boshaftere Versuchsanordnung des Romans: Die einen glauben an die Ritterwelt, die anderen organisieren sie zu ihrem Spaß, und aus beiden Tätigkeiten entsteht eine Welt, in der Menschen tatsächlich gedemütigt werden. Dass jemand eine Inszenierung durchschaut, macht ihn noch nicht zum besseren Menschen.

Sancho Panza ist deshalb viel mehr als die bäuerliche Vernunft, die einem adeligen Spinner hinterherläuft. Er weiß, dass eine Mühle eine Mühle ist, aber er lässt sich die Aussicht auf eine Statthalterschaft gefallen. Sein Körper meldet Hunger, Müdigkeit und Prügel zuverlässiger als die Heldenbücher seines Herrn; seine Wünsche sind für Fiktionen keineswegs unempfänglich. Er hat Gründe, zu widersprechen, und Gründe, weiterzureiten. Gerade darin wird er zum Mitspieler, ohne vollständig zum Gläubigen zu werden. Dass zwei Menschen dieselbe Reise unternehmen, bedeutet nicht, dass sie in derselben Welt unterwegs sind. Sie brauchen jedoch genügend gemeinsame Erwartungen, um am nächsten Morgen wieder aufzubrechen. Zwischen dem Ritter und seinem Knappen liegt keine saubere Grenze von Wahn und Wahrheit, sondern eine unablässige Verhandlung darüber, was gelten soll und was sich mitmachen lässt.

Im zehnten Kapitel des zweiten Teils kehrt Sancho die Blickordnung sogar um. Er präsentiert drei Bäuerinnen als Dulcinea und ihre Begleiterinnen; Don Quichotte sieht diesmal tatsächlich Bäuerinnen. Der Knappe liefert das prachtvolle Bild, während der Herr den Mangel an Pracht erklären muss. Wieder hilft die Verzauberung, aber nun hat ein anderer die Abweichung zwischen Anspruch und Augenschein absichtlich erzeugt. Sancho bedient das Deutungssystem seines Herrn, um sich aus einer eigenen Verlegenheit zu ziehen. Die Frauen ihrerseits wollen passieren und keineswegs als Hofstaat in dieser Veranstaltung festgehalten werden. Hier begegnen sich Einbildung, Täuschungsabsicht und fremder Wille auf demselben Weg. Die erdachte Dame lässt sich vielleicht zur Bäuerin verzaubern; die wirkliche Bäuerin lässt sich deshalb noch lange nicht zur Dame verpflichten.

Wer D.Q. nur für verblendet hält, erkennt nicht die existenzielle Konstruktion dieses Helden. Ewig ist dieses Werk nicht als Spott auf die irregeleiteten Romantizismen des Märchenbuchlesers, sondern vielmehr als Beschreibung der "conditio humana", der alle unterliegen. Ändern und verändert werden beschreibt diese Wirklichkeitsdialektik jenseits der Ontologisierung des Wirklichen, so wie es ein naiver Realismus will.

Das „Ändern und verändert werden“ lässt sich an Sancho besonders gut sehen. Der Mann, der die handfesten Einwände vorbringt, hat am Ende selbst etwas von jener Möglichkeit des anderen Lebens übernommen, die er unterwegs so oft verfluchte. Als Don Quichotte im letzten Kapitel des zweiten Teils seine Ritterexistenz verwirft und sich als Alonso Quijano zum Sterben legt, will Sancho ihn noch einmal zum Aufbruch bewegen, nun zu einem Leben als Hirten. Der Knappe bietet eine neue Fiktion an, um den Freund nicht zu verlieren. Die Einbildung ist hier keine Maschine zur Abwehr von Beweisen; sie wird zum Versuch, gemeinsame Zukunft hervorzubringen. Man muss nicht glauben, dass das Sterben allein aus der verlorenen Ritterrolle folgt, um die Härte dieser Nachbarschaft zu erkennen: Die Wiederkehr der Vernunft und das Ende des Lebens fallen im Roman bedrohlich nahe zusammen. Der gute Alonso Quijano gewinnt seinen bürgerlichen Namen zurück. Den Gefährten, mit dem Sancho unterwegs war, gibt ihm dieser Name nicht wieder.

Don Quichotte gewinnt durch seine erfundene Welt eine Aufgabe, einen Zusammenhang und eine Freundschaft, die sein vorheriges Leben in dieser Form nicht besaß. Er verliert dabei nicht nur Kämpfe, sondern immer wieder die Fähigkeit, fremde Ansprüche neben seinem eigenen Entwurf bestehen zu lassen. Daran muss die souveräne Alleinherrschaft seiner Einbildung scheitern: an den Flügeln der Mühle, am Willen des Bauern, an der Ungeduld der Bäuerinnen, schließlich an einem Körper, der nicht beliebig weiterreiten kann. Aber die Erfahrung der gemeinsamen Reise bleibt mehr als eine Sammlung berichtigter Irrtümer. Wer Don Quichotte nur in die Wirklichkeit zurückschicken will, müsste erst sagen, welche Wirklichkeit er ihm dort anzubieten hat. Die Ritterbücher haben ihn verführt; die unangefochten Vernünftigen führen auch kein durchweg vorbildliches Leben. Cervantes lässt uns an dieser Zumutung teilnehmen. Wir wissen besser, was auf dem Weg steht, und müssen dennoch fragen, wozu wir selbst aufbrechen würden.

Romanszenen: Miguel de Cervantes, Don Quijote de la Mancha, Teil I, Kapitel 1–4, 8 und 31; Teil II, Kapitel 10, die Episoden beim Herzogspaar ab Kapitel 30 sowie Kapitel 74. Zum Nachlesen: vollständiger Roman in der englischen Übersetzung von John Ormsby.