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Essay / GP Redaktion

Die dunkle Materie der Kunstgeschichte

Kunst im Zeitalter ihrer unbegrenzten Erzeugbarkeit

Ein großes farbiges Bild über einem Seerosenbecken; Besucher stehen an dessen Rand im Museumssaal.
01 Ein mögliches Museum. Imaginierte Museumssituation mit Wasserbecken; das Werk an der Wand stammt von Goedart Palm. KI-Bild.

In einem Museum begegnen wir nicht einfach der Vergangenheit. Wir begegnen dem, was von ihr sichtbar geblieben ist. Zwischen der Gesamtheit menschlicher Hervorbringungen und den Werken an den Wänden liegen Entscheidungen, Zufälle, Zerstörungen und Ausschlüsse. Jemand musste die Möglichkeit erhalten, ein Bild zu malen. Jemand musste es bewahren, erwerben, einem Künstler zuschreiben und schließlich für bedeutend erklären. Die Kunstgeschichte beschäftigt sich mit diesen Filtern; dennoch lässt ihre Darstellung leicht den Eindruck entstehen, das Überlieferte bilde einen zusammenhängenden Gang künstlerischer Entwicklung. Was tatsächlich geschah, erscheint rückblickend als das, was sich entwickeln musste.

Dabei sind zwei Arten der Abwesenheit auseinanderzuhalten. Das verbrannte Gemälde, die eingeschmolzene Bronze, das zerstörte Fresko haben existiert. Ihre Abwesenheit ist eine Folge der Geschichte. Das niemals gemalte Bild dagegen fehlt nicht wie ein verlorener Gegenstand. Es hat keinen früheren Zustand, zu dem man zurückkehren könnte. Zwischen einem vernichteten Werk und einer unverwirklichten Möglichkeit liegt der Unterschied zwischen Verlust und Nichtentstehung. Dieser Unterschied wird verwischt, sobald technische Bildproduktion verspricht, die Lücken der Kunstgeschichte zu schließen. Eine überzeugende Darstellung dessen, was fehlen könnte, ist noch keine Wiedergewinnung dessen, was einmal da war.

Die philosophisch schwierigere Abwesenheit betrifft die niemals geschaffene Kunst. Gemeint sind nicht nur unvollendete Entwürfe oder nachweisbar aufgegebene Projekte. Gemeint sind auch Bildlösungen, an die niemand dachte; Beziehungen zwischen Formen, die niemand erprobte; künstlerische Lebenswege, die soziale Verhältnisse verhinderten, bevor überhaupt ein Werk entstehen konnte. Neben der Geschichte der verwirklichten Formen öffnet sich ein ungeheurer Horizont des Nichtverwirklichten: die dunkle Materie der Kunstgeschichte. Von hier aus betrachtet, verliert der überlieferte Bestand seine scheinbare Selbstverständlichkeit. Er zeigt, was zustande kam. Was hätte zustande kommen können, lässt sich an ihm nicht ablesen.

Dieser Möglichkeitsraum ist nicht einheitlich. Ein Bild kann mit den Mitteln einer Epoche ausführbar gewesen sein, ohne unter ihren sozialen Bedingungen wahrscheinlich zu werden. Eine andere Form hätte Materialien vorausgesetzt, die erst Jahrhunderte später verfügbar wurden. Wieder eine andere lässt sich erst aus dem Rückblick vorstellen, weil sie Erfahrungen verbindet, die historisch nicht zusammentreffen konnten. Eine Kreuzung von Renaissanceperspektive und surrealistischer Raumlogik ist als heutiger Entwurf möglich. Als angeblich versäumte Renaissancekunst wäre sie irreführend. Das historisch Mögliche, das technisch Herstellbare und das gegenwärtig Vorstellbare sind verschiedene Bereiche. Ihre Grenzen lassen sich verschieben, aber nicht folgenlos beseitigen.

Generative KI verändert unser Verhältnis zu diesen Bereichen, weil sie Vorstellungen mit vergleichsweise geringem Aufwand in sichtbare Varianten überführen kann. Man kann eine Reihe von Bildern erzeugen, in denen vertraute Formen Beziehungen eingehen, für die es kein historisches Vorbild gibt. Man kann Übergänge erkunden, die der überlieferte Bestand nicht enthält, und dabei auf Lösungen stoßen, die sich sprachlich kaum hätten vorwegnehmen lassen. Aus einer Vermutung wird etwas, das man ansehen kann. Die nicht verwirklichte Möglichkeit gewinnt eine Anschaulichkeit, die ihr zuvor nur mit erheblichem Aufwand zu geben war.

Es wäre zu wenig, darin bloß eine raffinierte Unterhaltung mit bekannten Stilen zu sehen. Die Anschauung verändert die Frage. Solange eine alternative Bildwelt nur beschrieben wird, bleibt sie von der Vorstellungskraft des Lesers abhängig. Sobald sie sichtbar vorliegt, lässt sie sich vergleichen, verwerfen, weiterentwickeln. Ihre Eigenheiten können den ursprünglichen Gedanken korrigieren. Die technische Erzeugung dient dann nicht allein der Ausführung einer fertigen Idee. Sie wird zum Bestandteil der Ideenbildung. Zwischen Eingabe, Ergebnis und erneuter Entscheidung entsteht ein Verfahren, in dem Menschen entdecken, was sie überhaupt suchen. Dafür muss man dem System weder Absichten noch eine Künstlerpersönlichkeit zuschreiben.

Die bisherige Kunstgeschichte war eine Geschichte des Wirklichen. Generative KI eröffnet den Raum einer Kunstgeschichte des Möglichen. Die Formel bezeichnet eine Verschiebung des Blicks: Das Überlieferte steht nicht mehr nur neben anderem Überlieferten, sondern neben einer wachsenden Zahl sichtbarer Alternativen. Seine Formen verlieren den Anschein, die einzig denkbaren Lösungen gewesen zu sein. Auch das tatsächlich Geschaffene lässt sich dadurch anders betrachten. Es wird deutlicher als Entscheidung erkennbar, als ein bestimmter Weg durch Möglichkeiten, von denen viele unbetreten blieben.

Wörtlich genommen geht die Formel allerdings zu weit. Kunstgeschichte hat sich längst mit Entwürfen, verworfenen Projekten und dem Spielraum historischer Entscheidungen beschäftigt. Und eine Menge erzeugter Bilder bildet noch keine Geschichte. Geschichte verlangt zeitliche Beziehungen, handelnde Menschen, Überlieferung und Folgen. Neben die Erforschung vergangener Wirklichkeit tritt eine technisch organisierte Erkundung ästhetischer Möglichkeiten. Diese Erkundung kann kunsthistorische Fragen anregen. Ihre Ergebnisse dürfen nur nicht als Antworten auftreten, die historische Belege ersetzen.

Denn das erzeugte Bild belegt zunächst lediglich, dass diese Konfiguration jetzt hergestellt werden konnte. Es belegt weder, dass ein bestimmter Maler sie hätte hervorbringen können, noch dass eine Epoche auf sie zugelaufen wäre. Eine generierte Alternative zu Vermeer sagt etwas über unsere gegenwärtige Verfügung über Bildmerkmale aus. Über Vermeers ungelebte Zukunft sagt sie nichts Verlässliches. Auch die dunkle Materie ist kein unsichtbarer Bestand, der nur noch geborgen werden müsste. Anders als in der Physik bezeichnet die Metapher hier etwas, dessen Existenz sich nicht aus messbaren Wirkungen erschließen lässt: die Unangemessenheit jeder Gleichsetzung von Überlieferung und Möglichkeit.

Nachtcafé mit Figuren, die an Van Gogh und Frida Kahlo erinnern, vor einem wirbelnden Sternenhimmel.
02 Nighthawks und Sternennacht. Aus der alternativen Kunstgeschichte. KI-Bild.

Ein erfundenes Frühwerk, Hauptwerk und Spätwerk veranschaulicht den Unterschied. Man kann einer imaginären Malerin eine zunehmende Auflösung der Kontur, eine Phase strenger Geometrie und eine späte Rückkehr zur Figur zuschreiben. Das lässt sich formal überzeugend gestalten. Aber die stilistische Folge erklärt noch nichts. Es gab keine Begegnung, keine Krise, keinen Auftrag, keinen Streit, durch den sich diese Malerei tatsächlich veränderte. Die Erzählung liefert nachträglich einen Zusammenhang für hergestellte Unterschiede. Sie ist eine ästhetische Fiktion von Entwicklung. Sie wird nicht dadurch zur Vergangenheit, dass sie deren Erscheinungsformen überzeugend beherrscht.

Hinzu kommt eine Grenze der Technik selbst. Generative KI erschließt kein zeitloses Archiv aller denkbaren Kunstwerke. Verfahren wie die latente Diffusion lernen aus vorhandenen Daten und erzeugen auf dieser Grundlage neue Bildkonfigurationen, unter anderem gesteuert durch Sprache. Ihr Möglichkeitsraum ist durch Training, Architektur und Eingaben geprägt. Er ist weder mit menschlicher Vorstellungskraft noch mit der Gesamtheit ästhetischer Möglichkeiten identisch. Die grundlegende Forschung zur latenten Diffusion beschreibt eine Methode der Bildsynthese, keine Maschine zur historischen Erkenntnis.

Ein Modell, das sich auf digital verfügbare Bilder stützt, trägt die Auswahlgeschichte dieses Materials weiter. Gut dokumentierte Bildtraditionen lassen sich leichter aufrufen als solche, die nie gesammelt oder systematisch reproduziert wurden. Das technisch Neue kann gerade dadurch alte Sichtbarkeitsverhältnisse befestigen. Ein erzeugtes Bild unbekannter Künstlerinnen ersetzt keine Forschung über verhinderte Ausbildung, verweigerte Aufträge oder verlorene Überlieferung. Die leicht verfügbare Alternative droht sonst die Arbeit an den wirklichen Ausschlüssen zu verdrängen. Eine simulierte Erweiterung des Kanons ist noch keine historische Gerechtigkeit.

Der Einschnitt liegt anderswo: Wir erhalten nicht nur weiteren Zugang zu Bildern, sondern Zugang zur fortgesetzten Herstellung anderer Bilder. Walter Benjamin untersuchte, wie technische Reproduktion die Bindung eines Kunstwerks an sein einmaliges Dasein verändert und wie sich damit Wahrnehmung, Überlieferung und gesellschaftliche Funktion verschieben. Seine Überlegungen reichen über das Vervielfältigen einzelner Originale hinaus; insbesondere der Film ist bei ihm bereits technisch organisierte Produktion. Man sollte Benjamin deshalb nicht nachträglich auf die Kopie reduzieren. Gleichwohl lässt sich die heutige Frage nicht vollständig in seinem Begriff der Reproduzierbarkeit unterbringen. Sie betrifft die technische Herstellung jeweils neuer visueller Konfigurationen, deren Wert nicht davon abhängt, ein bestimmtes Original wiederzugeben.

Die Reproduktion fragt nach der Verfügbarkeit eines vorhandenen Werkes. Generative Produktion fragt nach der Verfügbarkeit weiterer Werke oder zumindest weiterer Kandidaten für diesen Status. Das ist keine Schöpfung aus dem Nichts. Es ist die technische Produzierbarkeit des Nichtvorhandenen aus Voraussetzungen, die sehr wohl vorhanden sind. Der Unterschied zeigt sich in der Aufforderung, noch ein anderes Bild zu liefern. Nicht dieselbe Darstellung soll an einem weiteren Ort erscheinen; eine neue Darstellung soll entstehen. Die Serie besitzt keinen notwendigen Endpunkt. Was sich vervielfacht, ist nicht nur der Zugang zum Bild, sondern die Möglichkeit, das Bild selbst zu ersetzen.

Hier beginnt das eigentliche Paradox. Die Erschließung ästhetischer Möglichkeiten vermehrt zunächst den Reichtum. Aber sie verändert zugleich die Bedingungen, unter denen ein einzelnes Ergebnis als Ereignis zählt. Eine überraschende Bildlösung beeindruckt auch deshalb, weil sie nicht beliebig zu erwarten war. Wer jedoch nach jedem bemerkenswerten Ergebnis eine große Zahl weiterer Varianten anfordern kann, erlebt dieses Ergebnis zunehmend als vorläufige Auswahl. Es steht unter dem Vorbehalt des nächsten Versuchs. In der fortwährenden Suche wird es schwieriger, sich von etwas Bestimmtem beanspruchen zu lassen. Das Bild muss dafür nicht schlechter werden. Es genügt, dass ein anderes ebenso leicht zu haben ist.

Wenn interessante Bilder auf Abruf verfügbar werden, ist ein interessantes Bild allein noch kein Ereignis.

Die Knappheit, die hier schwindet, betrifft weniger die Zahl vorhandener Bilder als den Zugang zur Herstellung eines Bildes, das einen bestimmten ästhetischen Wunsch erfüllt. Bilder gab es lange vor generativer KI in gewaltigen Mengen. Druckgrafik, Fotografie und digitale Medien haben ihre Verfügbarkeit bereits mehrfach verändert. Neu ist die Aussicht, eine jeweils gewünschte, hinreichend überzeugende Bildlösung auf Abruf zu erhalten. Nicht erst ihr Vorhandensein, schon ihre Herstellbarkeit wird zu einer gewöhnlichen Voraussetzung des Betrachtens.

Das heißt nicht, dass Seltenheit den ästhetischen Wert erzeugt. Ein seltenes Bild kann belanglos sein, ein weithin verbreitetes außerordentlich. Das Ende der knappen Bilder bezeichnet auch kein Ende aller Knappheit, sondern eine Entknappung bestimmter Leistungen der Formfindung und Darstellung. Rechenleistung, Energie und technische Infrastruktur bleiben begrenzt. Entscheidend ist das Verhältnis zwischen Produktionsaufwand und menschlicher Aufnahmefähigkeit. Schon ein endliches Angebot kann für einen Betrachter praktisch unerschöpflich sein. Selbst wenn nur ein kleiner Teil der Ergebnisse interessant wäre, genügte dieser Teil, um die verfügbare Betrachtungszeit weit zu übersteigen. Die These benötigt keine Maschine, die ausschließlich Meisterwerke liefert. Sie benötigt eine Produktion, deren brauchbare Ergebnisse schneller anwachsen als unsere Möglichkeit, ihnen Bedeutung zu geben.

Bei Malerei und Skulptur muss diese Überlegung anhalten, bevor sie das Medium überspringt. Ein digitales Bild einer Bronze ist keine Bronze. Es hat kein Gewicht, keine Rückseite, keine Temperatur und keinen Standort, den ein Körper mit ihm teilen muss. Selbst ein räumliches Modell ist noch kein ausgeführtes Werk. Statik, Oberfläche, Maßstab und Materialverhalten lassen sich durch eine überzeugende Ansicht nicht ersetzen. Entsprechend ist die Simulation einer gemalten Oberfläche noch kein Gemälde. Sie kann die Erscheinung von Farbauftrag zeigen, ohne dessen materielle Bedingungen zu besitzen. Die Erzeugbarkeit von Ansichten entknappt zunächst Ansichten.

Automatisierte Fertigung kann die Strecke zwischen Entwurf und Gegenstand verkürzen. Sie hebt sie nicht auf. Gerade eine Skulptur stellt Entscheidungen, die in einer Abbildung unsichtbar bleiben: Was trägt was? Wie verändert das Umgehen die Form? Welche Nähe erlaubt das Material? Wo steht das Werk anderen Menschen im Weg? Diese Fragen sind keine nachträglichen Ausführungsdetails. Sie können seine ästhetische Identität bestimmen. Wird die Bildfindung leichter, ohne dass die Ausführung im selben Maß folgt, wächst die Zahl nicht realisierter Entwürfe schneller als die Zahl realer Werke. Die neue dunkle Materie besteht dann aus einem Meer bereits sichtbarer Möglichkeiten, denen niemand einen Platz in der gemeinsamen Welt eingeräumt hat.

Damit gerät die Institution in den Blick, die solchen Platz besonders nachdrücklich vergibt. Das öffentliche Kunstmuseum in seiner modernen Form ist vergleichsweise jung. Es gewinnt wesentlich im 18. und 19. Jahrhundert Gestalt, auf der Grundlage älterer Sammlungen und unterschiedlicher Formen ihrer Zugänglichkeit. Die Eröffnung des Louvre als Museum 1793 und die Gründung des Metropolitan Museum of Art 1870 markieren verschiedene Etappen dieser Entwicklung. Sie zeigen zugleich, dass das Museum sowohl aus revolutionären Neuordnungen von Besitz als auch aus bürgerlichen Bildungsansprüchen hervorgehen konnte.

Das Museum bewahrt Gegenstände, aber es verändert auch, was mit ihnen geschieht. Ein Altarbild, das im Museum hängt, wird anders gesehen als an einem Altar. Eine Herrscherbüste tritt aus dem unmittelbaren Zusammenhang politischer Repräsentation in eine vergleichende Betrachtung von Formen, Epochen und Herrschaftsbildern. Ihre ursprünglichen Bedeutungen verschwinden nicht. Sie werden durch eine neue Ordnung gerahmt. Das Museum macht die Dinge nicht erstmals ausnahmslos zu Kunst; künstlerische Anerkennung gab es auch außerhalb und vor ihm. Es stabilisiert eine besondere Weise, sehr unterschiedliche Gegenstände als Kunst aufeinander zu beziehen.

Diese Weise der Betrachtung enthält eine Zumutung. Das Museum sagt nicht bloß: Hier ist etwas vorhanden. Es sagt: Dieses Vorhandene verdient Zeit. Raum, Beleuchtung, Abstand, Beschriftung und Nachbarschaft unterstützen diesen Anspruch. Wo das gewöhnliche Leben zum nächsten Gegenstand drängt, richtet das Museum Bedingungen des Verweilens ein. Auch dort wird hastig geschaut. Doch die institutionelle Behauptung bleibt: Die längere Betrachtung ist sinnvoll, auch wenn ihr Ertrag nicht sofort feststeht. In einer Kultur beschleunigter Bilderzeugung gewinnt dieses Versprechen gegenüber dem bloßen Vorzeigen von Formen an Gewicht.

Das Museum hätte dann nicht vor allem mehr zu zeigen, sondern seine Auswahl genauer zu verantworten. Es müsste verständlich machen, warum gerade diese Werke zusammengehören und weshalb ihre Betrachtung mehr eröffnet als die nächste individuell optimierte Folge von Bildern. Seine Autorität läge im Anspruch, Aufmerksamkeit begründet zu beanspruchen. Wer darf diesen Anspruch erheben? Besitzverhältnisse, politische Macht und etablierte Werturteile wirken in der musealen Auswahl weiter. Ihre Gründe müssten zugänglich und bestreitbar werden, gerade wenn das Museum aus der Überfülle neue Bedeutung gewinnen will.

Ein Publikum ist ihm damit nicht gesichert. Wer sich zu Hause ästhetische Welten erzeugen lassen kann, benötigt für bestimmte Erfahrungen keine Sammlung mehr. Auch die physische Begegnung mit einem Original muss nicht jedem Menschen wichtiger sein als eine auf seine Interessen abgestimmte digitale Erfahrung. Man kann die Auswahl eines Museums nachvollziehbar finden und dennoch die eigene Bildwelt bevorzugen. Die Knappheit der Aufmerksamkeit schafft einen Bedarf an Orientierung; sie entscheidet nicht darüber, wem diese Orientierung anvertraut wird. Museen konkurrieren dabei mit Plattformen, Gemeinschaften und persönlichen Gewohnheiten.

Ihre Zukunft lässt sich allerdings nicht auf Auswahl verkürzen. Die Bewahrung des historischen Gegenstands bleibt eine eigenständige Aufgabe. Kein generierter Ersatz enthält seine Materialgeschichte, seine Veränderungen und die Spuren seiner Verwendung. Je leichter Erscheinungen herstellbar werden, desto anspruchsvoller wird die Unterscheidung zwischen überlieferter Sache und gegenwärtiger Darstellung. Das Museum hat dann genauer zu erklären, welche Art von Gegenwart ein Objekt besitzt. Es bewahrt nicht nur etwas Sehenswertes, sondern etwas, an dem die Vergangenheit tatsächlich beteiligt war. Ob diese Beteiligung weiterhin ein breites kulturelles Interesse trägt, bleibt offen.

Denn die radikalere Frage lautet nicht, wo wir künftig Kunst betrachten. Sie lautet, warum Kunst unter Bedingungen weitreichender Generierbarkeit überhaupt eine besondere gesellschaftliche Angelegenheit bleiben sollte. Bilder können Fantasie anregen, Wünsche aufnehmen und Erfahrungen verdichten. Sie können die Wahrnehmung irritieren und etwas kenntlich machen, wofür Begriffe fehlen. Keine dieser Wirkungen wird allein durch technische Herstellung ausgeschlossen. Eine generierte Bildwelt kann jemanden berühren, ohne dass hinter ihr ein empfindendes Maschinenwesen angenommen werden müsste. Wirkung und Urheberschaft sind verschiedene Fragen. Wer jede mögliche Wirkung schon aufgrund der Herkunft bestreitet, schützt einen Kunstbegriff vor der Erfahrung.

Gerade deshalb wird die Sonderstellung der Kunst unsicher. Wenn ästhetische Anregung jederzeit zugänglich ist, bedarf es zu ihrer Erklärung keiner gesellschaftlich herausgehobenen Sphäre mehr. Fantasie, Kontemplation und visuelle Überraschung werden in einer solchen Umgebung zu gewöhnlichen technischen Leistungen. Ein Mensch muss nicht malen können, um einer inneren Vorstellung eine sichtbare Gestalt zu geben. Zugleich verliert die Fähigkeit, eindrucksvolle Formen hervorzubringen, einen Teil ihrer Eignung, besondere kulturelle Autorität zu begründen. Eine Wirkung kann häufiger werden, während das Ansehen der bisher für sie zuständigen Tätigkeit sinkt.

Die maschinelle Übersetzung bietet dafür eine brauchbare Analogie. Eine Sprache verschwindet nicht, sobald technische Systeme Texte zwischen ihr und anderen Sprachen vermitteln. Auch wird dadurch die Kenntnis dieser Sprache nicht insgesamt überflüssig. Wohl aber verändert sich der gesellschaftliche Wert der Fähigkeit, einen fremdsprachigen Text zunächst einmal verständlich zu machen. Was früher eine besondere Kompetenz voraussetzte, kann für viele Zwecke als gewöhnliche Dienstleistung verfügbar werden. Die anspruchsvolleren Leistungen des Verstehens bleiben bestehen. Sie stehen jedoch in einer veränderten Umgebung, in der der elementare Zugang nicht mehr dieselbe Knappheit besitzt.

Übertragen auf die Kunst bedeutet das: Unter diesen Bedingungen wandelt sich die Erzeugung einer ansprechenden oder überraschenden Form von einer seltenen Fähigkeit zu einer verfügbaren Ressource. Damit ist über die Bedeutung des einzelnen Werkes noch nichts entschieden. Die Analogie besitzt auch eine Grenze. Übersetzung bezieht sich gewöhnlich auf einen vorhandenen Text; Kunst kann verändern, was überhaupt als darstellenswert erscheint. Doch auch diese stärkere Leistung darf nicht einfach als unverfügbarer Rest reserviert werden. Ein generatives Verfahren kann Menschen zu neuen Fragestellungen führen. Die entscheidende Unterscheidung verläuft nicht sauber zwischen technischer Ausführung und menschlicher Erfindung.

Ohnehin hat die Kunst ihre gesellschaftliche Bedeutung längst von handwerklicher Virtuosität gelöst. Duchamps Readymades machten die Auswahl und Versetzung eines vorhandenen Gegenstands zum künstlerischen Problem. Fountain von 1917 war keine Demonstration überlegener keramischer Fertigkeit. Dass das verlorene ursprüngliche Objekt durch spätere autorisierte Fassungen vertreten wird, unterstreicht die Bedeutung von Setzung, Zuschreibung und Überlieferung. Die Geschichte dieses Werks lässt sich nicht aus seinen sichtbaren Eigenschaften allein gewinnen.

Auch Konzeptkunst und Fluxus verlagerten das Gewicht vom abgeschlossenen Gegenstand auf Idee, Anweisung und Ereignis. Sol LeWitts „Paragraphs on Conceptual Art“ von 1967 bestimmen das Konzept als entscheidend und behandeln die Ausführung als nachgeordnet. George Brechts Ereignispartituren eröffnen Handlungen, die unterschiedlich ausgeführt werden können. Damit bestanden lange vor generativer KI künstlerische Formen, deren Identität nicht an die eigenhändige Herstellung eines singulären Objekts gebunden war.

Diese Arbeiten waren keine unvollkommenen Vorstufen heutiger Bildgeneratoren. Ihre Offenheit und ihre Unterbrechung gewohnter Erwartungen konnten gerade das sein, worauf es ankam. Die Anweisung musste nicht möglichst reibungslos in ein attraktives Ergebnis übergehen. Der Vergleich schärft dennoch die Gegenwartsfrage. Was als künstlerischer Eingriff eine besondere Situation herstellte, kann als alltägliche technische Bedienung seinen Ausnahmecharakter verlieren. Nicht jede Delegation der Ausführung ist bereits Konzeptkunst. Und nicht jeder überraschende Output wiederholt die historische Bedeutung eines Angriffs auf den Werkbegriff. Eine Form des Vorgehens bleibt verfügbar, während sich ihre kulturelle Funktion verändert.

Die Kunst ist somit auf die Entknappung der Herstellung begrifflich vorbereitet. Das schützt sie nicht vor gesellschaftlichem Bedeutungsverlust. Ihre Funktionen reichen weit über das Kunstsystem hinaus: Neue Bildordnungen können in Gestaltung, Werbung, Architektur oder politische Kommunikation eingehen. Beschleunigt eine generative Kultur solche Übergänge, wird ästhetische Innovation allgegenwärtig, ohne dass die Institution Kunst im selben Maß an Gewicht gewinnt. Die Ausbreitung ihrer Leistungen ist nicht identisch mit der Ausbreitung ihrer Autorität. Eine Gesellschaft kann außerordentlich bildmächtig sein und der bildenden Kunst trotzdem nur einen begrenzten öffentlichen Rang einräumen.

Ein langbeiniger Elefant tritt aus einem Bilderrahmen in einen ornamentierten Museumssaal mit sitzenden Betrachtern.
03 Museum der unmöglichen Bilder. Eine imaginierte Sammlung. KI-Bild.

Das wird besonders deutlich, sobald nicht mehr allein einzelne Bilder, sondern ganze ästhetische Umgebungen personalisiert werden. André Malraux’ imaginäres Museum bezeichnete einen Zusammenhang, in dem Reproduktionen räumlich getrennte Werke vergleichbar machen und neue Beziehungen zwischen ihnen eröffnen. Es beruhte weiterhin auf Werken, die eine Geschichte besaßen. Malraux betonte zugleich die Verwandlung, die ihnen durch ihre Aufnahme in unsere Kunstwelt widerfährt. Sein Museum ist bereits eine Tätigkeit der Gegenwart am Überlieferten.

Ein generatives Museum überschreitet diese Voraussetzung. Es kann Werke enthalten, die ausschließlich für den jeweiligen Betrachter entstehen. Dazu treten erfundene Schulen, Biografien und Ausstellungsgeschichten. Wer eine bestimmte Spannung zwischen Strenge und Unruhe bevorzugt, erhält nicht nur passende Beispiele aus vorhandenen Sammlungen. Er erhält eine ganze Tradition, deren Entwicklungen auf diese Spannung ausgerichtet sind. Andere Menschen verweilen in völlig anders angelegten Traditionen. Ihre Kunstwelten müssen einander nicht widersprechen. Sie müssen einander nicht einmal begegnen. Was bislang eine private Auswahl innerhalb eines teilweise gemeinsamen Bestandes war, wird zur privaten Herstellung des Bestandes selbst.

Das ist der präzise Sinn einer Privatisierung der Kunstgeschichte. Gemeint ist hier nicht der Eigentumswechsel vom Staat zu privaten Sammlern, sondern die Individualisierung des kulturellen Gegenstands. Die Bilder, auf die sich mein Erleben bezieht, müssen für niemanden sonst existieren. Meine Lieblingsmalerin kann eine Figur sein, deren Werk erst mit meinen Vorlieben Gestalt annimmt. Ihr vermeintliches Spätwerk ist dann keine Antwort auf ein gelebtes Leben, sondern die Fortsetzung einer für mich entworfenen Entwicklung. Die Oberfläche kunsthistorischer Ordnung bleibt bestehen, während ihre Verankerung in gemeinsamer Vergangenheit entfällt.

Diese Kunst braucht für ihre Wirkung keine Öffentlichkeit mehr.

Sie kann ihre Betrachter beschäftigen, ohne einen Weg zu anderen Betrachtern finden zu müssen. Eine imaginäre Kunstgeschichte kann ernsthafte Erfahrungen ermöglichen, die eigene Vorstellungskraft erweitern und Menschen Zugänge eröffnen, die in öffentlichen Sammlungen wenig Resonanz finden. Ihr fiktiver Charakter steht dem nicht im Weg. Menschen können sich an erfundene Gestalten binden, ohne über deren Wirklichkeit getäuscht zu sein. Gerade wer im bestehenden Kanon keinen Ort für die eigenen Erfahrungen entdeckt, muss die Personalisierung nicht als Verlust erleben. Die gemeinsame Kultur war niemals für alle gleichermaßen gemeinsam. Ihre Verteidigung wird unglaubwürdig, sobald sie diese Ungleichheit unterschlägt.

Trotzdem geht mit der Herstellung privater Referenzwelten etwas anderes verloren als bloß eine verbindliche Rangliste. Über einen gemeinsamen Gegenstand lässt sich streiten. Man kann dasselbe Bild ablehnen, anders deuten oder seine öffentliche Stellung bekämpfen. Solcher Streit setzt keine Einigkeit über Qualität voraus. Er setzt voraus, dass die Beteiligten sich auf etwas beziehen, das nicht eigens für jeden von ihnen angepasst wird. Die Auseinandersetzung mit einem Kanon kann deshalb Öffentlichkeit herstellen, selbst wenn sie dessen bisherige Ordnung zerstört. Wo hingegen jeder Unzufriedenheit ein neues, passenderes Werk folgt, wird der Streit um das vorhandene Werk leicht entbehrlich.

Personalisierung kann sogar Irritation einschließen. Ein System muss nicht ausschließlich gefällige Bilder liefern; es kann dem Nutzer gezielt Fremdes, Schwieriges und Verstörendes anbieten. Doch auch die bestellte Zumutung bleibt Teil einer auf diesen Nutzer ausgerichteten Umgebung. Davon unterscheidet sich die Begegnung mit einem Werk, das aus anderen Gründen existiert und dessen Anwesenheit nicht von meiner Reaktion abhängt. Seine Unabhängigkeit macht es nicht automatisch anspruchsvoller. Sie ermöglicht aber eine besondere soziale Erfahrung: Ich treffe auf einen Anspruch, den ich mir nicht selbst eingerichtet habe.

Hier liegt die Aussicht auf eine Marginalisierung der Kunst gerade durch die Zunahme ästhetischer Intensität. Jeder Einzelne erlebt mehr, findet schneller passende Formen und verfügt über reichere imaginative Umgebungen. Gleichzeitig nimmt die Zahl der Werke ab, deren Kenntnis man bei anderen voraussetzen kann oder auf deren gemeinsame Betrachtung man besteht. Kunst wird zu einer persönlichen Ressource für Stimmung, Projektion und Aufmerksamkeit. Auch private Praktiken sind sozial geprägt. Doch die Rolle der Kunst als öffentlich ausgetragene Selbstbeschreibung einer Gesellschaft wird schwächer. Es gibt immer mehr Anlass zu sehen und weniger Anlass, gemeinsam über dasselbe zu sprechen.

Das ist keine technisch festgelegte Entwicklung. Menschen können generierte Werke teilen, gemeinsame Bildwelten pflegen und neue Institutionen um sie bilden. Ebenso können wenige weithin sichtbare Werke inmitten der Überfülle besonders große Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die Privatisierung des Erzeugens schließt eine Konzentration öffentlicher Geltung nicht aus. Entscheidend ist, ob geteilte Gegenstände stabil genug werden, um eine Geschichte der Rezeption auszubilden. Ein generiertes Bild ist nach seiner Entstehung kein bloßes Mögliches mehr. Es kann Ereignisse auslösen, Erinnerungen tragen und selbst zum historischen Dokument werden. Seine fehlende Vergangenheit verhindert nicht seine zukünftige Geschichte.

Damit verändert sich auch die Aufgabe der Kunstgeschichte. Sie hat keinen Grund, eine unbeweisbare Parallelvergangenheit als neue Überlieferung zu behandeln. Ihr Gegenstand ist vielmehr, wie Menschen solche Parallelvergangenheiten herstellen und verwenden. Welche Vorstellungen von Stil stecken in den Anfragen? Welche Epochen erscheinen als kombinierbare Eigenschaften? Welche Biografien gelten als glaubwürdige Erklärung eines Werks? Die fiktive Kunstgeschichte wird dann Material einer wirklichen Geschichte gegenwärtiger Wünsche. Gerade ihre Fehler und Glättungen sind aufschlussreich. Was eine Gesellschaft als überzeugende Vergangenheit erzeugt, verrät etwas darüber, welche Vergangenheit sie zu benötigen glaubt.

Gegen die These kultureller Marginalisierung steht darüber hinaus ein gewichtiger Einwand: Die Verfügbarkeit von Formen entknappt nicht alles, was an Kunst interessiert. Lebenszeit bleibt endlich. Aufmerksamkeit lässt sich lenken, aber nicht beliebig vermehren. Historische Erfahrung kann dargestellt werden, ohne sich dadurch zu wiederholen. Ein Werk kann mit Entscheidungen verbunden sein, die für jemanden unumkehrbar waren. Und gesellschaftliche Bedeutung entsteht nicht dadurch, dass sie auf einem Schild behauptet wird. Sie braucht Menschen, die einen Gegenstand in ihre Beziehungen, Konflikte und Erinnerungen aufnehmen. Keine Produktionsgeschwindigkeit kann diesen Zusammenhang mitliefern.

Das menschliche Werk erhält unter diesen Bedingungen eine Besonderheit, die nicht mit dem Versprechen verwechselt werden sollte, es werde immer schöner oder formal überlegen sein. Hinter ihm steht ein Leben, das nicht zum Zweck seiner nachträglichen Erklärung erfunden wurde. Jemand hat Möglichkeiten aufgegeben, Zeit verbraucht, Erfahrungen gemacht und unter bestimmten Bedingungen entschieden. Diese Beziehung ist auch dann vorhanden, wenn man dem Werk seine Entstehung nicht ansieht. Sie kann die Wahrnehmung verändern, sobald man von ihr erfährt. Ein Bild ist dann nicht nur eine gelungene Konfiguration, sondern etwas, das dieser Mensch zu dieser Zeit in die Welt gesetzt hat.

Provenienz gewinnt damit an Gewicht. Ihre Erzählung lässt sich allerdings simulieren. Man kann einer erfundenen Skulptur eine glaubwürdige Entstehungsgeschichte beigeben und einer imaginären Künstlerin Erinnerungen zuschreiben. Zwischen der Darstellung einer Herkunft und einer tatsächlichen Herkunft besteht ein Unterschied. Er ist nicht immer an der Oberfläche erkennbar, bleibt aber sachlich bestimmbar. Eine erfundene Biografie kann als Fiktion wirken; als Behauptung über einen wirklichen Menschen bedarf sie der Überprüfung. Gerade die technische Leichtigkeit überzeugender Geschichten erhöht deshalb die Bedeutung von Dokumentation und nachvollziehbarer Überlieferung.

Damit ist kein Vorrang durch Leiden begründet. Eine bewegende Biografie macht ein Werk nicht von sich aus interessant. Auch anonyme und gemeinschaftlich geschaffene Kunst kann bedeutend sein, ohne dass sich hinter ihr ein einzelnes Künstlerleben erzählen ließe. Ebenso gehört der Gebrauch generativer Verfahren zu wirklichen Biografien. Wer damit arbeitet, auswählt, verwirft, verändert und veröffentlicht, handelt unter historischen Bedingungen. Die Alternative zwischen menschlicher Kunst und geschichtsloser Maschinenform ist zu grob. Entscheidend ist, welche menschlichen und institutionellen Beziehungen im konkreten Werk wirksam werden und ob seine Präsentation darüber zutreffend Auskunft gibt.

Dichte Linienzeichnung aus Profilen, Augen, Tierköpfen und Instrumentformen mit dem Schriftzug Egyptian Jazz.
04 Egyptian Jazz. Zeichnung von Goedart Palm.

Die neue Bedeutung der Herkunft kann zudem einen Markt hervorbringen, in dem zertifizierte Menschlichkeit als Luxusmerkmal gehandelt wird. Dann wird die Knappheit des Originals lediglich an anderer Stelle wiederhergestellt. Der Besitz eines nachweislich menschlich geschaffenen Werks sichert soziale Distinktion, während die meisten ästhetischen Bedürfnisse technisch bedient werden. Eine solche Entwicklung belegt keine erneuerte kulturelle Zentralstellung der Kunst; sie zeigt ebenso gut deren Verengung auf einen prestigeträchtigen Sonderbereich. Wirtschaftlicher Höchstwert und breite gesellschaftliche Bedeutung sind verschiedene Größen. Ein Gegenstand kann immer teurer werden und für das gemeinsame Denken immer weniger zählen.

Die entscheidende Verschiebung liegt deshalb tiefer. Lange war die Frage, wer etwas hervorbringen konnte, untrennbar mit dem Staunen über das Hervorgebrachte verbunden. Sie war nie die einzige Frage; Kult, Auftrag, Zweck und Rang bestimmten ebenfalls, warum ein Werk entstand. Doch wenn bestimmte Leistungen der Darstellung gewöhnlich verfügbar werden, trägt das Können den Anspruch des einzelnen Werkes nicht mehr von selbst. Warum soll gerade dieses Werk existieren, und warum sollen andere Menschen ihm einen Teil ihrer begrenzten Lebenszeit widmen? Das Problem der Kunst verschiebt sich von ihrer Herstellung zur Begründung ihrer Existenz.

Begründung bedeutet hier weder amtliche Zulassung noch die Pflicht, jedem Bild einen theoretischen Kommentar beizufügen. Ein Werk darf ohne öffentlich vorzeigbaren Nutzen entstehen. Niemand muss seine private ästhetische Tätigkeit rechtfertigen. Zur Frage wird der Anspruch auf gemeinsame Aufmerksamkeit. Dessen Begründung kann im Werk selbst liegen, in seiner Begegnung mit einem Ort, in einer Erfahrung, die es artikuliert, oder in einem Zusammenhang, den es verändert. Sie muss nicht sofort verständlich sein. Aber sie lässt sich auch nicht durch immer neue Erläuterungen automatisch herstellen. Ein überzeugendes Künstlerstatement ist so wenig ein Beweis für Bedeutung wie eine eindrucksvolle Oberfläche.

Arthur C. Dantos Rede vom Ende der Kunst hilft, diese Verschiebung von einer Untergangsdiagnose zu trennen. Gemeint ist bei ihm das Ende einer verbindlichen historischen Erzählung, die festlegt, welche Richtung die Kunst nehmen müsse. Danach kann weiter Kunst entstehen, ohne einem solchen Entwicklungsgesetz zu folgen. Die generative Situation stellt eine zusätzliche Frage: Was geschieht, wenn zur Freiheit der Formen eine weitreichende technische Verfügbarkeit ihrer Hervorbringung tritt? Dantos Pluralismus erklärt, weshalb fortgesetzte Produktion mit dem Ende einer Kunstgeschichte vereinbar ist. Er garantiert nicht, dass diese Produktion ihre bisherige gesellschaftliche Stellung behält.

Dafür ist schon der Begriff dieser Stellung historisch zu prüfen. Hans Beltings Bild und Kult untersucht eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst und macht damit sichtbar, dass wir die Bedeutung älterer Bilder verfehlen können, wenn wir sie ausschließlich durch neuzeitliche Kunstvorstellungen verstehen. Religiöse Wirksamkeit und kultische Gegenwart sind nicht bloß frühere Namen ästhetischer Autonomie. Daraus folgt keine einfache Abfolge geschlossener Zeitalter. Es folgt aber, dass weder der moderne Kunstbegriff noch seine institutionelle Vorrangstellung als selbstverständliche Eigenschaften jeder menschlichen Bildkultur behandelt werden dürfen.

Die Vorstellung, Kunst zähle zu den höchsten Manifestationen des menschlichen Geistes, besitzt eine eigene europäische Ideen- und Institutionsgeschichte. Ihre Verbreitung macht sie nicht zu einer anthropologischen Konstante. Menschen können Bilder lieben, Gegenstände gestalten und in Formen denken, ohne der autonomen Kunst denselben Rang einzuräumen, den bestimmte moderne Gesellschaften ihr zugesprochen haben. Selbst dort war dieser Rang niemals gleichbedeutend mit einer gleichmäßigen Beteiligung aller. Von kultureller Zentralstellung zu sprechen heißt deshalb nicht, einen vergangenen Zustand allgemeiner Kunstbegeisterung zu behaupten. Gemeint ist der besondere Anspruch, unter dem Kunst als Ort wesentlicher menschlicher Selbstauslegung anerkannt wurde.

Generative KI entscheidet nicht allein über das Fortbestehen dieses Anspruchs. Bildungsinstitutionen, öffentliche Räume und die Organisation technischer Plattformen wirken daran mit. Die Entknappung ästhetischer Produktion verändert jedoch seine Voraussetzungen. Die Form wird häufiger verfügbar; daraus folgt keine wachsende Bereitschaft, ein einzelnes Werk dauerhaft zum Gegenstand gemeinsamer Auseinandersetzung zu machen. Das Museum kann zum wichtigen Ort dieser Auseinandersetzung werden oder zu einer spezialisierten Einrichtung für diejenigen, die sie weiterhin suchen. Menschliche Herkunft kann Aufmerksamkeit vertiefen oder sich auf ein exklusives Gütesiegel verengen. Aus der Leistungsfähigkeit eines Bildgenerators allein lässt sich keine dieser Entwicklungen ableiten.

Auch die Verlagerung vom Werk auf Prozesse, Beziehungen und Auswahl sichert keinen Bedeutungsgewinn. Sie kann eine produktive Veränderung des Kunstbegriffs sein. Sie kann aber ebenso anzeigen, dass die bisherige Institution ihre Zuständigkeit auf immer neue Bereiche ausdehnt, weil ihr alter Ausnahmecharakter schwindet. Wenn jede fantasievolle technische Interaktion Kunst heißt, bleibt das Wort erhalten. Ob damit noch jene kulturelle Sonderstellung bezeichnet wird, deren Zukunft zur Debatte steht, ist eine andere Frage. Begriffe können ihre Ausdehnung vergrößern und dabei an gesellschaftlicher Bestimmtheit verlieren.

Die dunkle Materie der Kunstgeschichte führt so zu einer unerwarteten Konsequenz. Ihre technische Erkundung vergrößert die Zahl sichtbarer Möglichkeiten, ohne im selben Maß Gründe für deren öffentliche Bedeutung zu erzeugen. Was früher ungeschaffen blieb, kann erscheinen. Was erscheint, muss deshalb noch niemandem fehlen, wenn es wieder verschwindet. Der historische Gegenstand hatte nicht allein den Vorzug, dass er schwer herzustellen war. Er war in eine Welt eingetreten, in der seine Existenz Folgen annahm. Eine generative Kultur kann solche Folgen weiterhin hervorbringen. Sie kann sie aber auch durch die ständige Verfügbarkeit des nächsten Bildes umgehen.

Die Aussicht lautet: Kunst wird individuell reicher und gesellschaftlich randständiger. Mehr ästhetische Erfahrung, mehr formale Erfindung, mehr private Bindung an Bilder, aber weniger gemeinsam getragene Gegenstände. Das wäre keine Welt ohne Fantasie und keine Welt ohne Schönheit. Es wäre eine Welt, in der die Verfügbarkeit ästhetischer Formen ihren Anspruch auf einen besonderen kulturellen Rang nicht mehr selbstverständlich trägt. Zur Debatte steht nicht das Ende der Kunst. Zur Debatte steht das Ende ihrer kulturellen Sonderstellung.

Quellen und Literatur

Die historischen und begrifflichen Bezugnahmen erfolgen als Paraphrasen. Die Überlegungen zur künftigen Entwicklung sind Thesen des Essays.

Benjamin, Walter: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Drei Studien zur Kunstsoziologie. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1963. Die Jahreszahl bezeichnet die Buchausgabe, nicht die Entstehung des Aufsatzes.

Verlagsnachweis:
https://www.suhrkamp.de/buch/walter-benjamin-das-kunstwerk-im-zeitalter-seiner-technischen-reproduzierbarkeit-t-9783518100288

Belting, Hans: Bild und Kult. Eine Geschichte des Bildes vor dem Zeitalter der Kunst. München: C. H. Beck, 1990.

Werkbeschreibung des Verlags:
https://www.chbeck.de/belting-bild-kult/product/8750803

Verlagschronik zum Erscheinungsjahr:
https://www.chbeck.de/media/2678/kleine_chronik_verlagchbeck.pdf

Danto, Arthur C.: After the End of Art: Contemporary Art and the Pale of History. Princeton: Princeton University Press, 1997.

Nachweis der Erstveröffentlichung im Jahresbericht der National Gallery of Art:
https://www.nga.gov/content/dam/ngaweb/About/pdf/annual-reports/annual-report-1997.pdf

Spätere Ausgabe mit neuem Vorwort von Lydia Goehr bei JSTOR:
https://www.jstor.org/stable/j.ctv1j666cd

Malraux, André: Le Musée imaginaire. Paris: Gallimard, 1965, überarbeitete Fassung; erste Buchfassung: Genf, Albert Skira, 1947.

Werkgeschichte der Bibliothèque nationale de France:
https://catalogue.bnf.fr/ark%3A/12148/cb16725329c

Malraux, André: „Le problème fondamental du musée“, in: La Revue des arts, Bd. 4, Nr. 1, 1954, S. 2–12.

Dokumentation mit Originaltextauszügen:
https://malraux.org/d1954-01-08-andre-malraux-probleme-fondamental-musee-musee-new-york-1954/

LeWitt, Sol: „Paragraphs on Conceptual Art“, in: Artforum, Bd. 5, Nr. 10, Juni 1967.

Originaltext, bereitgestellt von Fundación PROA:
https://proa.org/eng/exhibicion-proa-sol-lewitt--wall-drawings--textos.php

Museum of Modern Art: „Artist Instructions“, zu George Brechts Ereignispartituren und ihrer offenen Ausführung.

Museumsbeitrag:
https://www.moma.org/magazine/articles/407?flag_sanity_magazine=true

Brecht, George: Event Scores, um 1963. Museum of Modern Art, Sammlung.

Sammlungsnachweis:
https://www.moma.org/collection/works/135400

Perugini, Flavia: „Tracing the past: The conservation of Duchamp’s Fountain“. Vortragsabstract, dokumentiert unter Objects Specialty Group Postprints, Bd. 7, 2000, Rubrik „Unpublished presentation abstracts“.

Abstract beim American Institute for Conservation:
https://resources.culturalheritage.org/osg-postprints/v07/perugini/

Bandübersicht:
https://resources.culturalheritage.org/osg-postprints/v07/

Musée du Louvre: „Italian painting in perspective: The Grande Galerie“. Institutionelle Darstellung zur Museumseröffnung 1793.

Museumsgeschichte:
https://www.louvre.fr/en/explore/the-palace/italian-painting-in-perspective

The Metropolitan Museum of Art: „History of The Met“. Institutionelle Darstellung zur Gründung 1870.

Museumsgeschichte:
https://www.metmuseum.org/de/about-the-met/history

Rombach, Robin; Blattmann, Andreas; Lorenz, Dominik; Esser, Patrick; Ommer, Björn: „High-Resolution Image Synthesis With Latent Diffusion Models“, in: Proceedings of the IEEE/CVF Conference on Computer Vision and Pattern Recognition, 2022, S. 10684–10695. Herangezogen zur technischen Einordnung der Bildsynthese.

Originalpublikation:
https://openaccess.thecvf.com/content/CVPR2022/html/Rombach_High-Resolution_Image_Synthesis_With_Latent_Diffusion_Models_CVPR_2022_paper.html