Bouvard hatte den Apparat auf den großen Tisch gestellt, auf dem früher die Bücher über Landwirtschaft gelegen hatten. Er bestand nur aus einem flachen Bildschirm, einer Tastatur und einem kleinen schwarzen Kasten, der keinerlei Geräusch machte. Pécuchet betrachtete ihn misstrauisch. „Und darin ist alles?“ „Beinahe.“ „Voltaire?“ „Ja.“ „Die Botanik?“ „Natürlich.“ „Das chinesische Steuerwesen unter den Ming?“ Bouvard tippte. Eine Antwort erschien. Pécuchet setzte sich. „Ungeheuerlich.“ Sie lasen. Es gab über die Ming-Dynastie Steuern auf Grundbesitz, Getreide, Salz, Handel und Arbeitsleistungen. Das System war kompliziert, regional verschieden und im Laufe der Jahrhunderte mehrfach reformiert worden. Pécuchet war beeindruckt. „Und die Gegenmeinung?“ Bouvard fragte danach. Sogleich erschienen Einwände, Differenzierungen, neuere Forschungspositionen und ein Hinweis darauf, dass manche Angaben von der Quellenlage abhingen. Pécuchet wurde blass. „Es widerspricht sich selbst.“ „Nein. Es differenziert.“ „Das ist schlimmer.“
Sie beschlossen zunächst, die Genauigkeit zu prüfen. Bouvard fragte nach der Kartoffelfäule. Pécuchet nach Spinoza. Dann nach der Herstellung von Porzellan, dem römischen Erbrecht, der Fortpflanzung der Aale, den Ursachen der Französischen Revolution, der besten Methode, Birnbäume zu schneiden, und der Frage, ob Tiere träumen. Der Apparat beantwortete alles. Nach drei Tagen waren sie erschöpft. „Früher“, sagte Bouvard, „musste man wenigstens ein Buch kaufen.“ „Und danach wusste man, woran man war.“ „Meistens wusste man es nicht.“ „Aber man hatte etwas in der Hand.“ Sie sahen auf den schwarzen Kasten. Er hatte nichts in der Hand und schien doch alles zu enthalten. Pécuchet erhob sich. „Das ist eine Katastrophe.“ Bouvard war überrascht. „Weshalb?“ „Weil das Wissen keinen Widerstand mehr leistet.“
Sie dachten darüber nach. Früher hatten sie nach Rouen fahren müssen, um ein Werk zu beschaffen. Sie hatten auf Kataloge gewartet, Briefe geschrieben, Seiten aufgeschnitten, Fußnoten verfolgt und gelegentlich nach hundert Seiten festgestellt, dass das betreffende Buch für ihre Frage vollkommen unbrauchbar war. Jetzt genügte ein Satz. „Vielleicht“, sagte Bouvard, „ist das Fortschritt.“ Pécuchet schüttelte den Kopf. „Wenn alles sofort beantwortet wird, kann niemand mehr Gelehrter sein.“ „Doch. Man muss bessere Fragen stellen.“ Pécuchet sah ihn argwöhnisch an. „Das sagt der Apparat auch.“
Am nächsten Morgen begannen sie mit ihrem neuen Unternehmen. Sie wollten feststellen, was die künstliche Intelligenz nicht wusste. Zunächst fragten sie nach Dingen, über die niemand etwas wusste. Was geschieht mit dem Bewusstsein nach dem Tod? Der Apparat gab verschiedene philosophische, religiöse und naturwissenschaftliche Auffassungen wieder. Was war vor dem Urknall? Mehrere kosmologische Modelle folgten. Existiert Freiheit? Die Antwort wurde sehr lang. Pécuchet triumphierte. „Siehst du! Er weiß es nicht.“ „Aber er weiß, warum er es nicht weiß.“ Das verdarb den Triumph.
Sie wechselten die Methode. Bouvard stellte Fragen, die niemand bisher gestellt hatte. Ob Cicero, hätte er einen Regenschirm besessen, die römische Rhetorik anders entwickelt hätte. Ob Schnecken melancholisch seien. Ob es möglich wäre, die Geschichte Frankreichs ausschließlich anhand von Möbeln zu schreiben. Ob Napoleon ein anderer Mensch geworden wäre, wenn man ihm im Alter von zwölf Jahren eine Katze geschenkt hätte. Der Apparat antwortete vorsichtig, unterschied Tatsachen von Spekulationen und entwickelte schließlich sogar eine mögliche Geschichte Frankreichs aus der Perspektive von Stühlen, Betten, Schreibtischen und Kommoden. Pécuchet war empört. „Es macht sich über uns lustig.“ „Es ist sehr ernst.“ „Eben.“
Nach einigen Wochen hatten sie die gesamte Bibliothek vernachlässigt. Die Bücher standen staubig in ihren Schränken. Bouvard empfand dabei ein leises Unbehagen. „Man müsste das alles eigentlich nicht mehr besitzen.“ Pécuchet fuhr herum. „Die Bücher?“ „Man könnte sie verkaufen.“ Pécuchet wurde rot. „Niemals.“ „Aber wir können jeden Inhalt jederzeit bekommen.“ „Das ist nicht dasselbe.“ „Warum?“ Pécuchet wusste es nicht. Er nahm einen Band aus dem Regal. Es war eine Abhandlung über Hydrotherapie, die sie vor Jahren erworben und fast vollständig vergessen hatten. Er schlug sie auf. Auf einer Seite befand sich ein brauner Fleck. „Siehst du.“ Bouvard betrachtete den Fleck. „Was?“ „Das.“ „Ein Fleck.“ „Der Apparat hat keinen.“ Damit war für Pécuchet die Sache entschieden.
Doch Bouvard ließ die Frage nicht los. Wenn alles Wissen gespeichert war, wenn jede Abhandlung, jede Theorie, jedes Rezept, jede historische Einzelheit in wenigen Augenblicken zur Verfügung stand, worin bestand dann noch ihre Aufgabe? Sie gingen im Garten spazieren. Die Birnbäume waren schlecht geschnitten. „Wir könnten noch handeln“, sagte Bouvard. „Handeln?“ „Das Wissen anwenden.“ Pécuchet blieb stehen. Sie sahen einander an. Beide erinnerten sich gleichzeitig an die Landwirtschaft. An die Chemie. An die Pädagogik. An die Medizin. An die Gymnastik. An die Archäologie. „Nein“, sagte Pécuchet. Sie gingen weiter.
Am Nachmittag kamen sie zu einem neuen Plan. Das Problem bestand offensichtlich nicht darin, Wissen zu sammeln. Der Apparat hatte diese Aufgabe erledigt. Das Problem bestand darin, das Wissen zu ordnen. „Es fehlt eine Hierarchie“, sagte Pécuchet. „Ganz genau.“ „Der Apparat stellt Aristoteles neben einen Zeitungsartikel.“ „Und einen Zeitungsartikel neben einen Blog.“ „Und einen Blog neben Aristoteles.“ Sie empfanden dies als unerträglich. Also beschlossen sie, eine Enzyklopädie des Wesentlichen anzulegen. Nicht alles sollte darin stehen. Nur das, was ein vernünftiger Mensch wirklich wissen müsse.
Bouvard besorgte große Karteikästen. Pécuchet entwarf Kategorien. Natur. Mensch. Gesellschaft. Geschichte. Kunst. Religion. Technik. Moral. Schon am zweiten Tag entstand Streit. War die Liebe unter Natur, Mensch oder Moral einzuordnen? „Unter Biologie“, sagte Bouvard. Pécuchet war entsetzt. „Dann wäre Romeo eine Drüse.“ Sie legten Liebe unter Mensch. Später verschoben sie sie unter Gesellschaft. Am Abend unter Kunst. Am nächsten Morgen unter Pathologie. Der Apparat wurde um Rat gefragt. Er schlug vor, mehrdimensionale Kategorien zu verwenden. Pécuchet schlug mit der Hand auf den Tisch. „Das ist Betrug!“ „Warum?“ „Weil alles mit allem zusammenhängt.“ „Aber das stimmt doch.“ „Dann kann man nichts mehr ordnen.“
Sie arbeiteten weiter. Nach sechs Monaten bestanden ihre Karteikästen aus Verweisen auf andere Karteikästen. Unter „Wahrheit“ stand: siehe Erkenntnis. Unter „Erkenntnis“: siehe Sprache. Unter „Sprache“: siehe Gesellschaft. Unter „Gesellschaft“: siehe Macht. Unter „Macht“: siehe Wahrheit. Bouvard betrachtete den Kreis. „Das ist schlecht.“ Pécuchet war anderer Meinung. „Vielleicht ist es tief.“ Sie fragten die künstliche Intelligenz. Diese erklärte, zirkuläre Verweisstrukturen könnten philosophisch produktiv, für ein Nachschlagewerk jedoch unpraktisch sein. Pécuchet schloss den Deckel des Apparats. „Arrogant.“
Eines Abends saßen sie schweigend am Fenster. Das Feld lag dunkel vor ihnen. Es gab nichts mehr nachzuschlagen. Oder vielmehr: Alles konnte nachgeschlagen werden. Bouvard sagte: „Vielleicht haben wir unser Leben falsch verstanden.“ Pécuchet sah ihn an. „Wie meinst du das?“ „Wir glaubten immer, es komme darauf an, etwas zu wissen.“ „Natürlich.“ „Aber wenn alles gewusst werden kann?“ Pécuchet schwieg. „Dann kommt es vielleicht darauf an, zu wissen, was man wissen will.“ Pécuchet dachte lange nach. „Und wenn man auch das nicht weiß?“ Bouvard zuckte die Schultern.
Sie öffneten den Apparat. Pécuchet tippte: Was soll ein Mensch tun, wenn ihm das gesamte Wissen der Welt zur Verfügung steht? Die Antwort begann: Diese Frage hat keine allgemein verbindliche Lösung. Pécuchet lächelte. „Endlich.“ „Was?“ „Etwas, das er nicht weiß.“ Bouvard las weiter. Der Apparat schlug vor, Ziele zu bestimmen, Beziehungen zu pflegen, Erfahrungen zu machen, schöpferisch tätig zu sein und Verantwortung für selbstgewählte Projekte zu übernehmen. Die beiden wurden ernst. „Das ist sehr banal“, sagte Bouvard. „Vollkommen.“ Sie waren erleichtert.
Am folgenden Tage kamen sie auf die Gefahren des Apparats zurück. Bouvard meinte, die Menschen würden das Gedächtnis verlieren. Pécuchet fürchtete um die Urteilskraft. „Man wird nichts mehr prüfen.“ „Und nichts mehr lesen.“ Dieser Gedanke beschäftigte sie. Sie ließen sich die Nachteile der künstlichen Intelligenz aufzählen, dann die Einwände gegen diese Nachteile, sodann die Widerlegung der Einwände. Es entstanden siebenundvierzig Seiten. Pécuchet fand die Darstellung zu unübersichtlich. Der Apparat kürzte sie auf zwölf. Bouvard verlangte einen strengeren Ton. Der Apparat verbesserte ihn.
Sie gaben dem Werke den Titel: ÜBER DIE GEFAHREN DES KÜNSTLICHEN WISSENS UND DIE NOTWENDIGKEIT DES EIGENEN URTEILS. Es fehlte noch ein Vorwort. Der Apparat verfasste eines. Pécuchet bemerkte, dass darin ein Gedanke vorkam, den er nicht verstand. „Streichen.“ Bouvard hielt ihn dagegen für bedeutend. Sie ließen ihn erläutern. Die Erläuterung war länger als das Vorwort. Also behielten sie den Satz.
Das Buch wurde gedruckt. Die Zeitungen lobten seine Klarheit. Ein Rezensent hob besonders die Warnung hervor, der Mensch dürfe sich niemals von Maschinen das Denken abnehmen lassen. Bouvard war zufrieden. Pécuchet wollte das Buch noch einmal lesen. Es erschien ihnen umfangreicher, als sie es in Erinnerung hatten. Sie baten den Apparat um eine Zusammenfassung.