Essay · Lesen und Erinnerung

Die Geburt der Bibliothek aus dem Geist der Remittende

Vom geliehenen Buch über die Jagd nach Mängelexemplaren bis zur digitalen Entkörperlichung des Lesens

Arbeitszimmer mit raumhoher Bücherwand, Zeitschriften, politischen Plakaten und einem großen Arbeitstisch
Arbeitszimmer als Bücherkosmos: Suhrkamp, Karl May, Pardon, Terra und die Sedimente einer gewachsenen Bibliothek.

Vom geliehenen Buch

Am Anfang standen nicht die Bücher, die wir besaßen, sondern die Bücher, die irgendwie erreichbar waren. Zu Hause gab es selbstverständlich einen gewissen Bestand von mehr oder weniger sorgfältig akquirierten Lektüren, aber eine eigene Bibliothek, die diesen Namen verdient hätte, war das noch nicht. Was Familien eben an Büchern hatten, stand da, mehr oder weniger zufällig, mehr oder weniger kanonisch, von den Interessen der Eltern bestimmt und schon durch diese Herkunft mit einer stillschweigenden Empfehlung versehen, deren Grenzen man erst bemerkte, sobald man etwas suchte, das keiner von ihnen hatte suchen müssen. Wer als Kind oder Jugendlicher darüber hinaus lesen wollte, musste sich Bücher beschaffen, und „beschaffen“ ist dabei durchaus das verräterische Wort, weil der Zugang zur Literatur damals sehr viel stärker von Orten, Zufällen, Öffnungszeiten, vorhandenen Beständen und der schlichten Frage abhing, ob ein bestimmtes Buch überhaupt irgendwo greifbar war. Diverse intellektuelle Freunde hielten Bücherdiebstahl für entschuldbar, ich habe die „Lesedroge“ dagegen legal erworben. Noch bevor sich die Frage stellte, was ein Buch mit einem machen könne, musste also geklärt werden, wie man an es herankam, und in dieser scheinbar nebensächlichen Umständlichkeit steckte bereits fast alles, was später nach ganz persönlichem Bildungsgang aussehen sollte.

Die erste wirkliche Bücherwelt war für uns die Leihbibliothek. Soweit meine Erinnerung reicht, begann das in der Borromäusbücherei von St. Augustinus in Bonn-Duisdorf, die ich mit der katholischen Gemeinde und der Gottfried-Kinkel-Straße verbinde. Für Kinder und Familien eröffneten solche kirchlichen Büchereien in der Nachkriegszeit eine größere literarische Welt, deren Zugang nicht von der Kaufkraft für jeden einzelnen Band abhing, wohl aber von einem Ort, seiner Trägerschaft und den Menschen, die dort über Anschaffungen entschieden. Die Bestände waren nicht ad usum delphini, aber schon so, dass der Giftschrank noch recht weit entfernt stand. Weil das ausgeliehene Buch eine Frist hatte, war es nicht einfach zeitlos vorhanden und konnte irgendwann gelesen werden, sondern verlangte seine Lektüre, bevor es zurückgebracht werden musste. Dazu gehörte die ganze kleine Liturgie des Ausleihens: die Regale, vor denen man den Kopf schräg legte, die glatten Schutzfolien um die Einbände, das trockene Papier, der Staub an den oberen Kanten und die Karte oder der Stempel, die dem Buch eine Rückkehrfrist gaben. Noch ehe man hätte erklären können, was Literatur sei, hatte der Körper gelernt, dass sie mit dem schräg gehaltenen Kopf vor einem Regal, dem Geruch trockenen Papiers und einer Frist auf dem Ausleihzettel zusammenhing. Die Schutzfolie, auf der das Licht beim Drehen des Bandes mitwanderte, machte aus sehr verschiedenen Einbänden eine ähnlich glatte, abwischbare Oberfläche. Das einzelne Buch blieb verlockend fremd und trug doch bereits die Spuren einer Einrichtung, die es für viele Hände erhalten musste. Dass in dieser ersten Bücherwelt noch die Kirche überwog, lag keineswegs nur daran, dass die Bücherei katholisch war, sondern ebenso an einer stillen Choreographie, die selbst den Umgang mit den Bänden erfasste. Man sprach gedämpfter, zog einen Band langsam heraus und schob ihn ebenso langsam zurück, als könne ein zu lautes Geräusch die Ordnung der Rücken stören. Dass Erwachsene lange vor Regalen standen, ohne zur Eile angehalten zu werden, war für einen Jungen eine merkwürdige Erfahrung: Ausgerechnet in einem öffentlich zugänglichen Raum durfte man versunken dastehen, und die sonst so rasch verfügbare Aufforderung, nun endlich weiterzumachen, schien hier ihre Zuständigkeit verloren zu haben. Ganz sakral blieb die Sache trotzdem nicht, weil die Schutzfolie knisterte, der Ausleihzettel eine prosaische Frist setzte und Karl May zuverlässig dafür sorgte, dass hinter der Andacht bald wieder geritten und geschossen wurde.

Ich sehe mich noch zwischen den Regalen stehen und die Karl-May-Bände herausziehen, einen nach dem anderen, als müsse hinter jedem Rücken eine weitere Landschaft beginnen. Bei uns waren das zunächst vor allem die Klassiker kindlicher Abenteuerproduktion, und Karl May gehörte dazu in erheblichem Umfang. Besonders die Wüstenromane und die Wildwestgeschichten hatten es uns angetan, also jene weit aufgerissenen Räume, in denen geritten, verfolgt, gerettet, geschossen und moralisch sortiert wurde. Der Knieschuss, den selbstverständlich auch Winnetou beherrschte, galt bekanntlich als besonders hohe Kunst des Westmanns, weshalb Karl May für diese Form der zugleich wilden und moralisch aufs Genaueste sortierten Welt ideal war. Man konnte sich in diese Welt hineinlesen, Band für Band, ohne dass bereits irgendein systematischer Plan dahintergestanden hätte. In Duisdorf sitzend und doch irgendwo zwischen Llano Estacado, Wüste, Beduinenlager und Winnetous Todesahnung unterwegs, erweiterte man den eigenen Erfahrungsraum zunächst ohne den Verdacht, damit bereits an sich selbst zu arbeiten. Der Band lag greifbar vor einem, aber das, was er zumutete, spielte anderswo, unter einer anderen Sonne und mit einer erstaunlichen Sicherheit darüber, wer in dieser Welt recht hatte. Von dort führte keine gerade, aber eine erkennbare Linie zur Science-Fiction. Erst kamen die geographisch fernen Räume der Abenteuerliteratur, dann Planeten, Zukunftsgesellschaften und alternative Ordnungen, in denen die Fremde nicht mehr auf der Landkarte lag, sondern entworfen werden musste. Aus Karl Mays anderem Schauplatz wurde in der Science-Fiction ein Gedankenexperiment, in dem nicht mehr nur die Entfernung vom heimischen Ort, sondern die Veränderbarkeit seiner vermeintlich selbstverständlichen Regeln interessierte. Die Lesebewegung blieb verwandt, auch wenn jetzt eine erfundene Gesellschaft dort stand, wo vorher die Wüste gelegen hatte, und mit ihr die Frage, ob Menschen unter anderen technischen, politischen oder sprachlichen Voraussetzungen anders miteinander leben könnten. Später wurde die Stadtbücherei Bonn wichtiger, und damit veränderte sich das Verhältnis zum Buch. Die Interessen wurden breiter und zugleich weniger durch Geschichten bestimmt. Jetzt konnte man in Abteilungen hineingeraten, deren bloße Existenz eine Entdeckung war, als hätte die Stadtbücherei Bonn hinter den bekannten Geschichten Türen zu Fragen eingebaut, für die ich noch nicht einmal ein Suchwort besaß. Besonders die Philosophieabteilung wurde zu einem solchen Zugang. Nietzsche tauchte dort auf, und mit Nietzsche eben nicht nur ein Autor, sondern eine bestimmte Art des Denkens, die zunächst schon durch Ton, Geste und Radikalität faszinierte. Daneben kam die Kunstabteilung, die für mich mindestens ebenso wichtig war. Dort standen Bände über aktuelle und neueste Kunst, Concept Art, Objektkunst, Dalí, Zeichnung, internationale Tendenzen, Dinge, die man anderswo überhaupt erst einmal hätte finden müssen.

Die besondere Funktion der Kunstbücher bestand darin, dass sie nicht bloß Informationen über Kunst vermittelten, sondern überhaupt erst sichtbar machten, was es alles gab und wie weit die bis dahin vertraute Bildwelt überschritten werden konnte. In einer Zeit ohne Internet, ohne Bildersuche, ohne digitale Archive war ein Kunstbuch tatsächlich ein visuelles Ereignis. Ein Band über Concept Art oder Objektkunst konnte ganze ästhetische Territorien eröffnen. Man sah Arbeiten, Künstler, Installationen und Bildwelten, die außerhalb dieser Bücher für den eigenen Blick praktisch nicht existierten, obwohl sie andernorts längst ausgestellt, diskutiert oder wieder abgebaut worden waren. Das galt ebenso für Dalí-Bände, für Lichtpausen, Zeichnungen und jene manchmal etwas eigenartigen, aber gerade deshalb faszinierenden Publikationen über die neuesten Tendenzen. Vieles davon war international, manches schwer erhältlich, einiges teuer. In der Bibliothek konnte man es zumindest sehen, blättern, ausleihen und für einige Wochen in die eigene Welt hineinholen. Ein Dalí-Band konnte zunächst die Lust an der verblüffenden Abbildung bedienen und einen gerade über diese Lust zu Fragen treiben, die sich durch einen weiteren Dalí-Band allein nicht mehr beruhigen ließen. Der Surrealismus verschob die Grenze dessen, was ein Bild sein konnte, Concept Art machte die Idee selbst zum Gegenstand, Fluxus verwischte die Grenze zwischen Werk, Handlung und Alltag, und die Objektkunst brachte schließlich Dinge in den Kunstzusammenhang, die vorher bloß Dinge gewesen waren. Mit jeder Station wurde der Kunstbegriff poröser, und das schwere, nach Druckfarbe riechende Buch war ausgerechnet das materielle Fahrzeug dieser Entgrenzung. Bei Fluxus verschob sich die Aufmerksamkeit vom vorzeigbaren Werk auf die Handlung, die Unterbrechung oder eine grotesk ernst genommene Alltagssituation. Die gedruckte Beschreibung einer Aktion war dabei eine eigentümliche Sache: Man hielt Papier in der Hand und musste sich etwas vorstellen, das vielleicht nur so lange dauerte, wie jemand eine Anweisung ausführte. Das Buch bewahrte ein Ereignis, dessen Witz gerade darin liegen konnte, sich der ehrfürchtigen Aufbewahrung zu entziehen. Concept Art ließ eine Idee genügen, um den herkömmlichen Werkbegriff zu sprengen, und die Objektkunst schob gewöhnliche Dinge so lange aus ihrem gewohnten Zusammenhang, bis man auch den übrigen Alltag nicht mehr ganz unschuldig ansah. Nach einem solchen Band ging man anders durch eine Ausstellung, aber unter Umständen auch anders durch einen Bahnhof oder ein Kaufhaus. Anordnung, Geste und Verhalten wurden lesbar, sobald der Blick nicht mehr nur nach dem ausgezeichneten Gegenstand suchte, sondern auch danach, wer ihn wohin stellte und was dadurch mit einer Situation geschah. So konnte der Kunstband, dessen Gewicht und Druckfarbe ganz unzweideutig von einem hergestellten Gegenstand zeugten, zur Gebrauchsanweisung werden, außerhalb seiner Seiten mehr zu bemerken. Dalí, Surrealismus, Concept Art, Fluxus und Objektkunst waren dabei keine sauber aufeinanderfolgenden Epochen meines Lesens, sondern sich überkreuzende Anlässe, die jeweils vorige Vorstellung von Kunst wieder aufzubrechen.

Als das Kaufen langsam hinzukam, war keineswegs selbstverständlich, dass jedes interessante Buch, das man aus einem Regal zog, anschließend auch im eigenen stehen würde. Schon das fehlende Geld ließ zwischen Herausziehen und Besitzen einen beträchtlichen Abstand, zu dem die Organisation des Buchmarkts ihre eigenen Hindernisse beitrug: An die Stelle des heutigen Blicks auf einen Titel im Internet, dem am nächsten Morgen die Lieferung folgen kann, trat der Weg in eine Buchhandlung. Dort konnte man das vorhandene Buch kaufen oder das fehlende möglicherweise bestellen, was dauerte und bei ausländischen, kleineren oder exotischen Publikationen keineswegs garantierte, dass daraus jemals etwas wurde. Der Zufall bekam unter diesen Bedingungen Gewicht, denn vor einer gezielt benutzten Suchmaschine muss man seine Frage immerhin so weit kennen, dass man sie eintippen kann, im Buchladen genügte es dagegen, an einem fremden Regal hängenzubleiben und mit einer Frage konfrontiert zu werden, von deren Existenz man beim Eintreten nichts gewusst hatte. Bonn besaß für die langsam entstehende private Bücherwelt eine ungewöhnlich dichte Landschaft von Buchhandlungen, und Bouvier bildete deren zentrale Adresse. Das war weniger ein gewöhnliches Geschäft als eine städtische Institution, Universitätsinfrastruktur und Wissenskaufhaus zugleich. Die sogenannte Bücherstraße verband die Verkaufsräume zwischen Am Hof und Fürstenstraße. Schon ihre Ausdehnung erhob den Anspruch, das Wissen nicht nur anzubieten, sondern räumlich zu ordnen: Literatur, Philosophie, Psychologie, Wissenschaft, politische Theorie und Kunst, dazu jenes ungeheure moderne Antiquariat, das für meine spätere Bibliothek entscheidend wurde. Wer Am Hof eintrat, konnte sich durch Abteilungen, Treppen, Durchgänge und immer neue Regalfluchten bewegen und in der Fürstenstraße wieder herauskommen, nach Möglichkeit später und mit schwereren Armen. Die später mit ungefähr zweitausend Quadratmetern angegebene Fläche gehört zur überprüfbaren Geschichte des Hauses, dessen Versprechen „zehn Buchhandlungen in einer“ sich für den Besucher schon durch den Wechsel der Abteilungen körperlich bestätigte. Der Weg durch den Laden war ein begehbares Inhaltsverzeichnis, nur dass sich zwischen den Kapiteln Dinge kaufen ließen und jeder Übergang eine Abschweifung anbot. Zu den Räumen gehörten die Menschen, und in der Erinnerung verdichten sich wiederkehrende Beobachtungen zu Figuren, nicht zum Protokoll eines einzigen Nachmittags. An ihnen lässt sich Bouvier als Treffpunkt und inoffizielle Sozialisationsanstalt einer Universitätsstadt erkennen. Der ältere Herr vor der Philosophieabteilung schien mit einzelnen Rücken seit Jahrzehnten bekannt. Ein Student trug bereits zwei Bücher unter dem Arm und suchte offenbar das dritte, das aus ihnen ein Argument machen sollte. Vor den Kunstbänden hob jemand einen Katalog an, betrachtete erst die Reproduktionen und dann den Preis, als müsse beides miteinander vereinbar sein. Ein Jugendlicher konnte so tun, als kenne er sein Ziel, und dabei beobachten, wie die anderen sich bewegten. Ein kundiger Verkäufer gab nicht nur eine Auskunft, sondern manchmal den entscheidenden Hinweis auf das Regal nebenan. In diesem Nebeneinander besaß Bouvier die heute fast verschwundene Doppelphysiognomie einer bürgerlichen Wissensmaschine. Der gedämpfte Ernst der wissenschaftlichen Abteilungen erinnerte an eine weltliche Kathedrale, wenige Meter weiter lag das Warenlager, und auf den Tischen der Neuerscheinungen begann die Kirmes. Die Stille der konzentrierten Leser war dabei eine Voraussetzung des Handels. Man musste einem Band Zeit geben, damit er wichtig werden konnte, und die gleiche Institution, die dieses Verweilen erlaubte, hatte ein Interesse daran, dass man sich irgendwann von seiner Kaufzurückhaltung verabschiedete. Zwischen den Rücken, deren Titel nur auf schmalen Streifen sichtbar waren, und den offen ausgestellten Umschlägen auf den Tischen wechselte nicht bloß die Präsentation. Das eine verlangte Kenntnis, das andere suchte Blickkontakt, noch bevor irgendeine Kenntnis vorhanden war. Wer eintrat, um einen bestimmten Titel zu suchen, verlor auf dem Weg zur zuständigen Abteilung bereits die Hälfte seiner Absicht. Der Laden verlangte Konzentration und organisierte durch jede Auslage und jeden Seitentisch deren fortwährende Sabotage. Gerade darin war er eine Zufallsmaschine und ein Trainingsort für junge Leser: Man lernte nicht nur, wo ein Buch stand, sondern auch, wie man sich in einer Welt bewegte, deren Ordnung man noch nicht beherrschte.

Überhaupt ist der Ausdruck „modernes Antiquariat“ eine dieser schönen sprachlichen Verkehrungen. Ein Antiquariat verkaufte eigentlich alte Bücher, doch das moderne Antiquariat handelte mit neuen oder nahezu neuen Exemplaren, denen der Warenverkehr die Neuheit gewissermaßen aberkannt hatte, obwohl an vielen weder das Papier noch der Gedanke merklich gealtert war. Restauflagen, Remittenden, echte Mängelexemplare, verbilligte Verlagsbestände und preisreduzierte Ausgaben hatten den regulären Warenkreislauf verlassen, ohne deshalb ihren Inhalt zu verlieren. Genau genommen bezeichnet die Remittende zunächst ein nicht verkauftes, vom Sortiment an den Verlag zurückgesandtes Buch, also einen Vorgang im Vertrieb und noch keinen Schaden am Gegenstand. Davon zu unterscheiden ist das tatsächlich beschädigte oder fehlerhafte und entsprechend gekennzeichnete Mängelexemplar, wiederum etwas anderes die Ausgabe, für die der gebundene Ladenpreis aufgehoben wurde. Ein späteres Merkblatt des Börsenvereins von 2006 schärft diese Unterscheidung ausdrücklich ein: Eine Kennzeichnung allein verwandelt ein einwandfreies Buch nicht in preisbindungsfreie Ware. Damit lässt sich auch rückblickend genauer benennen, was die Erinnerung unter dem bequemen Wort Remittende versammelt, ohne die spätere Rechtslage kurzerhand auf jeden früheren Bücherstapel zu übertragen. Im Erinnerungswortschatz gingen diese Kategorien leichter ineinander über als im Buchpreisbindungsrecht. Zusammen bildeten sie jene wunderbare Nebenökonomie des Buchhandels, aus der sich für vergleichsweise wenig Geld erstaunliche Bibliotheken zusammensetzen ließen. Diese Ökonomie ließ sich mit den Fingern und manchmal schon mit der Nase erkunden, denn zwischen Papier, Leim und Druckfarbe neuer Bücher mischten ältere Restbestände den Karton, den Lagerstaub und die trockene Luft langer Zwischenaufenthalte. Die grobe Warenbiographie, die man dabei erschnupperte, enthielt keine Auskunft über den philosophischen Wert, wohl aber eine Ahnung davon, dass ein Buch schon einen beträchtlichen Weg zurückgelegt haben konnte, bevor es seinen Leser fand. Manche Remittende hatte nur einen schwarzen Strich am Schnitt, andere einen Stempel, eine angestoßene Ecke oder einen Schutzumschlag, der seine erste Karriere nicht ganz unversehrt überstanden hatte. Inhaltlich konnte das Buch noch immer dasselbe sein, körperlich trug es bereits Aktenzeichen, und der Käufer, der den schwarzen Strich mitprüfte, las für einen Augenblick zwei Texte zugleich: den angekündigten Inhalt und die kleine amtliche Mitteilung über die beschädigte Warenwürde. Im modernen Antiquariat blieb von der Kirche noch die Andachtsgeste des Blätterns, doch ringsum begann die Kirmes gescheiterter Warenkarrieren. Stapel unterbrachen den Kanon, der reduzierte Preis rief lauter als manches Vorwort, und ein Exemplar konnte am nächsten Morgen verschwunden sein. Mit der Vorsicht, die einem kostbaren Gegenstand gebührt, hob man aus dem Stapel eine Ware, deren Preis gerade ihre mangelnde Verkäuflichkeit bekanntgab, und konnte sich deshalb für besonders vernünftig halten, obwohl die spontane Gier an dieser Entscheidung mindestens ebenso beteiligt war wie die stille Prüfung. Die Ware hatte ihre reguläre Laufbahn verfehlt und gewann gerade dadurch eine neue Verführungskraft. Der wechselnde Bestand machte den Zufall zur Sortimentspolitik. Ein Buch, das anderswo als Absatzfehler galt, konnte hier zum Ausgangspunkt einer intellektuellen Entwicklung werden. Das moderne Antiquariat war Andachtsraum und Verführungsmaschine zugleich, nur dass die Reliquie manchmal zwölf Mark kostete und einen schwarzen Strich am Schnitt hatte.

Daher trifft der Titel „Die Geburt der Bibliothek aus dem Geist der Remittende“ die Sache, denn die Bibliothek entstand nicht aus einer planvoll bei bibliophilen Händlern bestellten Reihe nobler Erstausgaben, sondern aus Gelegenheiten, deren plötzlich auftauchende Stapel die Kontingenz zur Mutter der Sammlung machten. Aus dem Kunstband, dessen Ladenpreis einmal abschreckend gewesen war und der nun mit einem schwarzen Strich, einem Stempel oder sonst einer kleinen Narbe des Warenverkehrs für einen Bruchteil zu haben war. Aus Büchern, die irgendwo anders nicht verkauft worden waren und gerade deshalb bei uns landen konnten. Das moderne Antiquariat von Bouvier war dafür eine Schatzkammer. Dort tauchte Material auf, das man im normalen Sortiment gar nicht erwartet hätte, gerade bei Kunstbüchern. Internationale Publikationen, Restauflagen, Bildbände, Monographien, Spezialliteratur, Dinge, bei denen man sich bisweilen fragte, warum sie überhaupt in Bonn gelandet waren. Herr Oberg, der diesen Bereich leitete, muss ein erstaunliches Gespür für solches Material gehabt haben. Jedenfalls hatte ich immer den Eindruck, dass dort nicht nur der übliche Resteverkehr abgewickelt wurde, sondern dass jemand gezielt nach interessanten Dingen suchte. Die Auswahl war zu eigentümlich, zu international und teilweise zu exotisch, um bloßer Zufall zu sein. Herr Oberg gehört für mich zu den Menschen, deren Bedeutung sich im erinnerten Sortiment erhalten hat, nicht in einer nachträglich erfundenen Personalakte. Was ich über sein Gespür sage, ist das Urteil eines damaligen Kunden und kein aus einem Archiv ergänzter Lebenslauf. Was sich sagen lässt, liegt in der Erfahrung des Raumes: Tische und Stapel, auf denen ein italienischer Kunstband neben einer philosophischen Restauflage lag, das prüfende Anheben, Blättern, Zurückstellen und erneute Herausnehmen, schließlich der Blick auf den Preis, der aus ästhetischer Bewunderung eine sehr konkrete Haushaltsfrage machte. Der Tisch nahm dem Buch zunächst die sichere Stellung im Fachgebiet. Zum Blättern brauchte man eine freie Hand, zum Prüfen des Schnitts musste man es drehen, und unter dem oberen Band konnte ein zweiter zum Vorschein kommen, der mit dem ersten sachlich wenig, mit seiner gescheiterten Warenkarriere aber sehr viel gemeinsam hatte. Dass aus solchem Nebeneinander überhaupt ein interessantes Sortiment wurde, war die Arbeit des Buchhändlers. Der Zufall kam nicht unvermittelt aus dem Weltall nach Bonn, sondern durch Auswahl, Kontakte, Transport und die Bereitschaft, für zunächst ungewisse Käufer Platz zu reservieren.

Für den Aufbau einer Kunstbuchsammlung war diese Situation ideal, denn der reguläre Preis einer Monographie, eines aufwendig gedruckten Ausstellungskatalogs oder eines internationalen Bandes konnte ein einzelnes Interesse zur Budgetfrage machen. Im modernen Antiquariat bekam man für einen ähnlichen Betrag plötzlich drei oder vier Bücher und damit die Möglichkeit, eine Begeisterung durch Vergleiche zu prüfen, statt sie an dem einzigen erschwinglichen Beispiel festzuhalten. Aus einzelnen Interessen, Funden und unerwarteten Nachbarschaften begann langsam ein Bestand zu werden. Zwischen dem Lesen eines geliehenen Buches und der Bibliotheksbildung lag deshalb nicht einfach der Unterschied zwischen Vergessen und Erinnern. Auch das zurückgegebene Buch konnte nachwirken, doch das gekaufte blieb körperlich verfügbar und trat mit anderen in eine Nachbarschaft, aus der sich irgendwann ein System ergab, das zunächst niemand geplant hatte. Neben Bouvier gab es Röhrscheid, Lempertz, Behrendt und König & Wolff. König & Wolff, die Buch- und Kunsthandlung am Neutor 8, wie ich sie in Erinnerung habe, war besonders interessant, weil dort Kunstbuch, allgemeiner Buchhandel, Karten, Atlanten und visuelles Material zusammenkamen. Man konnte Kunstpostkarten kaufen, Bildmaterial, geographische Dinge, Bücher und eben jene Gegenstände, die zwischen Information und Anschauung lagen. Das passte gut zu einer Zeit, in der Bilder noch nicht überall verfügbar waren. Eine Kunstpostkarte war unter diesen Bedingungen mehr als ein Souvenir: Die kleine Reproduktion hielt ein sonst kaum wiedersehbares Bild verfügbar, ließ sich neben andere legen, mitnehmen und wieder betrachten, bis aus der flüchtigen Bekanntschaft mit einem Motiv eine Vertrautheit geworden war, die der bloße Ausstellungsbesuch nicht sichern konnte.

Lempertz gehörte ebenfalls zu dieser Bonner Büchergeographie. Die Buchhandlung saß nach dem Krieg in der Fürstenstraße 1, also genau in jenem innerstädtischen Bereich, in dem man ohnehin von einer Buchhandlung zur nächsten laufen konnte. Röhrscheid lag am Hof, Behrendt gehörte ebenfalls in diese dichte Landschaft. Bonn war ein ziemlich gutes Pflaster für Leute, die Bücher mochten, doch diese Dichte war kein Naturereignis. Die Universität erzeugte Professoren, Studenten, Lehrer, Beamte, Bildungsbürger und Fachpublikum, also Nachfrage nach wissenschaftlicher, philosophischer, politischer, künstlerischer und fremdsprachiger Literatur. Die Buchhandlungen verwandelten diese Nachfrage in Räume, Bestände und sachkundige Gespräche. Als Jugendlicher oder Student konnte man in diese Infrastruktur hineinwachsen und parasitär von ihr profitieren. Viele dieser Bücher waren gar nicht für mich eingekauft worden, sondern für irgendeinen Professor, ein Seminar, ein Institut oder einen akademisch ruinierten Privatgelehrten. Dass ich sie trotzdem herausziehen durfte, ließ mich an einer Nachfrage teilhaben, zu deren Voraussetzungen ich noch kaum etwas beigetragen hatte. Das machte den Buchladen demokratischer als manche Bildungsinstitution, denn niemand verlangte ein Abiturzeugnis, eine Immatrikulationsbescheinigung oder eine Eintrittskarte. Die Schwelle hatte ihre Form gewechselt und saß nun eher in der eigenen Unsicherheit als in einer kontrollierten Eingangstür. Man musste wissen, dass eine Abteilung existierte, einen Namen schon einmal gehört haben und sich zwischen Erwachsenen hineinwagen, die scheinbar genau wussten, wohin sie gehörten. Vor dem Philosophieregal stand der ältere Mann mit der Ruhe eines Menschen, der nicht nur Autoren, sondern Ausgaben kannte. Ein Student hatte Bücher und Notizzettel dabei, als führe das Seminar zwischen den Regalen weiter. Jemand bei den Kunstkatalogen prüfte erst die Ausstattung, dann unauffällig den Preis. Der Jugendliche, der noch nicht wusste, ob er zu dieser Welt gehörte, studierte neben den Buchrücken auch diese Gesten. Ein Verkäufer, der eine Reihe, einen Verlag oder eine Übersetzung nennen konnte, gab ihm eine kleine Eintrittskarte, ohne sie so zu nennen. Noch ehe man von kulturellem Kapital sprach, lernte man seine alltäglichen Erscheinungsformen: die Kenntnis der richtigen Adresse, das Wiedererkennen eines Verlags, die Sicherheit vor einem Katalog, die beiläufig ausgesprochene Empfehlung und die Fähigkeit, eine teure Ausgabe zurückzustellen, ohne dabei wie ein Vertriebener auszusehen. Mit den Büchern wurden Orientierung und Zugehörigkeit verteilt, allerdings ungleich: Wer schon wusste, welche Unterscheidungen zählten, konnte gezielt fragen, wer es erst lernen musste, war auf Beobachtung und die Geduld anderer angewiesen. Das Bildungsbürgertum saß insofern nicht als Aufseher an der Tür. Es war in der Selbstverständlichkeit anwesend, mit der jemand einen Autor voraussetzte, zwischen zwei Übersetzungen wählte oder einen Namen fallen ließ, den der nächste erst zu Hause nachschlagen musste. Und doch konnte gerade dieser nächste, nach genügend Besuchen, selbst zum beiläufig Empfehlenden werden. Darin lag die informelle Sozialisation solcher Räume, ihre Durchlässigkeit ebenso wie die feine Zumutung, sich die Berechtigung zum Dazugehören durch die richtigen Unterscheidungen zu erwerben.

Mit Herrn Brandt bekam diese Bewegung plötzlich ein Gesicht. Er leitete die Borromäusbücherei, kannte die Wege, auf denen Bücher in eine Bibliothek gelangten, und war für mich deshalb nicht nur der Mann hinter der Ausleihe, sondern jemand, den man um das beinahe Ungehörige bitten konnte: Könnten Sie dieses Buch auch für mich besorgen? Die ersten eigenen Philosophen, an deren Beschaffung ich mich noch erinnere, bekamen dabei einen besonderen Rang, weil ich Herrn Brandt, den Leiter der Borromäusbücherei von St. Augustinus, einmal bat, Bücher für mich zu besorgen. Er kaufte selbst für die Bibliothek ein, und irgendwann wurde daraus der Versuch, über ihn auch den eigenen Bestand zu erweitern. Zu den ersten wirklich programmatischen Käufen, die über diesen Weg in Reichweite kamen, gehörten die Nietzsche-Bände in der von Karl Schlechta herausgegebenen Ausgabe und Heideggers Sein und Zeit. Ich muss ungefähr siebzehn oder achtzehn gewesen sein, und rückblickend hat es etwas Groteskes, dass andere sich vielleicht eine neue Jacke oder ein Moped kauften, während ich Nietzsche und Heidegger ins Regal stellte. In dieser Erwerbung lag ein Programm, das sich noch nicht vollständig aussprechen ließ: Die Bücher sollten nicht nur gelesen werden, sondern verfügbar bleiben, als müsse man sich die Möglichkeit ihrer künftigen Wirkung schon jetzt materiell sichern. Besitz bedeutete, jederzeit zurückkehren zu können, Stellen wiederzufinden, zu unterstreichen, daneben andere Bücher zu stellen. Aus dem einzelnen Buch wurde langsam ein Koordinatensystem. Nietzsche führte mit seiner Genealogie der Werte und seinem Ton der Verdächtigung rückwärts zu Schopenhauer, von dort zu Kant und dessen Bedingungen des Erkennens, während Heidegger den Begriffsapparat noch einmal so verschob, dass vertraute Wörter plötzlich ihre Unschuld verloren. Diese Bücher standen nicht wie Namen auf einer Teilnehmerliste nebeneinander, sondern zwangen einander zu immer neuen Aussagen und gelegentlich auch den Leser dazu, seine eigene Stellung zu verändern. Wer bei Nietzsche nach den Voraussetzungen eines moralischen Urteils fragte, geriet über Schopenhauers Willen und Vorstellung zu Kant und der Frage, was ein erkennendes Subjekt überhaupt zur Welt beiträgt. Heideggers In-der-Welt-Sein ließ dann schon das Bild eines bloß betrachtenden Subjekts fragwürdig werden. Das war meine Bewegung zwischen den Büchern, keine glatte philosophische Erbfolge, und gerade die Brüche machten die nächste Lektüre nötig. Ein Autor beantwortete die Frage des vorigen nicht zuverlässig, manchmal erklärte er sie erst für falsch gestellt, worauf man zurückblättern musste. Nietzsche war in diesem Sinn weniger Möblierung eines geistigen Innenraums als ein Angriff auf die Einrichtung: Nach seinem Ton der Verdächtigung ließ sich die traditionelle Moral nicht mehr an derselben Stelle und im selben Licht stehen lassen. Heidegger machte aus scheinbar harmlosen Alltagswörtern Fragen des In-der-Welt-Seins, auch wenn man sich durch seine Sätze gelegentlich vorkam wie jemand, der eine schwere Tür drückt, auf der sehr klein „ziehen“ steht. Philosophie veränderte den Begriffsapparat, und mit einem veränderten Begriffsapparat sah auch die sogenannte Wirklichkeit nicht mehr ganz gleich aus. Mit einem Mitschüler diskutierte ich viel über Nietzsche, mit jener jugendlichen Mischung aus Ernst und Größenwahn, bei der nachmittags auf dem Schulweg die gesamte abendländische Moralgeschichte abgeurteilt werden kann, bevor man zu Hause sein muss. Er kaufte sich später eine riesige Schopenhauer-Ausgabe, was schon optisch ein argumentatives Schwergewicht darstellte. Man konnte das als Fortsetzung unserer Gespräche mit bibliographischen Mitteln verstehen: Wo ein Einwand nicht mehr genügte, rückte ein weiterer Band ins Regal ein. Überhaupt hatte philosophische Literatur damals auch etwas Körperliches. Im Bild einer mehrbändigen Ausgabe war Nietzsche nicht bloß ein Gedanke, sondern fünf Bände, und Schopenhauer konnte einen ganzen Regalabschnitt besetzen, als ließe sich ein Einwand durch hinreichend viel gebundenes Papier auch physisch mit Nachdruck vortragen. An solchen Größenverhältnissen konnte sich die Macht eines Autors im Zimmer zeigen, noch ehe man den Band aufgeschlagen hatte. Die Ausgabe versprach einen Zusammenhang, in den man eintreten konnte, und stellte zugleich sehr sichtbar aus, wie viel davon noch ungelesen war. Solche Ausgaben hatten dünnes, dicht bedrucktes Papier, feste Rücken und eine Gravität, die sich schon beim Herausziehen aus dem Regal bemerkbar machte. Englische Paperbacks dagegen waren biegsam, oft rauer, mit stärker geleimten Rücken und Covern, deren Farben und Typographie selbst eine Verheißung des Fremden darstellten. Die Publikationen deutscher Meisterdenker hatten immerhin das befriedigende Gewicht eines Buches, das schon durch seine Materialität signalisierte, dass es vermutlich nicht für einen vergnüglichen Sonntagnachmittag geschrieben worden war. Mit der Zeit lernte man, Bücher nicht mehr wie Waschmittel zu kaufen. Man prüfte den Verlag, die Reihe, die Übersetzung, das Format, den Einband und den Klappentext. Suhrkamp sah anders aus als Hanser, ein Penguin-Paperback versprach schon durch Format und Umschlag eine andere Welt, Gallimard trug französische Fremdheit beinahe als typographische Uniform, und bei Kunstbüchern konnten DuMont oder ein internationaler Spezialverlag selbst zum Hinweis werden. Verlage, Reihen und richtige Ausgaben bildeten ein System von Marken und Codes, das sich erst beim Blättern, Fehlkaufen, Vergleichen und der leisen Beobachtung jener Kunden erschloss, die vor einem Regal so sicher agierten, als hätten sie dort ein Büro. Diese Warenkompetenz war zweideutig, denn sie half, eine schlechte Übersetzung oder eine unbrauchbare Reproduktion zu vermeiden, konnte aber ebenso dazu verführen, dem vertrauten Verlagszeichen mehr Urteilskraft zuzutrauen als der eigenen Lektüre.

Hinzu kam die Schule, in deren sozialwissenschaftlichem Unterricht uns politische und gesellschaftstheoretische Texte begegneten. Im Deutschunterricht lasen wir Max Frisch, Brecht, Lessing, Goethe, Schiller und andere, wobei einiges davon wiederum gekauft wurde, weil man es behalten wollte. Neben die selbst gesuchten Bücher traten damit schulisch verlangte Lektüren, politische Texte, philosophische Großprojekte und Kunstbücher, deren Nachbarschaft die verschiedenen Gründe ihres Erwerbs allmählich verwischte. Was als Pflicht begonnen hatte, konnte im Regal ein selbst gewähltes Interesse stören oder vertiefen, und gerade diese Heterogenität machte den Bestand interessant. Der Schulunterricht bildete dabei keine Nebenlinie: Bei Max Frisch und Brecht wurde die literarische Form selbst zum Mittel gesellschaftlicher Diagnose, Lessing öffnete die Frage nach Vernunft und Toleranz, Goethe und Schiller führten in eine Tradition, deren Verbindlichkeit sich auch daran prüfen ließ, wo man ihr widersprechen wollte. Von dort war der Weg zu politischer und gesellschaftstheoretischer Literatur kurz. Auch die verordneten Bücher konnten also Querverbindungen erzeugen, sobald sie im eigenen Regal nicht mehr nur Schulstoff waren. Frisch und Brecht ließen sich zwar im Klassenzimmer interpretieren, aber die Fragen nach Entscheidung, Rolle, Feigheit, Anpassung und politischem Widerspruch gingen nach Schulschluss mit hinaus. Wer eine Figur bei ihrer Selbstrechtfertigung durchschaut hatte, konnte denselben Ton plötzlich außerhalb des Dramas hören, und mit dieser veränderten Wahrnehmung verschob sich unter Umständen auch die Bereitschaft, eine Zumutung hinzunehmen oder ihr zu widersprechen. Lesen führte nicht automatisch zur richtigen Handlung — dafür gab es zu viele kluge Bücher und zu viel Unsinn in der Welt —, aber es konnte den Punkt verändern, an dem man nicht mehr bereit war, etwas selbstverständlich zu finden. Bouvier blieb dabei lange ein Mittelpunkt, an dem das moderne Antiquariat die Masse und den Zufall lieferte, während das reguläre Sortiment die gezielte Beschaffung ermöglichte. Und irgendwann wurde aus dem gelegentlichen Bücherkauf eine Art flächendeckende Tätigkeit. Philosophie wurde in Zusammenhängen gekauft, die den einzelnen Autor übergriffen, Kunstgeschichte breitete sich über Monographien, Kataloge, Bewegungen und Künstlergruppen aus, und jeder Erwerb konnte einen Anschluss erzwingen, der auf keinem vorher entworfenen Plan gestanden hatte. Rhizomatisch hätte man das Wachstum später nennen können, wobei auch Deleuze irgendwann noch irgendwo in den Regalen landete und so selbst Teil jener Unübersichtlichkeit wurde, für die er ein so brauchbares Wort geliefert hatte.

Köln und Berlin

In Köln kam Walther König hinzu. Die 1969 in der Breite Straße gegründete und 1981 an die Ehrenstraße gezogene Buchhandlung für Kunstbücher war noch einmal etwas anderes, denn hier bewegte man sich mitten in einer Kunstwelt, die eng an Galerien, Künstler, Ausstellungskataloge und internationale Gegenwartskunst gekoppelt war. Die Bücher, die mich dort besonders anzogen, waren häufig teurer als meine Funde im modernen Antiquariat, dafür aktueller und spezieller, sodass König für mich weniger als Resterampe der Hochkultur denn als ihr nervöses Distributionszentrum erschien. Das beschreibt meine Kauferfahrung, nicht das ganze Geschäft: Zum Unternehmen gehörte früh auch ein Büchermarkt mit stark verbilligten Restauflagen von Ausstellungskatalogen. Die beiden Ökonomien berührten sich also schon im selben Haus. Ein Katalog konnte zunächst die Gegenwart der Kunst verkünden und später, am Sonderangebotstisch, ihre abgelaufene Aktualität noch einmal zugänglich machen. Wer wissen wollte, was gerade in Kunst, Fotografie, Concept Art, Fluxus oder Künstlerbuchproduktion geschah, war dort gut aufgehoben. Laden, Keller, Lager und die Nähe zu Galerien verdichteten sich zu einem Raum, in dem das Buch nicht bloß über Kunst berichtete, sondern selbst zum Kunstbetrieb gehörte. Zwischen Katalogen, an denen man sich auf den Tischen festblättern konnte, und Monographien, deren Gewicht in den Regalen dem Preis Konkurrenz machte, war die Kunst zugleich Gegenstand der Betrachtung und greifbare Investition. Das gestrichene Papier musste man manchmal gegen das Licht kippen, um die Reproduktion statt ihres Glanzes zu sehen. Schon diese kleine Bewegung brachte den Anspruch auf Anschauung mit der aufwendigen Herstellung zusammen, deren Kosten sich am Ende des Blätterns als Preis wieder meldeten. Walther König war weniger Kathedrale als Kunstmesse im Kleinformat, und die kulturelle Aktualität erschien hier mit ISBN, gestrichenem Papier und Preisschild. Schon die Kenntnis der Adresse konnte die Zugehörigkeit zu einem Gespräch anzeigen, das anderswo noch gar nicht begonnen hatte. Wer den wichtigen Katalog erkannte, einen gerade auftauchenden Künstler einordnen konnte und ohne Zögern zu den Künstlerbüchern fand, hatte einen Vorsprung, den kein Preisschild vollständig auswies. Dieses kulturelle Kapital blieb dennoch auf materielle Möglichkeiten angewiesen, auf die Zeit zum Blättern, die Fahrt nach Köln und gelegentlich eben das Geld, die aktuelle Kenntnis mit nach Hause zu nehmen. Neben einem blätterten Kunstinteressierte lange und konzentriert, als könne ein Ausstellungskatalog noch während des Stehens seinen Rang wechseln. Ein Käufer hob den Band an, prüfte Reproduktionen, Papier und Bindung und gelangte schließlich zu jener Zahl, an der Kennerschaft und Kaufkraft zusammentrafen. Man selbst versuchte, ebenso sachkundig auszusehen, bis der Preis jede soziologische Tarnung beendete. Eine teure Monographie durfte deshalb mehrere Anläufe beanspruchen. Ich nahm sie vom Tisch, spürte das gestrichene Papier, sah Reproduktionen, die größer und farbiger waren als alles, was zu Hause verfügbar war, und suchte dann den Preis. Es folgte eine kurze Rückkehr in die Wirklichkeit. Man stellte den Band zurück, ging zwei Tische weiter, führte dort ein erkennbar unkonzentriertes Interesse an anderen Büchern vor, kehrte zurück und nahm ihn wieder heraus. Irgendwann musste entschieden werden, wie groß die Begeisterung tatsächlich war und ob Paris, New York oder Kassel in Gestalt eines Kunstbandes mit nach Bonn durfte. Mit einem solchen Katalog kaufte man Information und hielt zugleich etwas vorzeigbar Gegenwärtiges in Händen, eine Eintrittskarte in ein Gespräch, bei dem es einen Unterschied machte, ob man von einer Ausstellung nur gehört oder ihre Bildfolge und Argumente zur Verfügung hatte. Geschmack und Kaufkraft ließen sich daran so wenig sauber trennen wie Begeisterung und der Wunsch, als jemand zu gelten, der auf der Höhe der Dinge war. Gerade deshalb bekamen die gezielt und nach langem Zögern erworbenen Bücher einen anderen Rang als die günstigen Remittenden. Die Bibliothek entstand aus zwei sehr verschiedenen Ökonomien: aus dem großzügigen Zufall des modernen Antiquariats und aus dem gelegentlichen Luxus des gezielten Kunstbuchkaufs.

Eine dritte Welt öffnete sich mit Zweitausendeins, das schon deshalb hervorragend zu unseren Interessen passte, weil dort die Grenzen zwischen Buch, Schallplatte, Film und kulturellem Restbestand systematisch missachtet wurden. Im Rückblick auf die verschiedenen Jahre liegt dort ein Buch neben einer LP, ein Film neben einer politischen Broschüre und eine wunderbare Restauflage neben etwas vollkommen Unnötigem, das man dann natürlich kaufte. Zweitausendeins hatte in Köln seinen festen Platz in dieser Beschaffungslandschaft, während meiner Berliner Zeit gehörte auch die dortige Filiale dazu. Der Berliner Laden lag, wie sich die Erinnerung anhand alter Adressangaben festmachen lässt, in der Kantstraße 41–42 nahe der Leibnizstraße. Die geringe Größe hinderte den Laden nicht daran, ein regelmäßiger Anlaufpunkt zu werden, denn seine Bedeutung lag in der besonderen Zusammensetzung des Sortiments, das eine kulturelle Seitentür zu sein schien, durch die Dinge gemeinsam hereinkamen, die im üblichen Warenhaus auf verschiedene Stockwerke verteilt gewesen wären. Man ging hinein, um nach einem bestimmten Buch oder einer Platte zu sehen, und kam mit einem Titel heraus, dessen Existenz man eine Viertelstunde zuvor nicht geahnt hatte. Zweitausendeins, 1969 in Frankfurt gegründet und seit 1974 mit dem Merkheft als Versand- und Verführungsorgan präsent, machte aus den Resten der Kulturindustrie eine Gegenökonomie. Vergriffenes, preisreduziertes, linkes, unkonventionelles oder im gewöhnlichen Sortiment schlecht unterzubringendes Material fand einen eigenen Vertrieb. Der niedrige Preis veränderte dabei das Risiko des Irrtums. Ein unbekannter Autor musste nicht mehr vor dem Kauf schon durch ein Dutzend Empfehlungen abgesichert sein, und für das Geld, das anderswo zu einer einzigen gut begründeten Anschaffung zwang, durfte man hier auch einer Vermutung nachgeben. Diese Freiheit war gekauft, aber sie war deshalb nicht unwirklich. Bücher, Musik und, im erweiterten Angebot späterer Jahre, Film standen ohne die übliche Hierarchie nebeneinander, als gehörten sie zu einer gemeinsamen Praxis der Neugier. Die Erinnerung legt hier verschiedene Phasen übereinander. Die Unternehmensgeschichte macht den frühen Zusammenhang konkreter: Im ersten Merkheft vom März 1974 gehörten Bob Dylans Planet Waves, linke Literatur, Robert Crumbs Cartoons und preiswerte Kunstbände zum Angebot. Der eng bedruckte kleine Katalog brachte solche Nachbarschaften schon auf dem Papier zustande, bevor der Kunde den Weg in einen Laden fand. Das Merkheft kündigte Attraktionen an, die man bis dahin nicht vermisst hatte, der Laden setzte die Verführung räumlich fort. In Köln wie in Berlin konnte der kurze Weg zwischen politischer Broschüre, LP, Restauflage und Film bereits einen Themenwechsel vollziehen. Der kulturelle Jahrmarkt von Zweitausendeins lebte davon, dass seine Kundschaft dem gewöhnlichen Konsum misstrauen und sich trotzdem mit beträchtlicher Hingabe auf dieses Warenhaus einlassen konnte. Eine Kaufabsicht verlor binnen Minuten ihre Form, ohne dass damit auch das Gefühl verloren ging, über den bloßen Kauf hinaus an etwas teilzunehmen. Selbst die Absage an die üblichen Hierarchien wurde zum erkennbaren Geschmack, und wer diesen Geschmack teilte, fand zwischen den Restposten zugleich sein Milieu. Dieses alternative Warenhaus war insofern auch eine Schule des Seitensprungs, in der sich die Treue zu den eigenen Interessen gerade dadurch bewähren konnte, dass man mit etwas ganz anderem nach Hause ging. Man kam mit drei Dingen heraus, von denen man beim Eintreten kein einziges hatte kaufen wollen, und empfand das nicht als Niederlage, sondern als gelungenen Besuch.

Berlin besaß eine eigene Buchlandschaft, in der die große Buchhandlung Kiepert am Ernst-Reuter-Platz besonders wichtig wurde. Für das gigantische Haus wurden Ende der neunziger Jahre mehr als 5.000 Quadratmeter Verkaufsfläche genannt, und es wurde tatsächlich als größte Buchhandlung Deutschlands beschrieben. Diese Angaben gehören zu einem späten Zustand des über Jahre gewachsenen Geschäfts, nicht zu einer unveränderten Kulisse sämtlicher Berliner Besuche. Solche Läden hatten einen Maßstab, der heute fast museal wirkt, weil eine Abteilung nicht nach drei Regalen endete, sondern einen eigenen Raum beanspruchte, in dem der kurze Einkauf zum Aufenthalt und der Aufenthalt zum Verschwinden werden konnte. Kiepert war durch Erweiterungen zu einer verwinkelten Topographie gewachsen, in der Taschenbücher, Landkarten und technisch-naturwissenschaftliche Literatur eigene Bereiche beanspruchten. Eine Reinigung wurde 1976 zur Taschenbuchabteilung, eine frühere Steinway-Filiale drei Jahre später zur Landkartenabteilung. Solche Umbauten, die ein zeitgenössischer Bericht festhält, lassen im Nachhinein verstehen, weshalb der Raum sich nicht wie eine einmal entworfene Übersicht anfühlte. Der Buchhandel hatte sich in die vorherigen Nutzungen der Stadt hineingeschoben, und wer zwischen den Fachgebieten unterwegs war, folgte damit auch den Gelegenheiten, unter denen das Unternehmen Fläche hinzugewonnen hatte. Die Orientierung des Lesers hing an Türen und Übergängen, die ebenso viel über Immobilien wie über Wissensordnungen verrieten. Man wechselte Stockwerke, bog in Fachgebiete ab, stieg Treppen hinauf und verlor den ursprünglichen Einkaufsgrund mit derselben Zuverlässigkeit, mit der man neue fand. Kiepert war Wissenswarenhaus, Universitätserweiterung und analoge Suchmaschine mit räumlicher Benutzeroberfläche. Wer die analoge Suchmaschine benutzte, gab seine Suchbegriffe gewissermaßen als Stockwerk, Regalschild und Abteilung ein und folgte Verknüpfungen, die aus Nachbarschaften, Treppen oder dem Hinweis eines Verkäufers bestanden, der sein Fachgebiet tatsächlich kannte. Dafür brauchte man Beine, Zeit und Orientierungsfähigkeit, erhielt aber ununterbrochen Treffer, nach denen man niemals gesucht hätte, und musste sich mitunter an einer anderen Person vorbeibewegen, bevor das eigene Thema wieder in Reichweite kam. Daneben lag mit der Dharma-Buchhandlung in der Akazienstraße eine andere Welt. Fernöstliche Philosophie, Buddhismus, Meditation und entsprechende Literatur bildeten dort kein Nebenregal, sondern eine vorstrukturierte geistige Umgebung. Was Kiepert durch Breite ermöglichte, verdichtete Dharma durch Spezialisierung, ohne dass das eine das andere überflüssig machte. Die Haltung zum Thema lag bereits in der Auswahl und der Nachbarschaft der Titel. Selbst der Wunsch nach Meditation, nach Abstand vom alltäglichen Getriebe, führte zunächst in ein Geschäft, in dem für die Literatur über solche Entlastung ein Preis zu zahlen war. Askese und Konsum mussten sich dort nicht als Feinde begegnen, sie konnten sehr höflich dieselbe Ausgabe empfehlen. Die soziale Temperatur dieser Räume lässt sich an den wiederkehrenden Bewegungen ihrer Kundschaft beschreiben, ohne daraus lauter datierbare Begegnungen zu machen. Vor historischen und philosophischen Regalen standen ältere Herren mit einer Ausdauer, die mir wie institutionelle Zuständigkeit vorkam. Studenten trugen Taschen und bereits erworbene Bücherstapel. Kunstinteressierte hielten Kataloge lange geöffnet, andere Kunden gingen ohne Zögern auf ein bestimmtes Regal zu. Der kundige Verkäufer konnte mit einem Satz eine unbekannte Verbindung herstellen. Niemand kontrollierte den Zugang, doch die Bewegungen verrieten, wer die unsichtbaren Karten schon kannte. Ein Jugendlicher konnte überallhin und musste erst lernen, dass er das durfte. Zur Bücherbeschaffung trat früh die Schallplattenbeschaffung. Zweitausendeins war ohnehin ein Hybrid, Köln besaß außerdem den eigentlichen Tempel des Tonträgers: Saturn am Hansaring. Eine bescheidenere Bezeichnung hätte angesichts der Auswahl kaum ausgereicht. Für Plattenkäufer war Saturn das Vinyl-Paradies der Erde und eine Adresse von überregionaler Bedeutung. Man fuhr nicht zufällig vorbei, sondern eigens hin. Schon die Anreise machte aus dem Einkauf eine kleine Expedition. Saturn war 1961 am Hansaring auf zunächst 120 Quadratmetern eröffnet worden, seit 1969 auch für Privatkunden zugänglich und warb in den siebziger Jahren mit der „größten Schallplattenschau der Welt“. Spätestens nach dem Umzug großer Abteilungen in das Hansahochhaus 1977 war die Auswahl nicht mehr bloß Sortiment, sondern räumliches Ereignis. Reihen von LPs, Fächer und Abteilungen bildeten ein Zeichensystem. Man zog eine Platte heraus, betrachtete Cover, Label und Preis, stellte sie zurück, ging zwei Schritte und kehrte um. Als akustische Kirmes neben der Bibliothek ließ Saturn die Ware selbst laut werden, wo im Buchladen noch gedämpft gesprochen wurde. Cover, Labels, Importe und Abteilungen wollten ebenso gelernt sein wie Verlage und Buchreihen. Auch die Musik verlangte diese Beschaffungskunst, denn manche Importe tauchten nur zeitweise auf und hinterließen bei dem, der zu spät kam, weniger eine abstrakte Versorgungslücke als die sehr bestimmte Erinnerung an eine Platte, die noch vor Kurzem im Fach gestanden hatte. Wer zu spät kam, hatte Pech, und das leise Aneinanderreiben der Hüllen beim Durchsehen war für den Sammler deshalb mit einer Dringlichkeit verbunden, die von außen kaum vernünftig aussah.

London und die kurze Halbwertszeit der Gelegenheit

Mein Vater, dessen Karl-May-Lektüren und Science-Fiction-Käufe zur familiären Vorgeschichte meiner eigenen Bibliothek gehörten, kannte dieses Prinzip ebenso gut. Die Begeisterung wanderte zwischen uns und wechselte nur ihre bevorzugten Planeten, Autoren und Formate. Auf Reisen gewann die Regel „Entweder jetzt oder vielleicht nie“ besondere Schärfe, und London bildete dafür ein eigenes Kapitel, mit Foyles im alten Haus 111–119 Charing Cross Road als maßgeblicher Adresse. Die Stadt ließ sich so auch als Folge möglicher Bücherfunde lesen, zwischen denen der verfügbare Tag und der Platz im Gepäck verteilt werden mussten. Dass Foyles tatsächlich so groß war, wie man es erinnert, gehört zu den seltenen Fällen, in denen das Gedächtnis kaum übertreiben musste. Die Größenangabe von rund dreißig Meilen Regallänge wird in der Buchhandelsgeschichte mit dem Ausbau beziehungsweise Umzug von 1929 verbunden. Als Zahl der späteren Selbstdarstellung gab sie dem Anspruch des Hauses eine Maßeinheit, die zwischen den Regalen weniger zum Nachmessen als zum Verlieren der eigenen Übersicht einlud. Über Jahrzehnte galt es als eine der größten, wenn nicht die größte Buchhandlung der Welt. Die riesigen Bestände des alten Foyles verbanden sich mit einer organisatorischen Anarchie, an der jede Vorstellung von klinisch optimierter Buchhandelsmaschine schon nach wenigen Schritten scheitern konnte. Regale und Abteilungen bildeten ein Labyrinth, manches war nach Verlagen statt nach Autoren oder Sachgebieten geordnet. Zwischen Neuware standen Titel, die lange genug gelegen hatten, um in anderen Läden längst verschwunden zu sein. Diese veraltete Neuware war ein Widerspruch mit Schutzumschlag: im Verkauf überholt, für die eigene Frage möglicherweise erst jetzt gegenwärtig und gerade deshalb kostbar. Dass nicht jeder lange liegen gebliebene Fachtext noch sachlich aktuell war, gehörte freilich zur Prüfung des Fundes. Das Alter konnte ein Buch verfügbar halten, ohne ihm die Verantwortung für seinen Inhalt abzunehmen. Selbst das Bezahlen wurde zur Expedition. Ein Mitarbeiter schrieb einen Bon aus, mit dem man eine separate Kasse suchte. Nach dem Bezahlen kehrte man in die Abteilung zurück und erhielt gegen den quittierten Zettel das Buch. Foyles organisierte den Erwerb so umständlich, dass er als bestandene Prüfung gelten durfte. Die Ehrfurcht vor der Menge bekam spätestens auf dem Kassenweg etwas Lächerliches, denn der Kunde, der eben noch vor einem Wissensvorrat gestanden hatte, musste nun als Pilger mit Laufzettel seine Zahlungsfähigkeit an anderer Stelle bestätigen lassen. Der handgeschriebene Bon machte den Wunsch zu einem Verwaltungsfall, und auf dem Rückweg zum erworbenen Buch lag schon wieder ein Teil des Sortiments. Das Kathedralenhafte des Hauses ließ sich so kaum von seinem Lagerbetrieb und dem umständlichen Basar trennen. Selbst ein falscher Weg konnte zur Recherche werden, wenn man die gesuchte Abteilung verfehlte und mit einem unerwarteten Fund zurückkehrte. Die lange Vorhaltung der Bestände und die erzwungenen Umwege gaben dem Zufall mehr Zeit. Produktiv war diese Ineffizienz allerdings aus Sicht des stöbernden Lesers, nicht notwendig aus Sicht eines Kunden, der dringend einen bestimmten Titel brauchte und an der Unordnung verzweifelte. Dass dasselbe Haus beides hervorrufen konnte, gehörte zu seiner widersprüchlichen Größe. Bei Foyles ließ sich tatsächlich finden, was in Deutschland kaum oder gar nicht erhältlich war, besonders englische und amerikanische Taschenbücher, Science-Fiction, Fachliteratur und alles außerhalb des deutschen Sortiments. Den Eindruck des Hauses könnte ich in die Maxime fassen: „Wenn Foyles es nicht hat, hat es niemand.“ Als Zusammenfassung seines Versprechens, nicht als wortgetreu überlieferter Werbespruch, trifft der Satz den leicht größenwahnsinnigen Klang eines Geschäfts, in dem jeder weitere Regalgang die Aussicht auf einen Fund noch einmal verlängerte. Daneben gab es W. H. Smith, eine sehr britische Mischform aus Zeitschriftenhandel, Bahnhofsbuchhandlung, Papierwarengeschäft und Buchladen. Weniger feierlich als Foyles, war diese Mischung gerade deshalb interessant. Man ging wegen einer Zeitung hinein und fand ein Taschenbuch. Magazine, Reisebedarf, populäre Literatur und Science-Fiction gehörten zu einer alltäglichen Handelslandschaft, in der Bücher nicht erst durch das Portal eines Tempels treten mussten. Das Unternehmen hatte 1848 in Euston seinen ersten Bahnhofsbuchstand eröffnet und verband seitdem Zeitungsdistribution, Reiselektüre und Buchverkauf. In der Erinnerung bleibt davon eher der Papierwarenladen als die Kathedrale, mit kürzeren Wegen und einer beiläufigeren Mischung, in der das Papier schon durch die Nachbarschaft zu Schreibwaren seinen höheren Weihegrad verlor. Zwischen Zeitung und Reisebedarf durfte ein Taschenbuch zunächst einfach nützlich sein, etwas für die Wartezeit, und musste seine kulturelle Zuständigkeit nicht eigens behaupten. Zwischen Zeitschriften und Reisebedarf konnte einem ein Paperback begegnen, das man nicht gesucht hatte. Als profane Alltagsvariante des Buchhandels stellte W. H. Smith die Literatur mitten in den Reiseverkehr. Dort konkurrierte sie mit Zeitung, Schreibwaren und allem, was man am Bahnhof noch rasch zu benötigen glaubte.

Bei Woolworths bekam diese Regel einmal die Präzision einer Viertelstunde. Mein Vater sah im Untergeschoss einen ganzen Stapel Science-Fiction-Taschenbücher, nahm ihn wahr, prüfte ihn, kaufte ihn aber nicht sofort. Vielleicht wollte er noch etwas anderes ansehen, vielleicht nur in Ruhe entscheiden. Die Erinnerung bewahrt die Verzögerung genauer als ihren Grund. Als er ungefähr eine Viertelstunde später zurückkam, war der Stapel weg. Nicht reduziert, nicht umgeräumt, nicht vorübergehend unsichtbar: weg. Jemand anderes hatte schneller verstanden, dass Nachdenken im alten Buchhandel eine kostspielige Tugend sein konnte. Dass selbst Woolworths zur Bücherquelle werden konnte, passte zur Warenwelt der siebziger Jahre, in der Bücher in großen und wechselnden Mengen an unerwarteten Orten auftauchten. Die Unternehmensgeschichte belegt für die siebziger Jahre unter anderem eigene preiswerte Buchreihen. Unser Science-Fiction-Stapel im Untergeschoss hat dagegen seinen Platz in der Familienerinnerung, die keine vollständige Titelliste überliefert, dafür aber die Geschwindigkeit, mit der eine eben noch verfügbare Möglichkeit verschwinden konnte. In den Untergeschossen solcher Kaufhäuser tauchten preiswerte Bücher, Restbestände und Taschenbuchstapel auf. Für die Science-Fiction-Beschaffung nahm dieses wechselnde Angebot in jener Geschichte meines Vaters eine fast boshafte Form an: Der Entschluss, einen ganzen Stapel mitzunehmen, konnte nach einem kurzen Gang durch den Laden und vielleicht einer Viertelstunde Überlegung bereits gegenstandslos geworden sein. Dass der Stapel verschwunden war, weil jemand anderes schneller reagiert hatte, sagt über die damalige Beschaffungslogik mehr als manche Marktanalyse. Heute würde man den Titel fotografieren und später nach einer bestellbaren Ausgabe suchen. Damals bildete der physische Bestand zunächst die ganze erreichbare Wirklichkeit, und sein Verschwinden war keine vorübergehend ausblendbare Bildschirmmeldung. Ob das Buch irgendwo anders wieder auftauchen würde, wusste niemand, der eigene Reiseplan jedenfalls wartete nicht darauf. Weil gerade Importware hochgradig zufallsabhängig war, kaufte mein Vater Anfang der siebziger Jahre auch eine der damaligen Tolkien-Taschenbuchausgaben und überhaupt große Mengen Science-Fiction, A. E. van Vogt, Heinlein und andere Autoren, daneben sogar französische Science-Fiction. England war für ihn damit noch einmal eine eigene Beschaffungszone. Das Sortiment war größer, die englischsprachigen Originale waren verfügbar, und man konnte Autoren kennenlernen, die im deutschen Buchmarkt entweder verspätet oder nur in Auswahl auftauchten. Gerade Science-Fiction lebte von einer Jagd, bei der man nicht nur nach Autoren, sondern nach Ausgaben suchte, weil Cover und Verlage eine Rolle spielten und die materielle Gestalt zum Versprechen des Inhalts gehörte. Eine Ausgabe aus England oder den USA hatte eine andere Aura als eine deutsche Übersetzung. Das einzelne Buch blieb die Beute eines konkreten Ortes und führte doch weit über ihn hinaus: Van Vogts labyrinthische Wirklichkeiten machten die Sicherheit des Wahrnehmens brüchig, Heinleins technische und politische Gesellschaftsentwürfe ließen Regeln menschlichen Zusammenlebens probeweise austauschen, und Tolkien zeigte mit seiner aus Sprache, Geschichte und Geographie gebauten Welt, dass selbst die scheinbar beiläufigen Namen einer Landschaft zu einer anderen Ordnung gehören konnten. Tolkien war dabei kein Science-Fiction-Autor, aber innerhalb unserer Lektüren gehörte seine Fantasy zu derselben Entdeckung, dass eine Welt nicht bloß Schauplatz einer Handlung sein muss, sondern selbst entworfen werden kann. Was bei Karl May als Reise in die Ferne begonnen hatte, wurde hier zur Frage, unter welchen Regeln eine andere Wirklichkeit überhaupt funktionieren würde. Solche Entwürfe waren weder untereinander einig noch von vornherein politisch wünschenswert. Gerade der Abstand zwischen ihnen verhinderte, dass alternative Welt einfach zum Synonym für bessere Welt wurde. Man konnte sich von einer Ordnung faszinieren lassen und im nächsten Buch die Voraussetzungen dieser Faszination wieder verlieren.

Am Ende einer Londonreise lag die Beute auf dem Bett, und nun begann die weniger geistige Abteilung des Unternehmens. Zwischen Hemden und Hosen kamen zuerst die dünnen Paperbacks, Rücken an Rücken und in jede Lücke, dann die größeren Bände, die sich nicht biegen ließen und schon beim Einpacken so taten, als gehörte ihnen der Koffer. Ein letzter Band ging eigentlich nicht mehr hinein, ging dann aber doch hinein, weil Bücherkäufer auf diesem Gebiet über eine eigene, von keiner Physik gedeckte Zuversicht verfügen. Damit wurde Reisen zwangsläufig zu einer Transportfrage, denn Bücher waren schwer, und zwar sehr schwer, sobald mehrere geistige Interessen gleichzeitig auf ihrer materiellen Beförderung bestanden. Man kaufte sie begeistert und stellte erst später fest, dass ein Koffer physikalische Gesetze kennt, die sich von literarischer Begeisterung nicht beeindrucken lassen. Weil Kleidung sich zusammendrücken ließ, Bücher jedoch nicht, wurden sie wie Briketts nach Deutschland geschleppt. Ein Kunstband konnte sich im Koffer so breitmachen, als zahle er selbst Übergepäck. Dünne Paperbacks ließen sich noch in Lücken schieben, mehrbändige philosophische Ausgaben bestanden dagegen auf ihrem Volumen, und die schweren Kunstdruckbände mit gestrichenem Papier entwickelten eine Dichte, als hätten sie beschlossen, den Koffer von innen zu mauern. Wenn Griffe in die Hand schnitten und Treppen sich verlängerten, wurde Bildung spätestens auf dem Bahnsteig zu einer Übung für Unterarme, an deren Ende die denkbar knappe materialistische Erkenntnis stand: Der Geist hatte Gewicht. Diese materielle Seite des Lesens verschwindet aus der digitalen Beschaffung, besteht aber für jeden fort, dessen Bibliothek Holzregale, Papier, Staub, Rückenbreiten und Quadratmeter beansprucht. Von Wohnung zu Wohnung getragen, bestanden die Bücher bei jedem Umzug erneut auf ihrem Recht, nicht bloß Gedanken zu sein, und die Tragetasche, die im Laden noch eine glückliche Entscheidung enthalten hatte, erklärte auf der nächsten Treppe sehr genau, was diese Entscheidung wog. Wer eine größere Bibliothek besaß, lernte spätestens beim dritten Umzug, dass die abendländische Geistesgeschichte erstaunlich viele Kisten benötigt. Trotzdem wuchs die Bibliothek weiter, und sie wuchs aus Karl May und Science-Fiction, aus Nietzsche und Heidegger, aus Schopenhauer und politischer Theorie, aus Max Frisch, Brecht, Lessing, Goethe und Schiller, aus Kunstbüchern, Concept Art, Objektkunst, Dalí, Ausstellungskatalogen, Philosophie, Psychologie, fernöstlicher Literatur und allem, was sich im modernen Antiquariat überraschend günstig auftreiben ließ.

Die Bibliothek als Warenarchäologie

Das Entscheidende ist, dass diese Bibliothek nie entworfen wurde. Niemand setzte sich mit siebzehn Jahren hin und schrieb einen Masterplan für die nächsten vierzig Jahre Bücherbesitz. In ihren Sedimenten lagerte sich ein Interesse über dem anderen ab, ohne die älteren Schichten ganz zu verdecken. Was später unwichtig schien, konnte stehen bleiben, ein für Jahrzehnte verschwundener Autor unvermutet zurückkehren und ein jahrelang ungelesenes Buch seinen Augenblick bekommen, sobald eine neue Frage die bisher stumme Nachbarschaft in eine Verbindung verwandelte. Gerade die Remittenden verstärkten diesen Zufallscharakter. Gegenüber dem regelmäßigen Kauf von Neuerscheinungen, der stärker dem Takt des aktuellen Angebots folgte, geriet man im modernen Antiquariat in eine verschobene Zeit, in der die Saison des Marktes und die Saison des eigenen Interesses auseinanderfallen durften. Ein drei, fünf oder zehn Jahre altes Buch tauchte erneut auf, weil ein Verlag, Zwischenhändler oder Buchhändler seine Bestände bereinigt hatte. In dieser Bewegung wurde die Bibliothek zum Nebenprodukt kapitalistischer Überproduktion. Ein Verlag konnte die Nachfrage überschätzt, ein Sortiment das richtige Buch am falschen Ort angeboten haben, und aus dieser Fehlkalkulation erhielt ein anderer Käufer eine zweite Möglichkeit. Die Preisreduktion übersetzte den ausgebliebenen Absatz in neue Erreichbarkeit, ohne dass am Text eine Zeile verbessert worden wäre. Nicht jede Rücksendung bedeutete deshalb das endgültige Scheitern eines Titels, doch gerade die in den preisreduzierten Kreislauf geratenen Bestände ließen den Widerspruch greifbar werden: Der wirtschaftlich nachlassende Wert konnte den kulturellen Gebrauch erst ermöglichen. Das Mängelexemplar konnte insofern wie eine kleine demokratische Institution wirken. Der schwarze Strich am Schnitt oder der Stempel war das sichtbare Zeichen, die tatsächliche Beschädigung oder eine anderweitige Preisfreigabe der sachliche Hintergrund, und für den Käufer rückte ein zuvor unerschwingliches Buch ins Budget. Die Verletzung der Ware rettete in dieser Erfahrung den Inhalt für einen Leser, der auf die makellose Hülle verzichten konnte. Demokratisch wurde das Angebot damit noch nicht für alle: Man brauchte weiterhin einen Laden in Reichweite, Zeit zum Suchen und genug Vorwissen, um das günstige Buch überhaupt als Gelegenheit zu erkennen. Schwarzer Strich, Stempel auf dem Vorsatz und gestauchte Ecke wurden zu sichtbaren Übergangszeichen. Das Buch war durch Hände, Kartons, Rücksendungen und Lager gegangen. Seine gescheiterte Warenkarriere ließ sich am Gegenstand ablesen. Genau diese kleine Beschädigung machte es zum Geburtshelfer der privaten Bibliothek, zum Zufallsgenerator und zum Baustein einer Bildung, die sich aus den Rechenfehlern des Marktes zusammensetzte.

Das ist fast zu schön, um nur buchhändlerisch verstanden zu werden. Die Bibliothek entstand zu einem erheblichen Teil aus Büchern, die der Markt nicht mehr recht wollte und die man gerade deshalb erwerben konnte, ohne den eigenen Wunsch vorher auf das Maß des regulären Ladenpreises zurückzunehmen. In jener verdichteten Bedeutung, die das Wort in meiner Erinnerung annahm, war die Remittende das Buch nach seiner ersten Niederlage im Warenverkehr: nicht verkauft, zurückgeschickt und dann, soweit es in diese Nebenökonomie gelangte, reduziert, gegebenenfalls als Mängelexemplar abgestempelt und in einen neuen Kreislauf gegeben. Dort stand jemand im modernen Antiquariat, nahm es in die Hand und dachte: großartig. Aus Sicht des Marktes war es Rest, aus Sicht der entstehenden Bibliothek Anfang. Seine Herkunft aus der Warenwelt verlor es dabei nicht. So erklärt sich die eigentümliche Heterogenität vieler privater Bibliotheken jener Zeit. Sie spiegelten nicht nur die Interessen ihrer Besitzer, sondern ebenso die Distributionsgeschichte des Buchhandels. Ein obskures Kunstbuch aus Italien stand womöglich allein deshalb im Regal, weil es bei Bouvier für zwölf Mark gelegen hatte. Drei Bücher über einen Künstler und keines über einen anderen konnten vorhanden sein, weil genau jene drei als Restauflage aufgetaucht waren. Private Geistesgeschichte bezog ihre Rohstoffe aus öffentlichen Absatzproblemen. Die Bibliothek war daher niemals nur geistige Autobiographie. Als Warenarchäologie ließ sie zugleich erkennen, was anderswo nicht verkauft worden war und nun in einem anderen Zusammenhang kulturellen Wert gewann. Aus diesen Resten entstand dennoch ein erstaunlich systematischer Bestand. Irgendwann hatte man genug Nietzsche, um Nietzsche nicht mehr zufällig zu besitzen, genug Kunstbücher für eine Kunstbibliothek und genug Philosophie, damit aus einzelnen Autoren ein Feld wurde. Wiederholt und vervielfacht, begannen die zufälligen Käufe einander zu beantworten oder zu widersprechen, bis ihre Häufung eine Struktur erkennen ließ, die nachträglich weit planvoller aussah, als sie entstanden war. Zwischen dem Überschuss des Marktes, seiner provisorischen Ordnung in der Buchhandlung und der biographischen Verbindung durch den Leser entstand private intellektuelle Form. Dabei blieben auch die Lücken ökonomisch mitbestimmt: Das fehlende Buch musste keineswegs uninteressant gewesen sein, vielleicht war es einfach zu erfolgreich, um je auf meinem Sonderangebotstisch zu landen. Die Warenarchäologie der Bibliothek erschloss deshalb auch eine Geschichte unterbliebener Lektüren, deren Abwesenheit sich leicht als persönliche Geschmacksentscheidung missverstehen ließ.

Zur Selbstbildung trat selbstverständlich die Selbstdarstellung. Wer fünf Bände Nietzsche, eine Schopenhauer-Ausgabe, Heidegger, Kunstmonographien und politische Theorie sichtbar im Regal stehen hatte, machte aus vermeintlich innerlichem Geist ein Möbelstück mit weltanschaulichem Überschuss, das neben seinen Autoren unweigerlich den Besitzer ausstellte. Schon die Entscheidung, welche Rücken auf Augenhöhe standen und welche in den schwer erreichbaren Bereich rückten, konnte eine Rangordnung anzeigen, auch wenn zunächst nur die Höhe der Kunstbände das Umräumen erzwungen hatte. Anders als bei späterer Markenmode war dieser demonstrative Konsum schwer zu entschlüsseln. Wer von Sein und Zeit beeindruckt sein sollte, musste immerhin wissen, dass Sein und Zeit existierte. Ein teurer Mantel gab seinen Preis ungefähr zu erkennen. Eine Schopenhauer-Gesamtausgabe beeindruckte nur Besucher, die wussten, wer Schopenhauer war und weshalb so viele Bände nicht bloß ein Statikproblem darstellten. Dieser conspicuous consumption setzte eine Art Eintrittsprüfung voraus, denn die Distinktion blieb verschlüsselt und konnte bei einem Besucher, der den Code nicht kannte, vollständig ausfallen: Wo der Besitzer eine geistige Physiognomie auszustellen hoffte, sah der andere lediglich sehr viel bedrucktes Papier. Gerade die Möglichkeit eines solchen wirkungslosen Auftritts machte die Sache sympathischer und lächerlicher zugleich. Das kleine Theaterstück über den Besitzer lief neben der Selbstbildung weiter und wirkte an ihr mit. Die Bibliothek wurde zur Habitusmaschine, sobald ihre Namen und Unterscheidungen in die Aufmerksamkeit eingingen, Gespräche beeinflussten, Ausstellungsbesuche nahelegten und politische oder ästhetische Urteile wahrscheinlicher machten. Was man oft genug im Regal gesehen hatte, kam einem irgendwann selbstverständlich vor, und von dieser Selbstverständlichkeit ließ sich kaum noch abziehen, wie viel Lektüre, Nachahmung, Eitelkeit und bloßer Sammeltrieb an ihr beteiligt waren. Das Regal konnte anzeigen, wer man werden wollte, aber auch einen Anspruch formulieren, dem das tatsächliche Lesen noch beträchtlich hinterherhinkte. Unterdessen veränderte der Besitz den Raum mit einer Beharrlichkeit, die keine weltanschauliche Rechtfertigung brauchte: Erst nahm ein Brett Bücher auf, dann verlangten die Bücher ein weiteres Brett, später eine Wand und schließlich Entscheidungen darüber, welche anderen Möbel unter den gegebenen geistigen Verhältnissen noch nötig seien. Maßlosigkeit ließ sich dabei leicht übersehen, denn jeder einzelne Kauf erschien vernünftig. Ein Buch kostete vergleichsweise wenig, zehn schon mehr, hundert gingen als Bibliothek durch und tausend erzeugten ein Raumproblem, dessen Entstehung sich gerade deshalb nicht datieren ließ, weil auf jeder Stufe noch die Vernünftigkeit der nächsten Einzelanschaffung einleuchtete. Niemand beschloss bewusst, ab heute ein Raumproblem zu erzeugen. Man kaufte jeweils nur noch dieses eine und dann ein weiteres, zumal bei Bouvier gerade ein Mängelexemplar lag und König einen Katalog anbot, auf den zu verzichten nun wirklich unvernünftig erschien.

War eine Ausgabe in London billiger, musste man die Reise nutzen, lag bei Zweitausendeins ein anderer Band zu diesem Preis, konnte man ihn nun wirklich nicht liegen lassen, und so erhielt jeder weitere Kauf seine eigene, für den Moment vollkommen überzeugende Begründung. Dass Jahrzehnte später die Regale voll standen, bildet vielleicht die eigentliche Pointe der ganzen Geschichte, weil niemand den Zustand geplant hatte, obwohl jeder einzelne Kauf begründbar gewesen war. Was rückblickend als Ergebnis eines heroischen Bildungswillens imponieren konnte, war aus einer langen Serie plausibler Einzelentscheidungen hervorgegangen, deren Beteiligte sich über den künftigen Endzustand erstaunlich wenig verständigt hatten. Sie entstand aus Büchereikarten, aus Stadtbibliotheken, aus Herrn Brandts Bestellungen, aus Bouvier, Röhrscheid, Lempertz, Behrendt und König & Wolff, aus dem modernen Antiquariat von Herrn Oberg, aus Walther König in Köln, aus Kiepert am Ernst-Reuter-Platz, aus Dharma in der Akazienstraße, aus Zweitausendeins in Köln und Berlin, aus Foyles und W. H. Smith, aus Woolworths-Basements, aus Saturn-Schallplattenkäufen, aus Londoner Koffern und aus Stapeln, die verschwanden, wenn man eine Viertelstunde zu lange überlegte. Vor allem entstand sie aus der Remittende, vielleicht dem angemessensten Ursprung einer Bibliothek überhaupt, weil nicht das makellose, gerade erschienene Buch aus dem Schaufenster am Anfang stand, sondern jenes Exemplar, das bereits eine kleine Warenbiographie hinter sich hatte, nicht verkauft, zurückgeschickt, abgeschrieben, mit einem Stempel versehen und im Preis reduziert worden war, bis jemand kam und sagte: Das nehme ich. So wird aus dem Ladenhüter Literaturbesitz, aus dem Warenrest Erinnerung und aus vielen kleinen Fehlkalkulationen des Buchmarkts schließlich eine private Geistesgeschichte, deren Geburt aus dem Geist der Remittende viel heroischer eigentlich nicht erzählt werden muss.

Vielleicht muss man für diese ganze Geschichte noch deutlicher sagen, dass der Aufbau einer Bibliothek nicht nur eine äußere Angelegenheit war. Mit den immer zahlreicheren Büchern in den immer zahlreicheren Regalen veränderte sich der Leser selbst, dessen Interessen nun an Gegenständen hafteten, die ihn aus dem stillen Innenraum wieder hinausführen konnten. Bücher entschieden mit darüber, wohin man ging, welche Ausstellung man sehen wollte, welche Buchhandlung man aufsuchte, welchen Künstlernamen man sich merkte, welche politische Pose künftig verdächtig wirkte und bei welchem öffentlichen Unsinn man nicht mehr schweigend vorbeikam. Man kaufte Gegenstände und erhielt Zugänge zu Welten, die sonst kaum erreichbar gewesen wären. Ein Buch konnte eine Philosophie, Epoche, Kunstbewegung, politische Theorie oder fremde Literatur eröffnen. Es war für mich früh das zentrale Aneignungsmedium der Kultur und zugleich eine Gebrauchsanweisung zur Veränderung der eigenen Aufmerksamkeit. Was Nietzsche am moralischen Blick verschob, konnte in einer anderen Weise wiederkehren, wenn Fluxus Handlungen, Unterbrechungen und Situationen als Kunst lesbar machte oder Concept Art den Werkbegriff bereits mit einer Idee ins Wanken brachte. Die gemeinsame Erfahrung lag weniger in einer Lehre als im Verdacht, dass die vertraute Ordnung der Dinge nicht die einzig mögliche war. Science-Fiction konnte Gesellschaften probeweise anders organisieren, Pardon politische Respektlosigkeit vorführen, ein subversives Buch den Leser aus der Zuschauerrolle locken, ohne dass daraus ein verbindlicher Lehrplan oder eine neue Bildungsreligion entstand. Manchmal genügte eine Pointe, ein Bild, ein Name oder eine irritierende Seite, um auf dem nächsten Weg durch die Stadt etwas zu sehen, an dem man zuvor vorbeigegangen wäre. Die Literatur wurde in solchen Übergängen gebraucht, nicht nur verstanden. Und das Gebrauchen blieb riskant, denn ein Buch konnte eine gute Frage ebenso in Gang setzen wie eine allzu bereitwillig übernommene Pose. Das Fernsehen faszinierte ebenfalls, war in der damaligen Nutzung aber stärker an den Augenblick gebunden: Das Gesehene ging vorüber, ein Buch ließ sich behalten, zurückschlagen, markieren, gegen ein anderes stellen und Jahre später wieder hervorholen. Vor allem konnte ich mich darin tiefer verlieren. Die größere Zeit, die es verlangte, kam als Möglichkeit zurück, einem Gedankengang bis an eine Stelle zu folgen, an der selbst die eigene ursprüngliche Frage nicht mehr ganz dieselbe war. So wurde die Bibliothek zum Außenlager des eigenen Bewusstseins, allerdings zu einem, dessen Bestände sich nicht einfach wie eingelagerte Möbel unverändert wieder abholen ließen. Ein teilweise vergessener Gedanke stand noch da, aber wer ihn nach zwanzig Jahren aufsuchte, brachte zwanzig Jahre anderer Lektüren und Erfahrungen mit. Die spätere Lektüre schrieb an der früheren mit, und die materielle Gleichheit des Buches machte die Veränderung des Lesers erst bemerkbar. Schopenhauer veränderte rückwirkend Nietzsche, Kant veränderte Schopenhauer, und ein später entdeckter Künstler konnte einen lange bekannten Dalí-Band aus der dekorativen Ecke wieder in eine offene Frage verwandeln. Lesen, Wahrnehmungsveränderung, Haltung und Handlung bildeten dabei keine automatische Kette. Sie waren ein offener Zusammenhang, in dem Text und Erfahrung einander fortgesetzt umschrieben.

Gerade darin lag auch eine eigentümliche Form von Selbstveränderung. Man kaufte Bücher, weil man die Welt kennenlernen wollte, aber während des Lesens veränderte sich das, was man überhaupt wissen wollte. Nietzsche führte zu Schopenhauer, Schopenhauer zu Kant, Heidegger zu ganz anderen Fragen, Kunstbücher führten von Dalí zu Concept Art, von dort zu Fluxus, Objektkunst und schließlich zu Künstlern, von denen man vorher nicht einmal den Namen kannte. Die Bibliothek erzeugte ihre eigene Fortsetzung, weil mit jedem neu verstandenen Zusammenhang auch eine neue Lücke bestimmbar wurde. Ein Name in einer Fußnote, eine abweichende Reproduktion oder ein Widerspruch zwischen zwei Autoren konnte den gerade abgeschlossenen Kauf nachträglich unvollständig erscheinen lassen. So entstand ein Netz von Anschlusszwängen, in dem man irgendwo begann und nach Jahren in völlig anderen Gegenden ankam. Der Zwang war selbst gemacht und häufig lustvoll, aber doch spürbar: Wer wissen wollte, warum der eine dem anderen widersprach, musste noch einmal los, suchen, bestellen, warten oder die Frage vorläufig offenlassen. Ein Pardon-Stück konnte den nächsten Gang zu Bouvier auslösen, ein Kunstkatalog den Besuch einer Ausstellung, eine Science-Fiction-Idee den Blick auf die vermeintliche Alternativlosigkeit der eigenen Gesellschaft verändern. Van Vogt verwandelte Wirklichkeit in ein Labyrinth, Heinlein konstruierte technische und politische Möglichkeiten, Tolkien führte vor, dass eine Welt nicht nur behauptet, sondern durch Sprache, Geschichte und Geographie gebaut werden konnte. Solche Bücher gaben keine verlässlichen Handlungsanweisungen, aber sie lockerten die Schrauben an dem Satz, alles müsse bleiben, wie es sei. Natürlich konnte man auch einfach zur Unterhaltung lesen, und die schönste Lektüre blieb oft jene in hermeneutischer Unschuld, die sich noch am Buchstaben festmachen ließ. Doch gerade das Vergnügen, in einen Text hineinzufinden, konnte über die Freizeitbeschäftigung im engeren Sinne hinausführen, sobald sich mit dem Begriffsarsenal auch das änderte, was außerhalb der Lektüre auffiel. Nach Nietzsche sah manches anders aus, ohne dass die neue Begrifflichkeit sofort größere Klarheit garantiert hätte. Man konnte nun auch auf anspruchsvollere Weise verwirrt sein und diesen Fortschritt zunächst für Erkenntnis halten. Nach Heidegger konnte man bestimmte Wörter kaum noch unschuldig benutzen. Die Kunstbücher veränderten den Blick auf Bilder, die politische Literatur die Wahrnehmung gesellschaftlicher Verhältnisse, und beides griff ineinander, sobald man zu fragen begann, welche Ordnung eine Darstellung selbstverständlich machte und welche Erfahrungen sie ausblendete. Der Bildungsweg wurde dadurch nicht geradliniger. Er bestand in einer ständigen Erweiterung und gelegentlichen Verwirrung der eigenen Welt, in der die nächste Gewissheit jederzeit von einem Buch bedroht werden konnte, dessen Kauf man eben noch für einen harmlosen Glücksfall gehalten hatte.

Das erklärt vermutlich auch meine relativ frühe Bindung an den Spiegel. Tageszeitungen interessierten mich weniger, weil ich vieles dort als zu schnell produziert empfand, zu sehr auf den täglichen Nachrichtenfluss verpflichtet und deshalb auch stilistisch oft als dahingeschludert. Natürlich gab es hervorragende Zeitungsautoren, und gelegentlich las ich auch die Zeit oder die Frankfurter Allgemeine, aber beides blieb für mich eher sporadisch. Der Spiegel wirkte auf mich kompakter und geschlossener, mit einem Ton, der schon im einzelnen Satz erkennen ließ, dass hier nicht nur Nachrichten eintrafen, sondern eine Redaktion ihre Sicht auf die Welt organisierte. Nachts lag das schwere Heft mit seinen engen Spalten auf der Bettdecke, und wenn der Schlaf nicht kommen wollte, begann einer jener Fremdautoren-Essays, die nach drei Seiten noch immer nicht daran dachten, ihr Thema freiwillig zu räumen. Man merkte, dass dort eine Redaktion einen Stil produzierte und nicht nur Meldungen sammelte. Dieser alte Spiegel unterschied sich dabei deutlich von dem, was man heute mit einem Nachrichtenmagazin verbindet. Das Heft enthielt regelmäßig lange Kulturstücke, Buchbesprechungen und Beiträge von externen Autoren, die sich über viele Seiten erstrecken konnten. Hans Platscheks Besprechung von Wolf Vostells „Aktionen. Happenings …“ lässt sich im Archiv in Heft 3/1971 verorten. Für die Erinnerung an die ausgedehnten Kultur- und Literaturstücke steht sie als konkreter Fund, ohne dass ihre eigene Länge schon das ganze damalige Spektrum belegen müsste. Für jemanden, der nachts nicht schlafen konnte, war das ideal. Man konnte sich mit einem dieser irrwitzig langen Essays ins Bett legen und entweder etwas lernen oder irgendwann einschlafen. Insofern war der Spiegel gelegentlich zugleich intellektuelle Nahrung und Insomnia-Behandlung. Die engen Spalten und das auf der Bettdecke liegende Heft gaben dieser Lektüre ein anderes Tempo als die rasche Nachricht. Eine Seite versprach noch eine Seite, und selbst der Wunsch einzuschlafen konnte an der unangemessenen Neugier scheitern, wie der Autor aus seinem eben angelegten gedanklichen Durcheinander wieder herausfinden würde. Das war eine sehr körperliche Form der Aufmerksamkeit, halb Konzentration, halb Müdigkeit, weit entfernt von der feierlichen Vorstellung, man habe sich jeden Abend zur geistigen Vervollkommnung niedergelassen.

Mich interessierte dabei gerade diese Mischung aus Information und Stil. Der Spiegel hatte gegenüber der sprachlich möglichst unsichtbaren Nachrichtenagentur einen Duktus der Zuspitzung, einen gewissen Spott und manchmal eine unverkennbare Arroganz, an denen sich Zustimmung und Widerstand ebenso entzünden konnten wie am berichteten Gegenstand. So sehr das nerven konnte, war es wenigstens geschrieben und vermittelte das Gefühl, dass Sprache eine Rolle spielte, die über den bloßen Transport einer Nachricht hinausging. Selbst ein politischer oder wirtschaftlicher Gegenstand wurde nicht nur referiert, sondern in eine bestimmte sprachliche Form gebracht. Dass diese Form den Gegenstand auch zurechtrücken und gelegentlich allzu bequem aburteilen konnte, gehörte zur Erfahrung des Lesens. Man lernte nicht nur etwas über die Welt, sondern bemerkte, dass der Ton bereits mitentschied, wem man Klugheit, Lächerlichkeit oder Glaubwürdigkeit zutraute. Darin lag eine Verbindung zur eigenen Schreibpraxis, noch ehe sie als Vorsatz formuliert war: Sätze hatten Folgen für die Wahrnehmung dessen, worüber sie sprachen.

Pardon und die kulturelle Gegenöffentlichkeit

Ich muss dreizehn, vierzehn oder fünfzehn gewesen sein, als Pardon in meine Reichweite kam, und das Heft wirkte wie Post aus einer Bundesrepublik, die in Duisdorf nicht einfach auf der Straße herumlag. Da waren Zeichnungen, politische Bosheiten, Kunst, Literatur und ein Ton, der vor Autoritäten nicht erst die Mütze zog. Neben dem Spiegel bekam Pardon eine mindestens ebenso große, vielleicht stärkere Bedeutung, denn das linksintellektuelle, kulturelle und satirische Milieu der Bundesrepublik war darin unmittelbarer präsent. Das genaue Alter beim ersten Heft lässt sich in der Erinnerung zwischen dreizehn, vierzehn und fünfzehn nicht mehr sicher festlegen, wohl aber die Dauer der Bindung: Ich habe Pardon über Jahre regelmäßig bezogen. Gerade in den sechziger und frühen siebziger Jahren gingen Satire, politische Intervention, Literatur, Kulturkritik, Kunst und Karikatur so eng ineinander über, dass die spätere Vorstellung einer reinen Satirezeitschrift den Zusammenhang nur unzureichend trifft. Gegenöffentlichkeit war hier eine gedruckte Nachbarschaft von Formen, in der eine Zeichnung den Ernst eines Artikels verschieben und eine Recherche die nächste vermeintliche Übertreibung der Satire schon als Wirklichkeit erweisen konnte. Die 1962 gegründete Zeitschrift wurde zeitweise zur größten Satirezeitschrift Europas. Die überlieferte Spitzenauflage von bis zu 320.000 Exemplaren und die auch in der späteren Verlagsdarstellung genannten mehr als 1,5 Millionen regelmäßigen Leser bezeichnen unterschiedliche Größen, Exemplarauflage einerseits, angenommene Reichweite andererseits, geben aber einen Eindruck davon, wie weit diese Gegenöffentlichkeit reichen konnte. Das Interessante ist die Liste der Autoren: Erich Kästner fungierte als eine Art Pate, Loriot gestaltete das erste Titelblatt, und Autoren wie Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser und Günter Grass schrieben für das Blatt. Das war also keineswegs ein Witzheftchen mit ein paar Cartoons, sondern ein kulturelles Organ mit erheblichem Anspruch. Vor allem konnte das Heft plötzlich Geschichten bringen, die in der Erinnerung wie kleine Sprengsätze liegen bleiben. Im Septemberheft 1976 berichteten Nikolaus Jungwirth und Gerhard Kromschröder über den Exorzismus von Klingenberg und ihren Besuch bei Pater Arnold Renz, einem der Geistlichen, die an Anneliese Michel den großen Exorzismus vollzogen hatten. Die junge Frau war am 1. Juli 1976 an Unterernährung gestorben. Die erhaltene Inhaltsankündigung dieses Septemberhefts verbindet den Besuch beim Exorzisten mit dessen Blick auf die SPD und gesellschaftliche Reformbestrebungen. Darin berührten sich religiöse Deutung und politische Feindbestimmung auf eine Weise, die der Satire kaum noch erlaubte, weiter zu übertreiben. Angesichts der gestorbenen jungen Frau war das keine Gelegenheit zum bequemen Gelächter. Religiöser Wahn, tödlicher Ernst und Recherche trafen vielmehr an dem Punkt aufeinander, an dem die vorgefundene Wirklichkeit ihre eigene Überzeichnung bereits mitlieferte. Respektlosigkeit gegenüber der beanspruchten Autorität konnte hier eine Methode sein, der Realität näherzukommen, gerade weil Ehrfurcht einen Teil dieser Realität zuvor gegen Fragen abgeschirmt hatte.

Jungwirth und Kromschröder beschränkten sich auch sonst nicht auf Schreibtischsatire. Sie traten mit „Bürger schützt Eure Banken“ im öffentlichen Raum auf, riefen zur Gründung einer „Arbeitgebergewerkschaft“ auf und veranstalteten die „Dr. Alfred Dregger Show“, als ließe sich die politische Bundesrepublik am besten verstehen, wenn man ihre Sprache nur einen halben Schritt weitertrieb, bis sie sich selbst entlarvte. Kromschröder entwickelte bei Pardon zudem Rollenreportagen und schlich sich unter anderem in die Neonazi-Szene ein. Das Heft konnte deshalb auf derselben Strecke von Nonsens zu verdeckter Recherche wechseln, ohne den Leser vorher um Erlaubnis zu bitten. Kromschröder hat später selbst beschrieben, wie die Rollenreportage bei Pardon aus der antiautoritären Haltung der Redaktion hervorging und er dort mit seinen ersten Auftritten als Neonazi arbeitete. Der Körper des Reporters stand damit in einem Milieu, zu dem ein ordentlich angemeldetes Interview möglicherweise keinen vergleichbaren Zugang eröffnet hätte. Die spätere Erzählung war das Ergebnis einer Handlung, und die Handlung hatte bereits verändert, unter welchen Bedingungen etwas sichtbar werden konnte. Jungwirth und Kromschröder beschrieben eine politische Sprache nicht nur von außen, sondern bauten Situationen, in denen diese Sprache öffentlich ins Stolpern geriet. Die Rollenreportage setzte den eigenen Körper in die Recherche ein, die Aktion machte Zuschauer zu Beteiligten, und die Satire verließ die Seite, um auf Banken, Straßen, Bühnen oder in politischen Milieus weiterzuarbeiten. So führte das Heft einem Leser außerhalb der großen Zentren nicht nur die Informationen einer linksintellektuellen Welt zu, sondern auch Verfahren, sich schreibend, spielend und notfalls verkleidet einzumischen. Zwischen der öffentlichen Aktion und ihrer gedruckten Darstellung verlief keine Einbahnstraße. Die Aktion lieferte Stoff, das Heft gab ihr ein weiteres Publikum, und für dieses Publikum wurde eine bislang als gegeben hingenommene Situation als etwas erkennbar, in das man eingreifen konnte. In dieselbe Familie gehörten Bücher, die schon mit ihrem Titel den stillen Gebrauch verweigerten. Klau mich. StPO der Kommune I, 1968 von Rainer Langhans und Fritz Teufel als Band 2 der Voltaire-Handbücher herausgegeben, versammelte Prozessmaterial, Einlassungen, Zeitungsausschnitte und Dokumente ihrer Aktionen. Schon die Anlage der Seiten brachte die amtliche Rede des Verfahrens mit künstlerischen und satirischen Reaktionen in eine Nachbarschaft, in der das Dokument seine Autorität nicht unangefochten behalten konnte. Der Titel wiederum behandelte den Buchhandel nicht als letzte Instanz seiner Verwendung, als sei mit dem ehrfürchtigen Erwerb, der Lektüre und der Beisetzung im Schrank alles erledigt. In dem Band gehörten Text, Lebensform, Gerichtsauftritt, Provokation und politische Aktion zusammen, und selbst der gekaufte Gegenstand richtete eine kleine Ungehörigkeit an den Ort, der ihn verkaufte. Die Zumutung lag darin, diese Verbindung auch im eigenen Umgang mit Literatur für möglich zu halten. Der Leser sollte nicht am Rand stehen und anerkennend Subversion verstehen, sondern wenigstens die Möglichkeit spüren, selbst Beteiligter zu werden. Mich interessierte gerade diese Dimension, in der Pardon Dinge vermittelte, die man anderswo kaum fand und die nicht als bloße Information folgenlos bleiben mussten. Kunst- und Kulturereignisse wurden behandelt, politische Auseinandersetzungen satirisch zugespitzt, neue Autoren, Zeichner und kulturelle Strömungen tauchten dort auf. Für jemanden, der nicht in Frankfurt, Hamburg oder Berlin mitten in einem intellektuellen Milieu saß, war so ein Heft selbst ein Zugang zu diesem Milieu. Es zeigte, worüber gesprochen wurde, welche Künstler interessant waren, welche politischen Konflikte sich zuspitzten und welcher Ton dabei möglich war. Dazu kam, dass Pardon einen Habitus vertrat, der mir offenbar früh sehr entgegenkam: respektlos, links, kulturell neugierig, gelegentlich überheblich, oft komisch und mit einem ausgeprägten Misstrauen gegenüber offizieller Feierlichkeit. Dass Kulturkritik dabei ohne staatstragenden Ton auskam, gehört rückblickend vielleicht zu den wichtigsten Einflüssen, gerade weil die sprachliche Respektlosigkeit einen anderen Umgang mit dem Gegenstand erlaubte. Man konnte über Politik, Kunst oder Gesellschaft schreiben, ohne dabei so zu tun, als müsse jeder Satz zunächst einen Antrag auf Ernsthaftigkeit stellen. Die Veränderung dieses Zusammenhangs habe ich damals deutlich wahrgenommen. In der zweiten Hälfte der siebziger Jahre erschien mir Pardon zunehmend verwandelt, und die spätere Heftgeschichte bietet Anhaltspunkte für den Wandel, ohne die zeitliche Unschärfe meiner eigenen Wahrnehmung auf den Tag genau auflösen zu können. Das Heft öffnete sich stärker New-Age-Themen, Film, Musik und Reise, während gleichzeitig immer mehr Comicmaterial aufgenommen wurde. 1978 wurde aus einem Comic-Supplement namens Slapstick sogar ein eigenes, wenn auch kurzlebiges Magazin, und Pardon übernahm zunehmend Material aus dem französischen Hara-Kiri. Genau dieser Wandel entspricht meiner Erinnerung, dass das Heft irgendwann disparater wirkte.

Mein Problem bestand nicht darin, dass Comics auftauchten, die großartig sein konnten, sondern darin, dass sie einer anderen Mission folgten und der frühere Zusammenhang des Heftes darüber schwächer wurde. Das Problem lag in der Veränderung des Zusammenhangs zwischen Ideologie, Lektüre und Lebenspraxis. Aus der früheren intellektuellen und kulturellen Spannung wurde für mich stärker der Eindruck eines Gemischtwarenladens, in dem Cartoons, importierte Comics, New-Age-Themen, Musik und anderes nebeneinanderstanden, ohne sich noch gegenseitig unter denselben redaktionellen Druck zu setzen. Das bloße Nebeneinander war nicht der Mangel, wie meine Begeisterung für Zweitausendeins hinreichend beweist. Dort erzeugte der Wechsel des Gegenstands neue Möglichkeiten, hier schien mir gerade der gemeinsame Ton schwächer zu werden, der aus unterschiedlichen Gegenständen eine Zeitschrift gemacht hatte. Interessanterweise führte genau dieser Wandel auch innerhalb der Redaktion zu Konflikten. Aus dem Kreis früherer Mitarbeiter, der als Neue Frankfurter Schule bekannt wurde, ging 1979 Titanic hervor. Darin wird die redaktionelle Krise historisch greifbar, auch wenn die Gründung der neuen Zeitschrift keine nachträgliche Beglaubigung jedes einzelnen Unbehagens ist, das ich damals beim Aufschlagen von Pardon empfand.

Irgendwann merkte ich schon beim Aufschlagen, dass ich im Heft häufiger blätterte, ohne irgendwo hängen zu bleiben. Das zusammengekaufte Comicmaterial nahm zu, Themen standen nebeneinander, aber sie riefen einander nicht mehr zu, und jener eigene Ton, wegen dessen ich Pardon bezogen hatte, wurde schwerer hörbar. Dass ich irgendwann kein Pardon mehr gab, war kein dramatischer Akt, eher das langsame Gefühl, dass das Heft nicht mehr dasselbe war. Die Jahre davor hatten ihre Wirkung jedoch längst getan, weil Pardon gezeigt hatte, dass politische und kulturelle Information zugleich komisch, polemisch und ästhetisch anspruchsvoll sein konnte. Der Spiegel zeigte auf andere Weise, wie viel Raum ein journalistischer Text beanspruchen durfte, wenn seine Bewegung das Weiterlesen trug. Die Bücher bildeten darunter jene tiefere Schicht, deren Texte man nicht nach einer Woche wegwarf, sondern behielt und wieder aufsuchte. Aus dieser Verbindung von Aktualität, sprachlicher Eigenart und verfügbar bleibender Tiefe entstand vielleicht überhaupt mein späteres Verhältnis zu Texten. Dabei entstand eine Hierarchie, die nicht starr war, auch wenn das Buch im Zentrum stand, weil es Dauer, Tiefe und Wiederholbarkeit besaß. Zeitschriften wie Pardon und der Spiegel lieferten dagegen Aktualität, Ton, kulturelle Temperatur und Hinweise auf Dinge, die man anschließend wiederum in Büchern weiterverfolgen konnte. Wer im Spiegel über einen Autor las, suchte anschließend dessen Buch, wer in Pardon einen Künstler oder eine kulturelle Bewegung entdeckte, ging zu Bouvier oder König und konnte dort einen Band finden, dessen Hinweise gleich drei weitere nötig machten. Tauchte einer davon später als Remittende im modernen Antiquariat auf, kam mit ihm ein neues Thema ins Regal. Zwischen Hinweis, Beschaffung und Lektüre lagen Wartezeiten, Wege und Zufälle, sodass der Kreislauf zugleich eine konkrete Geographie besaß und die Stadt an der Fortsetzung des Lesens mitschrieb. Mitunter blieb es nicht beim Thema, sondern man suchte eine Veranstaltung, fuhr in eine andere Stadt, sah sich eine Aktion an oder begann, die eigene Umgebung nach anderen Zeichen abzusuchen. Der Weg von der Bildung zur Tat verlief dabei selten feierlich. Er konnte mit einer Remittende, einem schiefen Witz, einem Foto in Pardon oder einem Satz beginnen, der mehr ausrichtete als zehn Seiten Theorie, weil er eine bisher unbemerkte Möglichkeit plötzlich so konkret machte, dass man ihr nachgehen wollte. Lesen, Wahrnehmungsveränderung, Haltung und Handlung bildeten keine Lehrbuchkette, aber sie konnten einander anstoßen. Die Bibliothek entstand also nicht nur aus Büchern und schon gar nicht additiv, als ließe sich Bildung durch fortgesetztes Aufeinanderlegen herstellen.

Das unterscheidet diese Form des Sammelns von der heutigen digitalen Verfügbarkeit. Schon meine frühere Beschäftigung mit Aliteralität und dem scannenden Leser sprach gegen die bequeme Kulturapokalypse, nach der neue Medien das Lesen einfach abschaffen. Ein Netz, das selbst aus Schrift besteht, Texte, Bilder und Töne verbindet und andere Leseweisen hervorbringt, lässt sich nicht überzeugend als schriftloser Gegenraum behandeln. Der schnelle Scanner kann ein Leser sein, der zunächst Zusammenhänge sucht, und das sprunghafte Verfolgen von Verweisen eine eigensinnige Lektüre, aus der ebenso gut eine lange Vertiefung hervorgehen kann wie eine weitere Ablenkung. Verloren ging also nicht die Kulturaneignung, sondern eine bestimmte Ökologie der Lektüre: das Zusammenspiel von Buch, Raum, Buchhändler, Leser, Preis, Regal, Zufall, Stadt und Milieu. Geschwindigkeit, Vernetzung und die früher unvorstellbare Reichweite digitalen Zugriffs öffnen gerade denen Möglichkeiten, die fern von einer Universitätsstadt oder großen Buchhandlung leben und kein Geld für seltene Importe haben. Die alte Buchwelt verband dagegen Körper, soziale Situation und materielle Erinnerung zu einer besonderen Form des ungeplanten Fundes. Beides besteht nebeneinander und greift ineinander, lässt sich aber nicht ehrlich auf Fortschritt und Verfall verteilen. Es verändert sich, wie wahrscheinlich eine Begegnung wird, welche Umwege sie verlangt und wovon es abhängt, dass man sich produktiv verirren kann. Zugriff und Besitz bleiben dabei verschieden, auch wenn digitale Dateien selbstverständlich gespeichert und zu einer eigenen Sammlung geordnet werden können. Das E-Book hat im Zimmer kein eigenes Gewicht, steht auf keinem Brett und bildet mit dem nächsten Band keine körperliche Nachbarschaft. Seine Sichtbarkeit hängt davon ab, welche Ansicht geöffnet ist, welche Ordnung die Sammlung hat und welcher Verweis den gerade nicht gesuchten Titel wieder erscheinen lässt. Das zufällige Vorbeigehen wird dadurch nicht unmöglich, erhält aber andere Bedingungen als der Gang an einem Regal entlang. Das Regal hält einem die eigenen früheren Interessen unablässig vor Augen. Ein seit zwanzig Jahren nicht geöffnetes Buch wird beim Vorbeigehen plötzlich wieder sichtbar, beim Herausziehen fällt der Blick auf seinen Nachbarn, und aus dieser physischen Nachbarschaft kann sich eine Gedankenverbindung ergeben, für die zuvor kein Suchbegriff formuliert war. Ein zu eng gestellter Kunstband nimmt beim Herausziehen den Nachbarn mit, und aus dem kleinen Unfall entsteht eine neue Lektüre. Dem sofortigen digitalen Zugriff fehlt gerade dieses reale Aneinanderstoßen der Dinge, doch dafür können eine Volltextsuche oder ein Verweis weit auseinanderliegende Stellen zusammenbringen, deren gedruckte Bände einander nie berührt hätten. Auch das ist eine produktive Nachbarschaft, nur wird sie für den jeweiligen Vorgang hergestellt, statt dauerhaft einen Teil des Zimmers zu besetzen. Als Gedächtnismaschine und Außenlager des Bewusstseins erinnerte die physische Bibliothek an das, was einmal wichtig gewesen war, und bewahrte mit den Entdeckungen zugleich Irrtümer, Phasen und Geschmackskatastrophen, also all das, was eine bereinigte geistige Autobiographie lieber unterschlagen hätte. Mit den Büchern und Zeitschriften wurden die offenen Ränder des Wissens deutlicher, denn ein neuer Zusammenhang machte erst kenntlich, was man bis dahin nicht einmal vermisst hatte. Je mehr man las, desto genauer ließ sich das Unbekannte unterscheiden: vom bloß noch ungelesenen Band über den unbekannten Autor bis zu einer Frage, für die man noch gar kein Buch kannte. Das konnte einschüchtern, und gerade darin lag der Reiz. Die Bibliothek organisierte Unwissenheit, indem sie ihr Namen, Nachbarschaften und vorläufige Adressen gab. Ein vorhandener, ungelesener Band unterschied sich von einer bloßen Leerstelle, ein wiedergefundenes Buch von einer erledigt geglaubten Frage, und der Blick auf das Regal konnte zeigen, dass hinter jeder scheinbar geschlossenen Reihe andere Reihen fehlten. Als Maschine zur Herstellung neuer Unwissenheit machte die Bibliothek einen nicht unwissender, sondern empfindlicher für die Unbestimmtheit dessen, was man zu wissen glaubte. Ihre Ordnung hielt gerade jene Stellen sichtbar, an denen das Wissen offen und die eigene Welt noch durchlässig war, und machte den Wunsch nach einem abschließenden Überblick mit jeder neuen Verbindung etwas schwieriger zu erfüllen. Damit verlor der bürgerliche Bildungsschrein, der in jenen Wandschränken lag, seine Plausibilität, was die Generation der Väter sicher nicht hätte sagen können. Für sie waren in Leder gekleidete Bibliotheken noch Neidobjekte, deren geschlossene Reihen eine Vollständigkeit versprachen, die das tatsächliche Lesen eher in Zweifel zog. Die besten Bücher konnten Welt speichern und zugleich ein Weltverhalten auslösen, das die beruhigende Wirkung ihres ordentlich gebundenen Daseins wieder aufhob. Sie führten über den nächsten Querverweis zurück auf die Straße, in eine Ausstellung, zu einer politischen Aktion, in einen anderen Laden oder wenigstens in eine Situation, die man nun anders las. Kulturaneignung wurde so zu einer praktischen Form des In-der-Welt-Seins, in der das Gelesene am Handeln mitwirkte und das Erlebte beim Wiederlesen am Buch mitschrieb. Selbst der scheinbar zurückgezogene Leser blieb über Sprache, Gegenstände, Preise, andere Menschen und die Möglichkeiten seiner nächsten Wege mit einer Welt verbunden, die nicht erst nach der Lektüre wieder begann. Jeder Titel zog weitere Namen und Fragen ins Sichtfeld und vergrößerte nicht nur den Bestand, sondern auch den Umriss dessen, was fehlte. Der Unterschied zur Suchmaschine liegt nicht in der falschen Behauptung, das Netz beantworte nur vorhandene Fragen und ein Buchladen erzeuge ausschließlich neue. Selbstverständlich kann das Netz auf Abwege führen und der Buchladen eine schlichte Bestellung erledigen. Entscheidend bleiben Wahrscheinlichkeit und Form des Zufalls, denn die alte Buchhandlung zwang den Körper durch eine geordnete Unordnung, in der man an dem vorbeigehen musste, was man nicht gesucht hatte, und dabei zugleich Menschen begegnete, die aus ganz anderen Gründen vor demselben Regal standen. Ihre Benutzeroberfläche bestand aus Metern, Etagen und anderen Menschen, der eigene Suchverlauf ließ sich am zunehmenden Gewicht der Tragetasche ablesen. Verkäufer, Mitkunden, Preise, Regale und städtische Wege wirkten am später so privat erscheinenden Prozess der Selbstbildung mit. Ihre Verbindung machte die Buchhandlung zur sozialen Maschine kultureller Aneignung, deren Betrieb vom verfügbaren Raum, von wirtschaftlichen Entscheidungen, von der Geduld beim Stöbern und der Weitergabe kleiner Wissensvorsprünge abhing. Was mit dieser historischen Ökologie der Lektüre verloren geht, ist deshalb weder das Lesen noch der Zufall schlechthin, sondern ein bestimmtes Zusammenwirken ihrer Voraussetzungen. Es lässt sich nicht durch die bloße Verehrung des gedruckten Gegenstands zurückholen, so wenig dessen Verschwinden aus einzelnen Alltagswegen schon das Ende geistiger Neugier bedeutet. Im besten Fall führte die Bibliothek deshalb nicht vom Leben weg, sondern mit verändertem Blick in dasselbe Leben zurück. Man kam nur selten als genau derselbe wieder heraus, der hineingegangen war — manchmal wegen Nietzsche, manchmal wegen Fluxus und manchmal wegen eines Buches, das bereits im Titel darum bat, gestohlen zu werden. Sie war das sichtbare Eingeständnis, dass es noch unendlich viel zu entdecken gab.