Medien

Journalismus - Online-Journalismus - Goedart Palm

Texte über Medien, Technik und Wirklichkeit.

Journalismus und Mediendämmerung

Novinářství a soumrak médií - Ke strukturní změně virtuálně drážděné veřejnosti

Die folgenden Beobachtungen stammen aus unterschiedlichen Jahren und behalten ihren jeweiligen zeitlichen Standort. Sie berühren dieselbe Frage von verschiedenen Seiten: Wie wird aus einem Vorgang eine öffentliche Geschichte, und was bleibt außerhalb dieser Auswahl? Die wirtschaftliche Organisation des Schreibens, die psychologische Dramatisierung der Politik und der Bonner Lokaljournalismus sind dabei keine austauschbaren Beispiele. An ihnen lässt sich verfolgen, wie Auswahlmacht bis in die einzelne Formulierung und bis in die eigene Erfahrung reicht.

Zum Strukturwandel der virtuell irritierten Öffentlichkeit

"Müntefering hat sich keineswegs nur von Merkels Lachen becircen lassen. Auch die neue Sozialsemantik der Kanzlerin hätte gereicht, ihn zutraulich zu machen." (Der Spiegel, Nr. 49, 5.12.05). Wir vernehmen also ein circensisches Lachen, geeignet dazu, ein Hündchen namens "Münte" zutraulich zu machen, das aber vollends dem diskreten Charme der bourgeoisen Sozialsemantik erliegt. Das ist nicht erst seit heute Journalismus. Aufgeboten wird nicht weniger als der Mythos des einfühlsamen journalistischen Superbeobachters, der nach Gefühlen fragt, wo andere noch vordergründig in politische Programme und Inhalte verstrickt sind. Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Gefühlsnaivität, die ihn, bis der "Spiegel" kam, die geheimen Motive der Mächtigen zwischen verführerischem Lachen und klingenden Worten nicht durchschauen ließ. Von der Sozialsemantik Merkels bis zu den Untiefen der interpretatorisch offenen Foltersemantik der Condoleezza Rice gibt es journalistisch also scheinbar alle Hände voll zu tun.

Der journalistische Superbeobachter wählt nicht nur einen Gegenstand aus, sondern liefert die Perspektive gleich mit, unter der er verstanden werden soll. Aus einem Lachen wird ein Motiv, aus einem Motiv eine Erklärung politischer Nähe; die sprachliche Geschlossenheit der Geschichte lässt dabei leicht vergessen, dass zwischen beobachteter Geste und behauptetem innerem Zustand ein Sprung liegt. Das Problem ist nicht, Gefühle aus der Politik fernhalten zu wollen, sondern ihre Deutung als Abkürzung an die Stelle der Untersuchung von Interessen und Handlungsspielräumen zu setzen.

Eine solche Erzählung stattet den Leser mit einem angenehmen Vorsprung aus: Er glaubt, die Mächtigen durchschaut zu haben. Gerade dieser Gewinn kann die eigentliche Informationslücke verdecken, denn das psychologisch Plausible ist nicht schon das politisch Belegte. Wo die Foltersemantik nach den Folgen einer staatlichen Praxis verlangt, wäre ein bloßer Blick hinter die Miene ihrer Sprecher eine besonders dürftige Form der Aufklärung.

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Der Geist in der Presse

Goedart Palm in Telepolis vom 15.10.2002

Vom Tod im Blätterwald

Der Soziologe Max Weber hatte in seiner Abhandlung über den schwierigen Beruf des Politikers auch ein wenig Mitgefühl für Journalisten. Diese Geistesarbeiter müssten ad hoc auf die Weltlage reagieren und dazu noch originell! Der Unterschied zur lang reifenden Arbeit professoralen Zuschnitts liegt auf der Hand, eine mitunter lebenslängliche Tortur oder Lustbarkeit, die etwa Niklas Luhmann in seinem Fall mit dreißig Jahren angab. In diesen Tagen ist es dagegen um journalistische Qualitätsdruckarbeit schlecht bestellt, weil es auf dem vormals weiten Feld angeschwärzten Papiers nicht mehr viel zu bestellen gibt. Der deutsche Zeitungswald kriselt, keucht und hechelt, stirbt vielleicht so unheldisch vor sich hin wie auch die danieder liegende Buchbranche. Gruner+Jahr kündigt den Verkauf von "Berliner Zeitung" und "Berliner Kurier" an Holtzbrinck an, die "Berliner Seiten" der FAZ wurden eingestampft. Für die "FAZ" meldete die damalige Berichterstattung einen Rückgang des Ergebnisses der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit von plus 93,2 Millionen Euro im Jahr 2000 auf minus 28,7 Millionen Euro; die Zahl bezeichnet also keinen Umsatzeinbruch von 28,7 Millionen. Die Hiobsbotschaften häufen sich, seitdem sich Anzeigengewinne weiterhin dramatisch verringern.

Zur historischen Einordnung: Der angekündigte Erwerb des Berliner Verlags durch Holtzbrinck wurde kartellrechtlich untersagt; das Verfahren dokumentiert der Tätigkeitsbericht des Bundeskartellamts. Die genannten FAZ-Ergebniszahlen finden sich in der zeitgenössischen Meldung „Blick in den Abgrund“. Die Krisendiagnose gehört damit in die Situation zu Beginn der 2000er Jahre und ist kein gegenwärtiger Bilanzbericht über sämtliche genannten Häuser.

Inzwischen bewegt die goldglänzenden Edelfedern für Politik und Kultur sogar die Frage, ob der Blätterwald staatlich subventioniert werden muss. Dabei wissen wir: Die Kultur erhält in Zeiten wie diesen das kleinste Scherflein, das noch übrig ist, wenn selbst der große Hunger vom überschuldeten Leistungsstaat mehr schlecht als recht gestillt wird.

SZ, FR, FAZ, ZEIT, Handelsblatt, Neue Zürcher Zeitung - die Krise hat sie alle erfasst. Nur das Krisenmanagement, wenn es denn überhaupt eines gibt, ist längst nicht klar. SZ, die rote Zahlen bis über beide Ohren schreibt, und FR wollen womöglich kooperieren. In Fusionen sind bereits andere geflüchtet, wenn auch zurzeit noch die Normierungen gegen Pressefusionen sich selbst gegenüber Notkartellen kleinlich geben. Im Klartext, also auf der Verliererseite, heißt das allemal: Stellenabbau. Das akademische Proletariat wird also noch gebildeter werden, als es das ohnehin schon ist. Zu IT-Profis, Ingenieuren und zahlreichen anderen Branchen gesellt sich jetzt noch das gelehrte "Federvieh". Während auf der einen Seite der Sprachverfall, die kulturelle Degeneration der Hochkultur oder pisanische Verblödung beklagt werden, stirbt der Typus des intellektuellen Journalisten aus, der den Adel seines oder fremden Geistes mit seinen Lesern teilt.

Unsere Aufmerksamkeitsökonomie ist ein Haushalt mit knappen Kassen. In der Dauerzuständigkeit der Zeitgenossen für sämtliche globalen Geschehnisse wird Struktur durch Ereignis, Kontemplation durch Konzentration, von Flüchtigkeit kaum zu unterscheiden, ersetzt. Die sensationalistische Häppchen- und Headline-Kultur macht sich breit, weil keiner mehr Zeit hat oder haben will.

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Die knappen Kassen der Aufmerksamkeit und die knappen Kassen der Redaktion greifen ineinander. Ein Thema, das zunächst recherchiert, erklärt und gegen naheliegende Missverständnisse abgesichert werden muss, beansprucht andere Arbeitszeit als die Meldung, deren Reiz schon im ersten Satz bereitliegt. Wenn diese Differenz nur als Kostenfrage behandelt wird, verändert sich der sichtbare Ausschnitt der Welt: Das leicht Meldbare verdrängt das erst durch Kenntnis Erschließbare, ohne dass eine ausdrückliche Entscheidung gegen dessen Bedeutung fallen müsste.

Das ist der Übergang von der allgemeinen Pressekrise zur lokalen Erfahrung. Eine Stadt besteht nicht nur aus dem, was sich als Vorfall abholen lässt; ihre künstlerischen, sozialen und intellektuellen Zusammenhänge müssen häufig erst erkannt werden. Fehlt diese Arbeit, kann ein Blatt voller Nachrichten sein und dennoch erstaunlich wenig von dem zeigen, was an seinem Ort entsteht.

General-Anzeiger, noch eine kleine Anstrengung, wenn er weiter gelesen werden will

Die folgende Notiz hält die damalige persönliche Lektüre und Ausstellungserfahrung fest; eine vollständige unabhängige Auswertung der betreffenden Zeitungsausgaben liegt hier nicht vor. Die Preisverleihung 2012 für den Jahrgang 2011 ist dagegen durch die Stiftung dokumentiert.

Heute, 12.10.2012, berichtet der General-Anzeiger Bonn über eine Kornnatter, die in einem Garten neben dem Kindergarten der Auferstehungskirche am Haager Weg gesehen wurde. Oh Schreck, die Entwarnung, dass es sich um ein harmloses Getier und keine Ramba-Mamba-Zampa-Würgeschlange handelt, erscheint unserer Lieblingszeitung so aufregend, dass sie gleich zweimal inhaltlich gleichlautend präsentiert wird. Vor ein paar Tagen erhielt der General-Anzeiger den ersten Preis des deutschen Lokaljournalistenpreises der Konrad-Adenauer-Stiftung für den Preisjahrgang 2011. Es sei ihm gegönnt. Aber in das Grübeln kommt man bei Ungenauigkeiten der genannten Art schon. Jüngst erschien im GA die Mitteilung, dass ein Kampfhund eine Frau gebissen hat. Das ist in der Tat originell, weil auf jeder Journalistenschule doch das Klischee gelehrt wird, dass es richtig heißen muss: Mann beißt Hund. Abgesehen von solchen journalistischen Höhenflügen erscheint es mir allerdings noch einige Anstrengungen wert zu sein, sich nicht zu sehr auf das familiäre Allerlei und die gut gemeinten, aber bedingt unterhaltsamen Schülertexte zu verlassen. Der GA sollte sich dringend "entmuffen", denn wie ja längst allen deutschen Redaktionen bekannt ist, verspeist das Internet mit größtem Appetit Printmedien und ihre Neuigkeiten, die eben sub specie digitalis keine mehr sind. Dass der General-Anzeiger also zweimal die Kornnatter sich ringeln lässt, aber die Ausstellung einer der ältesten Bonner Künstlergruppen "Klärwerk III" bisher mit keinem Wort erwähnt, lässt uns dieses Flaggschiff des Bonner Journalismus inzwischen doch ein bisschen schwergängig erscheinen.

Goedart Palm

Der Ärger über die fehlende Ausstellungsmeldung betrifft gerade die Diskrepanz zwischen eigener Tätigkeit und öffentlichem Echo. Eine Künstlergruppe kann über Jahre arbeiten, Räume organisieren, Arbeiten zusammenbringen und ein Publikum ansprechen; wenn davon nichts in der lokalen Berichterstattung ankommt, fehlt nicht nur Werbung, sondern ein Stück öffentlicher Erinnerung. Die Zeitung entscheidet durch ihr Schweigen mit, welche Arbeit später als Teil der Stadtgeschichte auffindbar bleibt.

Das doppelte Auftreten der Kornnatter ist deshalb mehr als eine Gelegenheit zur Pointe. Es verschärft die Frage nach einer redaktionellen Aufmerksamkeit, die Wiederholung produziert, während sie einen anderen Gegenstand gar nicht erst erschließt. Das Netz nimmt einer Zeitung diese Entscheidung nicht ab; je weniger sie sich auf den bloßen Vorsprung der Meldung verlassen kann, desto stärker muss sie zeigen, weshalb ihre Ortskenntnis einen Unterschied macht. Sich zu „entmuffen“ wäre dann keine Aufforderung zu noch schnellerem Allerlei, sondern zu einer Neugier, die über die eingespielten Nachrichtenanlässe hinausreicht.

Alpha-Journalismus und andere Clownerien
Alpha-Journalismus und andere Clownerien

Essay bei telepolis zum zehnjährigen Jubiläum

Die Zukunft des Internet

http://www.webwatching.info/

Interview Goedart Palm mit Hanna Haag