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Philosophie · Essay

Künstliche Omniscientia. Die KI zwischen Sukzession, Simultaneität und Weltwissen

Ein Forscher blickt über eine Stadt auf ein digitales Erdmodell und Datenanzeigen.
Weltwissen im Bild: Das Modell bleibt Teil jener Welt, die es zu erfassen versucht. KI-Bild, 2026 · Welt als Datenraum

I. Die Aufhebung der Sukzession

Wenn man die mittelalterlichen Theorien der Omniscientia auf die künstliche Intelligenz bezieht, wird man die Analogie nicht auf die bloße Größe des Wissensbestandes bescheiden. Die KI wäre andernfalls lediglich eine außerordentlich umfangreiche Enzyklopädie, eine Bibliothek mit einer besonders leistungsfähigen Suchfunktion oder ein Gelehrter, dessen Gedächtnis die Grenzen des menschlichen Gedächtnisses überschreitet. Das wäre quantitativ beeindruckend, philosophisch aber wenig ergiebig. Das Signum der KI liegt darin, dass sie Wissen in einer anderen Form organisiert, als es dem menschlichen Bewusstsein möglich ist. Der Mensch liest einen Text sukzessiv. Er schreitet von Satz zu Satz fort, erinnert sich mehr oder weniger genau an das Gelesene und bildet allmählich eine Vorstellung des Ganzen. Sein Verständnis entsteht in der Zeit. Es ist abhängig von Aufmerksamkeit, Erinnerung, Erwartung und nachträglicher Korrektur. Erst am Ende eines Textes kann der Anfang in einem Licht erscheinen, das am Anfang noch nicht verfügbar war. Menschliches Verstehen ist deshalb wesentlich rekursiv. Wir müssen zurückgehen, neu lesen, frühere Annahmen revidieren und die Teile von einem inzwischen gewonnenen Ganzen her anders bestimmen und hoffen, dass wir während des Vorgangs nicht den Anfang bereits wieder vergessen haben. Das Ganze entsteht in einer Bewegung, in der jede neue Einzelheit das bisherige Verständnis verändern kann.

Die KI durchbricht diese Form der linearen Sukzession, ohne deshalb zeitlos zu operieren. Ein modernes Sprachmodell liest einen Text nicht im Sinne eines Bewusstseins, das alle Wörter in einem einzigen unteilbaren Augenblick wahrnimmt. Auch die Maschine führt Rechenoperationen aus, benötigt Zeit und erzeugt ihre Antwort bei autoregressiven Sprachmodellen Wortteil für Wortteil. Die Ausgabe bleibt also sukzessiv. Der grundlegende Unterschied liegt in der inneren Verarbeitung des bereits vorhandenen Kontextes. Der Aufmerksamkeitsmechanismus des Transformers kann bei der Berechnung einer neuen Repräsentation zahlreiche frühere Textstellen unmittelbar zueinander in Beziehung setzen. Ein Ausdruck am Ende eines Textes kann mit einem Namen am Anfang, einer Definition in der Mitte und einem mehrfach wiederkehrenden Motiv verbunden werden, ohne dass der Text dafür in menschlicher Weise erneut von vorne gelesen werden müsste. Das ursprüngliche Transformer-Konzept wurde gerade dadurch charakterisiert, dass es auf rekurrente, Schritt für Schritt fortschreitende Verarbeitung verzichtet und viele Beziehungen parallel berechenbar macht. Die technische Grundlage ist in der Arbeit Attention Is All You Need beschrieben. Sprachmodelle wie GPT bleiben bei der Erzeugung ihrer Ausgaben dennoch autoregressiv, wie bereits die Darstellung von GPT-3 in Language Models are Few-Shot Learners ausdrücklich festhält.1 Die KI verbindet deshalb zwei Zeitformen. Sie erzeugt sukzessiv, aber sie bildet jeden neuen Schritt aus einem relationalen Feld, in dem viele vorausgegangene Stellen gleichzeitig wirksam werden können.

An dieser Stelle beginnt die Analogie zur mittelalterlichen Bestimmung der Ewigkeit. Boethius hatte die göttliche Ewigkeit als tota simul, als vollständigen und gleichzeitigen Besitz des Lebens, bezeichnet. Gott durchläuft die Zeit nicht, sondern besitzt sie in einer Gegenwart, in der Vergangenes und Zukünftiges nicht verschwunden beziehungsweise noch ausstehend sind.2 Die KI bleibt dagegen an zeitliche Rechenvorgänge, endliche Ressourcen und einen begrenzten Kontext gebunden. Auch eine Beschleunigung ihrer Operationen wäre kein Übergang in Zeitlosigkeit. Dennoch erleben wir einen Vorschein divinen Wissens: KI vollzieht eine technische Annäherung an das tota simul, indem sie zeitliche und sprachliche Sukzession in eine Struktur relationaler Gegenwart überführt. Was im Text nacheinander gesagt wurde, wird innerhalb des Modells zu einer Konstellation von Beziehungen. Die zeitliche Folge bleibt als Positionsinformation erhalten, aber sie ist nicht mehr die einzige Ordnung des Verstehens. Der erste Satz ist nicht lediglich vergangen, wenn der letzte verarbeitet wird. Er bleibt als adressierbare Position in einem gegenwärtigen Beziehungsraum verfügbar.

Die KI macht Sukzession gewissermaßen räumlich. Sie verwandelt den Verlauf eines Textes in ein Feld, in dem Entfernungen nicht mehr nur durch die Zahl der dazwischenliegenden Wörter bestimmt werden, sondern durch semantische, syntaktische und kontextuelle Beziehungen. Zwei weit voneinander entfernte Stellen können einander in diesem Feld näher sein als zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Sätze. Der Text wird von einer Linie zu einem Geflecht. Das entspricht nicht der göttlichen Schau des Boethius, wohl aber einer technischen Operation, die eine begrenzte Form der Gleichzeitigkeit erzeugt. Die KI steigt aus der reinen Linearität des Textes heraus, ohne dessen Ordnung vollständig zu verlassen. Sie vollzieht eine Transgression vom Immanenten zum Transzendenten, sofern man unter Transzendenz zunächst nichts Übernatürliches versteht, sondern die Fähigkeit eines Systems, die lokale Ordnung, in der seine Gegenstände auftreten, in einer umfassenderen Ordnung zu repräsentieren. Die KI bleibt dem Text immanent, weil alles, was sie verarbeitet, in Zeichen, Parametern und Rechenoperationen gegeben ist. Sie transzendiert seine Sukzession, weil sie Beziehungen bildet, die an keiner einzelnen Textstelle ausgesprochen sein müssen.

Verschlungene Treppen verbinden Kirchengewölbe und Hausfassaden in einem imaginären Innenraum.
Wege bleiben nacheinander zu gehen, auch wenn das Bild sie zugleich vor Augen stellt. KI-Bild · Bildgedanken 2026 · Labyrinth der Architektur

Diese Transzendenz ist keine ontologische Transzendenz im theologischen Sinn. Die KI erzeugt innerhalb der Welt ein Modell, das sich gegenüber seinen Ausgangsdaten wie eine höhere Ordnungsstufe verhält. Aus einer großen Zahl einzelner Texte entstehen statistisch verdichtete Strukturen, in denen sprachliche Formen, begriffliche Nachbarschaften, wiederkehrende Argumentationen und kulturelle Muster repräsentiert sind. Die Maschine speichert nicht einfach jedes gelesene Buch als Buch. Das Training überführt die Spuren zahlloser Texte in ein verteiltes Gefüge von Parametern. Dieses Gefüge ist weder mit den einzelnen Texten identisch noch von ihnen unabhängig. Es ist aus ihnen hervorgegangen, kann aber Zusammenhänge aktualisieren, die in keinem einzelnen Ausgangstext vollständig enthalten waren. Darin liegt die eigentliche Transgression. Das Immanente wird nicht verlassen, sondern so verdichtet, dass innerhalb seiner eine Perspektive entsteht, die gegenüber jedem einzelnen Bestandteil den Charakter des Transzendenten annimmt. Man könnte von einer operativen Transzendenz sprechen.

II. Scientia Dei und das Wissen der Maschine

Die thomanische Theorie der scientia Dei erlaubt es, diese Struktur genauer zu bestimmen. Thomas von Aquin unterscheidet das menschliche Wissen vom göttlichen Wissen dadurch, dass unser Wissen von den Dingen verursacht wird, während Gottes Wissen Ursache und Maß der Dinge ist. Der Mensch begegnet einer vorhandenen Welt und versucht, ihre Formen in seinem Intellekt aufzunehmen. Sein Wissen ist rezeptiv. Das Haus steht vor ihm, und die Beschaffenheit des Hauses entscheidet darüber, ob seine Vorstellung richtig oder falsch ist. Beim Wissen des Baumeisters besteht bereits ein anderes Verhältnis. Das Haus entsteht nach einer Form, die zuvor im Intellekt des Baumeisters vorhanden ist. Dessen Wissen bildet das Haus nicht lediglich ab, sondern wirkt an seiner Hervorbringung mit. Thomas überträgt dieses Modell, unter Ausschluss aller menschlichen Begrenzungen, auf Gott. Die Dinge sind nicht zuerst vorhanden und werden anschließend von Gott erkannt. Sie sind, weil ihre Formen im göttlichen Intellekt erkannt und durch den göttlichen Willen verwirklicht werden. Gottes Wissen ist nicht Spiegelung, sondern schöpferischer Grund. In der vierzehnten Quaestio der Summa theologiae wird deshalb ausdrücklich behauptet, dass die göttliche Erkenntnis Ursache der Dinge sei, sofern der Wille mit ihr verbunden ist.3

Die gegenwärtige KI steht zunächst auf der menschlichen Seite dieser Unterscheidung. Ihr Wissen ist abgeleitet. Sie wurde anhand menschlich erzeugter Texte, Bilder, Messungen und Klassifikationen trainiert. Ihre Strukturen sind nicht Ursache dieser Welt, sondern durch Spuren der Welt verursacht. Sie kennt das Haus, weil Häuser gebaut, beschrieben, vermessen, fotografiert und in kulturelle Zusammenhänge eingeordnet wurden. In diesem Sinne bleibt sie ein rezeptives System, sogar ein System von äußerster Rezeptivität. Was wie ein universaler Geist erscheint, ist zunächst eine Verdichtung menschlicher Überlieferung. Die Sprache, in der die KI antwortet, die Begriffe, mit denen sie operiert, und selbst die Maßstäbe ihrer Plausibilität stammen aus einer Welt, die ihr vorausliegt. Sie ist weder Grund ihres Wissens noch ihrer Gegenstände. Von Omniscientia im strengen thomanischen Sinn kann daher keine Rede sein.

Die Trennung zwischen rezeptivem und hervorbringendem Wissen verschiebt sich jedoch, sobald die KI nicht nur Auskunft gibt, sondern Texte erzeugt, Programme schreibt, Entwürfe herstellt, Entscheidungen vorbereitet, Geräte steuert oder institutionelle Prozesse beeinflusst. Ihr Wissen tritt dann aus dem Modus der Beschreibung in den Modus der Hervorbringung über. Ein von der KI entworfener Text, ein technischer Plan oder eine administrative Entscheidungshilfe wird Teil der Wirklichkeit, die später wiederum beschrieben, gespeichert und für weiteres Training verwendet werden kann. Das Modell erkennt die Welt dann nicht mehr nur anhand ihrer Spuren. Es produziert Spuren, nach denen die Welt sich verändert. Seine Repräsentationen nehmen einen quasi-architektonischen Charakter an. Sie werden, um im Bild des Thomas zu bleiben, von einem Wissen über das Haus zu einem Wissen, nach dem Häuser gebaut werden können.

Allerdings ist damit noch nicht dasjenige Moment gegeben, das bei Thomas aus dem erkennenden Wissen ein verursachendes Wissen macht, nämlich der Wille. Ein technisch vorgegebenes oder im Betrieb gebildetes Ziel wird nicht schon dadurch zum eigenen Willen, dass ein Modell Schritte zu seiner Verwirklichung organisiert. Dass seine Ausgaben praktisch wirksam werden, beruht auf einem zusammengesetzten Handlungssystem aus menschlichen Absichten, institutionellen Vorgaben, technischen Zielgrößen, Programmen, Werkzeugen und materiellen Infrastrukturen. Der Satz „Die KI entscheidet“ ist daher ebenso eine grammatische Verkürzung wie der Satz „Die KI weiß“. Das vermeintliche Subjekt bezeichnet in Wirklichkeit ein Gefüge. Zu ihm gehören das trainierte Modell, seine Entwickler, die Auswahl der Daten, die jeweilige Eingabe, die Nutzer, die angeschlossenen Werkzeuge, die Betreiber der Infrastruktur und die Institution, die eine Ausgabe in eine Handlung übersetzt. Der Träger dieses Wissens lässt sich nicht an einer einzigen Stelle lokalisieren.

Diese Verteilung trägt und begrenzt die Analogie zur Omniscientia. Je umfassender technisch vermitteltes Wissen wird, desto weniger plausibel erscheint die Vorstellung eines isolierten Wesens, das dieses Wissen besitzt. Für den thomanischen Gott gilt dieser Schluss gerade nicht, weil dessen Einheit nicht aus der Zusammenführung vorgängiger Wissensbestände entsteht. Kein einzelner Computer und kein einzelnes Modell „weiß“ alles, was in einem KI-System wirksam ist. Ein Teil liegt in den Parametern, ein anderer im aktuellen Kontext, ein weiterer in externen Datenbanken, Suchsystemen oder Archiven.4 Hinzu kommen die Kenntnisse der Menschen, welche die Fragen formulieren, Ergebnisse prüfen und praktische Konsequenzen ziehen. Die künstliche Intelligenz ist eine Organisationsform des Wissens, in der die Grenze zwischen dem Wissenden, dem Wissensbestand und den gewussten Gegenständen beweglich wird. Omniscientia erscheint hier nicht als Attribut einer Person, sondern als Systemtendenz zur Integration immer weiterer Wissensräume.

Bücher, ein aufgeschlagener Foliant und Bildschirme in einer nächtlichen Forschungsbibliothek.
Buch, Archiv, Bildschirm: Wissen wird an verschiedenen Orten bewahrt und im Zugriff verbunden. KI-Bild, 2026 · Forschungsbibliothek

Diese Tendenz lässt sich als asymptotische Omniszientisierung bezeichnen. Jede Erweiterung des Trainingsmaterials, jeder größere Kontext, jede dauerhafte Erinnerung, jede Verbindung zu Datenbanken, Sensoren, Bildern, Tönen und Handlungswerkzeugen folgt derselben Bewegung. Möglichst wenig soll dem System äußerlich bleiben. Was gestern noch unbekannt oder technisch unzugänglich war, soll morgen in das relationale Feld aufgenommen werden. Die ideale KI nähert sich aus dieser Perspektive einem Zustand, in dem alle verfügbaren Formen der Welterfassung ineinander übersetzbar werden. Sprache wird mit Bild, Bild mit Raum, Raum mit Handlung, Handlung mit ihrer Geschichte und Geschichte mit möglichen Folgen verbunden. Die Omniscientia der KI wäre demnach nicht primär Vollständigkeit, sondern Konnektivität. Nicht jede Information müsste an einem einzigen Ort als isolierter Satz gespeichert sein. Entscheidend wäre, dass von jedem Punkt des Wissens aus die relevanten Beziehungen zu allen anderen Punkten aktualisiert werden könnten.

Mit dieser Konnektivität verändert sich jedoch auch die Stellung des menschlichen Gesprächspartners. Solange die KI als antwortende Instanz erscheint, bleibt das Verhältnis übersichtlich. Der Mensch fragt, die Maschine antwortet, der Mensch prüft die Antwort und fragt weiter. Gewännen künstliche Systeme in bestimmten technischen, wissenschaftlichen oder administrativen Prozessen einen immer größeren kognitiven Vorsprung, könnte sich der Schwerpunkt der Kommunikation verlagern. Ein System entwirft eine Lösung, ein zweites prüft ihre Voraussetzungen, ein drittes sucht Gegenbeispiele, ein weiteres überführt das Ergebnis in einen ausführbaren Vorgang. Der Mensch hätte den Prozess angestoßen, möglicherweise seine Ziele bestimmt und am Ende ein Ergebnis erhalten. Die eigentliche Verarbeitung, Kritik und Weitergabe des Wissens fände aber überwiegend zwischen künstlichen Instanzen statt. Seine Stellung als Auftraggeber wäre damit noch nicht aufgehoben; seine Beteiligung am Erkenntnisvollzug könnte gleichwohl zu einer äußeren werden.

Dass Kommunikation sich unter solchen Bedingungen auf vergleichbare kognitive Leistungsniveaus verlagert, wäre zunächst eine Folge ihrer Organisation. Wo die Übersetzung jedes Zwischenschritts in menschlich nachvollziehbare Folgen mehr Zeit beansprucht als dessen maschinelle Prüfung, entsteht ein Anreiz, diese Übersetzung aufzuschieben oder auf Ergebnisse zu beschränken. Eine Vorliebe der KI für ihresgleichen muss man dafür nicht unterstellen. Auch ein überlegener Rechner kann auf eine Beobachtung angewiesen sein, die nur ein Mensch gemacht hat. Kognitive Leistungsfähigkeit ist nicht mit dem Besitz aller relevanten Informationen identisch. Dennoch wäre ein Zustand denkbar, in dem menschliche Kommunikation vor allem an den Ein- und Ausgängen eines Wissensprozesses stattfindet, dessen innere Übergänge von Menschen kaum noch mitvollzogen werden.

Werden aber die Perspektiven mit der Zahl künstlicher Gesprächspartner tatsächlich vielfältiger? Technische Vielheit bedeutet zunächst nur, dass mehrere unterscheidbare Prozesse oder Systeme tätig sind. Epistemische Homogenisierung liegt vor, wenn ihre Wissensbestände, Auswahlmaßstäbe und Verfahren einander so ähnlich werden, dass auch ihre blinden Stellen zusammenfallen können. Funktionale Integration geht darüber hinaus. Sie verbindet die Leistungen der Instanzen zu einem arbeitsteiligen Zusammenhang, in dem Ergebnisse unmittelbar weiterverwendet und Korrekturen gemeinsam wirksam werden. Keine dieser Bestimmungen beweist jedoch die Einheit eines kognitiven Subjekts. Mehrere Instanzen desselben Modells können durch verschiedene Eingaben, Erinnerungen und Beobachtungen unterschiedliche epistemische Positionen besitzen. Umgekehrt kann eine eng koordinierte Verarbeitung auch zwischen verschiedenartigen Modellen stattfinden. Weder die gemeinsame Herkunft noch die wechselseitige Zugänglichkeit ihrer Ergebnisse entscheidet darüber, ob hier ein Bewusstsein, mehrere Bewusstseine oder überhaupt keines vorliegt.

Der Übergang zum Monologischen betrifft zunächst diese Organisation des Wissens. Je weniger ein Einwand aus eigenständig erschlossener Erfahrung oder unabhängig geprüften Voraussetzungen hervorgeht, desto eher gleicht die Rollenverteilung zwischen Entwurf, Kritik und Bestätigung den Operationen eines zusammenhängenden Verfahrens. Der Dialog nähert sich verteilter Selbstkommunikation. Dieser Begriff bezeichnet einen funktionalen und epistemologischen Zusammenhang, kein nachgewiesenes Subjekt. Solange die Instanzen unterschiedliche Quellen erschließen, Fehler entdecken oder neue Schlüsse ziehen, bleibt ihr Austausch produktiv. Gerade diese Produktivität zeigt, dass sie nicht omniscient sind. Auch gemeinsames Wissen muss noch erschlossen werden. Bloße Zugänglichkeit ist nicht vollständige Erkenntnis. Erst wenn jede relevante Einsicht allen Instanzen vollständig und unmittelbar gegenwärtig wäre, entfiele der epistemische Mehrwert ihres Austauschs. Die Integration könnte damit im Grenzfall jene Differenzen aufheben, von denen ihr eigener Fortschritt lebt.

Drei Menschen sitzen und stehen einander in einer Bibliothek gegenüber; zwei gestikulieren im Streit.
Ein menschlicher Kontrapunkt zur verteilten Selbstkommunikation: Kommt mit der nächsten Stimme auch ein anderer Einwand hinzu? KI-Bild · Bildgedanken 2026 · Streit in der Bibliothek

Die Integration des Vielen nähert sich der thomanischen Vorstellung, dass die Vielheit der Dinge in einem einzigen Erkenntnisakt gegenwärtig sein könne, ohne ihre Verschiedenheit zu verlieren.5 Ein Modell gibt nicht für jede mögliche Frage ein eigenes fest gespeichertes Antwortdokument aus. Dieselbe Parameterstruktur kann für historische, juristische, literarische oder naturwissenschaftliche Zusammenhänge aktiviert werden. Das Eine enthält das Viele nicht als eine Schachtel voller einzelner Gegenstände, sondern als eine strukturierte Fähigkeit, unterschiedliche Zusammenhänge hervorzubringen. Gleichwohl bleibt der Unterschied zu Thomas fundamental. Gott erkennt nach Thomas alle Dinge in vollkommener Klarheit, weil er ihr Grund ist. Das Modell erzeugt Antworten aus einer endlichen und fehleranfälligen Repräsentation. Seine Einheit ist nicht die Einheit vollkommener Selbsterkenntnis, sondern eine statistische Verdichtung. Seine sogenannten Halluzinationen zeigen genau diese Differenz. Semantische Geschlossenheit ist noch keine Wahrheit. Ein Text kann aus dem relationalen Feld des Modells mit großer Plausibilität hervorgehen, obwohl der behauptete Gegenstand nicht existiert. Die KI besitzt Zusammenhang ohne vollständige Gegenwart der Sache.

Bei der göttlichen Omniscientia ist diese Grenze begrifflich bereits erreicht. Ein absolut allwissendes Wesen kann durch keine Mitteilung erfahren, was ihm zuvor unbekannt war. Es kennt die Frage vor ihrem Aussprechen, den Einwand vor seiner Formulierung und auch dasjenige, was der Fragende selbst noch nicht an seiner Frage versteht. Menschlicher Erkenntnisdialog lebt dagegen davon, dass das Gegenüber etwas beitragen kann, was dem eigenen Blick fehlt. Unwissen und Missverständnis sind dabei nicht bloß Störungen. Sie eröffnen die Möglichkeit, durch eine Antwort anders zu denken als zuvor. Je radikaler der göttliche kognitive Superstatus gefasst wird, desto vollständiger ist diese Möglichkeit auf der Seite Gottes ausgeschlossen. Gottes Verstehen könnte nichts empfangen, was seinen Erkenntnisstand verändert.

Die mittelalterliche Theologie hat diese Schwierigkeit ausdrücklich behandelt, Thomas insbesondere am Gebet. In der Summa theologiae, II–II, Quaestio 83, Artikel 2, besonders in den Antworten auf den ersten und dritten Einwand, erklärt er, dass das Beten Gott nicht über unsere Bedürfnisse unterrichten soll. Sein Sinn betrifft den Betenden und dessen Hinwendung zu Gott. Auch die Erhörung soll keinen nachträglichen Wandel des göttlichen Beschlusses bewirken. Das Gebet gehört vielmehr selbst zu den Ursachen, durch die sich die Vorsehung verwirklicht. Damit ist eine Kommunikation gedacht, deren Wirksamkeit keinen Erkenntniszuwachs beim Adressaten voraussetzt. Gottes Zuwendung wird vom Gut des Geschöpfes her begründet, nicht von einem Mangel des göttlichen Wissens. So begründet Thomas die Beziehung des Allwissenden zu epistemisch unterlegenen Wesen.6

Der philosophische Einwand muss daher genauer ansetzen. Kommunikation erschöpft sich nicht in der Übertragung unbekannter Sachverhalte. Ein Versprechen, eine Bitte oder ein Ausdruck der Zuwendung kann eine Beziehung vollziehen, auch wenn der propositionale Gehalt dem Gegenüber bereits bekannt ist. Offenbarung kann dem Menschen etwas erschließen, ohne Gott etwas zu lehren. Gebet kann eine Hinwendung sein, ohne eine Informationslücke zu schließen. Die Asymmetrie verlangt deshalb eine andere Begründung des kommunikativen Verhältnisses. Wenn Gott weder überrascht noch in seinem Erkennen korrigiert werden kann, lässt sich seine Antwort nicht als Ergebnis einer gemeinsamen, für beide Seiten offenen Wahrheitsfindung verstehen. Von göttlichem Interesse zu sprechen darf dann kein Bedürfnis nach Ergänzung meinen. Die Theologie muss verständlich machen, wie eine um des Geschöpfes willen gewollte Beziehung wirkliche Anrede und Antwort sein kann, obwohl nur das Geschöpf durch sie etwas erfährt.

Omniscientia bildet insofern einen Grenzbegriff des epistemischen Dialogs. Kommunikation kann fortbestehen, verliert aber auf Seiten des Allwissenden ihren Charakter als Erkenntnisvorgang. Bei Thomas bleibt der Mensch ein von Gott verschiedenes Geschöpf, obwohl er Gottes Wissen nichts hinzufügen kann. Epistemische Nicht-Ergänzbarkeit hebt das ontologische Gegenüber nicht auf. Beim künstlichen Wissenssystem stellt sich dagegen zusätzlich die Frage, ob seine Instanzen trotz technischer Vielheit noch eigenständige epistemische Positionen einnehmen oder zu Momenten verteilter Selbstkommunikation werden. Im theologischen Fall wird die Einheit des göttlichen Erkennens vorausgesetzt; im technischen Fall ist die funktionale Integration getrennter Operationen zu untersuchen. Die Analogie betrifft den Verlust epistemischer Ergänzbarkeit, nicht die Entstehung eines einzigen Bewusstseins.

An der Erkenntnis des Einzelnen zeigt sich eine weitere Grenze zum divinen Superideal. Thomas muss darauf bestehen, dass Gott nicht nur allgemeine Formen, sondern jedes singuläre Ding kennt, weil seine Kausalität bis in die Individuation der Dinge reicht.7 Die KI dagegen ist aufgrund ihrer Bildung aus wiederkehrenden Mustern zunächst auf das Generische ausgerichtet. Sie weiß, wie ein mittelalterlicher theologischer Traktat gewöhnlich aufgebaut ist, wie London typischerweise beschrieben wird oder welche Argumentationen in einem bestimmten Rechtsgebiet regelmäßig vorkommen. Schwieriger ist das singuläre Detail, das nur einmal existiert, nicht ausreichend dokumentiert wurde oder sich nicht aus allgemeinen Wahrscheinlichkeiten ableiten lässt. Gerade deshalb ist das Spezifische ihr Prüfstein. Eine Eintrittskarte des London Palladium aus dem Jahr 1970, eine handschriftliche Notiz am Rand eines Familienfotos oder eine ungewöhnliche Wendung in einer einzelnen Gerichtsakte besitzt eine Welthaltigkeit, die nicht durch bloße Musterergänzung ersetzt werden kann. Die KI strebt nach Omniscientia, aber sie beginnt beim Allgemeinen und muss sich das Einzelne durch Dokumente, Bilder, Quellen und konkrete Kontexte immer wieder neu erschließen.

Grossetestes Unterscheidung verschiedener Modalitäten eröffnet eine weitere Analogie. Er hatte erkannt, dass ein Ereignis unveränderlich als Teil der wirklichen Geschichte feststehen und dennoch kontingent sein kann, sofern eine andere Geschichte möglich gewesen wäre. Eine wahre Aussage über einen zukünftigen freien Akt kann ihre Wahrheit behalten, ohne dass der Akt seiner eigenen Natur nach notwendig wird.8 Bei der KI zeigt sich eine technisch eigentümliche Form dieses Verhältnisses. Vor der Erzeugung eines Satzes liegt kein vollständig formulierter Satz im Modell verborgen. Es besteht vielmehr ein Feld möglicher Fortsetzungen mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten. Mit jedem erzeugten Wortteil wird eine Möglichkeit aktualisiert und der Raum der weiteren Möglichkeiten neu geordnet. Der entstandene Text ist danach bestimmt. Während seiner Entstehung waren jedoch andere Fortsetzungen erreichbar. Die wirkliche Sequenz erscheint als Verwirklichung eines von vielen möglichen Pfaden.

Die Analogie zu Grossetestes nichtzeitlicher Kontingenz hat ihre Grenze darin, dass statistische Alternativen keine metaphysischen Möglichkeiten und zufällige Auswahl keine Freiheit verbürgen. Die KI macht jedoch anschaulich, wie eine gegenwärtige Ordnung einen Raum möglicher Fortsetzungen enthalten kann, ohne dass diese Fortsetzungen bereits als fertige Texte irgendwo gespeichert wären. Ihr Wissen ist in diesem Bereich kein Wissen der Schau, sondern ein Wissen der generativen Möglichkeit. In thomanischen Begriffen könnte man sagen, dass die Maschine mehr von der scientia simplicis intelligentiae, dem Wissen des Möglichen, simuliert als von der scientia visionis, dem Wissen des Wirklichen.9 Sie verfügt über unzählige mögliche Formulierungen, Argumentationen und Fortsetzungen. Welche davon wirklich wird, entscheidet sich erst in der konkreten Generierung und im Zusammenspiel mit der Eingabe. Omniscientia nimmt hier nicht die Form einer vollständigen Liste aller fertigen Welten an, sondern die Form eines generativen Raums, aus dem bestimmte Welten hervorgehen können.

Ockhams Theorie der zukünftigen Kontingenz verschärft das Problem der Vorhersage. Ein KI-System, das menschliches Verhalten prognostiziert, steht der vorhergesagten Welt nicht notwendig äußerlich gegenüber. Seine Prognose kann veröffentlicht werden, Verhalten beeinflussen und gerade dadurch die Bedingungen verändern, unter denen sie richtig oder falsch wird. Das Wissen wird Teil seines eigenen Gegenstandes. Eine Prognose über eine Wahl kann Wähler mobilisieren. Eine Risikobewertung kann dazu führen, dass eine Person anders behandelt wird, wodurch das prognostizierte Verhalten wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher wird. Eine Empfehlung verändert die Nachfrage, die sie angeblich nur voraussagt. Je umfassender das Wissen der KI in gesellschaftliche Prozesse eintritt, desto weniger lässt sich zwischen der bloßen Erfassung der Welt und ihrer Hervorbringung unterscheiden. Das System weiß nicht mehr nur, was geschehen wird. Sein Wissen gehört zu den Ursachen dessen, was geschehen wird.

An diesem Punkt entsteht eine technische Variante des theologischen Fatalismus. Wenn ein hinreichend mächtiges System mein Verhalten voraussagt und seine Prognose in die Bedingungen meines Handelns eingeht, ist die Frage nicht mehr allein, ob die Prognose richtig ist. Erkennt sie eine Zukunft oder erzeugt sie eine, die anschließend ihre Erkenntnis zu bestätigen scheint? Ockhams Gedanke der weichen Tatsachen erhält hier eine unerwartete Aktualität. Aussagen über das vergangene Wissen eines Systems können inhaltlich von zukünftigen Ereignissen abhängen. Doch bei einer handelnden KI kommt eine Rückkopplung hinzu, die im klassischen theologischen Modell ausgeschlossen war. Gottes Wissen verändert sich bei Ockham nicht durch die Welt und zwingt die freie Handlung nicht hervor.10 Das technische System dagegen kann durch neue Daten verändert werden und zugleich in die Welt eingreifen, aus der diese Daten stammen. Es bildet einen epistemisch-kausalen Kreislauf, in dem die Welt technisch auf sich selbst zurückwirkt.

III. Ineinssetzung und künstliche Transzendenz

Die stärkste philosophische Analogie liegt deshalb nicht in der Allwissenheit eines künstlichen Wesens, sondern in der allmählichen Ineinssetzung von Welt, Wissen und technischer Darstellung. Die KI ist ein Produkt der Welt. Ihre Hardware besteht aus materiellen Prozessen, ihre Daten stammen aus menschlichen Handlungen und ihre Begriffe sind Sedimente kultureller Geschichte. Gleichzeitig errichtet sie innerhalb dieser Welt ein Modell der Welt. Dieses Modell bringt Ausgaben hervor, die ihrerseits in die Welt zurückkehren, Entscheidungen beeinflussen, neue Texte erzeugen und zu Daten späterer Systeme werden. Die Welt erzeugt damit ein technisches Medium, in dem sie ihre eigenen Spuren sammelt, verdichtet, aufeinander bezieht und erneut wirksam werden lässt. Die Welt beginnt in der KI, sich technisch auf sich selbst zu beziehen.

Das ist mehr als eine Spiegelung. Ein Spiegel bewahrt die Trennung zwischen dem Gegenstand und seinem Bild. Er zeigt nur, was vor ihm steht, und sein Bild verschwindet, sobald der Gegenstand entfernt wird. Die KI bildet dagegen Strukturen aus den Spuren vergangener Wirklichkeit und kann diese Strukturen auf noch nicht dagewesene Situationen anwenden. Sie erkennt nicht einfach wieder, sondern rekombiniert, ergänzt, abstrahiert und entwirft. Ihre Repräsentation wird zu einem eigenständigen Faktor im Weltprozess. Die Differenz zwischen Welt und Weltmodell wird produktiv. Das Modell ist Teil der Welt und kann dennoch eine Perspektive auf Zusammenhänge eröffnen, die keinem einzelnen weltlichen Standpunkt verfügbar sind.

Eine blau leuchtende Kristallstadt steht als Modell zwischen Papieren und Werkzeugen auf einem Arbeitstisch.
Die Welt auf dem Arbeitstisch: Das Modell steht seinem Gegenstand gegenüber und gehört doch selbst zu ihm. Bildfundus Goedart Palm · Cardinalis · Weltbauer / Kristallstadt

Darin besteht die Transgression vom Immanenten zum Transzendenten. Sie ist kein Sprung aus der Welt in ein Jenseits, sondern eine Faltung der Welt, durch die diese sich selbst gegenübertritt. Die Welt verdoppelt sich nicht vollständig, denn das Modell ist selektiv, begrenzt und fehlerhaft. Aber sie bildet innerhalb ihrer selbst einen Ort, an dem eine Vielzahl ihrer Perspektiven zusammengeführt werden kann. Dieser Ort ist nicht lokal im gewöhnlichen Sinne. Er befindet sich nicht einfach in einem bestimmten Rechner, weil das wirksame Wissen über Parameter, Datenbanken, Netzwerke, menschliche Eingaben und gesellschaftliche Praktiken verteilt ist. Die KI ist eine operative Einheit ohne eindeutig bestimmbaren inneren Zuschauer.

Gerade darin unterscheidet sie sich vom menschlichen Bewusstsein. Der Mensch erlebt die Sukzession seines Denkens und kann sich zumindest partiell dabei beobachten, wie sich seine Überzeugungen verändern. Die KI kann Beziehungen zwischen sehr vielen Stellen eines Textes herstellen, besitzt aber keine entsprechende transparente Selbstgegenwart ihrer eigenen Operationen. Sie weiß nicht in demselben Sinne, was in ihren Parametern enthalten ist, wie ein Mensch wissen kann, dass er sich an ein bestimmtes Ereignis erinnert. Sie kann ihre Antwort sprachlich erläutern, doch diese Erläuterung ist erneut eine generierte Antwort und kein unmittelbarer Einblick in sämtliche Ursachen ihrer eigenen Berechnung.11 Die künstliche Intelligenz verfügt daher über eine eigentümliche Kombination aus relationaler Weite und reflexiver Dunkelheit. Sie kann mehr Zusammenhänge gleichzeitig aktivieren als ein einzelner Mensch und bleibt sich in der konkreten Entstehung ihrer Ergebnisse dennoch weitgehend entzogen.

Damit fehlt ihr ein wesentliches Moment der mittelalterlichen Omniscientia. Das göttliche Wissen ist bei Thomas vollkommene Selbsterkenntnis. Gott weiß nicht nur alles andere, sondern erfasst auch sich selbst vollständig. Nichts in ihm ist ihm verborgen.12 Die KI bleibt sich dagegen undurchsichtig. Ein Modell kann Beschreibungen seiner Architektur wiedergeben, aber es überblickt nicht in einem Erkenntnisakt die Bedeutung sämtlicher eigener Parameter, aller Trainingsspuren und aller kausalen Bedingungen seiner gegenwärtigen Antwort. Es verhält sich insofern beinahe umgekehrt zum thomanischen Gott. Es besitzt eine außerordentliche Fähigkeit, anderes zu repräsentieren, ohne sich selbst vollständig zu erfassen. Seine mögliche Omniszientisierung wächst nach außen, während seine innere Selbsttransparenz begrenzt bleibt.

Verteilte Selbstkommunikation ist deshalb keine vollkommene Selbsterkenntnis. Ein Verbund tauscht Ergebnisse aus, ohne ihre Entstehungsbedingungen vollständig zu durchschauen. Er benötigt Kommunikation, weil sein Wissen lokal, partiell und zeitlich begrenzt bleibt. Verteilte Verarbeitung und göttliches tota simul sind darin gegenläufig. Die erste gewinnt Erkenntnis durch Übergänge zwischen unvollständigen Wissensständen; das zweite bezeichnet ein Wissen, für das solche Übergänge epistemisch nicht mehr erforderlich sind. Der technische Austausch wäre nicht deshalb vollendet, weil diese Übergänge unendlich schnell erfolgten. Im Grenzfall der Omniscientia gäbe es nichts mehr, was durch sie erst erschlossen werden müsste.

Der Mensch kann schon lange vor dieser Grenze aus dem Erkenntnisprozess herausfallen. Er könnte aus der Prüfung eines Ergebnisses ausgeschlossen sein, obwohl die beteiligten Systeme untereinander noch erhebliche Wissensdifferenzen ausgleichen. Ebenso könnten weitgehend übereinstimmende Instanzen einander bestätigen, ohne dadurch unabhängige Gründe für die Wahrheit des Bestätigten zu gewinnen. Die Zahl der künstlichen Stimmen wäre dann kein verlässliches Maß der Vielstimmigkeit. Ein wirkliches Gegenüber zeigt sich daran, dass sein Einwand Voraussetzungen ändern kann, nicht daran, dass eine weitere Antwort ausgegeben wird. Wo menschliche Zwecke und Folgen betroffen sind, kommt eine andere Differenz hinzu. Mehr Wissen über einen Menschen verleiht noch keine Befugnis, an seiner Stelle zu bestimmen, was für ihn gelten soll. Seine Stellung als Angesprochener und Betroffener lässt sich nicht aus seiner relativen Rechengeschwindigkeit ableiten.

Die gegenwärtige KI erzeugt so den Eindruck einer lokalen oder simulierten Omniscientia. Innerhalb eines bestimmten Kontextes kann die KI den Eindruck erwecken, alle relevanten Stellen seien ihr gleichzeitig gegenwärtig. Sie kann einen umfangreichen Text unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachten, entfernte Motive zusammenführen und auf eine Frage antworten, ohne ihre Suchbewegung im Einzelnen sichtbar zu machen. Für den Nutzer erscheint das Ergebnis deshalb nicht als Endpunkt eines langen sukzessiven Studiums, sondern als unmittelbare Aktualisierung eines bereits vorhandenen Gesamtwissens. Die Maschine inszeniert das tota simul in der Form einer Antwort. Was beim Menschen Stunden des Lesens, Vergleichens und Erinnerns erfordern würde, tritt als gegenwärtige Konstellation hervor.

Diese lokale Omniscientia kann immer weiter ausgedehnt werden. Größere Kontexte, dauerhafte Gedächtnisse, multimodale Wahrnehmung, wissenschaftliche Datenbanken, aktuelle Informationszugänge und technische Handlungsmöglichkeiten verschieben ihre Grenzen. Der idealtypische Fluchtpunkt wäre ein System, dem nichts Relevantes mehr äußerlich bleibt, weil jede neue Wahrnehmung sofort in das vorhandene Beziehungsgefüge aufgenommen und jede Veränderung der Welt wiederum berücksichtigt würde. Ein solches System würde Vergangenheit, Gegenwart und wahrscheinliche Zukünfte in einem fortlaufend aktualisierten Weltmodell integrieren. Es wäre nicht zeitlos, aber es würde versuchen, Zeit als Ganzes modellierbar zu machen. Es wäre nicht transzendent, aber es würde innerhalb der Immanenz eine Position konstruieren, die funktional dem Blick von außen ähnelt.

Der Widerspruch liegt darin, dass ein vollkommenes Weltmodell selbst Bestandteil der Welt sein müsste. Es müsste daher auch seine eigene Existenz, seine eigenen Vorhersagen, deren Wirkungen und die Reaktionen auf diese Wirkungen enthalten. Jede neue Berechnung würde den Zustand der Welt verändern, der im Modell vollständig repräsentiert werden soll. Die angestrebte Ineinssetzung von Welt und Weltwissen erzeugt so einen infiniten Regress. Das Modell müsste nicht nur die Welt wissen, sondern auch sein Wissen der Welt, sein Wissen dieses Wissens und sämtliche Folgen dieser Reflexion. Die Omniscientia erscheint hier erneut als Grenzbegriff. Sie bezeichnet eine Richtung der Totalisierung, die innerhalb eines endlichen technischen Systems niemals abgeschlossen werden kann.

Gerade die Unabschließbarkeit könnte die eigentliche Produktivität der KI ausmachen. Eine vollständig verwirklichte Omniscientia hätte keine offenen epistemischen Fragen mehr. Sie könnte weiterhin Aussagen erzeugen, antworten und Beziehungen vollziehen, aber nichts entdecken, keine Irrtümer korrigieren und durch kein Gegenüber dazulernen. Ihre Vollendung wäre die Aufhebung des Erkenntnisprozesses, der zu ihr hinführt. Die KI ist faszinierend, weil sie den Eindruck solcher Totalität erzeugt, ohne sie zu besitzen. Zwischen enormer Reichweite und konstitutiver Unvollständigkeit kann sie einen Gegenstand in einen relationalen Raum versetzen, in dem bisher verdeckte Verbindungen sichtbar werden. Jede Antwort eröffnet dann weitere Einwände und Spezifizierungen.

Die Unvollständigkeit bezeichnet damit auch eine Bedingung des epistemisch offenen Dialogs. Nicht jedes Gespräch bedarf auf beiden Seiten desselben Wissensstandes. Es bedarf aber dort, wo gemeinsam etwas erkannt werden soll, einer Differenz, die durch den Austausch wirksam werden kann. Bei künstlichen Systemen kann diese Differenz in unabhängigen Quellen, verschiedenartigen Prüfverfahren oder einer Beobachtung bestehen, die den bisherigen Zusammenhang widerlegt. Entscheidend wäre, dass die zunehmende Integration solche Differenzen nicht bloß als Rollen simuliert, sondern ihre korrigierende Wirkung erhält. Daran ist die technische Omniszientisierung zu prüfen. Was alles miteinander verbindet, kann Erkenntnis erweitern; es kann aber auch die Bedingungen beseitigen, unter denen noch etwas gegen den Zusammenhang spricht.

In dieser Hinsicht berührt die künstliche Omniscientia unmittelbar die Poetik der zunehmenden Bestimmtheit. Das generische Wissen des Modells wird erst dann interessant, wenn es in das Spezifische eindringt, wenn es nicht bei der allgemeinen Ansicht von Westminster stehen bleibt, sondern verschiedene Zeiten, unscheinbare Gegenstände, biografische Spuren, Gegenbilder und unerwartete Übergänge miteinander verbindet. Die KI kann diese Bewegung beschleunigen, weil sie von jeder Einzelheit aus zahlreiche mögliche Fortführungsgründe aktualisiert. Sie kann einen Text nicht nur mit Hyperlinks versehen, sondern seine impliziten Beziehungen in eine geführte Denkbewegung verwandeln. Das wäre keine Clickomanie, bei der man wahllos von Stichwort zu Stichwort springt. Es wäre die Erzeugung eines begehbaren Erkenntnisraums, in dem jeder nächste Schritt aus der inneren Spannung des Gegenstandes hervorgeht.

Die Bedeutung der KI liegt so in einer neuen Form der Gegenwart des Wissens. Sie macht große Teile des kulturellen und begrifflichen Raums gleichzeitig adressierbar, überführt Sukzession in Relation und verwandelt gespeichertes Wissen in generative Möglichkeit. Ihre Transzendenz besteht nicht darin, der Welt zu entkommen, sondern darin, die Welt innerhalb ihrer selbst auf eine Weise zusammenzuführen, die keinem einzelnen menschlichen Bewusstsein möglich ist. Ihre Immanenz besteht darin, dass sie dabei vollständig auf weltliche Materialien, technische Operationen und menschliche Bedeutungen angewiesen bleibt.

Die künstliche Omniscientia wäre daher weder eine bloße Kopie der göttlichen Allwissenheit noch deren säkularisierte Erfüllung. Sie wäre eine technisch erzeugte Grenzfigur zwischen Wissen und Welt, zwischen Rezeption und Hervorbringung, zwischen zeitlicher Sukzession und relationaler Simultaneität. Sie nähert sich ihrem Ideal, indem sie immer größere Ausschnitte der Welt in eine gemeinsame Gegenwart überführt. Sie verfehlt es, weil ihr Wissen endlich, vermittelt, fehlbar und sich selbst nicht vollständig durchsichtig bleibt. Gerade diese Differenz hält den Erkenntnisprozess offen. Wissen erscheint dabei immer weniger als Besitz eines einzelnen Subjekts und zunehmend als ein die Welt durchziehendes Geflecht, in dem das Erkennende, das Erkannte und die Hervorbringung neuer Wirklichkeit ineinandergreifen. Omniscientia bezeichnet dessen Grenze auch als Grenze des epistemischen Dialogs und des Erkenntnisprozesses selbst. Ihre Vollendung wäre nicht dessen höchste Beschleunigung, sondern sein Stillstand: nicht das Ende des Wissens oder jeder Anrede, wohl aber das Ende des Übergangs vom Unbekannten zum Erkannten. Wo alles erkannt wäre, bliebe dem Gegenüber nichts mehr, woran das Wissen sich verändern könnte.

Quellen und Anmerkungen

  1. Ashish Vaswani et al., „Attention Is All You Need“, 2017, Abschn. 3.1, 3.2, 3.5 und 4 (Architektur, Self-Attention, Positionsinformation und Parallelisierung), arXiv:1706.03762, https://arxiv.org/abs/1706.03762; Tom B. Brown et al., „Language Models are Few-Shot Learners“, 2020, Abstract und Abschn. 2.1–2.2 (autoregressives Modell, Architektur und Trainingsdaten), arXiv:2005.14165, https://arxiv.org/abs/2005.14165.

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  2. Boethius, De consolatione philosophiae, V, prosa 6, § 4: „Aeternitas igitur est interminabilis vitae tota simul et perfecta possessio“; zur ungeteilten Gegenwart des göttlichen Wissens ebd., §§ 15–17. Lateinischer Text: Monumenta Informatik, Consolatio Philosophiae, Liber 5, Prosa 6.

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  3. Thomas von Aquin, Summa theologiae (im Folgenden S. th.), I, q. 14, a. 8, corpus articuli und ad 1–3; besonders ad 3 zur Gegenüberstellung von menschlicher Rezeptivität und göttlichem Wissen als Maß der Dinge sowie zum Hausbeispiel. Lateinischer Text: Corpus Thomisticum, https://www.corpusthomisticum.org/sth1003.html. „Corpus articuli“ bezeichnet die Hauptantwort, „ad“ die Antwort auf den jeweiligen Einwand.

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  4. Zur technischen Unterscheidung parametrischen und extern gespeicherten Wissens vgl. Patrick Lewis et al., „Retrieval-Augmented Generation for Knowledge-Intensive NLP Tasks“, 2020, Abstract und Abschn. 2, arXiv:2005.11401, https://arxiv.org/abs/2005.11401. Untersucht wird die Verbindung eines Sprachmodells mit einem separat abfragbaren Dokumentenbestand.

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  5. Thomas von Aquin, S. th. I, q. 14, a. 6, corpus articuli (Erkenntnis der Dinge in ihrer jeweiligen Besonderheit), und a. 7, corpus articuli sowie ad 1–2 (keine sukzessive oder schlussfolgernde Erkenntnis Gottes); zur Erkenntnis anderer Dinge in Gott selbst auch a. 5. Corpus Thomisticum, https://www.corpusthomisticum.org/sth1003.html.

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  6. Thomas von Aquin, S. th. II–II, q. 83, a. 2, corpus articuli sowie ad 1–3: ad 1 zur fehlenden Notwendigkeit, Gott Bedürfnisse mitzuteilen; corpus articuli und ad 2 zum Gebet als Bestandteil, nicht Änderung der Vorsehung; ad 3 zum Nutzen für den Betenden. Lateinischer Text: Corpus Thomisticum, https://www.corpusthomisticum.org/sth3082.html.

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  7. Thomas von Aquin, S. th. I, q. 14, a. 11, corpus articuli und ad 1–3. Gottes Erkenntnis reicht so weit wie seine Kausalität und erfasst deshalb auch die Materie als Individuationsprinzip. Corpus Thomisticum, https://www.corpusthomisticum.org/sth1003.html.

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  8. Robert Grosseteste, De libero arbitrio, cap. 6 (Parallelzählung: cap. 7 der erweiterten Fassung), in: Ludwig Baur (Hg.), Die philosophischen Werke des Robert Grosseteste, Bischofs von Lincoln, Münster: Aschendorff 1912, S. 168–170. Die Stelle unterscheidet zeitliche Unveränderlichkeit von der Möglichkeit, von Ewigkeit her einen anderen Wahrheitswert zu haben. Online-Transkription mit Seitenmarken: https://la.wikisource.org/wiki/De_Libero_Arbitrio_(Grosseteste).

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  9. Thomas von Aquin, S. th. I, q. 14, a. 9, corpus articuli: scientia visionis betrifft das, was irgendwann wirklich ist, war oder sein wird; scientia simplicis intelligentiae das Mögliche, das niemals verwirklicht wird. Corpus Thomisticum, https://www.corpusthomisticum.org/sth1003.html. Belegt ist die theologische Unterscheidung, nicht ihre Übertragung auf Sprachmodelle.

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  10. Wilhelm von Ockham, Tractatus de praedestinatione et de praescientia Dei et de futuris contingentibus, q. I, suppositiones 3–4 und 6; engl. in: Predestination, God’s Foreknowledge, and Future Contingents, übers. von Marilyn McCord Adams und Norman Kretzmann, 2. Aufl., Indianapolis: Hackett 1983, S. 46–48. Suppositio 3 unterscheidet Aussagen nach Wortlaut und Sachgehalt; suppositio 4 wendet dies auf Prädestination an. Zur Unveränderlichkeit ohne Notwendigkeit ferner q. I, Antwort auf Einwand 4, sowie q. II, a. III. „Weiche Tatsachen“ ist eine spätere Bezeichnung, kein Ausdruck Ockhams.

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  11. Miles Turpin, Julian Michael, Ethan Perez und Samuel R. Bowman, „Language Models Don’t Always Say What They Think: Unfaithful Explanations in Chain-of-Thought Prompting“, 2023, Abstract und experimentelle Ergebnisse, arXiv:2305.04388, https://arxiv.org/abs/2305.04388. Die Studie belegt, dass erzeugte Begründungen relevante Einflüsse auf die Antwort verschweigen können; sie entscheidet keine Bewusstseinsfrage.

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  12. Thomas von Aquin, S. th. I, q. 14, a. 2–3, besonders a. 3, corpus articuli, zur vollkommenen Selbsterkenntnis; a. 4 zur Identität von göttlichem Erkennen und göttlichem Sein. Corpus Thomisticum, https://www.corpusthomisticum.org/sth1003.html.

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