
Lesen, Leser und Medienwandel
Diese Seite verbindet einen Essay über die Zukunft des Lesens, die historische „Leserbeschimpfung“ und ausgewählte Reaktionen auf die Virtuelle Textbaustelle.
I. Die Zukunft des Lesens
Zwischen Aliteralität und „scannendem“ Lesen
Noel Gallagher von "Oasis" soll mit Zladko, dem im Medienabseits verschollenen Big Brother der ersten Containerstaffel, gemeinsam haben, nie ein Buch gelesen zu haben. Wer sich so brüstet, kann gleichermaßen auf Beifall gequälter Pennäler wie auf Verachtung bis Mitleid seitens Bildungsbeflissener rechnen. Danach dürften Gallagher und Zladko auch nicht den griechischen Mythos des König Cadmus kennen, der mit der Einführung der phonetischen Schrift Drachenzähne gesät haben soll, die sich in bewaffnete Männer verwandelten. Schreiben und Lesen, kurzum die magischen Künste des Alphabets, können nicht nur diesem Mythos zufolge als die tief greifendsten Welterschließungs- und Beherrschungstechniken gelten, die zur Ausbildung der uns geläufigen Schriftkultur führten.
Das Abendland hat verschiedene Untergangsvisionen und als eine davon gilt der Verlust der Literalität im hemmungslosen Einbruch elektronischer Medien, die Schrift, Sprache, Töne und Bilder in ihren hektischen Signalwelten kurzschließen. Für Marshall McLuhan dagegen war es klar, dass die Menschheit die Gutenberg-Galaxis unwiderruflich verlässt, um brüderlich "Nichtalphabeten mit Halbalphabeten und Nachalphabeten" in den elektrischen Medien zu vereinigen (Die magischen Kanäle, Originalausgabe 1964, Düsseldorf 1992, S. 27).
Der unverschuldete Ausgang des Menschen aus der Literalität (weiterführend: http://www.literalitaet.ch/home.htm) in eine technologisch eingebettete Welt, die ihre schon je fragile Unterscheidung von Realität und Virtualität vollends aufgeben könnte, macht freilich Angst. Vor allem denen, die mit einem unglücklichen Begriff der Leseforschung als "tertiäre Analphabeten" bezeichnet werden: Menschen, die keine ausreichende Medienkompetenz besitzen, um mit den neuen Kulturtechniken des Computers und Internets umzugehen.
Aliteralische Unzeitgenossen
Der bildungsbürgerliche Griff zum guten Buch wird kulturapokalyptisch als archimedischer Hebel überhöht, um die Schriftkultur vor ihrem Einsturz zu bewahren. So beklagt der Kommunikationswissenschaftler Philip A. Thompsen (http://communication.wcupa.edu/faculty/thompsen/) von der "West Chester University" in Pennsylvania – einer von vielen - die wachsende "Aliteralität" bei amerikanischen Schülern und Studenten. Trotz der im Einzelfall mitunter bestehenden Abgrenzungsprobleme ist Aliteralität nicht mit Illiteralität zu verwechseln, denn aliterale Zeitgenossen haben schlicht kein Interesse an Schriftzeichen, obwohl ihnen die Kulturtechnik "Lesen" prinzipiell zur Verfügung stünde. Da die Kultur in der Sprache eingebaut sei, befürchtet Thompsen mit vielen anderen Kritikern der neuen Leseschwächen, dass sich diese aliteralen Lesemuffel das kulturelle Erbe nicht aneignen könnten – also untauglich seien, sich in dieser Welt zu orientieren.
Nun lässt sich der Umgang mit neuen und neuesten Medien zuletzt auf eine geschlossene Kulturtechnik und schon gar nicht auf das Nichtlesen reduzieren. Die visuellen Reizwelten des Fernsehens oder die auditiven des Radios sind nicht mit den Anwendungsprofilen des Computers oder Internets zu verwechseln. Gerade das Netz wächst mit babylonischen Textmassen zu, die mehr denn je zum Lesen zwingen. Email und selbst das allgegenwärtige Chatten – wider dessen Selbstbeschreibung als Gespräch – sind Momente einer neuen elektronischen Schrift- und Lesekultur. Freilich sind die Differenzen etwa zwischen der elaborierten Briefkultur des 18.Jahrhunderts und diesen digitalen Verschriftlichungen so gravierend, dass die Frage nach der literalen Kompetenz verschiedene Schrift- und Lesetypen unterscheiden muss.
Der Kulturkritiker Barry Sanders konstatiert bereits 1994 in "Der Verlust der Sprachkultur" (Frankfurt/M, 1995), dass die Mehrzahl der amerikanischen Kinder heute in einer Umgebung aufwächst, aus der die Sprache getilgt sei. Auch Neil Postmans Menetekel über die Kulturdemontage durch das Fernsehen und den Verfall der Lesefähigkeit ist bekanntlich von der Wehmut nach einer linearen Weltaneignung geprägt. Nach einer Gallup Erhebung aus dem Jahre 1999 sind lediglich 7 % der Amerikaner unersättliche Leser, die mehr als ein Buch pro Woche lesen. Etwa 59 % erklärten dagegen, dass sie in einem Jahr weniger als zehn Bücher gelesen hätte – das ist immerhin die doppelte Anzahl von Büchern, die der bundesrepublikanische Durchschnittshaushalt nach einer älteren Untersuchung an Büchern überhaupt besitzt. Die Zahl der Nichtleser steigt in den USA seit zwanzig Jahren kontinuierlich an. Besonders prekär ist der Hinweis der "Organization for Economic Cooperation and Development" aus dem Jahre 1998, dass 50% der arbeitsfähigen Bevölkerung Amerikas nicht die literalen Eigenschaften besitzt, um in modernen Wirtschaftsunternehmen erfolgreich zu arbeiten. Das Herrschafts- und Erfolgsargument zu Gunsten der Lesekompetenz bleibt also trotz oder gerade wegen der Ausblicke in eine elektronische Kultur erhalten. In Deutschland liegt nach Schätzungen der deutschen UNESCO-Kommission aus den Neunzigerjahren die Analphabetenrate zwischen 0,75% und 3% der Bevölkerung. Eine aktuelle empirisch-statistische Studie mit exaktem Zahlenmaterial existiert nicht, da seit 1912 die Schreib- und Lesekompetenz der deutschen Bevölkerung nicht mehr untersucht wurde.
Von deutsche Leselöwen und -mäusen
Die Stiftung Lesen (http://www.stiftunglesen.de/index_html.html) hat aber jüngst auf Initiative des Bundesministeriums in Kooperation mit dem Börsenverein des deutschen Buchhandels (http://www.boersenverein.de/) 2530 repräsentativ ausgewählte Deutsche ab 14 Jahren durch das IFAK-Institut persönlich zu ihren Lesegewohnheiten befragen lassen. 41 % der 2530 Befragten nutzen mindestens einmal pro Woche Bücher, weitere 18 % kommen lediglich ein- oder zwei Mal im Monat dazu. Seltener als einmal im Monat lesen 13 % der Befragten ein Buch, während die restlichen 28 % überhaupt nicht zu Büchern greifen. Im Vergleich zu den Resultaten einer vergleichbaren Studie aus dem Jahre 1992 bedeutet dies einen erheblichen Rückgang der Leseintensität. 1992 gab es immerhin noch einen Anteil von täglichen Buchlesern von 16 %, während diese Gruppe im Jahre 2000 auf sechs % geschmolzen ist. Der Anteil der Nichtleser hat sich in dieser Zeitspanne von 20 % auf 28 % erhöht.
Insgesamt hat sich die durchschnittliche Nutzungsdauer von Büchern reduziert. Die Studie unterscheidet dabei zwischen Sach- und Fachbüchern sowie Belletristik. Der Durchschnittswert für die Sach- und Fachbuchnutzung betrug noch 1992 an einem Werktag eine Stunde und elf Minuten, die sich im Jahre 2000 auf 55 Minuten reduzierten. Ähnliche Ergebnisse gelten für die durchschnittliche Belletristiklektüre. Am Wochenende gönnen sich die Deutschen zwar etwas mehr Zeit für die Lektüre, aber auch hier sind Rückgänge zu verzeichnen. Allerdings reduzierten sich auch die täglichen Zugriffe auf das Fernsehen in dem Vergleichszeitraum um zehn Minuten auf zwei Stunden und 31 Minuten. Das TV bleibt also das Königsmedium der Gesellschaft. Die Gegenläufigkeit von Fernsehen und Lektürekonsum ist wenig erstaunlich. Besonders interessant sind die Zusammenhänge zwischen Netzgebrauch und Buchlektüre: 22,0 % der täglichen Internet-User lesen zugleich täglich in Sach- und Fachbüchern. Nur 11,0 % dieser Gruppe tut dies seltener als einmal im Monat. Von den Netzabstinenten oder Gelegenheitsusern lesen lediglich 2,2 % täglich, aber "horrende" 58,1 % dieser Gruppe lesen weniger als einmal im Monat in Sach- und Fachbüchern. Die Gruppe der täglichen Online-Aktivisten weist also im Vergleich zu den offline lebenden Zeitgenossen einen sehr viel höheren Anteil an täglichen Sach- und Fachbuchlesern auf. Lektüre und Computer ergänzen sich mithin. Zudem hat die Studie festgestellt, dass häufige PC-Nutzung zwar nicht unbedingt zum häufigen Lesen von Belletristik prädestiniert, umgekehrt ist das aber umso häufiger zu beobachten. Fazit der "Ehrenrettung" der Computernutzer: Medienkompetenz gegenüber dem Rechner impliziert Lesekompetenz. Wolf-Michael Catenhusen, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung bestätigte daher in seinem Grußwort zum Kongress der Stiftung Lesen "Gutenbergs Folgen" im Herbst 2000 die Lesefreunde: "Da die Anforderungen an unsere Medienkompetenz in Zukunft noch wachsen werden, muss, wie aus international vergleichenden Studien hervorgeht, auch das Niveau der Basis- und Schlüssel-Qualifikation Lesen tendenziell höher werden. Es erweist sich also, dass die "alte" Kulturtechnik Lesen geradezu zur Eintrittskarte in die Computergesellschaft wird."
Der "scannende" Leser
Aber wie lange gilt das wirklich noch? Jenseits der Zahlen und der Hoffnung auf den kulturellen Schulterschluss von neuen und alten Medien stellt sich die Frage nach den Lektüregewohnheiten der neuen Leser. William Albert vom "Terra Lycos Portal Design Lab" in Waltham, Massachusetts, attestiert dem Typ des Internetlesers eine habituelle Ungeduld, die kurz gefasst das Gegenbild des ausdauernden Bücherwurms darstelle. Der netzorientierte Leser "scannt" die Texte, sucht Textbrocken statt leseaufwändigen Texten, von Textwüsten ganz zu schweigen. Und wie es nicht anders sein kann, wird diesem selektiven Lesertypus von den Kulturwahrern das "Verständnis", die tiefe Durchdringung der Texte in ihrem hermeneutischen Bedeutungsreichtum abgesprochen.
Gleichwohl kann der Leser als schnell laufender "Scanner", als Über- und Querleser nicht als Bankrotterklärung der Literalität herhalten, weil Literalität viele Formen jenseits der von Autoren vorgegebenen Textverfassung entwickeln kann. Die Nichtlinearität der Leserichtung, das sprunghafte Lesen, die Lektüre als persönliche Montage können gerade aufgeklärte Lesehaltungen anzeigen, die dem Lesen wieder die Welterfahrung vermitteln, die ohnehin jeder macht: Das Leben ist zuletzt ein Roman, sondern ein patchwork mit mehr oder weniger gelungenem Muster. Die Erscheinung des eigensinnigen Lesers findet lange vor sprungfreudigen Netzlektüren ihr Komplement in weiten Bereichen der (post)modernen "Hochliteratur", die vormalige Textverfassungen aufsprengte und persönliche Lektüreweisen jenseits linearer Leserichtungen nahezu unabdingbar machte. Oder wer liest "Finnegan´s Wake" mit der derselben Ergebenheit in die auktorialen Vorgaben wie etwa "Wilhelm Meister"?
Nichtlesen verursacht Krebs
Barry Sanders beschließt seinen Diskurs über den Verfall der Literalität kulturapokalyptisch: Wenn das "tempus futurum" als der Ausblick auf das Morgen und das Kontrafaktische, beides nach Sanders zentrale Momente der Literalität, sterben, können die Menschen nicht mehr träumen. Dann würden die seelischen "Innenräume" zerstört und alles sei verloren. Nun ist die Bilderschrift des Traums, der nach Freud ja auch erst gelesen werden muss, keine literarische Errungenschaft, sondern prägte gerade orale Kulturen vermutlich in stärkerem Maße als unsere durch die Schrift vereinheitlichte Kulturen. Das Kontrafaktische ist zudem eine menschliche Kondition, die auch jenseits eines engen Begriffs des "Lesens" ihre Bedeutung behält. Gerade in der Virtualität und ihren kühnen Versprechungen ist das Kontrafaktische ein Antrieb, der zuletzt auf klassische Lesehaltungen angewiesen wäre, noch damit zureichend zu verstehen wäre. Ohnehin völlig untauglich ist die Festlegung eines menschlichen Zeitbewusstseins auf die lineare Kulturtechnik klassischer Lektüren, ohne die komplexen Zeitbilder von Kino, Fernsehen oder Comics zu berücksichtigen.
Eine elektronische Erlebnisgesellschaft, die Kommunikation zum Fetisch erklärt hat, wird sich schwerlich damit abfinden, dass "Bücherlesen heißt, in einer geistreichen Gesellschaft zu sein, wo man nur zuhört und nichts beiträgt zur Unterhaltung", wie Jean Paul bereits mit kritischem Unterton vor ungefähr zweihundert Jahren anmerkte (Ideen-Gewimmel, Frankfurt/M 1996, S. 50).
Die Mahner und Warner vor dem Verfall des Literarischen werden indes jetzt rabiat: der amerikanische Leseforscher Jim Trelease (http://www.trelease-on-reading.com/bio.html) will die Aliteralität wie Tabak bekämpfen, weil die schrecklichen Konsequenzen des Nichtlesers für dessen Familie und Kinder unabsehbar seien. Verursacht Nichtlesen Krebs? Zumindest könnte die Gefahr in jenen Fällen des "funktionalen" oder "sekundären" Analphabetismus nicht völlig ausgeschlossen werden, wenn nach Barry Sanders 70 % der Betroffenen zwar rudimentär lesen und schreiben können, aber gegenüber schwierigeren Texten – wie Zeitungslektüren, Behördennachrichten oder eben Beipackzetteln mit wichtigen Warnhinweisen versagen.
Der Kommunikationswissenschaftler Philip Thompsen hat dagegen auch auf den restriktiven Begriff von Literalität hingewiesen, der sich in der Fähigkeit erschöpfe, Texte zu lesen. Das Lesen ist älter als die Schrift, wie die Rede vom Buch der Welt/Natur, Buchstaben, der "Lektüre" von außersprachlichen Zeichen in Tiereingeweiden, den Konstellationen der Gestirne und tausend anderen Zeichen Gottes belegt. Die von Thompsen angemahnte Verkürzung könnte mindestens so fatal sein wie die kulturpessimistisch ermittelten Leseschwächen nachwachsender Generationen, die Barry Sanders Glauben zufolge letztlich in Gewalt und Rücksichtslosigkeit enden werden. Könnte es also sein, dass der Verfall klassischer Lektürehaltungen mit avancierten Kulturtechniken einhergeht, die erst ein angemessenes Verhältnis zu den Umbrüchen der Welt begründen?
Postliterale Welt
So könnte auch das Literarische eine vorüber gehende Episode der Welterschließung sein, der angemessenere Weisen folgen, in der Welt verstehend zu handeln. Die Abbildung der Welt im Text hat seit Platon, der an der historischen Schnittstelle oraler und literaler Kultur steht, viele Widersacher gefunden. Die symbolische Welt in Schriftzeichen hat immer das Besondere unterschlagen. Hegel etwa konstatierte in seiner Ästhetik die Unzulänglichkeit des Lesen und Vorlesens dramatischer Werke, weil der Fantasie das überlassen bleibe, was doch erst die Inszenierung lebendiger Schauspieler erweisen könnte. Aber das wirft nicht nur literaturgattungsspezifische Differenzierungen auf, sondern immer schon die Frage, ob das Lesen als "via regia" des Weltverstehens, so historisch unabdingbar es war, nicht eben so viel an sinnlichen Erfahrungen geraubt wie an abstrakter Weltsicht geschenkt hat. Dass Lesen nicht nur bildet, sondern auch verbildet, ist die hartnäckige Begleitmusik schriftorientierter Gesellschaften, die etwa in Jean-Jacques Rousseaus Erziehungshinweis kulminiert, dass Lektüre die "Geißel der Kindheit" sei. Auch dem emanzipierten Ideal des lesenden Untertans begegneten zahlreiche staatstragende Varianten der Lesefeindlichkeit, um zu vermeiden, dass das Lesen Menschen auf dumme, also anarchische Gedanken bringt.
Der Groll auf die Lektüre findet ihren frühen Ursprung in Platons Fundamentalverdikt gegenüber der Schrift in "Phaidros", weil die Schrift nur ein schwaches Abbild der mündlichen Sprache sei, geeignet, dass Gedächtnis, aber auch die Deutlichkeit und Vollständigkeit der oralen Vermittlung zu schwächen, auf die doch Menschen in ihrem Weltverständnis angewiesen seien. Wäre die Kultur dem schreibenden Schriftkritiker Platon und nicht Gutenberg gefolgt, wären die technischen Speicher der Bibliotheken und später Datenbanken nicht entstanden, würde man vermutlich heute Platon nicht mehr kennen, weil auf mündliche Überlieferungen wider alle Gedächtniskunst zuletzt Verlass ist. So aber könnte man sich für die Entstehung einer postliterarischen Kultur, für die orale Verständigung unter den Bedingungen einer technologisch "totalisierten" Welt wieder auf Platon berufen.
Vilém Flusser hat im Verblassen der alphabetischen Kultur den Anhub einer techno-imaginären Welt erkannt, in dem die technischen Bilder neue "Begriffe" bedeuten, über deren Verwendung noch wenig bekannt ist (Vgl. Vilém Flusser, Lob der Oberflächlichkeit, Die kodifizierte Welt, Bensheim und Düsseldorf 1993, S. 63 ff.). Der Weg führe hinaus aus der linearen Welt der Schrift, des Lesens, der Theorien und Ideologien zu "Modellen" als Bildern von Begriffen.
Es geht kurzum nicht um die vordergründige Oppositionen von Schrift und Sprache, Lesen und Sprechen oder Bildern und Schrift, die längst nicht mehr in den diffusen Zeichenwelten des Netzes gültig sind, sondern um eine neue Begrifflichkeit der Medialität. Bereits McLuhan hat angesichts des "Elektronengehirns" den nächsten logischen (sic) Schritt darin gesehen, die Sprachen zu umgehen und auf einen Zustand der harmonischen "Sprachlosigkeit" zu hoffen (Die magischen Kanäle, S. 99). Auch wenn McLuhans Hoffnung auf ein kosmisches Bewusstsein zur Euphorie der ersten Stunde des elektronischen Medienzeitalters gehört, die inzwischen so ungebrochen nicht mehr die Medientheorie beflügelt, löst sich jedenfalls die klassische Trias von Sprache, Schrift und Bild im Netzgewebe auf (Vgl. dazu etwa Mike Sandbothe (http://www.uni-jena.de/ms/teil1.html). Wenn aber die Übergänge zwischen den Zeichen- und Abbildungssystemen zu fließen beginnen, wird auch das klassische Lesen, wenngleich es gegenwärtig noch eine zentrale Position einnimmt, als Kulturtechnik nicht mehr ausreichen. Das Literarische, das einst die oral geprägte Kultur, von einigen Ethnien abgesehen, liquidierte, könnte sich dann selbst in einer techno-oralen Kultur auflösen, die sich nicht länger über Texte vermittelt. Noch benötigen zwar Programmierer Sprachen bzw. Codes, müssen mithin selbst Sprachkompetenz besitzen, um eine techno-orale Gesellschaft zu ermöglichen, in der reine Anwender von fremder Literalität abhängen(Vgl. etwa Gerald M. Phillips, A Nightmare Scenario: Literacy and Technology (http://www.uni-koeln.de/themen/Internet/cmc/text/phillips.94b.txt). Aber die Entwicklung des Mensch-Maschine-Gesprächs ist unabsehbar und mag auch den Verlauf nehmen, die literale Vermittlung völlig aufzuheben.
Vielleicht sind also die Nichtlese-Riesen Noel Gallagher und Zladko auf dem richtigen Weg in die Zukunft, nur – sie wissen es nicht, weil sie dafür gegenwärtig noch lesen müssten!
Goedart Palm
II. Reader, go home!
Reader, go home!
Leserbeschimpfung – seligen Angedenkens an
Peter Slobodan Handke
Mit aller Verständlichkeit sei es gesagt, daß ich mir wohl bewußt bin, unverständlich zu schreiben. Ich habe nie gezweifelt, daß die zeitgenössischen Idioten meinen Stil nicht verstehen. Ein wenig besser dürfte es mit den Idioten, die da kommen werden, bestellt sein, obschon ich sicherlich auch für die nicht schreibe. (Karl Kraus, Fackel 413, S.112.)

Es ist ein altes Vorurteil in schöner wie unschöner Literatur, dass Texte für Leser geschrieben werden. Selbst Tausende Seiten Karl Kraus, die dieses Vorurteil ein für alle Mal hätten erledigen sollen, haben wenig in der narzisstischen Selbsteinschätzung von Lesern bewirkt, sich für berechtigt zu halten, ihren Senf auf fremde Buchseiten zu schmieren.
Wir müssen allen Zynismus zusammen nehmen, um zu glauben, Homer, Shakespeare oder gar Goethe hätten sich je für Leser interessiert. Weder Odysseus, noch Hamlet oder Faust haben einen Beipackzettel, der den Schnellkochtopf im Schwachstromleserhirn zum Kochen bringen könnte. Verständnis bei Lesern erregen allenfalls Hieb-, Schlag-, und Stichzeilen, wie etwa jüngst bei EXPRESS (19.05.2000): "Frau erwürgt Kampfhund". Darunter kann sich der Leser wenigstens etwas vorstellen, das rührt an sein Mitgefühl - für arme Kampfhunde, die wie er in einer feindlichen Welt ums Überleben kämpfen müssen.
Lesers Paradies sind härteste Bandagen, auf dieser abgestumpften Lederhaut müssen Kettensägen rotieren, um ein letztes Prickeln gegenüber den allfälligen Katastrophen auszulösen. Was vermag dagegen ein Gedicht von Rilke heute noch zu provozieren? Gar nichts! Wer ist überhaupt Rilke? Zladko ist das selbsterklärte Ende der Kultur – darauf eine Talkshow für seine kleinen Freunde, die vermutlich Wörter für eine Art des konzentrierten Rülpsens in einer sprachlosen Gesellschaft halten. Damit sollte es sein Bewenden haben, der Leser seinen Offenbarungseid gegenüber jeder Art alphabetischer Kultur ableisten und ohne über Los zu gehen und 4000 DM einzuziehen, sich ab ins Disney-Land auf Nimmerwiederlesen verziehen.
Stattdessen tun sich eifrige Leser zusammen, gibt es beflissene Lesezirkel und kaffeegeschwängerte Leseecken beim Buchhändler. Hugendubel dir eins. Zuvor meinte ein chauvinistischer Franzose, die Deutschen täten sich zusammen, um ein Bonmot zu verstehen. Scheint nicht viel gebracht zu haben, also gründen sie heute eine "community", in der Sprache jederzeit "offtopic" ist. Heute schon yahoot? Gar existiert eine "Stiftung Lesen" in Mainz, die Menschen, die vornehmlich BILD in schönster Absicht kaufen, um ihr Frühstück nicht ohne Unterlage zu verzehren, damit behelligt, schon Kinder zum Lesen wertvoller Literatur zu verderben. Kinder, die heute noch lesen – man stelle sich das vor! Deutschlands Kinder hungern, da hat die Kollwitz schon Recht, aber nicht nach Lektüre, sondern nach LAN-Partys.
Surfen ist gut, aber Lesen zerstört auf Dauer den jungen Menschen, der ein Menschenrecht auf Sony Playkonsole und Teletubbies hat. Wollt ihr Kinder in Textwüsten hineinstoßen, deren letzte Oase der schnell verzehrbare Klappentext sein mag? Ein ärztlich-literarischer Rat: Lesen verdirbt nicht nur die Augen, sondern auch den natürlichen Verstand, über die Dinge so oberflächlich zu urteilen, wie sie nun einmal sind. Die Schöpferin der modernen Kultur ist Lieschen Müller und wer das nicht sofort zugibt, soll meinetwegen jetzt lesen, aber hinterher für alle Zeit schweigen.
Käufer sind gut, aber Leser sind so überflüssig wie skandinavische Handyfahrer auf dem Mond. Bestsellerlisten machen das sofort klar. Selbstverständlich hat niemand Umberto Ecos Multi-Seller "Der Name der Rose" gelesen, weil dieses mittelalterliche Selbstgespräch des Autors für Leser viel zu anstrengend ist. Dieser Wälzer ist gräulich langweilig – aber: gekauft, gekauft wurde die "Rose", weil Bücherregale schmuck aussehen sollen und mehr literarischer Verstand bringt ohnehin kein Leser auf, als ungelesene Schwarten nach Größe und Einbandfarbe seinem "Ikea-Billy" zu überantworten. Später kommt dann der Flohmarkt oder der gnädige Altpapiertag, um den Bildungsmüll seiner wahren Bestimmung gemäß zu entsorgen.
Der Leser ist mit- und schlechthin das Nullum in der Literatur und je besser ein Text ist, umso nichtiger ist der Leser. Der Autor schreibt den Text, um sich von seiner eigenen Unsterblichkeit zu überzeugen und das Quacken in den Tümpeln der Blätterwälder, des Netzes und anderswo wohl- und selbstgefällig zu übertönen. Der Leser ist dagegen das überflüssigste Glied in der Kristallisation des Textes. Der Leser, diese träge Diva mit der Intellektualität eines aufgescheuchten Moorhuhns und der Sensibilität eines abgesoffenen Johnny Walkers, stolpert über jede Textmarke, die seinem 1000-Wörterschatz zuwiderläuft.
Aber es kommt noch schlimmer. Anstatt sich zu schämen und einen virtuellen Volkshochschulkurs "Deutsch für bloody beginners" unter der email-Adresse "karl@tumb" zu belegen, wagen es immer wieder einige der unverfrorensten Leser, Redaktionen und Autoren mit ihren unbedarften Zuschriften zu behelligen. Spam. Spammer. Am Spammsten. Die dümmste aller Kritiken ist der Kommentar, der keiner ist, der Text sei zu lang. Lektüren sind wohlverdiente Spießrutenläufe und die Gasse der Volkserziehung kann für die Nachwuchsanalphabeten gar nicht lang genug sein, um ihre eigene Bedeutungslosigkeit Satz für Satz, besser noch: Wort für Wort, unter allfälligen Beweis zu stellen bzw. ihnen auf den bornierten Rücken zu brennen. Die zweitdümmste aller Zuschriften ist das Eingeständnis, der Autor gebrauche Fremdwörter, die er, der Leser, ohne ein Glossar, das so lang wie die Encyclopedia Britannica sein müsste, nicht verstehen könne.
Auch mich zwickt mein unvollkommener Verstand hier und da und dort, aber wenigstens versuche ich notdürftig und schamhaft in einer auch mir unverständlichen Terminologie zu kaschieren, dass ich diese Welt schon lange nicht mehr begreife. Ganz anders Leser, die ihren Unverstand zu Markte tragen, sich öffentlich damit brüsten und noch auf Beifall rechnen, wo ihnen längst die Kritik der reinen Unvernunft um die Ohren gehauen werden müsste.
Also wenn du nach alldem immer noch Leser sein willst, was ist zu tun? Der wohlerzogene Leser sollte seinen Autor vor der Welt und den Menschen loben und preisen. Aber um Gottes Willen erspar dem Autor deine Lektüre. Das hält der schlechteste Text auf Dauer nicht aus. Und um Menschen Willen, lass den Autor in Ruhe. Der hat sich auf Wesentliches zu konzentrieren und könnte Lesers junkmail nicht mal für eine Textabfallcollage brauchen. Geldspenden oder Naturalgeschenke wären dagegen zulässig, um Buße für die eigene Ignoranz zu tun. Mag dann sein, dass aus dem literarischen Olymp hin und wieder ein Blitz auf den masochistischen Leser niederfährt, der sich dann wohlig winden mag.
Winke winke, lieber Leser – und untersteh´ dich, einen Kommentar zu diesem Text abzusetzen. Dafür interessiert sich im Abgesang der abendländischen Kultur ohnehin niemand mehr und deine freegmxhotwebmails gehen mir an der Feder vorbei.
Goedart Palm
III. Wie die Textbaustelle gelesen wurde
Eine kleine Auswahl historischer Reaktionen zeigt, wie unterschiedlich Stil und Argumentation der Textbaustelle wahrgenommen wurden.
Lob der sprachlichen Komplexität
„Absoluter Lesetipp sind die Artikel von Goedart Palm, die einerseits zwar in ihrer sprachlichen Komplexität sehr stark herausstechen (vor allem der erste), andererseits aber genau dadurch sehr bindend an den Leser (zumindest an mich) sind. Gerne mehr davon.“
Kritik am vermeintlich elitären Stil
„Ganz offenbar ein Mann, der das Wort zu führen weiß und der ein fundiertes Hintergrundwissen besitzt, der diesen Artikel geschrieben hat. Wenn er auch dadurch ein wenig elitär wird. Die These an sich ist ein wenig verwegen, will aber wohl auch nicht unbedingt ernst genommen werden. Satire und Sarkasmus und alle anderen Spielarten des Humors sind seit jeher die wirksamste und ungefährlichste Waffe des Widerstandes gegen die ‚Obrigkeit‘ gewesen.“
Eine Reaktion zur deutschen Identität
„Palm vertritt die These, dass ein Volk, das zusammenwächst, eine gemeinsame, nationale Identität braucht. Diese speist sich entweder aus einer gemeinsamen Geschichte oder aus einer Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Die gemeinsame Vergangenheit ist äußerst schwierig, aufgrund 40-jähriger Trennung und der Nazi-Diktatur.“
„Diese Gräben verhindern eine übergesellschaftliche, nationale Identität, womit er auch den Rückgang gesellschaftlicher Solidarität erklärt. Da es keine gemeinsame Identität gibt, bekriegen sich die gesellschaftlichen Gruppen, anstatt sich solidarisch zu zeigen.“
„Also ich erkenne da durchaus eine Meinung! Nur ist sie nicht so plump und polemisch wie so häufig, sondern differenziert und komplex!“