Verstreutes zur Sprache
Ideale Heimat. Wohl kaum ein Schriftsteller, der seine Bücher nicht als Heimat höherer Ordnung begreift. Schreiben heißt urbar machen.
Eine Heimat, die aus Sätzen besteht, muss allerdings gebaut werden, während ihre Baustoffe weiter eintreffen. Der nächste Fund kann einen Raum öffnen oder die eben errichtete Wand wieder einreißen. Deshalb entscheidet sich die eigene Form nicht erst an der hübschen Fassade. Sie beginnt mit der Frage, welchem Einfall man folgt, welche Beobachtung eine andere verändert und wo man aufhört, jedem vorbeikommenden Material Unterkunft zu versprechen. Das Buch wird nicht deshalb eigen, weil alles darin vom Autor erfunden wäre. Eigen wird die Weise, in der die Dinge einander etwas zu sagen bekommen.
Sittenstrolch. Er belästigt die Sprache.
Dichters Selbsttäuschung. Der Orgasmus am Schreibautomaten garantiert noch keine Qualität, nur instantane Befriedigung. Paradox: Die Selbstkritik wird erst wieder mit der Entfremdung, der Abspaltung des Textes möglich. Ständige Flucht vor dem distanzlosen Ego, um besser zu erkennen.
Überarbeiten verlangt einen unangenehmen Rollenwechsel. Der Satz, dessen Entstehung noch als Glücksfall im Körper sitzt, steht plötzlich vor einem Leser, dem diese Entstehung nichts schuldig ist. Der Autor muss diesen fremden Leser zeitweilig in sich aufnehmen. Dann wird hörbar, dass die herrliche Wendung einen Gedanken bloß überspielt oder dass ausgerechnet der unscheinbare Nebensatz die Beobachtung trägt. Die Entfernung vom eigenen Text ist keine Entfernung von der eigenen Stimme. Sie erlaubt erst, deren einzelne Leistungen von ihrem bloßen Selbstgenuss zu unterscheiden. Gefährlich wird die Korrektur, wenn sie alles Unverwechselbare als Unregelmäßigkeit behandelt. Der Text soll seine Widerstände genauer setzen können; er muss nicht gehorsam werden.
Das Reale. "Ich möchte einmal das hören, worin alle großen Dichter und alle großen Denker miteinander einig sind. Denn das muss das Reale sein" (Ludwig Hohl). Das ist ein zweifach naiver Wunsch. Erstens gibt es das Reale nicht, zweitens sind sich Dichter und Denker in der Sprache einig. Aber ist es der Rest der Welt auch?
Die Einigkeit wäre noch kein Beweis. Aus dem gemeinsamen Ausdrucksmittel folgt nicht die gemeinsame Sache, und aus dem gemeinsamen Gegenstand folgt nicht die eine richtige Sprache. Gerade das Reale als letzter, von allen anerkennbarer Rest bleibt eine Verheißung, die der nächste Satz nicht einlösen kann. Der Schriftsteller trifft auf Widerstand, sobald ein Mensch anders handelt, als es seine schöne Deutung verlangt. Diese Erfahrung ist verlässlicher als der Traum eines endgültigen dichterischen Konsenses: Man muss den Text an etwas ändern, das man nicht durch die eigene Begeisterung über ihn hergestellt hat. Urbar machen heißt auch, auf einen Boden zu stoßen, der sich nicht jeden Bauplan gefallen lässt.
Dichtdunst. Einige Poeten haben größte Not zu verleugnen, dass sie doch nur Herz auf Schmerz reimen.
Exkulpation. Würden sie mehr auf ihre Sprache achten, würde ich ihnen ihre Gedanken schon verzeihen.
Zeichen. Nun handelt sich das literarische Protokoll von Welt und Welten leicht den Vorwurf ein, alles unterschiedslos apriorisch als Zeichen zu nehmen. Aber so wenig wie die Gattungszuordnung noch länger als Bedeutungskriterium der Texte überzeugt, so unergiebig ist die Kritik am Zeichenbegriff, weil solche Kritik den Nachweis eines stärkeren Verknüpfungssystems, eines besser geschalteten Relais zwischen den Fällen der Welt und ihrer Semantik, schuldig bleibt. Noch sind Zeichen exklusive Selbstreferenzen des Weltverständnisses und auch das Netz ist letztlich nichts anderes als ein gigantisches Zeichensystem für die, die lesen können.
Das Zeichen ist dabei kein Zaubermittel, das Unterschiede zwischen den Dingen abschafft. Einen Fahrplan lesen, einen Blick deuten und einen Vers hören sind verschiedene Verrichtungen. Wer sie alle als Zeichenbeziehungen beschreibt, hat ihren Zusammenhang benannt, aber noch nicht ihre jeweilige Leistung erklärt. Für den Autor fängt die Arbeit gerade hier an: Welche Verbindung trägt, welche ist bloß durch ein gleiches Wort erschlichen? Das stärkere Relais müsste an diesen Übergängen mehr sichtbar machen, als die bisherigen Verknüpfungen leisten. Ein Netzanschluss erspart diese Prüfung nicht. Auch ein gigantisches Zeichensystem kann sehr viele Verbindungen anbieten, ohne einen einzigen brauchbaren Zusammenhang zu stiften.
Schlacht der Zeichen. Mögen die Untergangspropheten Alteuropas den digitalen Vorschein einer Netzkultur nicht mehr sehen wollen, bleibt doch die Spannung rasant beschleunigter Informationswelten bestehen, die sich zuletzt von Literaten ihre Kondition "verschreiben" lässt. Die Schlacht der Zeichen ist noch nicht geschlagen, das Getümmel unabsehbar, ohne Form und Ziel. Aber in dieser Schlacht wird nicht nur das alte Verständigungssystem "Literatur" zerschlagen, sondern es entstehen zugleich auch neue Symbolsysteme, die nicht a priori chancenlos sind, das Verhältnis des Menschen zu seiner Welt erträglicher zu machen.
Enzyklopädisch. Ungeachtet der Verdienste strukturaler, werkimmanenter Analysen ist das Gattungskriterium aber durch den interdisziplinären Schulterschluss von Literatur, Philosophie, Soziologie etc. ohnehin obsolet geworden. Mit der Vernetzung wird das Entstehen disziplinübergreifender Textsorten auch technologisch leichter realisierbar. Ein werkübergreifender Textkorpus, eine gleichsam alexandrinische Enzyklopädie als Gesamttext aller verfügbaren Texte zeichnet sich ab. So wäre etwa das unvollendete, letztlich unter historischen Bedingungen unvollendbare "Passagenwerk" von Walter Benjamin als früher Erfahrungsraum einer gattungslosen, transgressiven Lektüre von zunächst disparaten Texten zu nehmen, die sich in der hermeneutischen Arbeit zu einer literarischen Montage verfugen. Hier liegt zugleich auch die Passage in eine uferlose Form von Textualität, der allein moderne Speicher beikommen. Wenn Textualität als Strukturmerkmal auch auf soziale Verhältnisse, Bilder, Musiken, Städte, Kulturen, Ethnien, mithin jede Weltkonstruktion bezogen wird, schließlich als Verknüpfungspostulat auch heteronome Ensembles aus Zeichen und Gegenständen zulässt, wird mit der Demontage der Gattungen auch die Auflösung des rein Literarischen, das es ohnehin nie gab, in einen unendlichen Welttext erstrebt. Dieses avancierte Welt-Lektüre-Verhältnis ist freilich zugleich das älteste, wie es die Rede vom Buch der Natur/Welt erweist, das schon "avant la lettre" animistischen Weltbildern lesbar schien und sich bis hin zur romantischen Naturgläubigkeit erhalten hat.
Montage beginnt erst, wo die bloße Nachbarschaft Folgen bekommt. Eine Reklame, eine Straßenbeschreibung und ein philosophischer Satz können nebeneinanderliegen, ohne einander zu berühren. Wird durch ihre Anordnung dagegen die Reklame als Versprechen lesbar und die Straße als Ort, an dem dieses Versprechen bezahlt oder enttäuscht wird, ist etwas geschehen, was keine Speichervergrößerung allein zustande bringt. Der Traum des Gesamttextes und die Arbeit am einzelnen Übergang bleiben deshalb ungleich groß. Wer alles verfügbar hält, hat noch nichts entschieden. Gerade das Passagenprojekt schärft den Blick für die Auswahl, die Unterbrechung und die Wiederkehr: Die Materialien müssen Beziehungen eingehen, deren Spannung nicht schon im Katalog ihrer Herkunft enthalten ist.
Suche. Zwischen Gedanken und Wörtern den Zwischenraum suchen. Sich von schlechter Semantik zu befreien, das ist der erste Schritt.
Rhetorik. Er duldete nur Widersprüche, die schlecht begründet waren.
"Manchen fehlt es an Gegenwart des Geistes - dafür haben sie desto mehr Zukunft des Geistes." (Novalis 2172) - Was aber wäre, wenn der Geist selbst keine Zukunft hätte? Geistwesen, zu denen der Mensch angeblich gehört, können nur den Geist als Krone der Schöpfung begreifen. Vor dem Auftauchen des Geistes gab es keinen Begriff davon. Das Neue kann nie erkannt werden.
Wer nur die vorhandenen Maßstäbe mitbringt, erkennt zunächst ihre Verletzung. Für den Schreibenden ist das eine alltägliche Schwierigkeit im Kleinen: Eine noch ungeschickte Wendung kann näher an der Erfahrung sein als der souveräne Satz, den man längst beherrscht. Wird sie sofort nach alter Regel ausgebessert, verschwindet mit dem Fehler möglicherweise die Entdeckung. Der Zwischenraum zwischen Gedanke und Wort ist deshalb auch eine Arbeitsfrist. Man muss etwas stehenlassen können, ohne es schon für gelungen zu erklären; erst die Fortsetzung zeigt vielleicht, welche Form hier begonnen hat.
Epochenwechsel. Wir beobachten das Ende der Sprache als Königsmedium. Sprache wurde in ihrer Wahrheits- und Welterschließungsfunktion desavouiert. Jetzt regieren die Kürzel. Eine Abbreviaturenmoral bestimmt den Gefühlsausdruck. Smileys grinsen ubiquitär im Digitaluniversum. Das 18.Jahrhundert hätte uns ob unserer Schnödigblödigkeit wegen verachtet. Mit der Verflachung des Gefühlsausdrucks wird auch die Intelligenz beschädigt. Die "Entdeckung" der emotionalen Intelligenz kommt nicht von ungefähr heute aufs Tapet.
Die Beschädigung liegt in der ersparten Unterscheidung. Wo ein fertiges Grinsen jede Mischung aus Verlegenheit, Zuneigung und Herablassung erledigen soll, entfällt die Arbeit, diese Mischung überhaupt wahrzunehmen. Ein Kürzel kann den Umgang beschleunigen; als regelmäßiger Ersatz für den genauen Ausdruck macht es die Empfindung ebenso routiniert wie ihre Mitteilung. Der literarische Satz setzt an der Stelle an, an der das Zeichen schon passend zu sein scheint und doch etwas unterschlägt. Er braucht nicht immer mehr Wörter. Er braucht die Wörter, mit denen sich sagen lässt, warum dieses Lächeln ein anderes ist als das vorige.
Gebrauchsliteratur. Die Promiskuität, nicht nur der literarischen Formen, sondern auch der Theorie mit der Praxis, der Kunst mit dem Leben, ja des Lebens mit dem Tod, stiftet das Gesetz der literarischen Survival-Technik. Vom Nutzen und Nachteil der Literatur für das Leben handelt heute weit eher die Literatur der Telefonbücher, der Speisekarten, der Fahrpläne und anderer "nouveaux romans".
Wittgenstein nachgefragt. Liegt die Bedeutung einer Dichtung in ihrem Gebrauch in der Sprache? Oder beginnt die Dichtung jenseits der Sprache, in einem noch unmarkierten Raum? Wäre also die Dichtung immer auf der Flucht vor der imperialen Sprache?
Die Frage setzt bei Wittgensteins Philosophischen Untersuchungen, § 43, an, wo der Gebrauch für eine große Klasse von Bedeutungsfällen maßgeblich ist. Der Gebrauch einer Dichtung wäre dann nicht mit der bloßen Übermittlung ihrer Mitteilung erledigt. Ein Wort kann im Gedicht durch Wiederholung, Stellung oder Klang etwas tun, das es im Formular nicht tut. Der unmarkierte Raum liegt vielleicht gerade dort, wo solche Möglichkeiten noch keine bequeme Benennung haben. Die Flucht vor der imperialen Sprache muss mit deren Mitteln stattfinden. Darin liegt ihr Risiko, aber auch ihre Genauigkeit: Sie entkommt der fertigen Rede, indem sie an einem bestimmten Wort, einer Pause, einem unerwarteten Anschluss arbeitet.
Ja/Nein. Der Raum zwischen diesen beiden Polen ist im 20. Jahrhundert riesig geworden. Inzwischen lauert überall in diesem weiten Feld ein "vielleicht", ein "irgendwie" oder "möglicherweise". Komplexität ist ein Euphemismus für die unerträgliche Zufälligkeit des Seins in modernen Gesellschaften. Zeitgenossen beobachten in ihrer eventualiter-Rede, die zwischen den Polen pendelt. Leitet sich hier das Ende der Sprache als Wahrheitsmedium ein? Aber wo wird dann Wahrheit noch verhandelt?
Urvertrauen. Autorisierte Sprecher müssen sich nach den Bedingungen ihrer Autorität befragen lassen. Wo alles aufschreit, kann wenig auf Lektüre rechnen. Weder Philosophen, Literaten oder gar Politiker flößen jenes Ur-Vertrauen ein, das wir genossen haben, als wir das Wahrheits- und Lügenmedium "Sprache" als Kinder kennen lernten. Vorauseilende Semantik unserer Gesellschaftsspitzen drängt sich inzwischen so penetrant auf, dass Entsemantisierung und rationale Rekonstruktion Not tut.
Burned-out. Schreiben wurde zur Beliebigkeitsveranstaltung. Aber mehr noch steht der Schriftsteller verwaist vor einer Welt, die Identitäten bezweifelt, Werte zu Restposten verkümmern lässt, schließlich Texten in der Vermarktung ihre Verbindlichkeit raubt. Hugo von Hofmannsthal hat in dem Chandos-Brief die Ausgebranntheit der Sprache in der Welterschließung beklagt, ein Zustand, der das moderne Weltverhältnis des Dichters bezeichnet. Solche Klage entsteht mit der Autonomie einer Dichtung, die sich von nun an allzuständig für die ungelösten Menschheitsfragen fühlt. Auftritt die neue Zipperleinliteratur, die eigene Physiologie als omina behandelnd.
Bei Hofmannsthal lässt sich die Schwierigkeit an einer peinlich kleinen Situation fassen. Chandos will seiner Tochter eine Lüge vorhalten und gerät beim Sprechen über Wahrheit selbst ins Stocken; der Anspruch der Ermahnung und seine verfügbaren Begriffe gehen auseinander. Die Sprachkrise in Ein Brief ist damit nicht nur eine feierliche Absage an große Wörter. Sie durchkreuzt eine Handlung, die so selbstverständlich schien, dass sie keiner besonderen dichterischen Befähigung bedürfen sollte. Zugleich gewinnt das scheinbar Nichtige eine übermäßige Gegenwart. Die Welt verschwindet nicht mit dem Versagen ihrer fertigen Beschreibung; sie wird bedrängender. Der Text muss einen Umgang mit dieser Fülle finden, ohne jeden körperlichen Ausschlag schon zur Botschaft des Weltgeistes aufzuwerten.
Grünes Heft. Auf Monitoren zu schreiben ist einfach. Vor und zurück, schneller als klassische Autoren je sein konnten, den eigenen Text prüfen, korrigieren, ändern etc. Aber jene Leichtigkeit des Springens im Text lässt den Freiheitsraum des Dichters um neue Wüsten wachsen. Mit dem Aufzug der schriftstellerischen Autonomie werden ja gerade die Fixpunkte in den Ideen, in der Semantik, im Klang der Wörter gesucht, um nicht dem Nichts anheim zu fallen. Auch die technischen Voraussetzungen des Schreibens gehören zu diesen Festlegungen gegen den Wildfraß des Nichts. Es ist vorteilhaft, seine Hefte, Kladden, Sudelbücher nicht zu vergessen, sondern auch die alten Widerstände der Materie in den Texten zu erhalten. Aufschreibesysteme, die den Medienbruch wie eine seltene Kunst pflegen, gehören zu verbreiteten Techniken moderner Autoren. Wenn einer in Stein meißelt, wird er sich vorher genau überlegen, was er der Ewigkeit übergibt. Bestimmte Textsorten verdanken ihre Entstehung dem schnellwuchernden Digitalmüll, der weniger sehnsüchtig als selbstverständlich auf ein erlösendes "Delete" wartet.
Im Heft bleibt die gestrichene Wendung unter dem Strich sichtbar. Beim Umblättern weiß die Hand noch ungefähr, wo der Einfall stand; ein Pfeil muss den Weg zum Rand tatsächlich zurücklegen. Solche Umstände machen keinen schlechten Satz gut, aber sie halten Entscheidungen und Umwege in der Wahrnehmung. Am Monitor kann dieselbe Passage dagegen mit jeder Änderung so aussehen, als sei sie von Anfang an selbstverständlich gewesen. Dann verliert der Schreibende leicht den Maßstab für seinen Eingriff: verbessert, nur ausgetauscht oder aus Ungeduld beseitigt? Eine Fassung liegenzulassen, eine Stelle laut zu lesen, sie mit der Hand noch einmal zu schreiben, führt andere Widerstände ein. Form entsteht auch dadurch, dass die jederzeit mögliche Veränderung für einen Augenblick unterbrochen wird.
Goedart Palm, Glück und Faulheit, S. 61 ff. in:
18 Antworten auf die Frage nach dem Glück
Ein philosophischer Streifzug - hrsg. von Siegfried Reusch (Autoren: Rüdiger Safranski, Annemarie Pieper, Pascal Bruckner u.a.)
2011. Buch. 232 S. Paperback
S. Hirzel ISBN 978-3-7776-2143-2
Auf den Punkt. Er umschrieb unnachgiebig genau seine Verwirrung.
Paul Valéry, cahiers. Ego te revolvo. Je länger das "Ich" um sich selbst kreist, desto größer wird seine Welt. Sich selbst zu allem in Beziehung setzen. Zuletzt die Welt werden - wider bessere Einsicht.
Cahiers. Der Versuch der Schriftsteller, der Nachwelt Ersatzgene zu übermitteln. Nicht nur "Das war ich", sondern "Das bin ich". Zwar fehlen diesen skripturalen Genen viele Informationen, der Code ist nicht vollständig, aber der Einfluss muss nicht geringer sein als die biologische Fortpflanzung. Eherne Zeichen, die die Nachwelt zu dem machen wollen, was die Gegenwart nicht ist.
Der fremde Leser erbt dabei keine vollständige Person. Er bekommt Entscheidungen, Abbrüche, Versuche, etwas festzuhalten, und kann an ihnen eine Tätigkeit fortsetzen. Darin liegt eine besondere Fruchtbarkeit der Cahiers: Ein Gedanke muss nicht zum Lehrsatz werden, um übertragbar zu sein. Es kann genügen, dass seine Bewegung deutlich genug hervortritt, um anderswo weiterzugehen. Auch die eigene Form muss deshalb nicht jedes Fundstück zu einem abgeschlossenen Ganzen zwingen. Sie kann eine Folge von Einsätzen sein, deren Zusammenhang sich im wiederkehrenden Zugriff zeigt. Das ist eine anspruchsvollere Freiheit als das bloße Ansammeln, weil jede Notiz für ihren Platz und ihre Energie selbst aufkommen muss.
Aus den Fugen. Auf Grund der rasanten Emergenz von immer komplexeren Weltverhältnissen löst sich auch die gleichsam naturwüchsige Materialbeherrschung durch das künstlerische Subjekt auf... der Literat wird zum Archivar, zum Registrator und Sammler. Während Joyce, Döblin, Schwitters oder Jandl ihre literarischen Sprengungen noch in der lustvollen Herrschaft über gefundene Versatzstücke ausüben durften, schlagen die aufdringlichen Fundstücke heute zurück, unterwerfen Literaten und Leser einem nicht endenden "overload" von Informationen, die nicht mehr im Text sinnfällig verfugt werden können. Das Scheitern der Literatur an der Welt wurde zu einer Kondition neuer Literatur. Der "Mann ohne Eigenschaften" ist ein herausragendes Beispiel für die Nichterzählbarkeit der Erfahrung in einem geschlossenen Text. Die Perspektive des "inneren Monologs" hat die Grenzenlosigkeit des Erfahrungsraums zur potenziell unendlichen Textsorte werden lassen. Auch ein Sprachgewaltiger wie Joyce führt in "Finnegans Wake" die Schwierigkeit vor, den Text zu finalisieren: Das 1939 abgeschlossene und veröffentlichte Werk lässt sein Ende in den Anfang übergehen. Die Entgrenzung ist hier eine Leistung der Form, kein Beleg dafür, dass dem Autor die Kraft zum Abschluss fehlte. Literatur entgrenzte sich bei gleichzeitiger Schwächung ihrer gesellschaftlichen Stellung in einen unendlichen Kosmos, der Gattungen und Formen auflöste.
"Ihre Voraussetzung ist falsch, vollkommen falsch: denn wenn wirklich diese Welt die denkbar beste wäre, so wäre klar, dass sie ungeschaffen wäre, und es gäbe keinen Gott! Ihre Unvollkommenheit ist der überzeugendste Beweis, dass sie geschaffen und einem Wesen untergeordnet ist, das vollkommener ist als sie." (Abbé Galiani)