Astrid Lindgrens „Im Land der Dämmerung“ gehört zu jenen Kinderbüchern, deren verhängnisvoll irreführende Gattungsbezeichnung Erwachsene darüber beruhigt, dass die darin verhandelten Probleme vermutlich nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Ein kleiner Junge liegt krank im Bett, ein merkwürdiger Herr mit kariertem Anzug und schwarzem Hut erscheint am Fenster, und anschließend fliegt man ein bisschen über Stockholm. Die Welt scheint damit ordentlich sortiert: hier Krankenbett und Wirklichkeit, dort Herr Lilienstengel und Fantasie. Wer erwachsen geworden ist, darf das Buch zuklappen und sich wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen: Steuerbescheiden, Kriegen, Aktienkursen, künstlicher Intelligenz und der Frage, ob die Spülmaschine schon fertig ist. Ich fürchte allerdings, dass Astrid Lindgren die Sache genau umgekehrt angelegt hat.
Denn Görans Problem besteht zunächst nicht darin, dass er nicht laufen kann. Sein eigentliches Problem besteht darin, dass ihm eine Wirklichkeit präsentiert wird, in der Nichtlaufenkönnen eine definitive Aussage über seine Möglichkeiten sein soll. Das kranke Bein ist der biologische Sachverhalt, die viel mächtigere Behinderung entsteht aber erst durch die Ontologie des Tatsächlichen: So ist es eben. Du kannst das nicht. Das geht nicht. Die Welt ist eingerichtet, die Verkehrsordnung des Möglichen beschlossen, und gegen deren Bestimmungen ist Widerspruch vermutlich unzulässig. Dann kommt Herr Lilienstengel. Er ist einer jener höchst verdächtigen Lindgren-Subversiven, die keine Programme verkünden, keine Revolutionen organisieren und trotzdem die geltende Weltordnung innerhalb weniger Minuten ruinieren. Er argumentiert nicht gegen die Realität, denn das wäre bereits zu viel Respekt vor ihr. Er führt schlicht eine zweite ein.

Plötzlich kann Göran fliegen, und das ist erheblich radikaler, als es klingt. Eine gewöhnliche Trostgeschichte hätte ihm erklärt, dass auch ein Leben mit Einschränkungen schön sein könne. Eine zeitgemäße pädagogische Fassung würde vermutlich Resilienz fördern, Ressourcen aktivieren und anschließend gemeinsam ein Kompetenzprofil ausfüllen. Lindgren tut nichts dergleichen. Sie entschädigt Göran nicht innerhalb derselben Welt, sondern wechselt die Welt. Gerade darin liegt für mich seit jeher der ungeheure Reiz dieser Geschichte. Sie versucht nicht, die Wirklichkeit zu verbessern, sie entzieht ihr für einen Augenblick das Monopol.
Damit entsteht zugleich ein enormer Identifikationseffekt. Göran ist nicht bloß jener andere Junge, dem etwas Märchenhaftes widerfährt. Er ist ein Einfallstor. Der Leser wird mitgenommen in die Erfahrung, dass die Welt, die eben noch so festgefügt, endgültig und unerbittlich schien, auf einmal ihr Gewicht verliert. Das Entscheidende ist nicht, dass Göran fliegt. Das Entscheidende ist, dass man mit ihm fliegt. Der Leser bekommt keine Erklärung, sondern eine Lizenz. Er darf erleben, was es heißt, wenn die Wirklichkeit ihre Drohgebärde verliert und sich plötzlich behandeln lässt wie etwas, das keineswegs das letzte Wort besitzt.
Darin steckt eine eigentümliche Entsublimierungsfreude. Nicht die Wirklichkeit wird erhöht, nicht das Leiden veredelt, nicht der Mangel metaphysisch geadelt. Im Gegenteil: Die Wirklichkeit wird heruntergezogen von ihrem Sockel. Man nimmt ihr die Gravität. Man behandelt sie einen Augenblick lang so, als sei sie gar nichts Besonderes, als sei sie nur eine von mehreren möglichen Anordnungen der Dinge. Das besitzt etwas ungeheuer Befreiendes. Die Welt, die eben noch in ihrer ganzen Schwere auf dem Kind lastete, wird plötzlich zu Material. Man kann sie verschieben, überfliegen, umcodieren, überlisten. Die Gesetze gelten nicht mehr als Schicksal, sondern als lokale Konvention.
Das ist überhaupt das Geheimnis der Dämmerung. Sie ist kein bloß hübsches Lichtphänomen und keine dekorative Zwischenstufe zwischen Tag und Nacht, sondern ein ontologisch höchst verdächtiger Aggregatzustand. Die Dinge sind noch da, aber nicht mehr ganz. Häuser, Bäume, Straßen und Gesichter verlieren jene amtliche Zuverlässigkeit, mit der sie am hellen Tag behaupten, vollständig mit sich selbst identisch zu sein. Konturen werden unsicher, Entfernungen verändern sich, ein Fenster kann plötzlich ein Eingang sein und eine Straße der Beginn einer Reise. Die Dämmerung ist die Tageszeit des Konjunktivs. Sie sagt nicht, dass die Welt anders ist, sondern sie macht sichtbar, dass ihre aktuelle Gestalt keine letzte Instanz besitzt.
Hans Blumenberg hätte an dieser Stelle vermutlich seine Freude gehabt. Sein „Absolutismus der Wirklichkeit“ bezeichnet genau jenen Zustand, in dem der Mensch einer Welt gegenübersteht, die ihn übermächtig angeht, bedroht, beansprucht und in Beschlag nimmt. Kultur, Mythos, Metapher und Erzählung sind bei Blumenberg nicht bloß Schmuck auf einer bereits fertigen Welt, sondern Verfahren der Distanzierung. Der Mensch gewinnt Spielraum, indem er die Wirklichkeit nicht mehr als nacktes Gegenüber erträgt, sondern sie in Bilder, Geschichten und Bedeutungen überführt. Herr Lilienstengel ist in diesem Sinne ein sehr eleganter Blumenbergianer. Er hält keinen Vortrag über anthropologische Entlastung, sondern erscheint am Fenster und fliegt mit einem Jungen über Stockholm.
Das Land der Dämmerung ist damit eine kleine Schule der Distanz. Es zeigt, dass Wirklichkeit nicht nur dadurch erträglich wird, dass man sie verändert, sondern auch dadurch, dass man ihre Unbedingtheit beschädigt. Blumenbergs „Arbeit am Mythos“ besteht gerade darin, den Schrecken des Gegebenen erzählerisch zu domestizieren. Lindgren tut das mit einer Leichtigkeit, die jedem philosophischen System gut zu Gesicht stünde. Was eben noch absolut war, wird plötzlich episodisch. Das ist keine Weltflucht, sondern eine Weltrelativierung. Und Weltrelativierung ist ein Akt geistiger Freiheit.
Man kann denselben Mechanismus auf sehr viel profanerer Ebene bei „Grand Theft Auto“ beobachten. Natürlich liegt zwischen Astrid Lindgren und GTA eine gewisse Distanz, und vermutlich hätte Herr Lilienstengel bei einem Raketenwerfer kurz die Augenbraue gehoben. Aber die Luststruktur ist erstaunlich verwandt. GTA lebt davon, dass man eine hochgradig detaillierte Wirklichkeit betritt und sie zugleich nicht ernst nehmen muss. Autos, Straßen, Polizei, Eigentum, Verkehrsregeln und soziale Konventionen sind vorhanden, aber sie haben ihren moralischen und faktischen Absolutheitsanspruch verloren. Die Welt ist Kulisse, Material, Spielraum. Man kann sie benutzen, deformieren, missachten, gegen die Wand fahren. Gerade weil sie so realistisch modelliert ist, macht ihre Suspendierung solchen Spaß.

Das ist Entsublimierung in Reinform. Nicht Ehrfurcht vor der Welt, sondern das Vergnügen, sie probeweise ihrer Würde zu berauben. Man fährt gegen die Fahrtrichtung, nimmt Abkürzungen, springt über Begrenzungen, behandelt Verkehrsordnung und Stadtplanung wie unverbindliche Vorschläge. Die Lust entsteht aus der Erfahrung, dass eine Welt vollständig da sein kann und dennoch nicht herrschen muss. Auch hier verliert das Faktische seine Prokura. Natürlich ist das bei GTA vulgär, aggressiv und komisch übersteuert, während Lindgren leise, melancholisch und poetisch verfährt. Aber unterhalb der ästhetischen Oberfläche berühren sich beide in derselben anthropologischen Versuchsanordnung: Wie fühlt es sich an, wenn die Wirklichkeit für einen Moment keine Autorität mehr besitzt?
Genau darin liegt auch mein eigener Identifikationseffekt mit Göran. Es ist nicht das kranke Kind als solches, mit dem ich mich identifiziere, sondern seine Lage gegenüber einer zu fest gewordenen Wirklichkeit. Mich fasziniert der Moment, in dem etwas, das eben noch unabänderlich war, plötzlich seine Schwere verliert. Ein System, eine Regel, ein Begriff, eine Stadt, ein Bild, eine Erinnerung: Alles kann in diesen Zustand geraten, in dem es nicht verschwindet, aber seine Selbstverständlichkeit einbüßt. Dann beginnt die eigentliche Bewegung des Denkens. Solange die Dinge absolut erscheinen, gibt es nichts zu denken. Denken beginnt dort, wo die Welt ihren Zwangscharakter verliert.
Darum liebe ich auch diesen Satz: „Im Land der Dämmerung macht das nichts.“ Er ist kein Trostspruch, sondern ein metaphysischer Verwaltungsakt. Zuständigkeit abgelehnt. Die Gesetze, die eben noch unabänderlich erschienen, gelten hier nicht. Das Faktische verliert seine Prokura. Ein Problem wird nicht geleugnet, aber es verliert seine Herrschaft über die Möglichkeiten. Genau das ist viel interessanter als jedes Wunder. Die Wirklichkeit wird nicht abgeschafft, sie wird degradiert.
Mich fasziniert dabei besonders, dass Lindgrens Zauber niemals bonbonfarben wird. Das Land der Dämmerung ist kein Gegenmodell im Sinne einer fröhlichen Disneyland-Welt, in der Schmerz und Begrenzung einfach abgeschaltet werden. Die Krankheit bleibt, die Einsamkeit bleibt, die Dunkelheit bleibt. Die Melancholie wird nicht wegtherapiert, sondern verwandelt. Die Welt wird nicht repariert, sie wird für einen Moment durchlässig. Und diese Durchlässigkeit ist eine der kostbarsten Erfahrungen überhaupt, weil sie weder den Ernst des Lebens leugnet noch dessen jeweilige Gestalt für endgültig hält.
Darin unterscheidet sich Lindgrens Fantasie fundamental von jener Sorte synthetischer Optimismus, die uns überall versichert, am Ende werde schon alles gut. Hoffnung, die lediglich verkündet, dass die Dinge sich fügen werden, ist meistens Reklame. Interessant wird Hoffnung dort, wo gar nichts gut werden muss und dennoch ein anderer Umgang mit dem Vorhandenen möglich bleibt. Göran muss deshalb am Ende gar nicht gesundgeschrieben werden. Herr Lilienstengel ist kein therapeutischer Dienstleister, und das Wunder besteht nicht in der Reparatur des Kindes, sondern in der Entmachtung seines Defekts. In der einen Welt kann Göran nicht laufen, in der anderen kann er fliegen. Beides ist wahr. Schockschwerenot: Zwei Wahrheiten gleichzeitig. Das Abendland wird es verkraften müssen.
Mich interessieren seit jeher diese Momente, in denen die festgezurrte Welt ein wenig locker wird. Ein Bild, das plötzlich mehr zeigt als sein Motiv. Ein alter Gegenstand, der sich seiner bloßen Funktion entzieht. Eine Stadtstraße, die im Abendlicht für wenige Minuten zu einem anderen Ort wird. Musik, die eine längst vergangene Zeit nicht bloß erinnert, sondern gegenwärtig macht. Ein Computerspiel, in dem die ganze Ernsthaftigkeit der realen Welt zum Spielmaterial wird. Ein Text, der aus einem scheinbar kleinen Gedanken eine zweite Welt herausfaltet. Es geht nie um Weltflucht. Die Wirklichkeit ist viel zu interessant, um sie auf das zu reduzieren, was sich tagsüber über sie feststellen lässt.

Der tiefere Grund meiner Faszination für „Im Land der Dämmerung“ liegt deshalb in einer Erfahrung, die man als Kind selbstverständlich kennt und als Erwachsener mühsam zurückerobern muss: dass die Welt mehr Ebenen besitzt, als die vernünftige Ordnung zugeben möchte. Kinder können einen Tisch in eine Burg, ein Gebüsch in einen Urwald und eine Straße in den Anfang eines Kontinents verwandeln. Erwachsene verlieren diese Fähigkeit häufig nicht deshalb, weil sie klüger geworden wären, sondern weil sie gelernt haben, nur noch eine bestimmte Sorte von Wirklichkeit als seriös anzuerkennen. Das nennen sie dann Erwachsensein, obwohl es oft nur eine Verarmung der Wahrnehmung ist.
Astrid Lindgren war klug genug, diese Gegenmacht nicht theoretisch auszubuchstabieren. Sie braucht keine Ontologie des Ereignisses, keine Kulturphilosophie und keine zehn Fußnoten zu Heidegger. Sie braucht einen kranken Jungen, ein Fenster, Stockholm in der Abenddämmerung und einen seltsamen Mann, der weiß, dass Wirklichkeit gelegentlich überschätzt wird. Mehr ist für eine kleine Revolution des Möglichen nicht nötig.
Und genau deshalb wohne ich im Land der Dämmerung. Nicht weil ich die Wirklichkeit für unwichtig hielte, sondern weil sie wichtig genug ist, um sie nicht ihren jeweiligen Verwaltern zu überlassen. Mich reizt die Möglichkeit, mit ihr so umzugehen, als wäre sie nicht heilig, nicht alternativlos, nicht abgeschlossen. Sie darf Material sein, Metapher, Spielraum, Gegenstand des Umbaus. Sie darf für einen Augenblick sogar lächerlich werden. Darin liegt eine tiefe Entlastung, aber auch eine Form von Freiheit. Wer die Welt nur ernst nimmt, wird irgendwann von ihr beherrscht. Wer sie gelegentlich in die Dämmerung zieht, kann wieder mit ihr spielen.
Und aus diesem Spiel beginnt das Denken.