
Die Schwundstufe des Ruhms - das wahre Krematorium in den Souvenirläden
Auf dem Bild steht Napoleon gleich zweimal hinter einem Feld kleiner Radrennfahrer. Über seinen Köpfen wachsen Eiffeltürme in gestaffelten Größen, daneben wartet ein verkleinerter Triumphbogen, und die Preisschilder erledigen die Unterschiede zwischen den Monumenten. Der Kaiser hat Gesellschaft bekommen, die er sich nicht ausgesucht hätte. Seine „Tour de France“ führt nicht mehr über Marschbefehle und Schlachtfelder, sondern durch das Schaufenster einer käuflichen Frankreichidee. Hier muss niemand wissen, wann er regierte oder was seine Herrschaft anrichtete. Es genügt, ihn am Hut zu erkennen. Gerade deshalb ist diese Ansammlung mehr als ein schlechter Geschmack, den man mit guter Bildung schnell hinter sich lassen könnte. Sie zeigt, welche Arbeit das kulturelle Gedächtnis an seinen übermächtigen Bewohnern verrichtet: Es macht sie transportabel.
Die Schwundstufe des Ruhms ist keine einfache Abnahme der Bekanntheit. Napoleon bleibt bekannt, während immer weniger von ihm benötigt wird. Ein Hut, eine Haltung, ein Name reichen aus, um einen Gegenstand mit Geschichte zu laden. Was einst anderen Menschen den Lebenslauf veränderte, wird zum Zubehör des eigenen Lebens. Der Käufer verfügt über die Figur, stellt sie um, staubt sie ab oder lässt sie fallen. Der Mann, der keine fremden Bedingungen akzeptieren wollte, ist endlich unter Bedingungen geraten, gegen die auch sein außerordentlicher Wille nichts mehr vermag. Das wahre Krematorium in den Souvenirläden verbrennt nicht den Namen. Es verbrennt die Widerstände, die an diesem Namen hängen, bis ein gefälliger Rest bleibt.
Der Kopf, der die Welt verwaltete
Hippolyte Adolphe Taine zu Napoleon, in: Les origines de la France contemporaine 1875–1893 - Die Entstehung des modernen Frankreich: Napoleon akzeptierte keine fremden Bedingungen, war mit der Macht vermählt, folgte keinen Grundsätzen bzw. keiner fundamentalen Lehre, reagierte situativ und war stolz auf seine Kunst des Lügens. Hinzu tritt eine unglaubliche physische und psychische Belastbarkeit. Napoleon war in der Lage, seine Bewusstseinsschubladen zu öffnen und zu schließen wie ein Zen-Meister, hakte ab und ging mit voller Konzentration zum nächsten Thema über. Alles das wurde vielfach erörtert. Die Bewusstseinsschubladen sind dabei nicht nur ein nachträgliches Bild für besonders gute Organisation. Taine führt eine überlieferte Selbstbeschreibung Napoleons an: Geschäfte würden im Kopf wie in Schubladen verwahrt, jeweils eine werde geöffnet, und zum Schlafen ließen sich alle schließen. Der Vergleich mit dem Zen-Meister bezeichnet die behauptete Verfügung über die eigene Aufmerksamkeit, keine spirituelle Schule des Kaisers. Eine solche Fähigkeit wird politisch erst dort ungeheuer, wo an den einzelnen Schubladen Ministerien, Armeen, Steuereinnahmen und die Lebenszeit anderer hängen. Ein Privatmann kann seinen Ärger weglegen. Ein Herrscher legt einen Krieg zur Seite, um sich mit einem Gesetz zu beschäftigen, während andere den Krieg weiterführen müssen. Die Ordnung des einen Kopfes verteilt ihre Unordnung über viele Körper.
Taine interessiert diese Verbindung von Person und Apparat. Seine Napoleon-Passagen stehen im ersten Buch von Le Régime moderne, innerhalb der Origines. Das Porträt lebt von der dichten Zusammenstellung eigener Äußerungen, Erinnerungen und Urteile anderer. So wird auch die Kunst des Lügens als Bestandteil politischer Überlegenheit sichtbar: Eine Aussage dient zunächst der Wirkung, die sie in einer bestimmten Lage erzielen soll. Der Mann erscheint nicht als bloßer Vollstrecker einer Lehre, sondern als jemand, der Lehren, Menschen und Einrichtungen nach ihrer Brauchbarkeit behandelt. Das ist etwas anderes als planloses Reagieren. Die wechselnden Mittel stehen im Dienst eines sehr beständigen Anspruchs auf Verfügung. Taines Napoleon-Porträt lässt sich in der englischen Übersetzung von John Durand nachlesen.
Eine Weltseele braucht ein Pferd
Tritt Hegels These der Weltseele hinzu, wird klar, wie innig Allgemeines und Besonderes ineinander verschränkt sind. Aber Geschichtslehren vermögen nie den besonderen Menschen zu erklären, was auch jenen nicht gelingt, die den unerklärlichen Mythos bannen wollen. Napoleon ist unwahrscheinlich, die von ihm geschriebene Geschichte ist es nicht. Hegels berühmter Anblick besitzt einen konkreten Ort und einen konkreten Zeitpunkt: In seinem Brief an Niethammer vom 13. Oktober 1806 beschreibt er Napoleon in Jena, einen einzelnen Menschen auf einem Pferd, in dem sich für ihn eine weltgeschichtliche Macht konzentriert. Das ist zunächst eine ungeheure Verdichtung des Sehens. Man sieht nicht die Verträge, die marschierenden Kolonnen, die Vorräte und die zerbrochenen Ordnungen auf einmal. Man sieht den Reiter, auf den all dies bezogen werden kann. Die Weltseele ist in diesem Moment gerade deshalb so eindrücklich, weil sie einen sichtbaren Körper hat. Hegels Brief an Niethammer verbindet diese Faszination mit den unmittelbaren Bedrängnissen der besetzten Stadt.
Auch das Souvenir konzentriert die Geschichte auf einen Punkt, nur wechselt die Richtung der Verfügung. Bei Hegel greift das Individuum über seine sichtbare Begrenzung hinaus; im Schaufenster wird ihm alles Übergreifende abgenommen, damit es zwischen die anderen Waren passt. Zwischen beiden Bildern liegt jedoch eine gemeinsame Versuchung: In einer Gestalt soll sich etwas Unüberschaubares erkennen lassen. Der Philosoph und der Souvenirkäufer haben gewiss nicht dieselbe Absicht. Aber beide können am Namen des Einzelnen festhalten, während die Voraussetzungen seiner Macht aus dem Bild geraten. Ohne Soldaten, Verwaltung, Kredit, Lebensmittel, Bündnisse und Gegner wäre auch dieser außerordentliche Kopf politisch wenig gewesen. Die Strukturen wiederum marschieren nicht von selbst nach Russland. Es braucht Entscheidungen, die Möglichkeiten auswählen und andere zerstören.
Gleichwohl lässt die Geschichtsthese Taines unbefriedigt, denn wir wollen nicht die Geschicke des Kollektivs von Potentaten wie Napoleon abhängig sehen. Napoleon war ein vielschichtiger Charakter, sympathisch war er nicht; wie wenig ihm an „unnützen Gefühlen“ lag, hat er nach Taines Überlieferung selbst sehr explizit festgestellt. Taine führt diese Äußerung im Zusammenhang mit Napoleons Verhältnis zu Berthier an. Die persönliche Kälte ist hier keine dekorative Unart, mit der sich das Genie interessanter macht. Sie betrifft die Frage, als was andere Menschen in seiner Rechnung vorkommen: als Gegenüber oder als Mittel. Gerade das Souvenir kann solche Eigenschaften mühelos in Charakterfarbe verwandeln. Der unbequeme Mensch wird zum charmant Unbequemen, sobald niemand mehr unmittelbar von seiner Laune abhängt. Strukturelle Geschichtserklärungen gelten als vorzugswürdig, aber die Ereignisgeschichte scheint sehr unterschiedliche Verlaufsformen für Gesellschaften bereit zu halten. Ohne Napoleon wären andere politische Machtformationen entstanden, andere Reiche, andere Kriege, andere Menschen etc. Eine andere und doch - in the long run - dieselbe Geschichte. Allein Menschen können sich in dieser allgemeinen, hegelianischen Geschichte nicht wieder finden...
Eine andere und doch dieselbe Geschichte: Das ist die Zumutung, die entsteht, sobald wir die Maßstäbe wechseln. Auf großer Entfernung lassen sich staatliche Zentralisierung, militärische Konkurrenz oder der Umbau gesellschaftlicher Ordnungen als Entwicklungen beschreiben, die nicht mit einem einzigen Menschen beginnen und enden. Von dort aus scheint manches austauschbar. Wer jedoch zu einem bestimmten Zeitpunkt eingezogen, vertrieben oder getötet wird, lebt nicht in der statistischen Ähnlichkeit möglicher Jahrhunderte. Für ihn ist entscheidend, welcher Befehl tatsächlich erging. Dass auch ein anderer Herrscher Kriege geführt hätte, macht diesen Krieg weder notwendig noch folgenlos. Die Betrachtung langer Linien hat ihren Erkenntniswert; sie darf die Menschen, deren Leben diese Linien bilden, nicht als bloßes Verbrauchsmaterial ihrer Erklärung behandeln.
Wie viel Geschichte ein Einzelner macht, lässt sich deshalb nicht in einen sauber abgetrennten persönlichen Anteil übersetzen. Seine Bedeutung besteht auch darin, vorhandene Möglichkeiten ungleich wirksam zu machen. Ein Apparat gibt seinem Willen Reichweite, sein Wille gibt dem Apparat bestimmte Aufgaben, und dessen Erfolge verführen wiederum zu größeren Aufgaben. In diesem Kreislauf entsteht Macht, die niemand allein aus seinem Charakter hervorbringen könnte und für deren Gebrauch dennoch jemand verantwortlich ist. Napoleon ist unwahrscheinlich, weil die Zusammenkunft dieser Fähigkeiten, Gelegenheiten und Ansprüche nicht beliebig wiederholbar ist. Die von ihm geschriebene Geschichte bleibt erklärbar, weil seine Entscheidungen in Bedingungen eingreifen, die sie ermöglichen und begrenzen. Der Mythos hebt ihn über diese Bedingungen; eine allzu glatte Strukturgeschichte lässt ihn darin verschwinden. Im ersten Fall wird alles Napoleon, im zweiten bleibt von ihm fast so wenig übrig wie im Schaufenster.
Vom Grabmal zum Mitnahmeformat
Die Verkleinerung beginnt nicht erst im Laden. Zunächst kann sie sogar die Form gewaltiger Vergrößerung annehmen. Napoleons sterbliche Überreste wurden 1840 aus St. Helena nach Frankreich gebracht und 1861 in das fertiggestellte Grabmal unter dem Invalidendom überführt. Der Herrscher erhielt einen Ort, an dem sich die Nachwelt zu ihm verhalten sollte. Das Musée de l’Armée dokumentiert diese Stationen. Ein Monument stellt Größe her, indem es die Begegnung ordnet: Man kommt als Besucher, folgt dem Raum, blickt auf das Grab und verlässt es wieder. Der Tote ist mächtig anwesend, aber seine Anwesenheit hat Öffnungszeiten und eine Architektur erhalten. Die Geschichte ist an einen Platz gebracht worden, an dem sie nicht mehr davonreiten kann.
Schon Haarlocken und Blätter von den Weiden am Grab auf St. Helena wurden zu Erinnerungsstücken eines neuen Kults, wie die Ausstellung zur Eroberung der Erinnerung zeigt. Solche Dinge gewinnen ihren Wert aus der behaupteten oder nachgewiesenen Berührung mit dem Einzelnen. Die serienmäßig hergestellte Büste braucht diese Berührung nicht mehr. Sie genügt sich als Wiedererkennung. Vom persönlichen Rest zur beliebig wiederholbaren Form wechselt das Gedächtnis sein Verfahren: Erst soll etwas von ihm übrig geblieben sein, dann genügt etwas, das wie er aussieht. Das macht die Erinnerung nicht einfach unwahr. Es macht sie anspruchsloser. Man kann Napoleon besitzen, ohne sich mit ihm beschäftigen zu müssen.

Ein Museumsobjekt könnte dieser Bequemlichkeit widersprechen. Ein Hut verweist auf einen Körper, ein Befehl auf diejenigen, die ihn ausführen mussten, ein Gegenstand auf die Wege, durch die er in eine Sammlung gelangte. Sobald solche Beziehungen kenntlich werden, wächst aus dem kleinen Ding wieder eine unhandliche Geschichte. Im Souvenirladen des Bildes bleibt diese Rückvergrößerung dem Käufer überlassen. Die Eiffeltürme sind fertig, die Radrennfahrer schon unterwegs, Napoleon steht zweimal zur Verfügung. Sein Ruhm hat die Niederlage überlebt, indem er sich von fast allen Zumutungen seiner Person getrennt hat. Die letzte Macht des Einzelnen besteht dort nur noch darin, erkannt zu werden. Das wahre Krematorium lässt eine Silhouette zurück, die man nicht verwechseln kann, und eine Geschichte, nach der man nicht mehr fragen muss.