Medien

Zettels Albtraum von der digitalen Vorherrschaft

Texte über Medien, Technik und Wirklichkeit.

Medienphänomene - einige programmatische Stichworte - "al fresco" gesprochen: Mehr über den Umgang mit Medien schreiben. Nicht abstrakte Medienkompetenzen formulieren, Medienethiken beschwören, sondern Konkretion unseres Gebrauchs: Was machen wir mit Medien? Was machen Sie mit uns? Lässt sich das trennen? Geht abends durch die Stadt: Sie kleben an den PCs, werden eingesogen - in "wechselseitigem" Einverständnis von Mensch und Maschine, ohne dass das Einverständnis noch irgendeine Bedeutung hätte, was Medienethiker weitgehend verkennen.

Die Probe auf diese Fragen liegt näher als der nächste Entwurf einer Medienethik: auf dem Schreibtisch. Dort steht der Rechner zwischen Papieren, die nach seiner Verheißung längst hätten verschwinden sollen. Das Büro, von dem die folgenden Beobachtungen ausgehen, gehört zur Wende vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Jahrhundert, mit seinen Word-Symbolen, frühen Touchscreens und dem geduldig wiederholten Versprechen des papierlosen Arbeitens. Aber die eigentümliche Tätigkeit des Papiers erschöpft sich nicht in dieser historischen Auseinandersetzung. Ein Blatt kann etwas tun, bevor auf ihm ein fertiger Gedanke steht. Es bietet Platz für einen Versuch, hält verschiedene Anfänge nebeneinander und erlaubt, eine Beziehung erst einmal hinzumalen, deren Begründung noch fehlt. Wer es nur als Datenträger betrachtet, übersieht gerade den Augenblick, in dem es gebraucht wird. Das Papier bewahrt nicht bloß, was gedacht wurde; es stellt eine Fläche her, auf der das Denken etwas mit sich anfangen kann.

Zur Virtualität des Analogen - Zettels Albtraum von der digitalen Vorherrschaft

„Softwarefehler und Computerabstürze haben auch eine positive Seite: Sie raten uns, die Aufmerksamkeit zu diversifizieren und nicht all unsere virtuellen Eier in ein und denselben elektronischen Korb zu legen.“ (Edward Tenner)[1]

Microsofts damaliges Programm "Word" präsentiert ein Icon, das neben bzw. unter dem Versalen "W" ein Papierblatt mit einem Eselsohr an der rechten Ecke zeigt. Angedeutet sind Linien, die über den Bogen ziehen. Eine Metapher also soll uns mit dem Abschied vom Papier versöhnen. Unzählige Male wird täglich dieses papierlose Dokument geöffnet, das hartnäckig seine Herkunft aus den Zeiten des Papiers beschwört. Nicht so viel anders als jene ersten Autos, die ihre konzeptuelle Geburt im auslaufenden Zeitalter der Postkutschen nicht leugnen konnten. Die Kutschenähnlichkeit von Autos mit ihren nostalgisch zweckfreien Trittbrettern ist Geschichte. Wir lernen ein neues Medium als vermeintliche Anleihe an ein tradiertes besser zu begreifen, aber gerade diese Wahrnehmung schafft zugleich die Hindernisse, die phänomenologischen Eigenarten neuer Medien zu verstehen.

Digitale Texte sind eben nicht zu be-greifen, nicht zu berühren, es wird nichts inskribiert, sondern wir besitzen eine Zaubertafel, auf der Zeichen entstehen, die zumindest auf den Oberflächen spurenlos korrigiert werden können. Unsere Arbeit umgibt die Aura des tendenziell immer fertigen, ja perfekten Textes. Warum ist dann das papierlose Büro bisher eine Fiktion geblieben? Sind es klebrige Gewohnheiten, die uns noch hindern, den letzten Rest Papier aus unserem hochorganisierten Arbeitsalltag zu verbannen bzw. wegzuscannen? Wie anachronistisch sind im Zeitalter von Word, RTF, PDF sowie dem allgegenwärtigen "Copy and Paste" die Schnittstellen zwischen hochorganisierten Festplatten und unserer (un)heimlichen Zettelwirtschaft?

Die Aura des fertigen Textes ist eine praktische Versuchung. Ein sauber gesetzter Absatz kann seine eigene Vorläufigkeit verbergen; ein Blatt mit Pfeilen, Einfügungen und einem halb getilgten Wort stellt sie aus. Das erleichtert einen anderen Umgang mit dem Gedachten. Man darf den Satz noch anfassen, ihn mit einem Randkommentar bestreiten, eine Lücke stehen lassen, die sich nicht sofort schließen muss. Der Unterschied liegt nicht darin, dass nur eine Hand schreiben könnte, was ein Kopf denkt. Er liegt in der sichtbaren Verfassung der Arbeit. Ein unfertiges Blatt trägt seine Baustelle mit sich herum. Wer es vor sich hat, sieht nicht nur die Sätze, sondern auch, wo an ihnen noch gearbeitet werden muss. Die unheimliche Zettelwirtschaft besitzt damit eine ziemlich vernünftige Funktion: Sie hält offen, was die äußere Form sonst zu früh für abgeschlossen erklären könnte.

I. Bleibt Papier das Medium der Zukunft?

Papier ist ein ambivalentes Medium. Es neigt zur gnadenlosen Vermehrung nach Gesetzen, die Parkinson als Wildwuchs des bürokratischen Wahns beschrieb und die vielleicht einem uns noch nicht bekannten Gesetz der Jungfernzeugung folgen. Vom Papiersterben jedenfalls keine Spur. Für die damalige Diskussion war besonders aufschlussreich, dass gerade verbreitetes Büropapier weiter zulegte: In den USA ist zwischen 1995 und 2000 für ungestrichenes holzfreies Papier, „uncoated free-sheet“, ein Anstieg des Verbrauchs von 14,7 %, also rund 15 %, verzeichnet. Diese Zahl bezeichnet eine bestimmte Papiersorte in einem bestimmten Zeitraum, keine zeitlose Wachstumsgarantie für sämtliches Papier. Richard York führt die Angabe mit Verweis auf Sellen und Harper, Seite 11, an. Wenn es nur die Macht der Gewohnheit wäre, würde doch alles für rückläufige Zahlen dieses Mediengebrauchs sprechen. Nicht wenige Antragsformulare von Behörden wurden auch in den Zeiten digitaler Aufrüstung aufwändiger. Bleibt das Papier trotz der scheinbar mächtigen Konkurrenz textverarbeitender Programme ein Medium der Zukunft?

Papier und Stift sind wahrnehmungstechnisch und ergonomisch in ihrer Einfachheit nicht nur hochpraktisch. Der Akt der Herstellung ist spannungsreicher als das Bedienen einer Tastatur mit der Langzeitgarantie von Sehnenscheidenentzündungen. Schreibautomaten unterwerfen Menschen mechanischen Prozessen, die keine Individualität der Darstellung zulassen. Die taktile Oberfläche, die den Akt des Schreibens als sanften Widerstand erfährt, besitzt ästhetische Eigenschaften, die damaligen Touchscreens suggerieren mochten, aber noch nicht erreichten. Smart Paper, das die Vorzüge des analogen Mediums mit digitalen Speichereigenschaften verbinden sollte, war gleichfalls nicht ausgereift. Wie viele unsterbliche wie überflüssige Zeilen, Urkunden, Briefe und Sudelbücher verdanken ihre Existenz allein der Sinnlichkeit des vordergründig antiquierten Materials? Kritzeln, Schmieren, Malen, Zeichnen, Schreiben - der Wechsel der Darstellungsweisen und Gesten bleibt so flexibel, wie es die damals verglichene Software noch nicht war. Papier kennt keine lästigen Programmwechsel, Formatierungsschwierigkeiten und ist zumindest von Computerviren nicht korrumpierbar. Joseph Beuys' Beschwörungen menschlicher Kreativität auf Kreidetafeln und Papierfetzen machten die direkte Anbindung menschlicher Gestaltungskraft an dieses leichte Medium besonders deutlich.

Man kann diesen Wechsel an einem ganz gewöhnlichen Schmierblatt verfolgen. Ein Wort wird unterstrichen, aus der Unterstreichung wächst ein Pfeil, der Pfeil endet in einem Kasten, und der Kasten erhält einen zweiten Pfeil, weil die erste Verbindung nicht trägt. Aus Schrift ist eine räumliche Behauptung geworden. Der Stift hat weder das Werkzeug noch das Material gewechselt. Er musste nicht zuerst entscheiden, ob gerade Text, Zeichnung, Gliederung oder Kommentar hergestellt wird. Die Bedeutung des Strichs entsteht im Gebrauch und kann sich im nächsten Augenblick verschieben. Ein Kreis kann hervorheben, ausschließen, einen Zusammenhang bilden oder einfach zeigen, wo die Hand wartete, bis der Gedanke weiterkam. Kritzeln ist in diesem Sinn eine Tätigkeit unterhalb der fertigen Aussage, aber keineswegs unterhalb des Denkens.

Auch der sanfte Widerstand des Materials arbeitet mit. Auf rauerem Papier läuft der Stift anders als auf glattem, Druck verdunkelt eine Stelle, zu häufiges Radieren hinterlässt eine verletzte Oberfläche. Man merkt, dass etwas getan wurde. Der verworfene Einfall verschwindet nicht notwendig spurlos, sondern bleibt als durchgestrichener Gegner neben seiner Verbesserung stehen. Diese Nachbarschaft kann nützlich sein: Der spätere Satz lässt erkennen, woran er sich abarbeitete, und das vermeintlich Erledigte erhält eine Chance zur Rückkehr. Das Papier besitzt keine eigene Urteilskraft. Es erspart uns jedoch die Entscheidung, jeden überwundenen Gedanken sofort aus dem Sichtfeld zu entfernen. Seine materielle Trägheit bewahrt manchmal gerade jene Reibung, die der Kopf in seiner Lust auf das nächste Ergebnis vorschnell verloren hätte.

Die Blattkante gehört zu dieser Arbeit. Sie setzt dem Wuchern eine Grenze, ohne schon eine inhaltliche Ordnung vorzuschreiben. Am Rand wird die Schrift kleiner, ein Gedanke wandert auf die Rückseite, ein zweites Blatt muss daneben, und plötzlich liegt eine Unterscheidung räumlich vor, die zuvor nur undeutlich im Satz steckte. Zwei Blätter lassen sich auseinanderziehen; zwei Stellen auf demselben Blatt bleiben aneinander gebunden. Falten, Drehen, Überdecken und Nebeneinanderlegen sind deshalb keine bloßen Transporthilfen für bereits vorhandene Information. Sie verändern, was gleichzeitig wahrgenommen und miteinander verglichen werden kann. Die Hand richtet dem Gedanken seine Arbeitsumgebung ein. Das ist eine bescheidene Art von Philosophie, aber sie hat den Vorzug, dass sie auf jedem Küchentisch ausprobiert werden kann.

II. Die Freiheit fliegender Blätter

Gegenüber der Präzision des Monitors und der Objektivität digitaler Lettern reizt Papier als Medium schöpferischer Prozesse. Der schizophrene Grafomane Adolf Wölfli schuf riesige Panoramabilder vornehmlich mit Blei- und Buntstift, auf denen Schrift, Zeichnung, Collage und Musikfässer mit Noten ineinander schwammen. Diese virtuelle Fabulierkunst ist kaum von der Materialität des Mediums zu trennen. Die Bezeichnung als Grafomane beschreibt dabei die Wucht der Produktion, nicht schon das Verfahren der Bilder. Bei Wölfli wird der einzelne Strich in eine Ordnung aus Rhythmus, Zeichen und räumlicher Verdichtung aufgenommen. Noten stehen nicht einfach als erläuternde Unterschrift unter einem Bild; sie gehören zu seiner Bewegung. Gerade die gemeinsame Fläche macht möglich, dass ein Zeichen lesbar und sichtbar zugleich arbeitet, ohne sich endgültig für eine der beiden Zuständigkeiten entscheiden zu müssen. Auch an Beuys’ Tafeln interessiert in diesem Zusammenhang das Auftreten des Gedankens als Spur: Man sieht eine Setzung, eine Verbindung, einen beanspruchten Raum. Das Material zeigt das Denken bei einer Tätigkeit, nicht erst als ausgegebenes Resultat. Papier wurde hier zum "synästhetischen" Träger von Multimediainszenierungen vor der Zeit einer vollintegrierten Realisierbarkeit. Aber auch jenseits künstlerischer Notate und Verwendungsweisen bleibt Papier ein zentrales Medium alltäglicher Aufschreibesysteme. Jedes Blatt ist ein kleiner Monitor, flexibel wie ein Laptop, überall zu installieren und schnell wegzuräumen. Für die Ewigkeit oder für den Papierkorb. Kommissar Columbos grotesk kleines Notizblöckchen nebst Bleistiftstummel war oft ergiebiger als die Rasterfahndung. Psychologen, Soziologen und Ergonomiker halten solche Kritzler wie Kommissar Columbo nicht für unverbesserliche Zeitgenossen, die das Königsmedium des digitalen Schreibautomaten noch nicht richtig verinnerlicht haben. Die beiden Sozialwissenschaftler Abigail Sellen und Richard Harper haben in ihrer Studie "The Myth of the Paperless Office" (2001) zahlreiche kollaborative Prozesse beobachtet, bei denen sich Unmengen Papier über gemeinsame Arbeitstische ergießen und Menschen informell auf Papier arbeiten, um besser zusammenzuarbeiten. Erst nach diesen kreativen Passionen, langen Prozessen der Korrektur und wechselseitiger Ergänzung, wandert der Text schließlich in den Computer. Die Verlagsbeschreibung von Sellen und Harpers Studie benennt diese durch das Material ermöglichten Handlungen als Ausgangspunkt der Untersuchung.

Die Autoren betrachten Papier als ein soziales Medium mit hoher Flexibilität. Der gemeinsame Papierkrieg mache das Interesse der Person an den Aufzeichnungen deutlicher als der stiere Blick auf den Monitor. Die Papierberge auf Schreibtischen, die sanften Hügel und Täler, gebildet aus Büchern, Zeitungen, Notizen sind nicht die Visitenkarten von unverbesserlichen messies, sondern regelmäßig hochorganisierte Topografien, deren Besitzer mit Leichtigkeit - ohne Suchfunktion und Index - Informationen finden. Papierstöße gelten den beiden Papierforschern als atmende, lebende Archive.

Wer einen Aufsatz vorbereitet, kann die gelesenen Seiten links, die noch offenen Fragen rechts und einen hartnäckigen Gegenbeleg mitten vor sich legen. Es muss niemandem sonst als Ordnung erscheinen. Der räumliche Unterschied trägt einen Arbeitszustand: bereits geprüft, noch zu lesen, nicht vergessen. Liegt der Gegenbeleg morgen immer noch im Weg, stellt er sich erneut vor, ohne dass ein Suchwort eingegeben oder eine Erinnerung programmiert werden muss. Er stört durch seine Lage. Ein Stapel kann auf diese Weise auch ein Gedächtnis für das Unerledigte sein, nicht bloß ein Gedächtnis für Inhalte. Die dicke Mappe am Rand sagt etwas anderes als das lose Blatt über der Tastatur, obwohl auf beiden vielleicht derselbe Satz steht. Wer nur die Buchstaben speichert, hat diese Bedeutung des Ortes noch nicht mitgespeichert.

Der Eingriff einer ordnungsliebenden Hand kann deshalb erstaunlich destruktiv ausfallen. Sämtliche Blätter sind hinterher vorhanden, keines wurde vernichtet, und dennoch ist ein Stück Arbeit verloren: die eben erst aufgebaute Nähe zwischen einem Gedanken und seinem Einwand, die kleine Rangfolge der nächsten Schritte, die Erinnerung daran, weshalb jenes Blatt quer lag. Die Zettel sind gerettet, ihr Zusammenhang ist weggeräumt. Das rechtfertigt nicht jede Halde als geheimes Geniearchiv. Es erklärt aber, weshalb die äußerliche Beseitigung eines Durcheinanders nicht mit der Lösung des Problems verwechselt werden darf, an dem dieses Durcheinander arbeitet. Man kann einen Tisch aufräumen und dabei das Denken zerstreuen.

Paradox gesagt verkörpern die Schreibtischhalden gerade die Flüssigkeit, Unabgeschlossenheit und Komplexität des Denkprozesses. Was auch im Kopf noch nicht organisiert ist, genießt die Freiheit fliegender Blätter, die schöpferische Planung vor ihrer Systematisierung. Die Stöße und Stapel seien Metaphern der Gehirnlandschaften. Sellen und Harper beobachteten Ordner mit aller Art von idiosynkratischen, höchst persönlichen Aufzeichnungen, die nur den Herstellern und Eingeweihten sinnvoll erscheinen.

Vorläufigkeit wird an solchen Blättern auch sozial sichtbar. Legt jemand in einer Besprechung einen Entwurf auf den Tisch, zeigt auf eine Stelle und dreht das Blatt zum Nachbarn, so verändert sich mit der Bewegung die Zuständigkeit. Jetzt ist der andere dran. Ein Randkommentar kann eine Behauptung berühren, ohne sie bereits aus ihrem Zusammenhang herauszulösen; zwei Hände können auf verschiedene Stellen derselben Seite zeigen. Das Papier bildet eine kleine gemeinsame Bühne, auf der Rede und Geste an etwas Drittem ansetzen. Es ist nicht notwendig der souveräne Besitz eines Einzelnen, der den anderen seine fertige Darstellung vorführt. Gerade ein zerknitterter, beschriebener Entwurf kann zur Mitarbeit einladen, weil niemand ihn mehr für unantastbar hält. Das soziale Medium Papier besteht dann nicht in seinem Sendungsbewusstsein, sondern in seiner Bereitschaft, sich von mehreren Seiten bearbeiten zu lassen.

Nicht das papierlose Büro, sondern nur die Archivierung von weniger Papieren ist die Lösung. Historisch ist das nicht ohne Ironie. Verband sich doch im 19. Jahrhundert mit dem Papier die Idee der systematischen Organisation. Buchhaltung, Geschäftsreporte, tägliche Arbeitsberichte entsprangen einer Schriftkultur, die der Mündlichkeit der Übermittlung nicht vertraute. Mit Kohlepapier und Schreibmaschine, später dem Fotokopierer, wurden die produktiven Effekte des Papiers enorm gesteigert.

Um Melvil Dewey und sein Library Bureau rankt sich die oft erzählte Geschichte einer Goldmedaille bei der Weltausstellung von 1893 für die vertikale Aktenablage. Die Pointe ist schön: Der Sieg der Ordnung wäre amtlich vergoldet worden. Die konkrete Auszeichnung für ein solches Ablagesystem ist allerdings nicht durch die vom Early Office Museum untersuchten Primärquellen belegt. Dessen Katalogrecherche weist einen entsprechenden Schrank für ungefaltet aufrecht abgelegte Briefe im Library-Bureau-Katalog von 1900 nach. Es geht dabei um Vertikalablage, nicht notwendig um Hängeregistraturen im heutigen Sinn. Der sachliche Kern bleibt die Umstellung von horizontal unübersichtlichen Häufungen auf den vertikalen Zugriff auf Dokumente. Kataloge und historische Abbildungen zur Vertikalregistratur zeigen, wie aus Papierstapeln ein technisch organisierter Zugriff werden sollte. Für den Computerwissenschaftler David M. Levy ("Scrolling Forward: Making Sense of Documents in the Digital Age", 2001) war Dewey der Anti-Walt-Whitman seiner Zeit, der nicht wie dieser die Schönheit und Unmittelbarkeit der Gegenstände hinnahm, sondern sie standardisierte, ordnete und in Form brachte. Die Idee des 19. Jahrhunderts, das Papier zu bändigen, in Schubladen, Heftern und Registern auf alle vorläufigen Ewigkeiten hin zu zähmen, ist in unsere digitalen Ordnungssysteme geflossen. Da die Speicherkapazität von Papier armselig ist, ist diese Funktion des klassischen Papiers unwiederbringlich dahin – als ernsthafter Konkurrent elektronischer Massenspeicher, nicht als haltbares Zeugnis einzelner Vorgänge. Mit den beschriebenen Vorzügen des Papiers wird das System der Zukunft aber nicht das papierlose Büro werden, sondern als kreativ chaotisches Interface zwischen digitalen und analogen Aufschreibesystemen erhalten bleiben. Das also Leser, was Du gerade vor Dir siehst. Mit anderen Worten: "The mark of the contemporary office is not the file. It's the pile." Die Formulierung stammt aus Malcolm Gladwells „The Social Life of Paper“ vom 25. März 2002.

Anachronistisch sind mithin nicht die Papierstöße, sondern die inflationären Software-Werbungen, die unsere gelben Posties, unsere Schmierblätter und inflationären Zettelwirtschaften ins mediale Abseits abdrängen wollen. Zettels Albtraum ist die entchaotisierte, kreativitätstötende Oberfläche von Monitoren und glatten Arbeitsflächen. Die Flips und Strips auf und neben, über und unter dem Monitor bleiben die Referenz an menschliches Organisationschaos oder Chaosmanagement, das ja auch Unternehmensberater Betrieben als unabdingbar für ihre produktive Zukunft verschreiben.

Das Papier darf seine Aufgabe auch dadurch erfüllen, dass es am Ende entbehrlich wird. Ein Blatt, auf dem drei misslungene Gliederungen und eine brauchbare stehen, ist nicht notwendig ein kostbares Dokument der Geistesgeschichte. Es hat eine Unterscheidung ermöglicht. Der fertige Text muss nicht jede ihrer Vorstufen mit sich herumschleppen, und der Schreibtisch muss nicht für immer die Landschaft von gestern konservieren. Die Freiheit fliegender Blätter schließt ihre Befristung ein. Wer jeden Zettel aufbewahrt, kann die Offenheit der Werkstatt ebenso ersticken wie derjenige, der vor Beginn der Arbeit schon alle Flächen leert. Zwischen der Zwangsräumung und dem privaten Papiermausoleum liegt ein brauchbarer Zustand: Das Material bleibt so lange gegenwärtig, wie es etwas zu tun gibt.

Damit lässt sich genauer sagen, welche Arbeit Papier für unser Denken leistet. Es erlaubt, eine Idee vor ihrer begrifflichen Fertigstellung zu behandeln, die eigene Unsicherheit sichtbar zu lassen, Beziehungen räumlich zu erproben und andere an diesen Versuchen zu beteiligen. Gespeichert werden können anschließend die Resultate. Aber die Tätigkeit, aus der sie hervorgingen, bestand aus mehr als dem Ablegen von Zeichen. Sie brauchte Abstand, Nachbarschaft, Widerstand und gelegentlich einen Zettel, der im falschen Moment im Weg lag und gerade dadurch wieder zur richtigen Frage führte. Papier ist hier kein ehrwürdiger Gegner der Technik, sondern ein anspruchsloses Material mit erstaunlich vielen Verwendungsmöglichkeiten. Es verlangt keine theoretische Zustimmung. Ein Stift genügt, und der erste Strich kann schon mehr wissen, als der Satz bisher sagen konnte.

Nach den beiden Papierwissenschaftlern besteht das Problem zukünftig nicht darin, weniger Papier zu verwenden, sondern weniger Papier zu archivieren. Papier erhält sich dann als schöpferischer Werkstoff - eben nicht für die Ewigkeit, sondern für die Idee des Moments. Somit werfe ich die handschriftlichen Skizzen zu diesem Text jetzt weg. Quod erat scribendum.

[1] Edward Tenner, Die Tücken der Technik. Wenn Fortschritt sich rächt, S. Fischer (1997), S. 298.

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