Über Suche, Ordnung und Wissen im Netz.

Google und der Rest der Welt
Noch bedeutsamer ist aber der Umstand, dass Suchmaschinen, allen voran Google, längst eine Wissensherrschaft begründen, der User in ihrem alltäglichen Gebrauch weitgehend unterworfen sind. Wenn Wissen Macht ist, sind Suchmaschinen Supermächte. Entscheidend ist nicht allein, welche Wissensspeicher eine Gesellschaft besitzt und in welchem Umfang über sie von Wissbegierigen verfügt werden kann, sondern letzthin bestimmt der typische Gebrauch von Millionen Nutzern über die herrschenden Meinungen.

Google ist ein Globalisierungssieger des Netzes und was in dieser Königssuchmaschine nicht verzeichnet ist, fristet sein Dasein eher an der Peripherie des vernetzten Wissens. Wer sucht heute noch verstaubte Zeitungsarchive oder Bibliotheken auf, um sich über den rasenden "Web"-Stuhl der Zeit zu informieren? Suchmaschinen und ihre Algorithmen üben immer stärker eine Informationsherrschaft aus, welche löblichen oder unlöblichen Absichten dabei von den Anbietern auch immer verfolgt werden. Längst stellt sich die Frage, ob Suchmaschinen wie Google, die de facto das Netzwissen universalisieren, nicht demokratisiert und von repräsentativen gesellschaftlichen Gruppen kontrolliert werden müssen.
Wenn Wissen Macht ist, sind Suchmaschinen Supermächte.

Nachtrag: Die Suchmaschine als Weltmaschine
Die Suchmaschine ist kein Fenster zur Welt. Sie ist ein Apparat, der das Fenster erst baut, seine Größe festlegt und bestimmt, welche Landschaft dahinter erscheint. Wer eine Frage in den Suchschlitz schreibt, erlebt den Vorgang als eine Bewegung nach außen: Man sucht etwas, das irgendwo bereits vorhanden sein muss. Tatsächlich bewegt man sich in eine technisch erzeugte Ordnung hinein. Zwischen Frage und Antwort liegen Indexierung, Auswahl, Gewichtung und Ausschluss. Die Welt wird nicht einfach gefunden; sie wird für den Augenblick der Suche arrangiert.
Diese Ordnung bleibt meist unsichtbar, gerade weil ihre Oberfläche so nüchtern wirkt. Eine leere Zeile, einige Wörter, eine Liste von Treffern: Kaum eine Architektur könnte bescheidener auftreten. Doch in dieser scheinbaren Neutralität liegt ihre Macht. Das Ranking ordnet nicht bloß Dokumente. Es verleiht ihnen Grade von Wirklichkeit. Der erste Treffer erscheint als die naheliegende Antwort, der zehnte als Randnotiz, der hundertste als etwas, das praktisch nicht mehr existiert. Aus einer technischen Reihenfolge wird eine kulturelle Hierarchie.

Ranking ist deshalb eine Form kultureller Macht. Es entscheidet nicht ausdrücklich, was wahr ist, aber es beeinflusst, was überhaupt in den Bereich des Prüfbaren gelangt. Was sichtbar wird, kann bestritten, verglichen und erinnert werden. Was unsichtbar bleibt, erhält diese Chance nicht. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sind damit politische Kategorien. Sie betreffen nicht nur Staaten, Unternehmen und prominente Personen, sondern auch kleine Archive, abweichende Stimmen, vergessene Sprachen und jene Wissensbestände, deren Bedeutung sich nicht in Popularität übersetzen lässt.
Die Suchmaschine erzeugt dabei eine eigentümliche Illusion: Wir glauben, die Welt zu durchsuchen, obwohl wir eine algorithmisch geordnete Auswahl durchsuchen. Das Netz, das uns als unermesslicher Raum erscheint, erreicht uns nur durch enge Passagen. Crawler müssen eine Seite entdecken, der Index muss sie aufnehmen, ein System muss sie für eine konkrete Anfrage für relevant halten. Jede dieser Schwellen kann Wissen sichtbar machen oder zum Verschwinden bringen. Nicht auffindbares Wissen ist nicht notwendig verloren, doch für das praktische Bewusstsein der Nutzer nähert es sich dem Zustand der Nichtexistenz.
Google ist daher weniger Werkzeug als Wahrnehmungsmaschine. Ein Hammer verändert nicht den Gegenstand, den er uns zeigt; eine Suchmaschine verändert dagegen die Gestalt des Gegenstandes im Zeigen. Sie zerlegt die unüberschaubare Fülle in eine Folge plausibler Angebote und lässt diese Folge wie eine Eigenschaft der Welt erscheinen. Die Ordnung des Apparats tarnt sich als Ordnung der Dinge. Was oft verlinkt, häufig angeklickt und technisch gut lesbar ist, steigt auf. Popularität nähert sich der Wahrheit an, bis beides im alltäglichen Gebrauch kaum noch zu unterscheiden ist.

Die Macht der ersten Treffer beruht nicht auf Zwang, sondern auf Erschöpfung. Niemand verbietet uns, die zweite, zwanzigste oder zweihundertste Seite aufzurufen. Doch Geschwindigkeit ist zur stillen Norm der Recherche geworden. Die erste Antwort beendet häufig schon die Frage. Bibliotheken, Archive und langsame Lektüren verlangten andere Bewegungen: Umwege, Nachbarschaften, zufällige Funde, die Geduld mit einem Katalog und das Aushalten vorläufiger Ergebnislosigkeit. Die Suchmaschine hat diese Räume nicht beseitigt, aber sie hat ihre Zeitordnung marginalisiert.
Sie ist Gedächtnis und Vergessensmaschine zugleich. Noch das entlegenste Dokument kann in Sekunden auftauchen; zugleich kann ein ganzes Wissensgebiet hinter wenigen bevorzugten Resultaten verschwinden. Digitales Gedächtnis bedeutet nicht, dass alles erinnert wird. Es bedeutet, dass Erinnerung jederzeit neu sortiert werden kann. Ein geänderter Index, eine andere Gewichtung oder das Ende einer Plattform genügt, und ein Bestand verliert seinen Weg in die Gegenwart. Vergessen heißt im Netz oft nicht Löschung, sondern Unauffindbarkeit.
Damit verschiebt sich eine alte Erkenntnisfrage. An die Stelle von „Was ist wahr?“ tritt immer häufiger die praktischere Frage „Was wird angezeigt?“. Natürlich können Nutzer Ergebnisse prüfen, Quellen gegeneinander lesen und den Mechanismus der Auswahl reflektieren. Der normale Gebrauch aber belohnt den Abschluss, nicht den Zweifel. Ein Treffer liefert nicht nur Information; er liefert das Gefühl, die Suche könne beendet werden. Die Bequemlichkeit des Findens wirkt so bis in die Form des Denkens hinein.

Personalisierung verschärft diese Entwicklung. Wenn Ort, Sprache, frühere Suchen und vermutete Interessen die Ergebnisse verändern, verliert die gemeinsame Öffentlichkeit ihren selbstverständlichen Boden. Verschiedene Menschen stellen dieselbe Frage und erhalten nicht notwendig dieselbe Welt. Die Differenz bleibt ihnen meist verborgen, denn niemand sieht die Liste, die einem anderen vorgelegt worden wäre. Öffentlichkeit zerfällt nicht spektakulär; sie wird in zahllose plausible Einzelansichten zerlegt.
Hinter dieser Wahrnehmungsordnung steht eine Ökonomie. Aufmerksamkeit, Werbung, Ranking und Marktmacht bilden keinen Zusatz zum technischen Verfahren, sondern einen Zusammenhang. Sichtbarkeit besitzt einen Preis, Klicks werden gemessen, Erwartungen gehandelt und Oberflächen so gebaut, dass Suchen in verwertbare Bewegungen übergehen. Die Maschine beantwortet Fragen und beobachtet zugleich, welche Antworten begehrt werden. Sie ordnet die Welt nach Relevanz und gewinnt aus unserer Reaktion das Material für die nächste Ordnung.
Mit den neuen KI-Antwortsystemen tritt diese Macht in eine weitere Phase. Die klassische Trefferliste ließ wenigstens erkennen, dass mehrere Quellen miteinander konkurrieren. Eine synthetische Antwort zieht ihre Herkunft in den Hintergrund. Sie spricht in einem einheitlichen Ton, wo zuvor eine Vielheit von Stimmen sichtbar war. Der Nutzer erhält nicht mehr nur eine Rangfolge möglicher Zugänge, sondern einen fertigen sprachlichen Zusammenhang. Das Finden wird zum Antworten, und der Apparat rückt noch näher an die Stelle, an der Wirklichkeit formuliert wird.
Der alte Satz von 2002 gewinnt dadurch eine neue Schärfe. „Die Welt ist fast alles, was Google ist“ bezeichnete damals die wachsende Herrschaft über das Auffindbare. Heute betrifft er zusätzlich die Form des Erscheinens und Erklärens. Die Suchmaschine zeigt nicht mehr nur Wege zu Dokumenten; ihr Nachfolger fasst Dokumente zusammen, setzt Akzente und spricht die Antwort aus. Umso dringlicher bleibt die Frage, wer die unsichtbare Architektur des Wissens kontrolliert. Denn die Welt ist größer als ihr Index, widersprüchlicher als ihr Ranking und reicher als jede Antwort, die uns ohne Rest präsentiert wird.
Der Essay bei Telepolis
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