Am 11. September 2026 standen vier ehemalige Präsidenten am Ground Zero, während Donald Trump den Jahrestag am Pentagon beging. In New York wurden wie jedes Jahr die Namen der 2.977 Menschen verlesen, die bei den Anschlägen starben. Erstmals galt ein zusätzlicher Moment des Schweigens jenen, die später an den Folgen des giftigen Staubs erkrankten und starben. Rund um den Ort der Erinnerung ging der Alltag weiter. Menschen joggten an den Absperrungen vorbei, trugen Kaffee und Gebäck durch die Straßen, während schwer bewaffnete Polizisten die U-Bahn-Stationen sicherten. Gedenken und Betrieb, Sakralraum und Großstadt, Geschichte und Gegenwart lagen so nahe beieinander, wie sie ein Vierteljahrhundert nach einer Katastrophe wohl liegen müssen.
Zur selben Zeit geschah etwas, das dem Gedenktag seine politische Unschuld nahm. Trump und sein Verteidigungsminister Pete Hegseth nutzten ihre Ansprachen, um den seit sechs Monaten geführten Krieg gegen den Iran zu rechtfertigen. Der Präsident erinnerte an die amerikanischen Soldaten, die gerade dafür kämpften, den, wie er sagte, weltweit führenden staatlichen Förderer des Terrorismus am Besitz einer Atomwaffe zu hindern. Wieder verband sich die Trauer um die Opfer des 11. September mit einer militärischen Gegenwart, die mit den Tätern von damals nicht identisch ist. Wieder wurde aus der Erinnerung eine Ermächtigung. Wer wissen möchte, ob der 11. September noch politische Bedeutung besitzt, erhält an seinem 25. Jahrestag eine fast überdeutliche Antwort.
Und doch stimmt zugleich das Gegenteil. Nine/Eleven, einst als Beginn einer neuen Zeitrechnung ausgerufen, ist aus dem täglichen Weltbewusstsein nahezu verschwunden. Für mehr als hundert Millionen Amerikaner liegt der Tag außerhalb der eigenen Erinnerung. George W. Bush, Dick Cheney, Donald Rumsfeld, Tony Blair, Osama bin Laden, Mullah Omar und Saddam Hussein gehören einem historischen Figurenkabinett an, dessen Dramen Jüngeren erklärt werden müssen. Die Kriege in Afghanistan und im Irak sind nicht mehr der Generalbass der Nachrichtensendungen. Der „War on Terror“, einst als räumlich und zeitlich grenzenloser Feldzug angekündigt, ist als beherrschende Welterzählung vergangen. Es gibt andere Kriege, andere Feinde, andere Ängste und längst wieder andere Weltuntergänge.
Beim Wiederlesen meiner Telepolis-Texte aus den Jahren nach dem 11. September zeigt sich deshalb eine eigentümliche Doppelbewegung. Das Ereignis ist verblasst, seine politische Form aber ist geblieben. Manche damalige Prognose hat sich erledigt, manche Zuspitzung war dem heißen Atem der Gegenwart geschuldet. Der Grundgedanke der Texte hat die Jahre jedoch besser überstanden, als einem lieb sein kann. Der 11. September war weniger der Anfang einer völlig neuen Geschichte als die exemplarische Inszenierung einer Politik, die Angst in Handlungsmacht, Trauer in Patriotismus, Unsicherheit in Überwachung und ein Verbrechen in einen Krieg ohne absehbares Ende verwandelte. Verschwunden ist der Weltschicksalstag. Geblieben ist die Methode, aus dem Ausnahmeereignis politische Normalität zu machen.
Was ist ein Ereignis?
Geschichte erscheint zunächst als eine Abfolge von Ereignissen. Jahreszahlen geben ihr ein Gerüst, große Daten markieren ihre Einschnitte: 1789, 1914, 1945, 1989, 2001. Solche Daten ordnen die Vergangenheit. Sie teilen sie in ein Davor und ein Danach und vermitteln den Eindruck, an bestimmten Tagen sei etwas geschehen, das den Lauf der Dinge verändert habe. Die Geschichte wird dadurch erzählbar. Sie bekommt einen Anfang, einen Wendepunkt, handelnde Personen und erkennbare Folgen.
Gerade diese Vorstellung ist in der Geschichtswissenschaft seit Langem in Verruf geraten. Denn kein Ereignis fällt vom Himmel. Was an einem bestimmten Tag sichtbar wird, ist gewöhnlich über Jahre oder Jahrzehnte vorbereitet worden. Politische Entscheidungen entstehen innerhalb institutioneller Ordnungen, wirtschaftlicher Zwänge, sozialer Konflikte und kultureller Deutungsmuster. Selbst das überraschendste Ereignis besitzt eine Vorgeschichte, ohne die es weder möglich gewesen wäre noch seine besondere Wirkung hätte entfalten können.
Könnte die Französische Revolution zwanzig Jahre früher stattgefunden haben? Hätte sie ganz ausbleiben können? Wäre eine vergleichbare Revolution möglicherweise in einem anderen Land ausgebrochen? Und hätten sich die Ideen der Aufklärung nicht ohnehin verbreitet – vielleicht nicht in Paris, vielleicht nicht 1789, aber auf anderen Wegen und an einem anderen Ort?
Solche Fragen machen sichtbar, dass historische Ereignisse zugleich bedingt und kontingent sind. Sie sind nicht notwendig in dem Sinne, dass genau das Geschehene zu genau diesem Zeitpunkt eintreten musste. Sie sind aber auch nicht beliebig. Eine Französische Revolution des Jahres 1769 wäre nicht einfach dieselbe Revolution mit einem anderen Datum gewesen. Die Finanzkrise des Staates, die soziale Ordnung, die Entwicklung der Öffentlichkeit, die politischen Erwartungen, die Lebensmittelpreise und die Krise der monarchischen Legitimität bildeten keinen austauschbaren Hintergrund. Sie eröffneten vielmehr einen historisch bestimmten Möglichkeitsraum. Innerhalb dieses Raumes konnte Unterschiedliches geschehen – aber keineswegs alles.
Kontingenz bedeutet deshalb nicht Zufälligkeit. Sie bedeutet, dass etwas auch anders hätte kommen können, ohne dass deshalb jede denkbare Alternative gleich wahrscheinlich gewesen wäre. Strukturen begrenzen die Möglichkeiten des Handelns; sie schreiben dessen Ergebnis jedoch nicht vollständig vor. Die Ideen der Aufklärung hätten weiter zirkulieren können, auch wenn es 1789 nicht zur Revolution gekommen wäre. Daraus folgt aber nicht, dass sie sich von selbst durchgesetzt hätten. Ideen benötigen Träger, Institutionen, Kommunikationswege und Konflikte, in denen sie eine politische Bedeutung gewinnen. Auch eine Idee, deren Zeit angeblich gekommen ist, verwirklicht sich nicht allein.
Die Hinwendung zu solchen langfristigen Bedingungen war das große Thema der Annales-Schule und besonders Fernand Braudels. In seiner monumentalen Geschichte des Mittelmeerraums zur Zeit Philipps II. rückte Braudel nicht die Entscheidungen von Herrschern, Schlachten und diplomatischen Manöver in den Mittelpunkt. Er begann mit dem Raum: mit Gebirgen und Küsten, Verkehrswegen und Entfernungen, klimatischen Bedingungen und jahreszeitlichen Rhythmen. Hinzu kamen die langsameren Bewegungen von Bevölkerung, Produktion, Handel und Ressourcenverteilung. Erst auf einer weiteren Ebene erschienen die politischen Konjunkturen und schließlich jene Ereignisse, die in der traditionellen Geschichtsschreibung den größten Raum eingenommen hatten.
Braudels berühmte Unterscheidung zwischen der longue durée, den mittelfristigen Konjunkturen und der kurzen Zeit des Ereignisses war eine Kampfansage an eine Geschichtsschreibung, die sich beinahe ausschließlich für Staaten, Regierungen und große Männer interessiert hatte. Aus der Perspektive der langen Dauer erscheinen viele politische Ereignisse tatsächlich nur als Bewegungen an der Oberfläche. Die Könige wechseln, Kriege beginnen und enden, während Handelsrouten, Siedlungsformen, Besitzverhältnisse oder klimatische Bedingungen über Jahrhunderte hinweg den Rahmen gesellschaftlicher Reproduktion bestimmen.
Eine solche Geschichtsschreibung besitzt eine enorme Erklärungskraft. Sie hat allerdings ihrerseits einen Preis. Je mächtiger die Strukturen werden, desto mehr verschwinden die handelnden Menschen. Geschichte kann dann so erscheinen, als werde sie von einem großen anonymen Zwang gesteuert: von Ressourcen und Produktionsweisen, von Geografie, Klima, Demografie und Kapitalströmen. Entscheidungen werden zu bloßen Vollzugsformen von Verhältnissen, die längst feststehen. Aber Strukturen handeln nicht. Ein Klima fasst keinen Entschluss, eine Statistik erklärt keinen Krieg, und eine Produktionsweise erlässt kein Gesetz. Es sind Menschen, die unter bestimmten Bedingungen handeln, diese Bedingungen interpretieren und dabei mitunter Folgen hervorbringen, die niemand beabsichtigt hat.
Ereignis und Struktur lassen sich deshalb nicht einfach gegeneinander ausspielen. Ein Ereignis ist weder eine voraussetzungslose Ursache noch lediglich das bedeutungslose Symptom tiefer liegender Prozesse. Es ist vielmehr ein Augenblick der Verdichtung. In ihm treffen langfristige Bedingungen, mittelfristige Entwicklungen, individuelle Entscheidungen und Zufälle aufeinander. Dabei kann etwas entstehen, das aus keiner dieser Voraussetzungen allein abzuleiten ist.
Menschen stehen diesen Bedingungen freilich nicht wie eine plötzlich hinzutretende, unabhängige Kausalkraft gegenüber. Ihre Wahrnehmungen, Interessen, Begriffe, Erwartungen und Handlungsmöglichkeiten sind selbst materiell, institutionell und kulturell geprägt. Zugleich wirken ihre Entscheidungen auf diese Bedingungen zurück. Historische Dynamik ist rekursiv: Bedingungen prägen Handlungen, Handlungen verändern Bedingungen, und die veränderten Bedingungen bilden den neuen Möglichkeitsraum weiteren Handelns.
Das Ereignis ist also nicht nur das Resultat von Strukturen. Es kann seinerseits Strukturen verändern. Eine Entscheidung schafft Institutionen, ein Krieg verschiebt Grenzen, eine Revolution verändert Eigentumsordnungen und politische Begriffe. Was zunächst als Reaktion auf eine außergewöhnliche Situation erscheint, kann sich in Gesetzen, Behörden, Technologien und Gewohnheiten verfestigen. Auf diese Weise geht das Ereignis in die Struktur ein. Es verschwindet als gegenwärtige Erfahrung und wirkt dennoch in den Verhältnissen weiter.
Warum aber halten wir trotz aller Einwände so beharrlich an Ereignissen fest? Vermutlich, weil Strukturen in ihrer Gesamtheit kaum anschaulich werden. Sie besitzen keine eindeutige Gestalt und keinen klaren Zeitpunkt. Man kann sie in Statistiken, seriellen Daten und langfristigen Entwicklungen erfassen, aber nur schwer erzählen. Ereignisse dagegen bündeln Komplexität. Sie versehen Veränderungen mit einem Datum, einem Ort und einem Bild. Sie machen historische Kausalität nicht unbedingt verständlich, aber vorstellbar.
Darin liegt ihre erkenntnisstiftende, zugleich jedoch irreführende Kraft. Sobald ein Datum zum Symbol wird, scheint sich in ihm die ganze Epoche zu erklären. Das Ereignis wird dann mit seinen Voraussetzungen, seinen Deutungen und seinen Folgen verwechselt. Was vorher geschah, erscheint als Vorgeschichte dieses einen Tages; was danach geschieht, als seine unausweichliche Konsequenz. Aus einer Markierung wird eine Ursache, aus einer Zäsur ein historisches Subjekt.
Der 11. September 2001 ist dafür ein nahezu idealtypischer Fall. Kaum ein Ereignis der jüngeren Geschichte war derart augenblicklich sichtbar, global vermittelt und symbolisch verdichtet. Die Bilder schienen ihre eigene Interpretation bereits mitzuliefern: Hier ende eine Epoche und beginne eine neue. Doch auch der 11. September erklärt sich nicht selbst. Er setzte den islamistischen Terrorismus, die Konflikte des Nahen Ostens, die amerikanische Weltmachtstellung nach dem Ende des Kalten Krieges und die bereits vorhandenen sicherheitspolitischen Apparate nicht voraussetzungslos in die Welt. Ebenso wenig bestimmte er automatisch, wie die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten auf die Anschläge reagieren würden.
Seine historische Macht gewann das Ereignis vielmehr durch die Reaktionen, die es auslöste und legitimierte: durch den „Krieg gegen den Terror“, die Kriege in Afghanistan und im Irak, die Ausweitung staatlicher Überwachung, neue Sicherheitsregime und eine politische Sprache des permanenten Ausnahmezustands. Nicht der Tag allein veränderte die Welt. Verändert wurde sie durch das, was Regierungen, Institutionen und Gesellschaften aus diesem Tag machten.
Vielleicht ist das überhaupt das Schicksal großer historischer Ereignisse. Als Erinnerung verblassen sie, während ihre Folgen in den Alltag eingehen. Der 11. September kann aus der unmittelbaren politischen Gegenwart verschwunden sein und dennoch in Institutionen, Technologien, Konflikten und Denkweisen fortwirken. Ob er noch von Bedeutung ist, entscheidet sich daher nicht daran, wie stark seine Bilder uns heute noch erregen. Entscheidend ist, ob die Strukturen, die sich in seiner Folge herausgebildet oder verfestigt haben, weiterhin unsere Gegenwart bestimmen.
Ereignisse sind insofern Markierungen – aber nicht bloß willkürliche Markierungen. Sie bezeichnen jene Stellen, an denen Geschichte sichtbar wird, weil verschiedene historische Zeiten für einen Augenblick zusammentreffen. Man versteht ein Ereignis nicht, indem man es isoliert. Man versteht es aber ebenso wenig, indem man es vollständig in seinen Voraussetzungen auflöst. Die historische Frage lautet deshalb weder allein: Was ist damals geschehen? Noch allein: Welche Strukturen machten es möglich? Sie lautet: Wie konnte aus bestimmten Bedingungen gerade dieses Ereignis entstehen – und wie wurde aus einem vorübergehenden Geschehen eine dauerhafte Wirklichkeit?
Als das Verbrechen zum Krieg wurde
Der erste Text, „Die Welt im Kriegstrauma“, erschien am 12. September 2001, noch während die Bilder der einstürzenden Türme in Endlosschleifen liefen und niemand verlässlich wusste, ob weitere Anschläge folgen würden. Der Text trägt die Unsicherheit dieses Tages sichtbar in sich. Er referiert Meldungen, von denen einige wenig später korrigiert wurden, und versucht gleichzeitig, in einer Lage zu denken, in der die Sprache bereits von Krieg, Vergeltung und der Verteidigung der zivilisierten Welt beherrscht wurde. Seine zentrale Befürchtung war nicht, Amerika werde gar nicht reagieren. Sie lautete vielmehr, die mächtigste Militärmacht der Erde könne auf die Erfahrung ihrer Verwundbarkeit so reagieren, dass aus der nationalen Tragödie eine globale werde.
Fünf Tage später war die Semantik des Krieges bereits fest installiert. „We're at war“ untersuchte die Aufwertung der Täter zu Kombattanten eines weltgeschichtlichen Kampfes. Terroristen waren Mörder, schrieb ich damals unter Berufung auf Johannes Rau, und zunächst als Straftäter zu behandeln. Sie zu Kriegern zu ernennen, bedeutete, ihre Tat in die Sphäre der großen Politik und ihre kleine, wenn auch mörderisch effiziente Organisation in die Rolle eines weltgeschichtlichen Gegners zu erheben. George W. Bush sprach vom „monumentalen Kampf zwischen Gut und Böse“, vom Ausräuchern der Höhlen und von einem Krieg, der Geduld verlangen werde, weil sein Ende fern liege. Das unbestimmte Objekt „Terrorismus“ schuf ein Kriegsziel, das schon begrifflich nicht erreicht werden konnte.
Hier lag der folgenreichste Kategorienfehler. Einen Täter kann man festnehmen, anklagen und verurteilen. Eine Organisation kann man zerschlagen, ihre Finanzierung unterbrechen, ihre Mitglieder verfolgen und ihre Anschläge verhindern. „Den Terrorismus“ kann man so wenig besiegen wie das Verbrechen. Sobald die Bekämpfung einer Methode zum Krieg erklärt wird, verschwinden die Grenzen des Kriegsgebiets, die Unterscheidung von innerer und äußerer Sicherheit und schließlich auch die Kriterien eines Sieges. Der Gegner wird zur Hydra, die an jedem abgeschlagenen Kopf neue Köpfe hervorbringt. Schon Barbara Lee, die im Kongress als einzige Abgeordnete gegen die militärische Generalermächtigung stimmte, warnte vor einem offenen Krieg ohne bestimmbares Ziel. Ein Vierteljahrhundert später gilt diese Ermächtigung von 2001 noch immer. Sie nennt weder einen konkreten Feind noch einen geografischen Raum noch eine Dauer.
Das war keine bloße juristische Unsauberkeit. In „Unendliche Gerechtigkeit in Scheiben“ ging es wenige Tage nach den Anschlägen um die Frage, was geschieht, wenn der Kriegsvorbehalt an die Stelle von Gesetzes- und Rechtsprechungsvorbehalten tritt. Der zunächst gewählte Name der Militäroperation, „Infinite Justice“, verriet den unbegrenzten Anspruch. Der zürnende Richter, schrieb ich, schließt Gerichts- und Vollstreckungsverfahren kurz. Er ermittelt, urteilt und exekutiert in eigener Zuständigkeit. Unter dem Druck eines gesichtslosen Feindes würden Informationssperren, Desinformation, Antiterrorgesetze und Überwachung zu Instrumenten einer Gerechtigkeit, die auf dem Weg zu ihrer Durchsetzung gerade jene Rechte beschädigt, deren Verteidigung sie behauptet.
Manches davon kann man heute für eine frühe Überzeichnung halten. Die Vereinigten Staaten wurden keine Diktatur, Wahlen fanden statt, Gerichte setzten der Exekutive Grenzen und eine lebendige Öffentlichkeit legte Lügen, Folter und Übergriffe offen. Doch die damals gestellte Frage war richtiger als die Gewissheit, rechtsstaatliche Gesellschaften würden nach vorübergehender Erregung einfach in ihren früheren Zustand zurückkehren. Der USA PATRIOT Act, das Department of Homeland Security, die Ausweitung geheimdienstlicher Befugnisse, die Sicherheitsarchitektur des Flugverkehrs, Guantánamo, geheime Gefängnisse, außerordentliche Überstellungen und die Praxis gezielter Tötungen wurden keine kurzen Fußnoten des Schocks. Sie bildeten eine neue Infrastruktur staatlicher Prävention. Das Provisorium bekam Behörden, Budgets, Routinen und eine eigene professionelle Existenz.
Das Ereignis und seine Bilder
Der 11. September war nicht nur ein Anschlag, sondern ein in Echtzeit übertragenes Bildereignis. Gerade darin unterschied er sich von vielen Katastrophen, deren Opferzahlen höher waren und deren Folgen länger dauerten. Die zweite Maschine flog in einen Turm, dessen brennendes Bild die Welt bereits betrachtete. Das Ereignis enthielt seine mediale Wiederholung von Anfang an. Es wurde gesehen, während es geschah, und geschah fortan immer wieder, weil es ohne Unterlass gesehen wurde.
Im Jahrestagstext „Nine/Eleven“ von 2002 nannte ich den Tag den bestdokumentierten der Menschheitsgeschichte. Die Formulierung war groß, aber der Befund traf eine neue Qualität der Medienwirklichkeit. Jedes Bild, jedes Detail, jede noch so belanglose biografische Spur der Täter wurde ausgeleuchtet. Die Dokumentation produzierte weitere Dokumentationen, die Erinnerung Bilder der Erinnerung und das Gedenken eine eigene Industrie der Wiederholung. Dahinter stand mehr als Sensationslust. Die Bilder sollten eine aus dem Lot geratene Wirklichkeit wieder beherrschbar machen. Was sich nicht verhindern und nicht rückgängig machen ließ, wurde durch Wiederholung symbolisch arretiert.
Der Anschlag traf mit dem World Trade Center und dem Pentagon zugleich Symbole ökonomischer und militärischer Macht. Die reale Ermordung von Menschen verband sich mit der symbolischen Kränkung einer Nation, die sich nach dem Ende des Kalten Krieges für unangreifbar halten durfte. Aus dieser Verbindung entstand der politische Überschuss des Ereignisses. Das Bild der einstürzenden Türme zeigte nicht nur Tod und Zerstörung. Es schien den Verlust amerikanischer Unverwundbarkeit selbst vorzuführen. Die Antwort musste deshalb ebenfalls symbolisch groß sein. Ein begrenztes polizeiliches Vorgehen gegen Täter und Helfer hätte der Dimension der Kränkung nicht entsprochen, selbst wenn es zweckmäßiger gewesen wäre.
So wurde aus dem Welttrauertag das „Kriegslogo“. Der Ausdruck bezeichnete nicht, dass die Trauer unecht oder die Opfer instrumental bedeutungslos gewesen wären. Gerade das wirkliche Leid verlieh dem politischen Zeichen seine enorme Energie. Die Anschläge wurden zur allseits verfügbaren Legitimation, weil jeder Widerspruch gegen die aus ihnen abgeleiteten Maßnahmen in den Verdacht geraten konnte, die Toten zu missachten oder die Gefahr zu verharmlosen. Das Ereignis wurde seiner historischen Besonderheit nicht beraubt, indem man es vergaß, sondern indem man es mit immer neuen politischen Absichten überlud.
Heute ist diese Bildermacht erschöpft. Die Aufnahmen sind zu historischen Ikonen geronnen. Sie erschüttern diejenigen, die den Tag erlebt haben, noch immer, während sie für Nachgeborene in jene Bildarchive eingehen, in denen auch Pearl Harbor, Hiroshima, Vietnam und der Fall der Berliner Mauer auf wenige wiedererkennbare Einstellungen zusammenschrumpfen. Nach einer aktuellen Umfrage erinnern sich 83 Prozent der Amerikaner, die 2001 bereits lebten, genau an den Moment, in dem sie von den Anschlägen erfuhren. Persönliche Erinnerung bleibt also stark. Kollektive Gegenwart ist sie nicht mehr. Gerade diese Differenz zwischen biografischer Unvergesslichkeit und politischem Verblassen macht den 25. Jahrestag bemerkenswert.
Die Kriege, die ihre Gründe wechselten
Der Krieg in Afghanistan ließ sich zunächst noch unmittelbar mit al-Qaida und ihren Rückzugsräumen verbinden. Die Intervention im Irak konnte das nicht. Zwischen beiden Kriegen lag deshalb der entscheidende Schritt von der Reaktion auf einen Anschlag zur präventiven Neuordnung der Welt. Die Nationale Sicherheitsstrategie von 2002 formulierte diesen Anspruch mit bemerkenswerter Offenheit. Angriff wurde als Verteidigung definiert, mögliche künftige Bedrohungen rechtfertigten gegenwärtige Gewalt und amerikanische Sicherheit ging in einen „amerikanischen Internationalismus“ über, der die Interessen der Vereinigten Staaten mit denen der freien Welt kurzschloss.
In meinem gleichnamigen Text beschrieb ich diese Doktrin als eine Mischung aus Militärpolitik, Weltgenesungstherapie und globaler Verordnung von Demokratie. Ihre innere Widersprüchlichkeit war schon damals sichtbar. Freiheit sollte universal sein, durfte aber nur in der von Washington genehmigten Form auftreten. Souveränität galt, solange Staaten ihre „souveränen Verantwortlichkeiten“ so erfüllten, wie Amerika sie definierte. Internationale Institutionen blieben willkommen, sofern sie das gewünschte Ergebnis produzierten. Anderenfalls drohten sie zu einem Stück Papier zu werden.
Der Irakkrieg machte aus dieser Doktrin Praxis und aus ihrer Praxis ein Desaster. Die angeblichen Massenvernichtungswaffen verschwanden im Wüstensand, weil sie dort nie gelegen hatten. In „Nichts als die Wahrheit oder Onkel Powells Märchenstunde?“ und „Die Wahrheitsvernichtungswaffen im hochmobilen Lügenlabor“ ging es nicht nur um falsche Geheimdienstinformationen. Entscheidend war die politische Herstellung einer Gewissheit, die dem bereits gefassten Entschluss zum Krieg dienen sollte. Vermutungen wurden zu Beweisen aufgerüstet, Zweifel als Naivität oder Komplizenschaft behandelt und die nicht bewiesene Nichtexistenz von Waffen ihrerseits zum Gefahrenargument umgebogen.
Als die Waffen nicht gefunden wurden, wechselte die Begründung. Nun sollte der Sturz Saddam Husseins den Krieg nachträglich als humanitäre Befreiung rechtfertigen. Dass der Diktator ein Verbrecher war, stand außer Frage. Daraus folgte jedoch weder die Legalität des Krieges noch die Fähigkeit der Besatzer, eine freie Gesellschaft zu errichten. „Normative Trümmer und solche aus Stein“ nahm die Auseinandersetzung zwischen Hans Magnus Enzensberger und Jürgen Habermas auf. Der Sturz eines Tyrannen konnte moralische Genugtuung hervorrufen. Die Freiheit einer Gesellschaft ließ sich aber nicht mit Bomben verordnen, weil Befreiung nur dann in politische Freiheit übergeht, wenn die Betroffenen deren Formen selbst bestimmen können.
Abu Ghraib und Guantánamo zerstörten schließlich den Anspruch, die Zivilisation mit den Mitteln der Zivilisation zu verteidigen. „Barbarei als Kriegsroutine“ widersprach 2004 der bequemen Deutung, bei der Folter irakischer Gefangener habe es sich nur um Exzesse einzelner Soldaten gehandelt. Der Krieg bereitet die Entmenschlichung des Gegners vor, ohne die sein tägliches Töten psychologisch und politisch kaum zu organisieren wäre. Wird der Feind zuvor zum Träger des schlechthin Bösen erklärt, erscheint seine Misshandlung nicht mehr als Verrat am Kriegsziel, sondern als dessen Fortsetzung. Wer mit Ungeheuern kämpft, hatte Nietzsche gewarnt, soll zusehen, dass er nicht selbst zum Ungeheuer wird. Der „Krieg gegen den Terror“ lieferte dafür keine philosophische Illustration, sondern Verwaltungsakten, Verhörprogramme und Fotografien.
Der Sieg der Nebenfolgen
Eine faire Bilanz darf die Erfolge der Terrorbekämpfung nicht unterschlagen. Einen zweiten Anschlag von der Größenordnung des 11. September hat es in den Vereinigten Staaten nicht gegeben. Al-Qaida verlor Führungspersonal, Rückzugsräume, finanzielle Kanäle und die Fähigkeit, ungestört komplexe Operationen zu planen. Die Zusammenarbeit von Polizei und Nachrichtendiensten verbesserte sich, Sicherheitslücken im Flugverkehr wurden geschlossen und zahlreiche Anschläge verhindert. In der amerikanischen Öffentlichkeit gilt die verstärkte Flughafensicherheit trotz aller Zumutungen weiterhin als sinnvoll. Wer die gesamte Reaktion auf Nine/Eleven für eine einzige, geschlossene Verirrung erklärt, macht es sich so einfach wie jene, die jede Maßnahme mit dem Hinweis rechtfertigen, der befürchtete Großanschlag sei ausgeblieben.
Das Problem liegt im Verhältnis von Ziel, Mittel und Preis. Eine staatliche Schutzpflicht bestand. Sie berechtigte zu Nachrichtendienstarbeit, Strafverfolgung, internationaler Kooperation und notwendigen Sicherheitsmaßnahmen. Sie lieferte keine Blankovollmacht für die geografische Entgrenzung des Krieges, für Folter, Geheimgefängnisse, Angriffskriege und die dauerhafte Suspendierung rechtsstaatlicher Verfahren. Gerade weil Erfolge und Exzesse nebeneinanderlagen, entzog sich die Bilanz lange einer nüchternen Betrachtung. Jeder verhinderte Anschlag konnte als Beweis für das Gesamtsystem dienen, obwohl niemand wissen kann, welcher Teil des Systems ihn tatsächlich verhindert hatte. Jeder neue Anschlag wiederum legitimierte seine weitere Ausdehnung.
Die Kosten sind nicht mehr rhetorisch zu übersehen. Das Costs of War Project der Brown University schätzt, dass zwischen 2001 und 2023 mehr als 940.000 Menschen durch unmittelbare Gewalt in den Kriegsgebieten Irak, Afghanistan, Syrien, Jemen und Pakistan getötet wurden, darunter über 432.000 Zivilisten. Rechnet man die indirekten Todesfälle durch zerstörte Gesundheitssysteme, Infrastruktur, Ökonomien und Lebensgrundlagen hinzu, liegt die Schätzung bei mindestens 4,5 bis 4,7 Millionen Toten. Die amerikanischen Haushaltskosten wurden bereits 2021 mit rund acht Billionen Dollar beziffert. Solche Zahlen sind keine mathematische Widerlegung jeder einzelnen Antiterrormaßnahme. Sie widerlegen aber die Vorstellung, die Welt sei durch den Feldzug gegen das Böse gleichsam chirurgisch sicherer geworden.
Afghanistan liefert die bitterste Pointe. Zwanzig Jahre nach Beginn von „Enduring Freedom“ zogen die westlichen Truppen ab. Die Taliban kehrten an die Macht zurück und haben bis 2026 aus einzelnen Verboten ein umfassendes System der Entrechtung von Frauen und Mädchen geschaffen. Das bedeutet nicht, dass die zwei Jahrzehnte für jeden Menschen in Afghanistan folgenlos oder wertlos gewesen wären. Millionen konnten andere Lebensmöglichkeiten erfahren, Mädchen Schulen besuchen und Frauen Berufe ausüben. Es bedeutet aber, dass die militärisch gestützte Konstruktion eines Staates nicht jene politische Selbstständigkeit gewann, die ihren Schöpfern die Anwesenheit abgenommen hätte. Der Krieg endete dort, wo er begonnen hatte, nur mit Gräbern, Erfahrungen, Abhängigkeiten und Enttäuschungen, die es 2001 noch nicht gab.
Auch Guantánamo ist geblieben. Die Zahl der Gefangenen sank von fast 800 auf 15, aber gerade diese kleine Zahl macht das Fortleben des Ausnahmezustands besonders sichtbar. Ein Lager, das als vorübergehende Antwort auf eine außerordentliche Gefahr eingerichtet wurde, überdauerte mehrere Präsidenten und unterschiedliche Mehrheiten. Anfang 2025 kündigte Trump sogar an, die dortige Infrastruktur für die Internierung von bis zu 30.000 Migranten zu nutzen. Der Krieg gegen den Terror lieferte damit nicht nur ein Gefängnis, sondern ein übertragbares Modell. Was zur Behandlung des absoluten äußeren Feindes erprobt wurde, kann in der Migrationspolitik gegen Menschen eingesetzt werden, deren Lage mit den Anschlägen nichts zu tun hat.
Der Feind kehrt nach Hause zurück
An dieser Stelle zeigt sich die wichtigste Veränderung der politischen Konstellation. Im Jahr 2001 kam der Feind von außen, auch wenn er längst unerkannt im Inneren lebte. Er wurde als islamistischer Terrorist, als Schläfer, als Mitglied eines globalen Netzwerks vorgestellt. 2026 fürchten Amerikaner den inländischen Extremismus stärker als den ausländischen Terror. In einer Reuters/Ipsos-Umfrage nannten 33 Prozent den heimischen Terrorismus als größte Bedrohung für die Sicherheit, 20 Prozent verwiesen auf ausländischen Terrorismus und 42 Prozent auf zufällige Gewalttaten wie Massenschießereien. Die Angst ist nicht verschwunden, aber ihr Gegenstand ist gewandert.
Damit bekommt ein Gedanke aus „Kapituliert der Staat?“ eine neue Bedeutung. Der asymmetrische Konflikt verwischte damals die Grenzen zwischen Krieg und Frieden, innerer und äußerer Sicherheit, Militär, Polizei, Nachrichtendienst und privater Informationsmacht. Der Staat reagierte auf seine Definitionsverluste, indem er seine Instrumente ausweitete. Heute richten sich einige dieser Instrumente nicht mehr vorrangig gegen den ausländischen Terroristen. Sie greifen in Migrationspolitik, Grenzschutz, Protestkontrolle und die Beobachtung innerer Gegner ein. Ein aktueller Bericht des Costs of War Project zeigt, wie rechtliche Präzedenzfälle aus dem „War on Terror“ für aggressive Maßnahmen gegen Migranten nutzbar gemacht wurden. Die Ausnahme wandert von der Außenpolitik in den Alltag der Verwaltung.
Auch der alte Satz Carl Schmitts, der Feind sei unsere eigene Frage als Gestalt, liest sich heute anders. Nach Nine/Eleven stabilisierte der äußere Feind für kurze Zeit eine verunsicherte nationale Identität. Bush erreichte Zustimmungswerte, von denen Präsidenten sonst nur träumen, und die Vereinigten Staaten erlebten eine reale Welle der Solidarität. Diese Einheit war jedoch an einen Gegner gebunden, der außerhalb des demokratischen Streits stand. Als der äußere Feind seine integrierende Kraft verlor, wurde die Feindenergie nicht einfach abgebaut. Sie richtete sich zunehmend auf das Innere. Aus politischen Konkurrenten wurden Verräter, aus Wahlniederlagen Verschwörungen, aus gesellschaftlichen Konflikten existentielle Kämpfe um das „wahre“ Amerika.
Es wäre zu einfach, Donald Trump als direkte Folge des 11. September zu erklären. Zwischen beiden liegen die Finanzkrise, die sozialen Medien, die Deindustrialisierung, die Präsidentschaft Barack Obamas, Pandemie, Kulturkämpfe und eine lange Geschichte amerikanischer Ressentiments. Dennoch bereitete die Ära nach Nine/Eleven politische Gewohnheiten vor, die dem Trumpismus entgegenkommen. Dazu gehören die Herrschaft durch den permanenten Notfall, die Geringschätzung institutioneller Begrenzungen, die Ersetzung überprüfbarer Gründe durch Loyalitätsforderungen und die Vorstellung, der politische Führer verkörpere die bedrohte Nation unmittelbarer als Parlamente, Gerichte oder Medien.
Dabei ist eine historische Ironie festzuhalten. George W. Bush besuchte wenige Tage nach den Anschlägen ein islamisches Zentrum und erklärte, der Terror repräsentiere nicht den Islam. Seine Politik produzierte trotzdem Guantánamo, den Irakkrieg und ein Klima des Generalverdachts. Die heutige Rechte kann auf diese Infrastruktur zurückgreifen, ohne Bushs wenigstens öffentlich behauptete Trennung von Islam und Terrorismus beizubehalten. Noch 2026 sagen 43 Prozent der amerikanischen Erwachsenen, Muslime seien weniger patriotisch als andere Amerikaner, und 42 Prozent schreiben ihnen einen negativen Einfluss auf das Land zu. Das Misstrauen hat das Ereignis überlebt, das es politisch mobilisierte.
Vom Krieg gegen den Terror zur Welt der Kriege
Der „War on Terror“ beherrscht die Weltpolitik nicht mehr. An seine Stelle ist die klassische Konkurrenz von Staaten und Machtblöcken zurückgekehrt. Russland führt Krieg gegen die Ukraine, China fordert die amerikanische Vorrangstellung wirtschaftlich, technologisch und militärisch heraus, der Nahe Osten bleibt eine Region ineinandergreifender Kriege und die Vereinigten Staaten führen seit März 2026 Krieg gegen den Iran. Die gesichtslosen Netzwerke von 2001 sind im strategischen Denken Washingtons hinter Raketenarsenale, Handelswege, Halbleiter, Atomprogramme und Großmachtrivalitäten zurückgetreten.
Damit scheint eine damalige Erwartung widerlegt. Die Welt hat sich nicht dauerhaft in Antiterrorstaaten und Unterstützer des Terrorismus aufgeteilt. Staaten sind wieder sehr sichtbar, Grenzen wieder militärisch entscheidend und Bündnisse wieder von klassischen Interessen geprägt. Selbst der Begriff des Terrorismus ist politisch zerfasert. Er bezeichnet islamistische Organisationen, rechtsextreme Täter, Milizen, Drogenkartelle und je nach Sprecher auch gegnerische Staaten oder unliebsame Protestbewegungen. Ein Begriff, der alles Bedrohliche aufnehmen kann, unterscheidet immer weniger.
Und doch lebt die Bush-Doktrin in veränderter Gestalt fort. Prävention ist weiterhin das Zauberwort, mit dem mögliche künftige Gefahren gegenwärtige Gewalt legitimieren. Die Souveränität anderer Staaten bleibt konditional, wenn die eigene Sicherheit weit genug ausgelegt wird. Militärische Macht präsentiert sich noch immer als Werkzeug moralischer Weltordnung, selbst wenn die Moral inzwischen häufiger „America First“ heißt und nicht mehr als universale Demokratieverheißung auftritt. Der Ton hat sich verändert. Die Struktur ist erstaunlich stabil.
Dass Trump am 25. Jahrestag des 11. September den Iran-Krieg in die Erinnerung an die Anschläge einfügte, ist deshalb mehr als eine geschmacklose Aktualisierung. Es zeigt, dass Nine/Eleven als politischer Reserveakku noch funktioniert. Der konkrete Feind kann wechseln, die Verbindung bleibt dieselbe: Amerika wurde angegriffen, Amerika ist bedroht, Amerika muss handeln, bevor das Bedrohte Wirklichkeit wird. Zwischen al-Qaida und dem iranischen Atomprogramm liegen sachlich Welten. In der politischen Dramaturgie werden sie durch das Wort „Terror“ und die Erinnerung an nationale Verwundbarkeit zusammengeschlossen.
Schon 2002 schrieb ich, Karthago habe seit dem 11. September mehr Namen, als Cato es sich hätte träumen lassen. Der Satz war polemisch, aber sein Gegenstand ist nicht verschwunden. Eine Politik, die sich über die Vernichtung des jeweils Bösen definiert, braucht fortwährend neue Namen für das Böse. Osama bin Laden wurde getötet, Saddam Hussein gestürzt, al-Qaida geschwächt und der sogenannte Islamische Staat territorial besiegt. Die politische Form des Endkampfes überlebte jeden einzelnen Endgegner.
Was von den damaligen Texten bleibt
Wiederlektüre darf nicht bedeuten, alte Sätze nur auf ihre prophetische Trefferquote zu prüfen. Journalistische Texte entstehen in einer unübersichtlichen Gegenwart, deren Möglichkeiten noch offen sind. Sie reagieren auf Behauptungen, Stimmungen und Gefahren, von denen sich einige bestätigen und andere verflüchtigen. Auch meine Texte standen unter dem Eindruck jener Bilder, deren Übermacht sie kritisierten. Ihre Ironie war ein Mittel der Distanz, aber nicht immer schon Distanz. Manches Urteil über „Amerika“ geriet zu pauschal, manches Spiel mit Apokalypse, Dämonologie und Weltuntergang partizipierte an der Größe des Ereignisses, die es zugleich herunterdimensionalisieren wollte.
Nicht jede Sicherheitsmaßnahme führte in den Überwachungsstaat. Nicht jede militärische Operation war bloß imperialer Wille und nicht jeder amerikanische Politiker ein neokonservativer Weltgenesungstherapeut. Die Gefahr des islamistischen Terrorismus war real und ist es geblieben. Ebenso real ist der Umstand, dass seit 2001 kein vergleichbarer Angriff auf amerikanischem Boden gelang. Eine Bilanz, die diesen Erfolg nur als Zufall oder Propaganda abtut, wäre unredlich.
Andere Erwartungen erwiesen sich als zu hoffnungsvoll. Aus der normativen Beschädigung Amerikas entstand weder eine starke Weltrechtsordnung noch eine mächtigere UNO. Europa entwickelte aus seiner Opposition gegen den Irakkrieg keine dauerhafte außenpolitische Selbstständigkeit. Das Völkerrecht gewann durch seinen spektakulären Bruch nicht automatisch neue Kraft. Macht und Recht blieben zwar, wie ich 2003 schrieb, miteinander ringende Ordnungen. Der Ausgang dieses Ringens ist 2026 jedoch weniger offen, als man damals hoffen konnte. Auch andere Großmächte haben aus dem Irakkrieg nicht die Lehre gezogen, auf Gewalt zu verzichten. Sie haben gelernt, dass sich Gewalt mit historischen Ansprüchen, Sicherheitsinteressen und moralischen Gegenerzählungen nahezu beliebig ausstatten lässt.
Bestätigt hat sich dagegen die Kritik an der Entgrenzung. Der Terrorismus wurde nicht besiegt, sondern dezentraler, regional unterschiedlicher und teilweise privatisierter. Amerikanische Antiterroroperationen fanden noch zwischen 2021 und 2023 in 78 Ländern statt, ohne dass der „War on Terror“ den Alltag der Öffentlichkeit weiterhin beherrscht hätte. Genau darin liegt sein spätester Erfolg als System. Er verschwand aus der Aufmerksamkeit, während seine Apparate weiterarbeiteten. Der Ausnahmezustand musste nicht mehr täglich ausgerufen werden, weil er in Haushalten, Zuständigkeiten, Datenbanken und Rechtsauslegungen sedimentiert war.
Auch die damalige Medienkritik hat ihren Gegenstand überlebt und zugleich gewechselt. 2001 waren es Fernsehbilder, Nachrichtensondersendungen und Titelseiten, die das Ereignis in eine Endlosschleife zwangen. Heute wird die politische Erregung von Plattformen individualisiert und beschleunigt. Es gibt nicht mehr das eine Bild, vor dem sich eine Gesellschaft versammelt, sondern unzählige Bilder, Ausschnitte, Behauptungen und Gegenbehauptungen, die jeweils eigene Wirklichkeiten erzeugen. Nine/Eleven war noch ein Zentralfeuer der Aufmerksamkeit. Die Gegenwart besteht aus Millionen kleinen Bränden, die einander nicht erhellen, sondern die gemeinsame Sicht vernebeln.
Vielleicht erklärt das auch, warum der 11. September als politisches Ereignis verblassen konnte. Er gehörte noch einer Medienwelt an, in der ein Großereignis die Aufmerksamkeit nahezu vollständig besetzte. In der heutigen Konkurrenz der Katastrophen würde selbst ein Weltschicksalstag nach wenigen Tagen von neuen Bildern überlagert, kommentiert, bestritten, parodiert und algorithmisch auf Zielgruppen verteilt. Die Halbwertszeit der großen Geschichte ist kürzer geworden. Ihre politischen Nebenfolgen halten deshalb nicht kürzer, sondern können sich umso unauffälliger verstetigen.
Geschichte verschwindet nicht, sie wechselt die Form
Ist der 11. September also in der Geschichte versunken? Als beherrschendes Erregungsthema zweifellos. Der Tag bestimmt nicht länger, wie die Welt sich selbst beschreibt. Seine Täter sind tot oder bedeutungslos, seine Kriege beendet oder in andere Konflikte übergegangen, seine Bilder musealisiert. Wer nach 2001 geboren wurde, kennt den Anschlag so, wie frühere Generationen historische Zäsuren kannten, aus Erzählungen, Dokumenten und ritualisierten Bildern. Auch das viel beschworene „Wir werden nie vergessen“ kann nicht verhindern, dass Erinnerung ohne eigenes Erlebnis ihren Aggregatzustand verändert.
Doch Geschichte besteht nicht nur aus dem, woran Menschen sich erinnern. Sie besteht ebenso aus Institutionen, Rechtsbegriffen, politischen Reflexen und eingeübten Ängsten, deren Ursprung kaum noch jemand benennt. Flughafenkontrollen, Sicherheitsbehörden, Überwachungsbefugnisse, Guantánamo, die fortgeltende Kriegsermächtigung von 2001 und ein weltweites Netz von Antiterroroperationen sind geronnene Erinnerung. Sie tragen das Datum nicht mehr sichtbar auf der Stirn und stammen doch aus seiner politischen Verarbeitung.
Die nachhaltigste Folge des 11. September ist deshalb weder ein bestimmter Krieg noch eine bestimmte Behörde. Es ist die Gewöhnung an die Vorstellung, dass der Ausnahmefall die politische Wahrheit deutlicher offenbare als der Normalfall. Im Ausnahmezustand soll sich zeigen, wer Freund und wer Feind ist, wer zur Nation gehört, welche Rechte entbehrlich sind und wer ohne langes Verfahren bekämpft werden darf. Diese Versuchung ist älter als Nine/Eleven. Der 11. September gab ihr jedoch Bilder, Begriffe und eine globale Bühne, deren Nachwirkungen bis in die Gegenwart reichen.
Der verschwundene Weltschicksalstag ist also nicht verschwunden. Er hat sich nur unsichtbar gemacht. Seine Türme stürzen nicht mehr täglich auf den Bildschirmen ein, aber die politische Grammatik, die aus ihrem Einsturz gewonnen wurde, steht noch. Sie erlaubt es, aus ungewissen Gefahren Gewissheiten, aus Gegnern das Böse, aus Vorsorge Krieg und aus Erinnerung Legitimation zu machen. Am 11. September 2026 wurde diese Grammatik am Pentagon wieder gesprochen.
Vielleicht bleibt nach 25 Jahren deshalb nur eine bescheidenere und schwierigere Form des Gedenkens. Sie müsste die Opfer erinnern, ohne ihr Leid zur politischen Ressource zu machen. Sie müsste die Gefahr des Terrorismus ernst nehmen, ohne dem Terroristen die Macht zu verleihen, Recht und Vernunft seiner Gegner außer Kraft zu setzen. Und sie müsste endlich begreifen, dass eine Zivilisation nicht dadurch verteidigt wird, dass sie ihre Prinzipien für den Ernstfall aufbewahrt. Sie bewährt sich allein darin, dass sie an ihnen festhält, wenn der Ernstfall eingetreten ist.
Texte von Goedart Palm zum 11. September und seinen Folgen
Die chronologische Bibliografie versammelt die bei der Recherche ermittelten Telepolis-Texte zum Anschlag, zum „Krieg gegen den Terror“, zu Afghanistan und Irak, Sicherheitsstaat, amerikanischer Außenpolitik sowie zur medialen und kulturellen Verarbeitung. Die Auswahl liest die Beiträge zugleich als Dokumente ihrer jeweiligen Entstehungszeit.
– Telepolis: Zur Psychopathologie der amerikanischen Cyberangst
– Telepolis: Amerikas oberster Pfadfinder
– Telepolis: Talibanana oder doch cuius regio, eius religio?
– Telepolis: Die Welt im Kriegstrauma
– Telepolis: We're at war
– Telepolis: Terroranschläge als größtes Kunstwerk bezeichnet
– Telepolis: Unendliche Gerechtigkeit in Scheiben
– Telepolis: Himmelfahrtskommando
– Telepolis: Der Friedensnobelpreis und ein bisschen Krieg
– Telepolis: Operation Global Justice
– Telepolis: Nicht berühren, nicht einatmen, nicht kosten!
– Telepolis: Krieg ist die Fortsetzung der Blockbuster mit besseren Mitteln
– Telepolis: Kapituliert der Staat?
– Telepolis: Der hohe Preis der uneingeschränkten Solidarität
– Telepolis: Zur Aufrüstung der Wahrheit
– Telepolis: Die rot-grüne Koalition der uneingeschränkten Fragilität
– Telepolis: Die Neue-Anti-Terror-Organisation (NATO)
– Telepolis: But we are under attack
– Telepolis: The Spirit of America
– Telepolis: Kriege ohne Menschen
– Telepolis: Bush, der historische Umfragesieger
– Telepolis: Usama, der Mann des Jahres
– Telepolis: Fiktionen humaner Kriegführung
– Telepolis: Kuba Transfer
– Telepolis: Zur Ökonomie des Kriegs
– Telepolis: Poor Boy Walker
– Telepolis: Bush am Scheideweg: Good bye, America!
– Telepolis: Noch mehr Gerechtigkeit für die Welt
– Telepolis: Gefährliche Friedensverheißungen
– Telepolis: Eine alexandrinische Bibliothek des Überwachungsterrors und der Zeitgeschichte
– Telepolis: Großer Präsident, was nun?
– Telepolis: Zur neuen Präventionsmoral alter Krieger
– Telepolis: Die amerikanische Abseitsfalle
– Telepolis: Nine/Eleven
– Telepolis: Amerikanischer Internationalismus
– Telepolis: Wird Saddam Hussein der Prozess gemacht?
– Telepolis: Weltpolitik als Farce
– Telepolis: Wird die Austreibung des Bösen die Welt im Jahre 2003 sicherer machen?
– Telepolis: Donald Rumsfeld als Geburtshelfer der europäischen Identität
– Telepolis: „The war goes on, and we are winning“
– Telepolis: Nichts als die Wahrheit oder Onkel Powells Märchenstunde?
– Telepolis: Neues Chaos im US-Zivilisationsrettungsprogramm
– Telepolis: Sternstunde der UNO
– Telepolis: Ultima Ultima ratio
– Telepolis: Petze beim Großen Bruder und Christian Homeland Security
– Telepolis: Der Wille zum Krieg triumphiert über das Recht
– Telepolis: Die Mutter aller Aufmerksamkeitsschlachten (Datierung nach dem lokalen Projektarchiv; die migrierte Telepolis-Seite nennt abweichend den 14.10.2008.)
– Telepolis: Auf der Suche nach den Kriegsgründen
– Telepolis: Ist Syrien die nächste Station auf dem Masterplan für globale Freiheit und Sicherheit?
– Telepolis: Normative Trümmer und solche aus Stein
– Telepolis: Arabische Musterdemokratien von morgen
– Telepolis: Deutsch-amerikanische Freundschaft
– Telepolis: Die neu entdeckte Einigkeit der Uneinigen
– Telepolis: Endlich gefunden: Die Wahrheitsvernichtungswaffen im hochmobilen Lügenlabor
– Telepolis: Vision reloaded: Das spätaufgeklärte Europa der Philosophen
– Telepolis: Für was halten unsere Jungs die Knochen hin?
– Telepolis: Politische Pädagogik oder der Befehl zur Freiheit
– Telepolis: Im Schweinsgalopp von George Orwell zu George Bush II
– Telepolis: Invasion zur Weltverbesserung
– Telepolis: Die neue Macht der Herren Lakaien
– Telepolis: Im Jet zum Streckbett
– Telepolis: Jeder „Schurkenstaat“ ist anders
– Telepolis: Zur amerikanischen Façon, aus Unterjochten glückliche Demokraten zu machen
– Telepolis: Zur Vietnamisierung des Globus
– Telepolis: Der Irak-Krieg – der Anfang vom Ende der Bush-Regierung?
– Telepolis: Mit Terroristen spricht man nicht
– Telepolis: Barbarei als Kriegsroutine
– Telepolis: We're goin' after Satan
– Telepolis: Bush bleibt Bush, da helfen keine Wahlen
– Telepolis: Die Stunde der Patrioten
– Telepolis: War on terror – Business as usual
– Telepolis: Nine/Eleven verweht
– Telepolis: Von der „Mutter aller Katastrophen“ zum globalen Kriegsalltag
Weitere Literatur und Quellen
Associated Press: 25 years after 9/11, America commemorates amid new wars and old grief.
Associated Press: America marks 25 years since the September 11 attacks.
Ipsos: 25 years later, the impact of 9/11 continues to resonate with Americans.
Pew Research Center: 25 years after 9/11, a portrait of Muslim Americans.
Costs of War Project, Brown University: Human Costs.
Costs of War Project, Brown University: How Death Outlives War.
UN Women: Afghanistan: Women’s rights in 2026.
U.S. House of Representatives: Bipartisan effort to repeal the 2001 AUMF.
UK Parliament: Guantánamo Bay detention facility.