Philosophie

Wochenbeilage Detlef Hartlap Sokrates Treppenlift

Philosophische Texte und Reflexionen.

Wochenbeilage - Prismen - Bäckerblumen - Lettristische Flora

Menschen sind mitunter kurios. Ich auch. Nie werfe ich das Wochenmagazin "Prisma" weg, obwohl ich (noch) einigen Abstand zu dem Entschluss habe, einen Treppenlift zu kaufen. Nun gut, das Fernsehprogramm ist auch nicht so bunt kommentiert, wie ich das zu meiner dürftigen Vorfreude brauche.

Das Wegwerfen wäre ja die vernünftige Handlung, nur ist Vernunft am Morgen eine ziemlich anspruchsvolle Veranstaltung. Die Beilage liegt bereits da. Ein wichtiges Buch verlangt, dass man es eigens aufschlägt, seinen Zusammenhang wiederfindet und für eine Weile derjenige Leser wird, den man sich beim Kauf vorgestellt hat. "Prisma" nimmt mich, wie ich bin. Ich muss nicht erst beschließen, jetzt endlich etwas für meine Bildung zu tun. Ein Blick auf das Programm genügt als Vorwand, und schon bin ich beim nächsten Text. Die geringe Erwartung macht die Lektüre leicht zugänglich; sie verbraucht sich nicht schon in der Vorbereitung auf ihre eigene Wichtigkeit. Vielleicht lesen wir manche Bücher gerade deshalb so selten, weil wir ihnen einen Leser versprochen haben, der morgens noch nicht lieferbar ist.

Also: Ich löse das Schachdiagramm, wenngleich der Kommentator über das Thema "kairos" noch einmal angestrengt nachdenken sollte - eingedenk des Umstands, dass nicht jeder ein Brett vor sich stehen hat.

Das Diagramm bietet eine überschaubare Welt mit einer beneidenswerten Eigenschaft: Hier lässt sich etwas lösen. Während die großen Bücher ihre Fragen über Hunderte von Seiten verteilen, stellen diese Figuren eine begrenzte Forderung. Allerdings muss die Stellung im Kopf bleiben, wenn kein Brett zur Verfügung steht. Eine Erläuterung, die ihre Varianten schneller vorführt, als ich die Figuren innerlich umstellen kann, verfehlt ihren Zeitpunkt. Da hilft auch die Gewissheit wenig, dass der richtige Zug irgendwo gedruckt steht. Der kleine Ärger bindet mich an die Seite. Ich bin bereits beteiligt, habe eine Erwartung und einen Einwand; aus dem beiläufigen Blick ist eine Tätigkeit geworden, ohne dass ich die feierliche Entscheidung getroffen hätte, mich zu konzentrieren. Es wäre schön, wenn sich diese Hinterlist auf alles übertragen ließe, was ungelesen auf seine große Stunde wartet.

Dann lese ich die Glosse von Herrn Hartlap. Der bringt mitunter Dinge witzig auf den Punkt, den man in dieser Postille nicht gerade erwartet. Gerade wird er noch philosophisch. Allerdings zitiert er "Ich weiß, dass ich nichts weiß von Sophokles", was mich im Morgentran leicht erzittern lässt. Hat Sokrates von Sophokles geklaut und ich habe es nicht mitgekriegt. Weiß er (wer?), dass er nichts weiß? In der Online-Ausgabe verschwand der Sophokles zügig und machte dem Sokrates Platz. Nun ist die philosophische Welt wieder in Ordnung. Wir verzeihen es dem Chefredakteur.

Zur philosophischen Ordnung gehört freilich noch eine kleine Genauigkeit: Die geläufige Formel vom Wissen des Nichtwissens ist eine Zuspitzung, kein wörtliches Protokoll aus Sokrates’ Mund. In Platons Apologie, 21d, besteht der Vorsprung darin, sich ein Wissen, das man nicht hat, auch nicht einzubilden. Das macht den Namenswechsel keineswegs gleichgültig. Sophokles und Sokrates sind keine austauschbaren Beschriftungen unter derselben antiken Büste. Gerade deshalb trifft der kleine Fehler auf einen so hellwachen Rest im Morgentran. Für eine gründliche philosophische Lektüre mag es noch zu früh sein, zum Stutzen reicht es. Der Gebrauchstext fordert keine Gelehrsamkeit an und erwischt doch die vorhandene. Man liest weiter, weil etwas nicht stimmt, und merkt erst nachträglich, wie genau man gelesen hat.

Denn jede Wette wäre ich eingegangen, dass der Name "Gilles Deleuze" in der prismatischen Galaxis nie und nimmer aufscheint. Schon verloren!

Auf derselben geistigen Einkaufstour, die keinen Treppenlift ergeben sollte, begegnet mir nun auch noch Deleuze. Das Vergnügen liegt nicht allein darin, einen anspruchsvollen Namen an einer vermeintlich anspruchslosen Stelle zu entdecken. Es ist die Beschädigung meiner eigenen sicheren Vorhersage, die diese Glosse unterhaltsam macht. Ich hatte das Heft schon einsortiert, es hat sich aber nicht vollständig an meine Sortierung gehalten. Zwischen Werbung, Programm und Philosophenname entsteht beim Lesen eine Nachbarschaft, für die kein Seminarplan verantwortlich ist. Die Treppenliftanzeige räumt auch nicht ehrfürchtig das Feld, sobald ein Philosoph auftritt. Sie steht mit ihrem Angebot körperlicher Erleichterung neben einer Denkbewegung, von der noch nicht feststeht, wohin sie führt. Das Heft bleibt Gebrauchsding, auch wenn mir ein Gedanke dazwischenkommt.

So bekommt das beharrliche Lesen seinen eigentümlichen Rhythmus: nicht die große Versenkung, sondern eine Folge kleiner Verwicklungen. Erst will ich nur nachsehen, dann eine Stellung lösen, dann widersprechen, schließlich wissen, was der Mann noch anstellt. Jeder dieser Anlässe ist bescheiden genug, um den nächsten nicht auszuschließen. Die Bücher, die mir wichtig sein sollten, müssen sich gegen ihre eigene Bedeutung behaupten; die Beilage darf mich auf Umwegen gewinnen. Das erklärt ihre Zähigkeit besser als die Vermutung, mit meinem Geschmack müsse morgens etwas nicht stimmen. Beiläufigkeit kann Aufmerksamkeit freisetzen, gerade weil sie sie nicht ständig unter ihrem vornehmsten Namen einfordert.

Fazit: Auch "Prisma" ist Teil der Postmoderne. Und ob Sophokles oder Sokrates, das ist nicht länger die Frage, weil es doch ohnehin alles nur Masken sind.

Der Witz dieser Maskerade braucht allerdings die unterscheidbaren Gesichter dahinter. Wären die Namen tatsächlich einerlei, hätte mich Sophokles gar nicht aus dem Morgentran geholt, und die schnelle Reparatur im Netz wäre keine Meldung wert. Die Postmoderne tritt hier nicht als fertige Lehre auf. Sie ergibt sich beim Blättern daraus, dass alles miteinander auf eine Seite und in einen Kopf gerät, ohne dort schon miteinander übereinzustimmen. Meine Lektüre verbindet, was die Redaktion, die Werbung und meine zerstreute Erwartung angeliefert haben. Dass ich über den Philosophen stolpere und die Anzeige behalte, ist dabei vielleicht der zuverlässigere Zusammenhang als jede Rubrik. Der Treppenlift hat jedenfalls das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Und vielleicht sind Treppenlifte Teil einer abendländischen Technikironie, wo wir dann auch wieder bei Sokrates gelandet wären.

Medienalltag Milano
Neulich in Milano...