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Autoretrato

Eine Zeichnung aus dem Familienarchiv und die unerwartete Nähe eines Kinderbildes zur Comicwelt von Moebius.

Familienarchiv

Ein Selbstbild mit fremder Verwandtschaft

Zeichnung von Leonard Palm, 25. März 2006
Leonard Palm, 25. März 2006

Bemerkenswert an der Zeichnung ist der Umstand, dass sie den Bildnissen von „Moebius“ sehr ähnlich ist.

Die Ähnlichkeit liegt nicht in einer ausgearbeiteten Nachahmung. Sie entsteht aus wenigen, entschiedenen Linien: dem großen, fast schwebenden Kopf, den weit geöffneten Augen, der knappen Binnenzeichnung und den zwei antennenartigen Formen über der Stirn. Das Gesicht wirkt zugleich direkt und entrückt. Es ist Porträt, Figur und kleines Wesen aus einer anderen Welt.

Die Sicherheit der einfachen Linie

Kinderzeichnungen werden leicht nur als Vorstufe betrachtet: als etwas, das später anatomisch richtiger, räumlich glaubwürdiger und technisch kontrollierter werden soll. Gerade diese Zeichnung widersetzt sich einem solchen Fortschrittsmodell. Ihre Wirkung beruht nicht auf Korrektheit, sondern auf der Ökonomie der Zeichen. Ein Strich bezeichnet den Mund, wenige Schraffuren genügen für Haare und Kleidung, die Augen tragen fast den gesamten Ausdruck.

Was einer erwachsenen Zeichnung als Reduktion angerechnet würde, erscheint hier ohne Programm. Die Linie erklärt nicht alles. Sie lässt dem Gesicht seine Offenheit und erzeugt damit jene merkwürdige Mischung aus Vertrautheit und Fremdheit, die auch viele gezeichnete Figuren der fantastischen Literatur und des Comics besitzen.

Warum „Autoretrato“?

Der spanische Titel rückt das Blatt in die Tradition des Selbstporträts, ohne ihm Feierlichkeit aufzuzwingen. Ein Selbstbild muss keine psychologische Selbstauskunft sein. Es kann auch zeigen, welche Form ein Zeichner für sich findet: welche Merkmale wichtig werden, welche verschwinden und welche frei erfunden hinzukommen. Die Antennen sind dann keine anatomische Abweichung, sondern eine kleine Erweiterung der Person ins Fantastische.

Im Familienarchiv bewahrt die Zeichnung mehr als ein Datum. Sie hält einen Augenblick fest, in dem Beobachtung und Erfindung noch nicht sauber getrennt sind. Die spätere Assoziation mit Moebius gibt diesem Augenblick eine kunstgeschichtliche Nachbarschaft, ohne seine Eigenständigkeit zu mindern.