Erinnerung ist kein Lebenslauf
Ein Lebenslauf ordnet Daten, Tätigkeiten und Stationen. Erinnerung arbeitet anders. Sie bewahrt Szenen, Personen, Orte, Bilder und Gegenstände – einen Laden nach dem Regen, eine Puppe, eine Armbanduhr zur Kommunion, den Tisch im SMV-Raum oder eine kurze Partie gegen Michail Tal. Was beiläufig war, kann Jahrzehnte später zum Fixpunkt werden; scheinbar Wichtiges verschwindet.
Diese biografische Landkarte versucht deshalb keine lückenlose Chronologie. Sie führt durch Erinnerungsschichten, die einander überlagern: Kindheit und Familie, Duisdorf und das Helmholtz-Gymnasium, Reisen, Freundschaften, Filme, Musik und Theater. Manche Bilder sind genau datiert, andere nur ungefähr. Namen bleiben dort offen, wo sie nicht mehr sicher zuzuordnen sind. Auch solche Lücken gehören zum Bestand.
Die einzelnen Seiten verbinden persönliche Texte mit Fotografien, Dokumenten und späteren Rekonstruktionen. Sie erzählen nicht vom geradlinigen Werden einer Person. Eher zeigen sie, wie Lebensräume und Begegnungen fortwirken: wie Provinz zur Stadtfaszination führt, wie ein Klassenraum politische Öffentlichkeit erprobt oder wie kulturelle Erfahrungen an konkrete Menschen und Situationen gebunden bleiben. Zwischen den Kapiteln entstehen Querverbindungen, keine vorgeschriebene Leserichtung. Die Auswahl ist bewusst knapp. Sie öffnet charakteristische Zugänge, ohne das gesamte Archiv zur Biografie zu erklären.
Frühe Schichten
Kindheit und frühe Bilder
Die ersten Erinnerungen hängen an Fotografien, Ritualen und Dingen. Sie bleiben konkret – und gerade deshalb unvollständig.

Mama – das Mädchen mit der Puppe
Ein frühes Familienfoto, eine vermutlich schon unpassend gewordene Puppe und die Frage, was ein Bild bewahrt – und was ihm unwiederbringlich fehlt.
Privates Archiv · Zugang geschütztKommunion in Duisdorf
Neue Anzüge, Kerzenmanschetten, eine Zentra-Armbanduhr und der Zug von der Schule zur Kirche: vermutlich 1964 als lokale Zeitkapsel.
Privates Archiv · Zugang geschütztDie fünfziger Jahre
Lurchi, Halma, Süßwaren und Stühle als Eisenbahn. Ein Jahrzehnt kehrt nicht als Zeittafel zurück, sondern in Spielweisen und Alltagsobjekten.
Privates Archiv · Zugang geschütztLeonards Fantasiewelten
Kinderbilder, Walter Moers und „Die kupfernen Kerle“: Lektüre wird zum Spiel und schließlich zum eigenen gemalten Bild.
Privates Archiv · Zugang geschütztDuisdorf und Helmholtz
Schule als Raum und Öffentlichkeit
Schulzeit erscheint hier in Gebäuden, Gruppenbildern, Debatten und Konflikten – vom ersten Klassenfoto bis zum Abitur 1975.

Schulzeit und Erinnerungen 1963–1975
Von Gummersbach und der St.-Augustinus-Schule bis zum Helmholtz-Gymnasium: Unterricht, Lehrer, Schülerprotest und die Geschichte mit dem Peterwagen.
Die Helmholtz-Chronik
Räume, Personen, politische Gesten, Abitur und Wiedersehen: die ausführliche Hauptseite zur Schulzeit in ihrer eigensinnigen historischen Überlieferung.
Der SMV-Raum
Ein Tisch, Zigarettenrauch und Endlosgespräche. Der kleine politische Mikrokosmos der Schule wird zum ersten Ort selbst erprobter Öffentlichkeit.
Schule und Umgebung
Der noch freie Blick nach Lessenich, wachsende Pappeln und eine beinahe arkadische Verfremdung: Schularchitektur als Erinnerungstopographie.
Sexta b 1966/67
Frau Duensing, Schüler in Reihen und Goedart Palm unter dem grünen Stern. Ein Klassenfoto bleibt bewusst bei den sicher überlieferten Namen.
Duisdorf – die Geschichte sickert weg
Lichtburg, Geschäfte und mediale Helden sind nur noch in Resten vorhanden. Provinz und Welt lagen dennoch näher beieinander, als der Ortsname vermuten lässt.
Das Spektakel – Wo die Thrills waren
Duisdorf, London, Kino, Rock, Jugendkultur und Science-Fiction in einem autobiographischen Essay über Bilder, die größer wurden als die Wirklichkeit.
Verwandtschaft und Generationen
Familie als Bildfolge
Familiengeschichte entsteht aus Vergleichen, Ausflügen, Festen und privaten Orten – nicht aus einer vollständigen Stammtafel.

Drei Generationen
Jungen im ungefähr gleichen Alter, Kindheitsszenen und Karl Palm im Ersten Weltkrieg. Bilder und Dokumente ersetzen die lückenlose Stammtafel.
Privates Archiv · Zugang geschütztDie Spritztouren des Großonkels
Hitze, zu wenig Eis und konfliktträchtige Zielsuche. Aus ungeliebten Familienausflügen wächst später eine hartnäckige Faszination für Städte.
Privates Archiv · Zugang geschütztTodenhausen
Laden, Wohnküche, Familienbesuche und nasse Straße: kleine räumliche Koordinaten, aus denen Jahrzehnte später eine private Topographie entsteht.
Öffentlich zugänglichDer fünfzigste Geburtstag
Keine glatte Festschrift, sondern Einladung, Nachlese, Rede der Ehefrau und Bildfolge – ein Familienfest in seinen unterschiedlichen Stimmen.
Privates Archiv · Zugang geschütztMenschen, die bleiben
Begegnungen
Manche Personen bleiben durch viele gemeinsame Jahre präsent, andere durch einen einzigen verdichteten Augenblick.

Peter V. Brinkemper
Schuljahre, Barcelona, Science-Fiction im Kino von Canet de Mar, Musik und spätere Texte: eine Freundschaft in wenigen gemeinsamen Orten.
Michail Tal in Bad Godesberg
Eine Blitzpartie, Kent-Zigaretten, eine beeinträchtigte Hand und die eigentümliche Präsenz eines ehemaligen Schachweltmeisters.
Reisen und Wiederkehr
Orte als Erinnerung
Nicht jede Reise wird biografisch. London, Sils Maria und Spanien sind es geworden, weil Bilder, Lektüren und Aufenthalte sich dort verbinden.

London 1968–1973
Straßen, Häuser, Schaufenster und Menschen ergeben keinen Reisebericht. Die datierten privaten Fotografien werden gerade durch ihre Lücken zum Zeitarchiv.
Sils Maria
Zwei Aufenthalte in Nietzsches Pension verbinden Lektüre und Landschaft. Das Engadin bleibt dabei mehr als philosophische Kulisse oder Gedenkstätte.
Spanish Caravan – Spanien 1974 und 1977
Zwei Reisen zwischen Canet de Mar, Barcelona, Madrid, Granada und Córdoba werden zu einer Bildfolge persönlicher Erinnerung.
Alltag und Jahrzehnte
Die Bundesrepublik im Rückblick
Politische Umbrüche und soziale Codes zeigen sich nicht nur in Programmen, sondern auch auf der Straße, in Geschäften und an den Kleidern.
Berlin Memories
West-Berlin in den achtziger Jahren: Nachtleben, Schöneberger Milieus, die angekommenen Linken und die ideologische Erschöpfung.
Die Siebziger
Der neue Geist zwischen Studentenbewegung, Kinderläden, Buchhandlungen, Stadtleben und einer politischen Kultur, die in den Alltag wanderte.
The Shift – Wie die Lebenswelt zur Bildwelt wurde
Ein Essay über Dinge, Bilder und die ästhetisierte Lebensführung zwischen Nachkriegszeit und Gegenwart.
Klamotten – Weingarten, Parkas und die richtigen Schuhe
Vom Kamelhaarmäntelchen über Jeans, Parka und hohe Absätze bis zur Marke als sozialem Zeichen.
Film, Theater und Bildspiel
Kulturelle Erinnerung
Kultur wird biografisch, wenn sie an eine konkrete Situation gebunden bleibt: an Hamburg im Film, ein Jugendopernprojekt oder eine inszenierte Kinderpose.
Moritz, lieber Moritz
Hark Bohms Film von 1978 verschränkt Pubertät, soziale Milieus und existentielle Entscheidungen. Ein eigenständiger Palm-Text im Ton seiner Entstehungszeit.
La finta giardiniera
Mozarts Liebesverwicklungen werden 2008 mit Jugendlichen neu erprobt. Pressezitat, Arbeitsansatz und Palmenhaus dokumentieren das Projekt.
Privates Archiv · Zugang geschütztLonesome Ranger
Hut, Spielzeugwaffe und ernster Blick machen ein Kinderfoto zur Westernszene. Die Verbindung zu Sergio Leone entsteht erst im späteren Erinnern.
Privates Archiv · Zugang geschützt