Wenn ich an die bürgerliche Klamottenordnung in der Bundesrepublik der sechziger und vor allem der siebziger Jahre denke, dann fällt mir zunächst auf, wie viel komplizierter und sozial codierter das alles war, als es einem aus der heutigen Perspektive erscheint. Kleidung war keineswegs einfach verfügbar, schon gar nicht in jeder denkbaren Stilrichtung, und die Warenwelt hatte noch deutlichere Grenzen zwischen dem Gediegenen, dem Modischen, dem Jugendlichen und dem politisch oder subkulturell Codierten. Spießer sahen wenigstens auch aus wie Spießer. Man musste auch erst lernen, wo man bestimmte Sachen überhaupt bekam, welche Marken etwas bedeuteten, welcher Laden gerade als interessant galt und welches Kleidungsstück nicht nur passte, sondern einen an den richtigen Ort innerhalb einer ziemlich genau beobachtenden Altersgruppe stellte. Gerade deshalb erzählen die Klamotten jener Jahre für mich nicht bloß Modegeschichte, sondern ein Stück „decouvrierender“ Sozialgeschichte der alten Bundesrepublik.
Am Anfang stand für mich und meine textile Repräsentation das Bekleidungshaus Weingarten in Köln. Das ist in meiner Erinnerung das erste wirkliche Textilhaus, nicht einfach ein Geschäft, in dem man etwas zum Anziehen kaufte, sondern eine eigene Welt, in der Kleidung etwas mit Gediegenheit, Wohlstand und einer gewissen Feierlichkeit zu tun hatte. Das passt ziemlich genau zur Geschichte des Hauses. Josef Weingarten hatte 1930 am Friesenplatz 21 unter dem schönen, heute entschieden patriarchalisch klingenden Motto „Weingarten kleidet Vater und Sohn“ ein reines Herrenbekleidungsgeschäft eröffnet. Nach dem Krieg entstand ab 1949 das heutige Geschäftshaus, 1967 waren bereits alle vier Etagen des Herrenmodehauses in Betrieb. Erst 1981 eröffnete Weingarten am Friesenplatz 16 ein eigenes Übergrößenhaus für Herren, später kamen Kindermode, Sport, Young Fashion und schließlich Damenmode hinzu. Das heißt auch, dass unsere Erinnerung an dieses riesige Kölner Ausstattungsuniversum zeitlich ziemlich genau sitzt: In den sechziger und siebziger Jahren war Weingarten tatsächlich vor allem dieses große, zunehmend expandierende Herrenmodehaus, in dem „Vater und Sohn“ textil versorgt werden sollten, ohne dass man dabei schon ahnen musste, dass aus dem Vater irgendwann Spezialgrößen und aus dem Sohn Young Fashion werden würden und die Generation nach den Kindern schon nicht mehr zu überzeugen war, dort zu kaufen.
Wir fuhren mit meinen Eltern nach Köln, mein Vater kaufte dort zwei Anzüge und vielleicht noch einen Mantel, während wir Kinder ebenfalls ausgestattet wurden, mit feinen Kamelhaarmäntelchen und den damals offenbar unvermeidlichen Russenmützchen, bei denen es echter Pelz sein konnte, während Kunstpelz natürlich längst existierte. Für uns hatte das etwas ausgesprochen Exklusives. Weingarten war nicht irgendein Laden, sondern der Inbegriff des großen Kölner Textilhauses, in dem man von der ordentlichen Alltagskleidung bis zur repräsentativen Ausstattung alles bekam und in dem auch die große Spannweite der Größen zum expansiven (!) Geschäftsmodell gehörte, lange bevor daraus später ein eigener Schwerpunkt des Hauses wurde. Dass das Übergrößenhaus dann tatsächlich 1981 als eigener Betriebsteil eröffnet wurde, bestätigt im Nachhinein sogar diese Erinnerung an ein Unternehmen, das offenbar schon vorher begriffen hatte, dass Menschen nicht nur in Konfektionsgröße 50 vorkommen.
Mein im Schulbetrieb von Anzügen abhängiger Vater trug zu diesem Eindruck auf seine eigene Weise bei, indem er die Verkäufer regelmäßig danach fragte, wo sie ausgebildet worden seien. Das war keine beiläufige Konversation. Als Lehrer an einer Höheren Handelsschule und Berufsschullehrer, später Berufsschuldirektor, interessierte ihn die berufliche Qualifikation des Personals tatsächlich, während die Verkäufer dieses plötzliche Fachgespräch vermutlich nicht immer als Höhepunkt ihres Arbeitstages empfanden. Mir war es eher peinlich, also genau jene Sorte elterlichen Auftretens, für die man heute wahrscheinlich schlicht „cringe“ sagen würde. Im Rückblick besitzt die Szene allerdings etwas sehr Typisches für diese Zeit. Das Einkaufen im guten Textilhaus gehörte noch zu einer bürgerlichen Kultur der Beratung, der Warenkenntnis und des Fachpersonals, und mein Vater nahm diese Behauptung von Fachlichkeit eben wörtlich genug, um sie gleich vor Ort zu überprüfen. So verband sich bei unseren Einkäufen das Zeremoniell bürgerlicher Ausstattung mit einer kleinen unangekündigten Prüfung des deutschen Berufsbildungssystems.
Später wurde der sachkundige Klamottenerwerb erheblich komplizierter, denn nun ging es nicht mehr darum, ordentlich angezogen zu sein, sondern darum, richtig angezogen zu sein. In den siebziger Jahren veränderte sich die westdeutsche Bekleidungswelt sichtbar. Die alte klare Trennung zwischen Sonntagskleidung, Schulkleidung und Freizeitkleidung löste sich allmählich auf, amerikanische und britische Einflüsse wurden wichtiger, Jeans und T-Shirts wanderten aus Arbeits-, Sport- und Freizeitmilieus in den Alltag, und zugleich entstanden Jugendstile, bei denen man sich über Kleidung sehr viel genauer positionierte als zuvor. Fürderhin wurde es schwieriger, gesellschaftliche Zuordnungen über die Kleider zu machen.
Gerade die einer anderen Welt entstammende Arbeitskleidung spielte dabei eine eigentümliche Rolle. Kleidungsstücke, die ursprünglich keinerlei modischen Ehrgeiz besaßen, wurden plötzlich attraktiv, weil sie Robustheit, Authentizität und eine gewisse demonstrative Entfernung von der bürgerlichen Garderobe verkörperten. Die auch heute weiterhin allgegenwärtige Jeans, die selbst Michelangelos David mitunter trägt, ist dafür nur das bekannteste Beispiel. Später kamen Chinos, Workwear-Jacken, schwere Baumwollstoffe, Army-Sachen und schließlich Marken wie Dockers hinzu, die aus der Ästhetik funktionaler Arbeits- und Freizeitkleidung ein eigenes modisches Programm machten. Das ist im Rückblick eine bemerkenswerte Verkehrung, die im Prinzip schon mit den Jeans eingeleitet wurde. Denn etwas, was so unabdingbar geworden war, bot Anlässe für Raffinement. Gerade das Kleidungsstück, das ursprünglich deshalb existierte, weil es praktisch, haltbar und billig genug für Arbeit sein musste, musste zum Gegenstand modischer Distinktion werden. Arbeitskleidung wurde gekauft, weil man gerade nicht so aussehen wollte, als müsse man darin arbeiten.
Später bei Selfridges habe ich surreal “hochgejazzte” Jeans gesehen, die so kostspielig waren, dass man dafür elegante Herrenkleidung alternativ hätte kaufen können, aber eben nicht kaufen können, weil die Eleganz nicht angestrebt wurde. Diese Umkehrung ist keineswegs nur eine Pointe des Rückblicks. Sie wurde zum Geschäftsmodell ganzer Markenwelten. Die Ware behauptete weiterhin Robustheit, Arbeit, amerikanische Zweckmäßigkeit und einen gewissen unangestrengten Pragmatismus, während ihr Käufer im Zweifelsfall nie mit einer Schaufel, einem Schweißgerät oder auch nur einem besonders schweren Aktenordner in Berührung kam. Authentizität wurde damit zu etwas, was man kaufen konnte, und die Arbeitskleidung trat ihren langen Marsch durch die Boutiquen an.
Trendy zu werden war trotzdem gar nicht so einfach, wenn man zunächst nicht einmal wusste, wo die entsprechenden Sachen verkauft wurden. T-Shirts etwa, heute das banalste Kleidungsstück überhaupt, waren keineswegs überall in der Form zu bekommen, in der man sie haben wollte. Irgendwo gab es in Köln einen Western Army Stock oder etwas Ähnliches, in dem man solche Sachen fand, doch die Qualität war häufig miserabel, wenn T-Shirts nach einmaligem Waschen nur noch als Aufnehmer taugen. Überhaupt bewegten wir uns zunächst einigermaßen orientierungslos durch eine Warenwelt, deren geheime Ordnung wir erst lernen mussten.
Mit der Zeit wurde man versierter. Man wusste irgendwann, welche Jeans man kaufte, welche Schuhe man brauchte und welcher Laden gerade als interessant galt. In Köln, Bonn und Essen gab es solche Adressen, deren Namen mir teilweise entfallen sind, was ebenfalls zur Geschichte gehört, denn diese kleinen Modegeschäfte waren für einige Jahre ungeheuer wichtig und konnten wenige Jahre später schon wieder verschwunden oder vollkommen uninteressant sein. In der Bonner Sternstraße lag jedenfalls ein Geschäft, in dem man die etwas ausgefalleneren Sachen bekam, Hemden mit absurd langen Krägen und all jene modischen Einzelheiten, die wenige Jahre später bereits wieder vollkommen unmöglich aussahen und gerade deshalb damals unverzichtbar waren. Mode funktionierte in diesen Jahren auch deshalb so stark, weil ihre Verfallszeit kurz war. Was gestern das Zeichen dafür gewesen war, dass man wusste, was lief, konnte morgen bereits verraten, dass man den entscheidenden Wechsel verpasst hatte.
Besonders wichtig waren die Schuhe. Es gab Lederschuhe und Lederstiefel, manchmal mit Fransen, ausgesprochen hippieesk, später auch Schuhe aus verschiedenfarbigen Ledern, die entsprechend auffällig wirkten. Vor allem aber erinnere ich mich an Schuhe mit erstaunlich hohen Absätzen. Damit in die Schule zu gehen, erschien uns großartig, obwohl Stiefel als Schulbekleidung schon deshalb eine idiotische Idee waren, weil man darin stundenlang ziemlich unbequem saß. Das Praktische hatte gegenüber dem Zeichenwert des Kleidungsstücks ohnehin schlechte Karten.
Die hohen Absätze lieferten einigen mobbenden Mitschülern zugleich willkommenes Material, um das Ganze als eine Art Transvestitenstil zu denunzieren, worauf dann wiederum jemandem bescheinigt wurde, er trage offenbar die Schuhe seiner Großmutter. In diesen alltäglichen Gemeinheiten steckte vermutlich ebenso viel Neid wie Wahrheit, und selbstverständlich gehörte auch die Angst dazu, selbst auf der falschen Seite einer solchen modischen Grenzziehung zu landen. Entscheidend war ohnehin etwas anderes. Die Schuhe waren ein Ausweis des Dazugehörens. Wer die richtigen hatte, zeigte damit, dass er den Code verstanden hatte.
Das galt erst recht für den Parka. Ich selbst besaß, soweit ich mich erinnere, nie den klassischen grünen, sondern immer nur blaue Parkas, aber der grüne Parka war das eigentliche Zeichen avancierter Lebensart. Er war nicht bloß eine Jacke oder ein Mantel, denn so genau wusste das niemand: Ein Parka ist ein Parka ist ein Parka. Mit ihm kaufte man die Haltung des kritischen Staatsbürgers mit aufrechtem Gang gleich mit. Die Studentenbewegung und die aus ihr hervorgegangenen linken, alternativen und antiautoritären Milieus sind in der Erinnerung kaum ohne diese grünen, ursprünglich militärischen Parkas denkbar, gerade weil hier ein Kleidungsstück, das aus einem vollkommen anderen Funktionszusammenhang stammte, demonstrativ gegen die bürgerliche Garderobe gewendet wurde.
Auch darin zeigt sich die seltsame Karriere der Arbeits- und Funktionskleidung. Militärparkas, Jeans, schwere Stiefel und robuste Baumwollstoffe wurden nicht trotz ihrer ursprünglichen Zweckbestimmung attraktiv, sondern gerade wegen dieser Herkunft. Sie wirkten echt, unprätentiös, strapazierfähig und damit wie das Gegenprogramm zum repräsentativen Mantel, zum Anzug und zum gepflegten Textilhaus. Der Effekt war allerdings paradox. Aus der Ablehnung bürgerlicher Kleiderordnungen entstand binnen kürzester Zeit eine neue Kleiderordnung.
Kleidung konnte politische Identität anzeigen, noch bevor jemand ein Wort gesagt hatte. Der Parka bezeichnete ein Milieu, eine Nähe zu bestimmten Gruppen, eine demonstrative Entfernung von jener Welt, die wenige Jahre zuvor noch durch Kamelhaarmantel, Pfeffer-und-Salz-Mäntel, ordentliches Textilhaus, Anzug und fachkundige Bedienung repräsentiert worden war. Das Interessante daran ist, dass solche Kleidungsstücke einerseits Individualität versprachen und andererseits eine ziemlich genaue Uniformierung erzeugten. Wer dazugehören wollte, musste eben auf die richtige Weise anders aussehen, und die Rebellion besaß sehr schnell ihre eigenen Kleiderordnungen beziehungsweise die Kluft, die neutraler im Terminus als Uniform war.
Ähnlich funktionierte die Jeans. Es gab Jeans und es gab die richtige Jeans. Ulrich Plenzdorfs Edgar Wibeau macht in Die neuen Leiden des jungen W. aus dieser Unterscheidung beinahe eine Weltanschauung und erklärt Levi’s zur einzig wirklichen Jeans. Genau diese Ernsthaftigkeit besaß die Frage damals tatsächlich. Eine Jeans war kein beliebiges Beinkleid. Marke, Schnitt, Waschung und vor allem der Sitz entschieden darüber, ob sie als authentisch durchging.
Das war umso bemerkenswerter, als die Jeans von ihrer Herkunft her gerade das Gegenstück zum feinen Kleidungsstück war. Arbeitskleidung, robust, amerikanisch, antibürgerlich aufgeladen und schließlich doch selbst wieder eine Ware, bei der die richtige Marke zur sozialen Auszeichnung wurde. In gewisser Weise lässt sich an der Jeans die gesamte spätere Entwicklung bereits beobachten. Ein Kleidungsstück beginnt als Nutzgegenstand, wird Symbol einer Gegenkultur, verwandelt sich in ein Modeprodukt und endet schließlich als hochgradig ausdifferenzierter Markenartikel, bei dem winzige Unterschiede in Schnitt, Label, Waschung und Herkunft erheblichen sozialen Bedeutungsüberschuss produzieren.
Es gab Leute, die sich mit ihren Jeans in die Badewanne setzten, damit der Stoff anschließend möglichst eng am Körper saß. Besonders bei manchen Frauen erreichte diese Technik Resultate, bei denen man kaum noch sagen konnte, ob die Jeans den Körper bekleidete oder ob der Körper die Jeans erst endgültig in ihre vorgesehene Form zwang. Das sah mitunter schon damals ziemlich grenzwertig aus, gehörte aber gerade deshalb zur Logik einer Mode, die den Körper nicht einfach bedeckte, sondern ihn sichtbar modellierte.
Dass ausgerechnet im Arbeiter- und Bauernstaat die “Arbeiterhose” Jeans einen beinahe weltanschaulichen Rang erreichen konnte, zeigt sehr schön, wie aus Arbeitern Modebewusste wurden. In der DDR versuchte man zunächst, das westliche Original durch eigene Produkte mit pseudoattraktiven Namen wie „Boxer“, „Wisent“, „Shanty“ oder „Goldfuchs“ zu ersetzen. Der Erfolg litt offenkundig darunter, dass junge Menschen Jeans nicht nur deshalb trugen, weil sie aus blauem Stoff bestanden, sondern sie suchten zugleich den Mythos, den Fashion-Gott, der immerhin für Geld meist zu haben ist. Passform, Material, Label und Herkunft gehörten bereits zur Sache selbst. Der MDR fasst das Problem der DDR-Produkte ziemlich trocken zusammen: Stoff und Passform blieben hinter den West-Jeans zurück, und für Jugendliche waren das eben keine „echten“ Jeans.
1978 kapitulierte die DDR auf besonders anschauliche Weise vor dieser Semantik des Originals. Die staatliche Einkaufsorganisation bestellte bei Levi Strauss 800.000 echte Levi’s. Der Auftrag hatte nach Angaben des Unternehmens ein Volumen von rund neun Millionen Dollar. Ende November trafen die ersten Objekte des Begehrens in Schönefeld ein, und Anfang Dezember 1978 berichtete Die Zeit, sie seien zwei Tage nach der Ankunft bereits auf dem Markt gewesen. Der Verkaufspreis betrug 149 Ostmark, damals kein Kleingeld, und trotzdem standen die Käufer Schlange. Zuvor waren echte Levi’s im Wesentlichen über Westverwandtschaft oder gegen Westgeld in Intershops erreichbar gewesen. Nun kaufte ein Staat, der den westlichen Konsumfetisch ideologisch jahrzehntelang verdächtig gefunden hatte, 800.000 Exemplare desselben Fetischs, um seine Jugendlichen wenigstens vorübergehend zufriedenzustellen. Das funktionierte ungefähr so nachhaltig, wie man sich denken kann. 800.000 Jeans sind viel, bis sehr viele Menschen eine haben wollen. Dann sind 800.000 Jeans plötzlich nur noch eine bemerkenswert große Form des Mangels. Ein Volk schreit nach Hosen. Auch hier bröckelte die Mauer schon ein bisschen…
Gerade diese Episode zeigt, dass Marke zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr nur ein kleines Schild am Hosenbund war. Die Herkunft des Gegenstands war Bestandteil des Gegenstands geworden. Eine Jeans, die genauso aussah wie eine Levi’s, war eben noch keine Levi’s. Der Sozialismus konnte das Problem durch Planwirtschaft nicht lösen, weil das Problem längst in einer symbolischen Ökonomie lag, für die kein Fünfjahresplan vorgesehen war.
Kopfbedeckungen spielten dagegen eine erstaunlich geringe Rolle. Eine Cap sah man allenfalls einmal vereinzelt, während sie heute zum selbstverständlichen Straßenbild gehört. Wir fanden Bowler Hats großartig, was weniger mit realer westdeutscher Mode als mit unseren eigenen kulturellen Projektionen zu tun hatte, nachdem Alex aus Uhrwerk Orange einen trug. Einen richtigen Bowler bekam man natürlich nicht ohne weiteres. Ich gelangte irgendwann auf einem Jumble Sale an irgendeinen Hut, den wir zum Bowler umfunktionierten, eine vollkommen groteske Konstruktion, die uns gerade deshalb gefiel.
Dazu gehörte der Spazierstock, den ich bei James Smith & Sons in 53 New Oxford Street gekauft hatte, jenem wunderbaren alten Londoner Regenschirm- und Stockgeschäft, das dort seit dem 19. Jahrhundert fast unverändert existiert. Und auch diese Erinnerung stimmt bis in die Hausnummer. James Smith gründete das Unternehmen 1830 zunächst in Foubert’s Place nahe der Regent Street. Nachdem der leichte Stahlschirmrahmen die Branche verändert und das Geschäft vergrößert hatte, zog die Firma im 19. Jahrhundert an die 53 New Oxford Street, wo sie noch heute sitzt. Das Geschäft selbst spricht von einem seitdem weitgehend unveränderten Laden. Historic England hat das Gebäude samt viktorianischer Ladenfront sogar als Grade II* eingetragen. Dort wurden und werden neben den berühmten Regenschirmen auch Walking Sticks verkauft, also genau jene Gegenstände, deren praktische Notwendigkeit für einen jungen Mann in den siebziger Jahren gegen Null tendierte und deren Attraktivität dadurch offenbar nur größer wurde. Wir hatten Vorgänger wie Kierkegaard, die wir zu dem Zeitpunkt noch nicht kannten.
Praktisch tragbar war das alles nicht. Man konnte weder mit diesem Hut noch mit einem Spazierstock ernsthaft durch den Alltag laufen, ohne selbst zur Schmierenveranstaltung zu werden. Aber genau das gehörte zu jener London-Affinität, in der Carnaby Street, britische Exzentrik und ein halb historischer, halb popkultureller Kleidungsfundus ineinander übergingen.
Ich besitze noch ein Foto aus dieser Zeit, auf dem diese ganze ästhetische Verwirrung fast programmatisch zusammenkommt. Bestickte Hose, besticktes Hemd, Hut und Stock, einiges davon aus London und aus dem Umfeld von Carnaby Street erworben. Auf solchen Bildern zeigt sich die Grausamkeit der protokollierenden Fotografie. Mode, die im Augenblick ihres Tragens plausibel, kühn oder sogar großartig erschien, wird Jahrzehnte später zum Beweismittel wider das narzisstische Ego. Manche Kleidungsstücke erscheinen dann nicht einmal mehr grenzwertig. Sie befinden sich jenseits jener Grenze, von der aus noch sinnvoll über Geschmack gestritten werden könnte.
Gerade deshalb gehört zur eigenen Modegeschichte auch die Geschichte der Sachen, die man nicht gekauft hat. Es gibt Jacken, Hosen und Schuhe, die man im Laden anprobierte, vor dem Spiegel betrachtete und anschließend zurückhängte. Manche dieser Entscheidungen erscheinen im Rückblick vernünftig, andere bedauerlich. Sicher entscheiden lässt sich das nie, denn das nicht gekaufte Kleidungsstück besitzt einen entscheidenden Vorteil gegenüber dem gekauften. Es kann nicht altern, sich nicht abnutzen und niemals auf einem Foto beweisen, dass der Verzicht die ästhetisch klügere Entscheidung war.
Ein besonders hartnäckiges Beispiel ist für mich eine BOSS-Bomberjacke vom Ende der achtziger Jahre. Ich war damals ungefähr achtundzwanzig oder neunundzwanzig und während meines Referendariats in Berlin. Mit meiner Mutter war ich in Bonn in der Wenzelgasse unterwegs, als ich diese Jacke sah. Sie bestand aus weichem Nappaleder, war hervorragend geschnitten und fühlte sich luxuriös an. Vor allem aber war sie violett, wahrscheinlich hätte die damalige Farbbezeichnung eher Aubergine gelautet, und auch der Pelzkragen war violett. Das war kein zurückhaltender kleiner Farbakzent. Die ganze Jacke war ein modisches Ereignis, um nicht von Desaster zu sprechen.

Sie kostete ungefähr 2.500 DM. Das war das Geld, das den Beweis erbrachte, dass es sich um ein wunderbares Textil handeln musste. Meine Mutter reagierte auf die ganze Angelegenheit mit jener großzügigen Selbstverständlichkeit, die Entscheidungen manchmal noch schwieriger macht, indem sie sinngemäß sagte: Wenn sie dir gefällt, warum kaufst du sie dann nicht? Damit fiel die ökonomische Ausrede weg, und übrig blieb die wesentlich schwierigere Frage, ob ich tatsächlich ein Mensch sein wollte, der in einer violetten Nappaleder-Bomberjacke mit violettem Pelzkragen durch die Welt ging. Ich kaufte sie nicht.
Bis heute quält mich der Gedanke, ob das richtig war. Gerade diese Unsicherheit macht das nicht gekaufte Kleidungsstück so langlebig. Hätte ich sie gekauft, hätte sie sich nach zwei Jahren erledigen können. Sie wäre abgetragen worden, hätte im Schrank gehangen oder auf Fotografien ein Eigenleben entwickelt, das mir heute weniger Freude bereiten würde als die Erinnerung. So blieb sie dagegen eine Möglichkeit. Eine Version meiner selbst aus violettem Nappaleder, die für einen Augenblick im Laden existierte und dort geblieben ist.
Eine nachträgliche Recherche macht die Erinnerung keineswegs unplausibler. BOSS hatte sich seit Anfang der siebziger Jahre ausdrücklich als hochwertige Herrenmodemarke aufgebaut. Die Marke BOSS wurde 1977 registriert, in den achtziger Jahren folgten Motorsport- und Golfsponsoring, Parfum und internationale Expansion. 1985 wurde das Unternehmen zur Aktiengesellschaft. Die violette Nappajacke gehört damit genau in eine Phase, in der BOSS längst nicht mehr bloß Anzüge aus Metzingen verkaufte, sondern einen international erkennbaren Herrenstil. Das exakte Modell mit violettem Nappa, violettem Pelzkragen und dem erinnerten Preis von 2.500 DM konnte ich allerdings auch nach gezielter Recherche nicht mit einem zeitgenössischen Katalogblatt belegen. Gerade deshalb sollte sie das bleiben, was sie im Text ist: eine sehr präzise Erinnerung und keine nachträglich erfundene Modellnummer.
Später kam ohnehin eine andere Form der Zugehörigkeit hinzu, die nicht mehr so sehr über politische Milieus und subkulturelle Zeichen wie den Parka funktionierte, sondern über Marken. Bei mir war das zeitweise eine ausgesprochene BOSS-Affinität. Das ist auch unternehmensgeschichtlich ein eigentümlicher Übergang. Die Firma Hugo Boss, 1924 gegründet, hatte während des Nationalsozialismus unter anderem Uniformen und andere Bekleidung gefertigt. Dabei ist allerdings die bis heute gelegentlich wiederholte Behauptung, Hugo Boss habe die NS-Uniformen „entworfen“, historisch zu grob. Der Betrieb war Hersteller und Lieferant. Die Unternehmensgeschichte wird dadurch keineswegs gemütlicher. Die von HUGO BOSS selbst veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung weist für die Kriegszeit 140 Zwangsarbeiter, überwiegend Frauen, sowie 40 französische Kriegsgefangene im Unternehmen aus. Die Uniformproduktion war für den Betrieb wirtschaftlich erheblich. Nach dem Krieg begann das Unternehmen in den fünfziger Jahren mit Herrenanzügen, 1960 mit der Serienproduktion, und 1969 übernahmen Jochen und Uwe Holy die Leitung. Anfang der siebziger Jahre wurde BOSS als hochwertige Herrenmarke aufgebaut. Schon 1972 begann das Motorsport-Sponsoring, 1977 wurde BOSS als Marke registriert, 1984 kam die erste Duftlizenz, 1985 die Börsennotierung und das Golfsponsoring mit Bernhard Langer. Aus einem deutschen Bekleidungsbetrieb mit einer schwer belasteten Unternehmensgeschichte wurde so innerhalb weniger Jahrzehnte eine Marke, die für eine ganz andere Form von Status, internationalem Stil und modischer Selbstinszenierung stand. Das wusste man als jugendlicher oder junger Käufer natürlich nicht in dieser historischen Tiefenschärfe. Die Marke war zunächst einmal die Marke, doch selbst das war für die ersten Käufe überhaupt kein Thema.
Ich kaufte BOSS-Anzüge und andere Sachen, und mit diesen Kleidungsstücken verband sich neben der Marke etwas, das heute fast exotisch erscheint: eine geradezu unverschämte Haltbarkeit. Ich hatte eine Jacke aus Duvetine, diesem samtartig weichen, angerauten Stoff, von unglaublicher Stabilität, die, als ich ungefähr fünfzehn war, bei irgendeiner Gelegenheit vollständig in einer Bierlache landete und sich mit Bier vollsog. Das war keine jener Katastrophen, bei denen ein Kleidungsstück nur ein paar Spritzer abbekam, sondern die Jacke hatte sich richtig mit dem Zeug vollgesogen.
Als wir sie anschließend aus der Reinigung holten, sah sie aus wie neu. Das Kleidungsstück hatte die Katastrophe nicht nur überlebt, sondern schien von ihr völlig unbeeindruckt. Klamotten für Krieger eben. Gerade solche Erfahrungen schufen natürlich auch Marken- und Qualitätsvorstellungen, die viel stärker waren als jede Werbung. Wenn eine Jacke eine Bierlache überstand und danach wieder aussah, als sei nichts geschehen, dann hatte sie ihren Preis im Nachhinein unendlich gerechtfertigt.
Gerade diese Jacke ist ein gutes Gegenbild zu vielem, was später kam. Man kaufte durchaus teure Kleidung, und wir fanden es selbstverständlich in unserem aufkeimenden Narzissmus großartig, solche Sachen zu besitzen, aber ein gutes Kleidungsstück jener Tage musste auch etwas aushalten. Denn das Geld für ständige Neukäufe gab es nicht, jedenfalls nicht in jener scheinbaren Selbstverständlichkeit, mit der heute ganze Kleiderschränke in kurzen Abständen ausgetauscht werden können. Ein Mantel, eine Jacke, gute Schuhe oder ein Anzug waren riskante Anschaffungen, bei denen Haltbarkeit zum Wertversprechen gehörte. Das Kleidungsstück mochte altern, Patina bekommen, möglicherweise aus der Mode geraten, aber nicht einfach nach kurzer Zeit zerfallen. Von geplanter Obsoleszenz war jedenfalls bei dieser Duvetine-Jacke nichts zu bemerken. Sie erzählt deshalb nicht nur von einer persönlichen Vorliebe, sondern auch von einer anderen materiellen Erwartung an Kleidung.
Gerade an diesem Punkt wird allerdings auch der ökonomische Unterschied zwischen den siebziger und den achtziger Jahren deutlich. Natürlich gab es schon in den siebziger Jahren Mode, Statussymbole und den Wunsch, die richtigen Sachen zu tragen. Die Jeans musste die richtige Jeans sein, Schuhe konnten eine Zugehörigkeit anzeigen, der Parka war ein gesellschaftliches und politisches Signal. Jugendkultur war längst eine die Köpfe kolonisierende Konsumkultur geworden, und die westdeutsche Wirtschaft hatte den Jugendlichen bereits seit den fünfziger und sechziger Jahren als eigenen Kunden entdeckt. Trotzdem fühlte sich gerade die erste Hälfte der siebziger Jahre materiell vollkommen anders an als das folgende Jahrzehnt.
Vor allem hatten Jugendliche nicht ständig Geld, ihren Modefantasien zu folgen. Kleidung musste mit einer gewissen Ökonomie des Mangels organisiert werden, selbst wenn dieser Mangel selbstverständlich nichts mit wirklicher Armut zu tun hatte. Man konnte Wünsche haben, ohne daraus sofort einen Kauf zu machen. Vieles wurde lange getragen, manches umfunktioniert, anderes irgendwo aufgetrieben. Gerade darin lag ein Teil des Reizes.
Die modischen Codes der siebziger Jahre konnten streng sein, aber sie waren nicht notwendig luxuriös. Ein Parka war kein Luxusgegenstand. Jeans waren begehrt und gute Schuhe konnten teuer sein, doch das gesamte Erscheinungsbild musste noch nicht aus einer Kette hochpreisiger Markenprodukte zusammengesetzt werden. Wer aus London etwas mitbrachte, besaß etwas Besonderes, weil es hier nicht ohne weiteres erhältlich war, nicht in erster Linie deshalb, weil es einen astronomischen Preis gehabt hätte. Modische Distinktion funktionierte stark über Einfallsreichtum, Beschaffungswege, Kenntnis und sogar Mut. Ich erinnere mich an den Kauf einer Lacklederhose, als ich so ca. 13 Jahre alt war. Das reichte, um zum Schulgespräch zu werden, weil das an Exzentrizität nicht zu überbieten war in einer Zeit, die den Begriff des Exzentrischen noch nicht erfunden hatte.
Dazu passte eine Gesellschaft, in der demonstrativer Wohlstand jedenfalls in meinem damaligen Umfeld noch keineswegs selbstverständlich war. Natürlich gab es wohlhabende Familien und Mitschüler, die mehr Geld hatten als andere. Aber wer das allzu deutlich vor sich hertrug, wurde eher komisch angesehen. Derjenige, der mit erkennbar teuren Sachen erschien und daraus noch eine Demonstration machte, riskierte Spott und Misstrauen.
Das, was Thorstein Veblen schon Ende des 19. Jahrhunderts als conspicuous consumption beschrieben hatte, demonstrativen Konsum also, bei dem der Preis und seine Sichtbarkeit selbst Teil des Nutzens werden, war in der Jugendkultur der frühen siebziger Jahre noch kein allgemein akzeptiertes Programm. Man wollte richtig aussehen, aber man musste nicht notwendig teuer aussehen. Teilweise wäre ein allzu offenkundiges Vorzeigen von Geld sogar gegen den Geist jener Milieus gelaufen, die sich über Parka, Jeans und eine demonstrativ unbürgerliche Lässigkeit definierten.
Gerade deshalb erscheint der Übergang zu den achtziger Jahren im Rückblick so auffällig. Plötzlich wurde aus dem richtigen Kleidungsstück immer häufiger das richtige Markenprodukt, und damit veränderte sich die gesamte Ökonomie des Dazugehörens. Die Popper, die bereits Ende der siebziger Jahre in wohlhabenden Hamburger Milieus auftauchten und um 1980 zu einem bundesweit wahrgenommenen Jugendphänomen wurden, trieben diese Entwicklung zur Karikatur des Dazugehörens via Textilien.
Das lässt sich an einem zeitgenössischen Text festmachen. Im März 1980 beschrieb Renate Wolff im ZEITmagazin die gerade entdeckten Hamburger Popper als eine Art „Avantgarde der Angepassten“. Das waren zwölf- bis siebzehnjährige Jugendliche, die sich zum Ausgehen die Haare wuschen, föhnten und den Nacken ausrasierten, Sekt tranken und peinlich genau darauf achteten, dass Kleidung, Benehmen und Sprache nichts „Proletenhaftes“ erkennen ließen. Kaschmir und ein akkurat ins Gesicht fallender Pony wurden damit mindestens so identitätsstiftend wie einige Jahre zuvor Parka und lange Haare.
Ihr Programm bestand gerade nicht darin, durch zerschlissene Kleidung, Parka, lange Haare oder andere Zeichen eine Distanz zur bürgerlichen Konsumwelt auszudrücken. Sie machten das Gegenteil. Gepflegtheit, erkennbare Marken, teure Stoffe und ein sorgfältig hergestelltes Erscheinungsbild wurden selbst zum Programm. Kaschmirpullover, Lacoste-Hemden, Fiorucci-Hosen, Burlington-Socken, College-Schuhe und genau frisierte Haare waren keine beiläufigen Bestandteile der Garderobe mehr, sondern Zeichen eines Systems, in dem jeder Eingeweihte erkennen konnte, ob der andere die Regeln beherrschte.
Das eigentlich Erstaunliche an den Poppern war deshalb nicht, dass Jugendliche plötzlich Konsumenten geworden wären. Das waren sie schon lange. Sie machten vielmehr aus dem demonstrativen Konsum selbst eine Jugendkultur. Der rebellische Akt bestand nun ausgerechnet darin, gepflegt, markenbewusst und ausgesprochen teuer auszusehen. Die 68er hatten ihre Eltern mit langen Haaren, Parkas und Verachtung bürgerlicher Statussymbole geärgert. Ein Teil ihrer Kinder entdeckte wenige Jahre später, dass man diese Eltern offenbar noch wirkungsvoller ärgern konnte, indem man Karriere gut fand, Kaschmir trug und die Haare ordentlich föhnte. Auch Revolutionen haben schließlich ein begrenztes Arsenal.
In der vorgeblich individualisierten Kombination lag das Entscheidende. Ein einzelnes teures Hemd machte noch keinen vollständigen Stil. Nun musste das Ensemble stimmen. Oberteil, Hose, Schuhe, Jacke, Frisur, Accessoires und selbst die Art, in der diese Dinge getragen wurden, bildeten ein Gesamtbild. Die Mode wurde professioneller, beinahe kuratiert. Das improvisierte Zusammensuchen der siebziger Jahre, bei dem ein Londoner Fundstück, ein merkwürdiger Hut, ein Parka, eine bestimmte Jeans und irgendwelche auffälligen Schuhe zu einer höchst persönlichen Mischung zusammenfinden konnten, wich zunehmend dem vollständigen Look.
Man konnte nun nicht mehr nur falsch angezogen sein. Man konnte innerhalb des richtigen Stils die falsche Marke tragen. Das war eine beträchtliche Verschärfung der Regeln. Darin lag etwas historisch Neues. Nicht die Existenz teurer Kleidung war neu und auch nicht der jugendliche Wunsch, sich durch Kleidung voneinander zu unterscheiden. Neu war die demonstrative Verbindung von Jugendkultur und Markenfetischismus. Während der Parka noch davon lebte, dass ein vergleichsweise einfaches Kleidungsstück eine politische oder kulturelle Haltung signalisierte, konnte nun ein kleines Markenemblem auf einem Polohemd dieselbe Funktion übernehmen, nur dass die Botschaft eine andere geworden war. Man zeigte nicht mehr in erster Linie, wogegen man war. Man zeigte, was man sich leisten konnte oder wenigstens leisten wollte. Damit änderte sich auch das Verhältnis von Preis und Begehrlichkeit. In den siebziger Jahren konnte etwas begehrenswert sein, obwohl es billig war, solange es schwierig zu bekommen, kulturell richtig codiert oder schlicht ungewöhnlich war. In den achtziger Jahren wurde der hohe Preis zunehmend selbst zum Argument, womit wir wieder bei Veblen wären. Ein teures Kleidungsstück war nicht trotz seines Preises interessant. Der Preis bestätigte seine Exklusivität.
Diese Entwicklung lässt sich nicht einfach als Geschichte zunehmenden Wohlstands erzählen. Sie war komplizierter. Die Bundesrepublik war wohlhabender geworden, das Konsumangebot explodierte, internationale Marken wurden sichtbarer, Werbung und Jugendzeitschriften schufen feinere Hierarchien des Begehrens. Gleichzeitig verfügten Jugendliche keineswegs automatisch über das Geld, das diese Warenwelt verlangte.
Gerade daraus entstand ein neuer Druck. Die stellvertretende Schulleiterin Lore Schauer erzählte mir später von einem Schüler, der nicht zur Schule gekommen sei, weil er arbeiten müsse, um sich die richtigen Klamotten leisten zu können. Entscheidend ist, dass jemand die Schule versäumte, um das Geld zu verdienen, das notwendig erschien, um in der Schule sozial richtig ausgestattet zu erscheinen.
Die Geschichte ist mir geblieben, weil sie die Verschiebung so präzise bezeichnet. Hier arbeitete jemand nicht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er arbeitete, um die finanziellen Voraussetzungen seiner sozialen Erscheinung herzustellen. In den achtziger Jahren begann jene Spirale, die inzwischen vollkommen selbstverständlich geworden ist. Nicht nur das Kleidungsstück musste stimmen, sondern die Marke, die Kollektion, die Kombination und schließlich das gesamte Erscheinungsbild. Der Markt reagierte darauf mit immer feineren Abstufungen. Premium, Designer, Lifestyle, Sportswear, Workwear, Freizeitmarken und später Streetwear bildeten keine voneinander getrennten Bereiche mehr, sondern ein riesiges Reservoir sozialer Zeichen.
Auch die alte Arbeitskleidung erschien als luxurierender Wiedergänger auf dieser höheren Preisstufe. Die Jeans hatte es vorgemacht. Was ursprünglich als robuste Hose für Arbeiter entstanden war, konnte in der richtigen Ausführung ein hochpreisiges Modeprodukt werden. Dasselbe geschah mit Chinos, Boots, Fliegerjacken, Parkas, Feldjacken und später mit jener amerikanisch inspirierten Freizeit-Arbeitskleidung, für die Marken wie Dockers standen. Das Ursprüngliche, Robuste und Funktionale wurde nun selbst als Stil verkauft. Der Käufer erwarb nicht nur Stoff und Schnitt, sondern die Vorstellung eines Lebens, das zu diesem Stoff und Schnitt passen sollte. Die Geschichte der Klamotten ist damit auch eine Geschichte gesellschaftlicher Verwandlungen in der Bundesrepublik. Sie beginnt beim Kamelhaarmäntelchen aus dem großen Kölner Textilhaus, bei der ordentlichen bürgerlichen Ausstattung und der fachkundigen Bedienung, führt über die mühsame Suche nach T-Shirts, langen Hemdkrägen, den richtigen Jeans und den richtigen Schuhen zum Parka als politischem Erkennungszeichen und von dort weiter zur Marke als neuem Versprechen von Qualität, Stil und Zugehörigkeit.
Dazwischen liegen amerikanische Arbeitskleidung, britische Modephantasien, Hippie-Fransen, hohe Absätze, Londoner Hüte und Spazierstöcke, Schulhofspott, politische Codes, violettes Nappaleder, nicht gekaufte Jacken und die allmählich wachsende Fähigkeit, in dieser Warenwelt überhaupt lesen zu können. Und hinter all dem verläuft eine ökonomische Kurve. Die Kleidungswelt wurde größer, internationaler, differenzierter und zugleich teurer. Aus wenigen stark codierten Kleidungsstücken entstand ein immer dichteres Geflecht von Marken, Preisen und Zugehörigkeiten. Aus dem Finden wurde das Kaufen, aus dem Kaufen zunehmend das richtige Kaufen und aus dem richtigen Kaufen schließlich die Herstellung einer vollständigen sozialen Oberfläche.
Die Geschichte der Kleidung ist deshalb auch eine Geschichte steigender Eintrittspreise in das Paradies, dem Adam und Eva nicht angehörten. Was als Suche nach den richtigen Klamotten begonnen hatte, wurde allmählich zur kostspieligen Herstellung der richtigen Person. Man zog eben nie nur etwas an. Man zog immer auch ein Stück der Person an, für die man gehalten werden wollte, und manchmal ein Stück der politischen, kulturellen oder sozialen Welt, zu der man gehören wollte.