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Essay / GP Redaktion

„Du im ägyptischen Stil, ich im modernen“

Rousseau, Picasso und der kulturelle Transfer als vitales Bewegungsgesetz der Kunst

Rousseau mit Palmblatt und Picasso mit Palette, umgeben von ägyptisierenden Zeichen
01 Der Stil wechselt die Seite. Imaginäre Rousseau–Picasso-Konstellation aus der Bildarbeit von Goedart Palm. KI-Bild, keine historische Darstellung.

Henri Rousseau soll zu Picasso gesagt haben:

« Nous sommes les deux plus grands peintres de l’époque, toi dans le genre égyptien, moi dans le genre moderne. »

„Wir sind die beiden größten Maler unserer Zeit – du im ägyptischen Stil, ich im modernen Stil.“

Fernande Olivier, Picasso et ses amis (1933), S. 113, zitiert nach MoMA. Zur Überlieferung und zum Wortlaut →

Ein Mann, der als naiv gilt, erklärt dem werdenden Jahrhundertkünstler, sie beide seien die Größten ihrer Zeit. Das wäre schon eine hinreichend kühne Begrüßung. Henri Rousseau verschärft sie durch eine eigentümliche Arbeitsteilung: Picasso gehöre zum ägyptischen, er selbst zum modernen Stil. Der ältere Autodidakt beansprucht die Gegenwart, während er den jüngeren Erneuerer um Jahrtausende zurückversetzt. Man kann darüber lachen. Interessanter ist, für einen Augenblick zuzulassen, dass die vertrauten Beschriftungen verrutschen. Wer hat eigentlich beschlossen, wo das Moderne anfängt? Und weshalb sollte eine Form dort bleiben, wo die Kunstgeschichte ihre Herkunft verzeichnet?

Der Ausspruch gehört zur Überlieferung des Banketts, das Picasso und Fernande Olivier im November 1908 in seinem Pariser Atelier veranstalteten. Rousseau soll ihn zu Picasso gesagt haben. Annemarie Iker führt ihn im Künstlerporträt des Museum of Modern Art auf Oliviers Erinnerungen Picasso et ses amis von 1933, Seite 113, zurück. Zwischen dem Abend und dieser Buchveröffentlichung liegt ein Vierteljahrhundert. Wir besitzen damit einen Erinnerungsbericht, kein Gesprächsprotokoll. Die Vorsicht betrifft den historischen Wortlaut; sie hindert uns nicht daran, den überlieferten Satz ernst zu nehmen. Seine gedankliche Beweglichkeit überlebt die Unsicherheit des Augenblicks. 1

Denn Rousseau, der von 1844 bis 1910 lebte und als „Le Douanier“, als Zöllner, bekannt wurde, verteilt hier mehr als Komplimente. „Ägyptisch“ bezeichnet einen kulturellen und historischen Zusammenhang, „modern“ ein Verhältnis zur eigenen Zeit. Beides sind verschiedene Arten der Einordnung. Ein Werk kann ägyptisch und modern, europäisch und archaisierend sein. Erst der Wunsch nach sauber getrennten Epochen lässt daraus einen Widerspruch werden. Rousseaus Satz führt vor, was ein kunsthistorisches Schema gern unterbindet: Ein Künstler nimmt sich die Freiheit, die Grenzen anders zu ziehen. Er selbst steht dann auf der Seite, auf der man ihn nicht erwartet hätte.

Die heutige Bildkomposition mit Rousseau und Picasso überführt diese sprachliche Verschiebung in eine sichtbare Versuchsanordnung. Links stehen der dunkle Anzug, das Palmblatt und das gefleckte Tier, rechts zerlegte Flächen, ein gestreiftes Hemd und die Palette. Schon diese Gegenüberstellung arbeitet mit nachträglich vertraut gewordenen Künstlerzeichen; sie rekonstruiert keinen Abend von 1908. Vor allem aber wandern die ägyptisierenden Zeichen durch beide Bildhälften. Sie lassen sich nicht auf Picassos Seite einsperren. Rousseau ist ebenso von ihnen umgeben. Das Bild widerspricht damit seiner eigenen Teilung und macht gerade dadurch die Pointe des Satzes sichtbar: Die Zuschreibung ist beweglicher als der Rahmen.

Auch Goedart Palms Egyptian Jazz stellt eine solche Verbindung her, bevor irgendein kunsthistorischer Kommentar sie erklären muss. Der Titel führt eine alte nordafrikanische Bildwelt und eine moderne afroamerikanische Musik zusammen. Das ist keine Behauptung über eine verschollene ägyptische Herkunft des Jazz. Es ist eine gegenwärtige Entscheidung, zwei verschieden überlieferte Formbestände miteinander arbeiten zu lassen. Die Zeichnung und ihre neue farbige Interpretation werden später auf dieser Seite nebeneinanderstehen. Sie gehören schon jetzt in den Gedanken: Ein eigener Ausdruck kann gerade daraus entstehen, dass etwas nicht eigen ist und in der Begegnung seine bisherigen Aufgaben verliert.

Beim Bankett am Bateau-Lavoir begegneten sich keine zwei Vertreter wohlgeordnet benachbarter Schulen. Picasso hatte 1908 Rousseaus Portrait einer Frau bei einem Altwarenhändler erworben; das Musée de l’Orangerie nennt diesen Kauf als Anlass der Feier. Der Ehrengast war erheblich älter als die Künstler, die ihn nun in ihren Kreis aufnahmen. Seine Anerkennung verlief außerhalb jener akademischen Laufbahn, nach deren Maßstäben man ihn lange als ungeschickt beurteilt hatte. Der Abend ist deshalb auch eine Szene der Umwertung: Was im einen Zusammenhang als Mangel erschien, konnte in einem anderen als künstlerische Entscheidung lesbar werden. 2

Das macht die Feier noch nicht zu einer vollkommenen Verständigung. Bewunderung und Belustigung können an demselben Tisch sitzen. Wer einen Künstler als rührend unbekümmert feiert, beansprucht leicht zugleich die höhere Übersicht über dessen Arbeit. Die Geschichte des vermeintlich naiven Rousseau verführt dazu, ihm jedes Selbstbewusstsein als weitere Naivität anzurechnen. Nimmt man seinen Satz dagegen als Urteil, verschiebt sich die Machtverteilung. Er ist nicht bloß der Mann, dem eine jüngere Generation Bedeutung verleiht. Er betrachtet diese Generation und verteilt seinerseits Prädikate. Die berühmte Anekdote gewinnt ihre Schärfe erst, wenn man ihrem Sprecher gestattet, mehr als die Pointe fremder Erinnerungen zu sein.

Sein Anspruch auf Modernität verlangt ohnehin keine nachträgliche Rettung durch Picasso. Modern ist auch die Situation, aus der Rousseaus Bilder entstehen: Ein Pariser Angestellter eignet sich eine Welt an, deren sichtbare Einzelteile in der Stadt verfügbar geworden sind. Sein Beiname führt dabei ein wenig in die Irre. Rousseau arbeitete an der Pariser Stadtzollverwaltung, beim Octroi; er war kein weitgereister Grenzbeamter, der aus dem Beruf exotische Erinnerungen mitgebracht hätte. Die National Gallery of Art beschreibt den Zusammenhang seiner Arbeit mit Beobachtungen in den Vororten und mit Besuchen im Jardin des Plantes. Schon die tatsächlichen Wege dieses Malers sind aufschlussreicher als seine Reiselegende. 3

Rousseau hat Frankreich nicht verlassen. Die Erzählung von einem Aufenthalt in Mexiko erklärt seine Tropenbilder daher gerade nicht. Das Orangerie-Museum benennt stattdessen Skizzen nach Pflanzen in den Gewächshäusern des Jardin des Plantes und nach präparierten Tieren im Naturkundemuseum. Dazu kommen Presseillustrationen und die exotische Bildkultur der Weltausstellungen, in der sich das französische Kolonialreich inszenierte. Das Ferne war bereits geordnet, ausgestellt und vervielfältigt worden, bevor Rousseau es malte. Seine Werkstatt stand am Ende vieler Transportwege, auch wenn der Maler selbst keine tropische Reise unternommen hatte. 2

Rousseau musste nicht in den Dschungel reisen. Der Dschungel war bereits nach Paris gekommen. Diese Formulierung darf freilich nicht so verstanden werden, als hätte man eine Landschaft vollständig versetzen können. Nach Paris gelangten ausgewählte Pflanzen, Tiere, Präparate und Bilder; mit ihnen reisten Erwartungen, wissenschaftliche Ordnungen und koloniale Fantasien. Ein Gewächshaus ist kein Wald, ein ausgestopftes Tier kein frei lebendes Gegenüber, ein gedrucktes Abenteuer keine Erfahrung seiner Bewohner. Gerade die Lücken zwischen diesen Dingen machen Rousseaus Leistung erkennbar. Seine Bilder überbrücken sie nicht durch bessere Sachkunde. Sie verwandeln das Zusammengesuchte in einen Zusammenhang, der außerhalb der Malerei nicht existiert.

Ein besonders genauer Nachweis betrifft Tropical Forest with Monkeys. Die National Gallery of Art verweist auf Tierfotografien in einem illustrierten Band, der sich in Rousseaus Atelier befand. Die Affen des Gemäldes haben dort Vorlagen; im Bild treffen Arten zusammen, deren Lebensräume weit auseinanderliegen. Zugleich werden Pflanzen vergrößert und verändert. Die scheinbar unmittelbare Naturanschauung erweist sich als Arbeit an bereits vermitteltem Material. Hier lässt sich der Transfer beinahe mit dem Finger verfolgen: vom Tier zum fotografischen Bild, vom Buch in die Vorstellung des Malers, von dort in eine neue räumliche und malerische Nachbarschaft. 3

Entscheidend ist, dass dabei kein bloßes Sammelalbum entsteht. Rousseaus Pflanzen lassen den Blick nicht ungehindert in die Ferne schweifen. Blätter stehen wie ausgeschnittene, eigens platzierte Körper voreinander; die Deutlichkeit der Einzelheiten macht den Raum zugleich unwirklich. Was man sehen kann, ist auffällig präzise, was man daraus über den Ort schließen möchte, bleibt ungewiss. Diese Verbindung von Bestimmtheit und Fremdheit trägt die Bilder. Die Herkunft eines Motivs erklärt, wie es verfügbar wurde. Sie erklärt noch nicht, weshalb es im Gemälde diese eigentümliche Gegenwart besitzt. Zwischen Quelle und Werk liegt eine Organisation des Sehens.

In Le Rêve von 1910 befindet sich sogar ein Sofa im Dschungel. Das Museum of Modern Art verzeichnet das Gemälde als The Dream; die Verbindung von Interieur und tropischer Vegetation ist am Werk selbst zu verfolgen. Der vertraute Gegenstand verliert seine gewöhnliche Umgebung, ohne unkenntlich zu werden. Eben deshalb irritiert er. Ein vollkommen fremdes Ding ließe sich leichter als Bestandteil einer unbekannten Welt akzeptieren. Das Sofa erinnert dagegen an einen Raum, der hier fehlt. Es trägt diesen fehlenden Raum in den Wald hinein und verändert ihn damit stärker, als eine weitere exotische Pflanze es könnte. 4

So entsteht das Fremde keineswegs nur durch die Einfuhr von etwas weit Entferntem. Es kann daraus entstehen, dass das Nächste am falschen Ort erscheint. Rousseaus Dschungel und das bürgerliche Möbel machen einander fremd. Für die heutige Verbindung einer ägyptisierenden Figur mit einem Saxophon ist das von erheblichem Interesse: Auch dort wirkt nicht einfach eine exotische Zutat auf eine ansonsten fertige Ordnung. Zwei Ordnungen verändern ihre Bedeutung, sobald sie gemeinsam sichtbar werden. Der historische Unterschied zwischen Rousseaus Malerei und einer heutigen Bildsynthese bleibt bestehen. Die Frage, was eine unerwartete Nachbarschaft mit dem Vertrauten macht, lässt sich trotzdem an beide richten.

Das Wort „naiv“ verdeckt solche Operationen eher, als dass es sie erklärt. Es macht aus einer besonderen Bildlogik einen unzureichenden Stand der Ausbildung. Natürlich kann man akademische Perspektive erlernen und ihre Beherrschung prüfen. Man kann daraus aber keinen allgemeinen Maßstab gewinnen, der jedes anders organisierte Bild als fehlgeschlagene Vorstufe behandelt. Rousseaus Raum entsteht auch durch Wiederholung, Größenverschiebung und die Beharrlichkeit der Kontur. Wer nur nach dem sucht, was diesem Raum gegenüber einer klassischen Illusion fehlt, übersieht, was er ermöglicht. Seine Fremdheit ist ein Ergebnis der Form und nicht bloß ein Beweis mangelnden Wissens.

Bei Picasso wird die Rangordnung gewöhnlich umgekehrt. Was Rousseau als Unvermögen zugerechnet wurde, erscheint bei ihm als souveräne Zerlegung des Könnens. Auch diese vertraute Gegenüberstellung hat ihre Bequemlichkeiten. Sie verteilt Absicht und Unschuld, Reflexion und Instinkt, bevor das einzelne Werk betrachtet wird. Rousseaus ägyptischer Picasso stört sie. Der vermeintlich voraussetzungslose Maler erkennt beim radikalen Erneuerer eine Beziehung zu alten Formen. Die Moderne erscheint plötzlich als eine Kunst mit Erinnerungen, und ihr Außenseiter erweist sich als jemand, der diese Erinnerungen zu benennen versucht. Ob seine Benennung kunsthistorisch präzise ist, steht auf einem anderen Blatt.

Für Picassos Arbeit um 1907 sind iberische Skulptur und afrikanische Kunst wesentliche Bezugspunkte. Das MoMA beschreibt die Demoiselles d’Avignon als ein Zusammentreffen europäischer Bildtraditionen mit afrikanischen, iberischen und ozeanischen Formanregungen. Der Besuch im Musée d’Ethnographie du Trocadéro steht im Zusammenhang mit der Arbeit an dem Gemälde, insbesondere mit den maskenartigen Gesichtern der Figuren rechts. Die Entstehungsgeschichte wird dadurch nicht auf einen Museumsbesuch reduziert. Schon innerhalb des Bildes stehen unterschiedliche Lösungen nebeneinander. Seine Unruhe lässt sich gerade daran erkennen, dass es die Verschiedenheit der Gesichter und Körper nicht zu einem einheitlichen Stil versöhnt. 5

Eine Maske wird dabei nicht einfach als weiteres Motiv neben andere Motive gemalt. Ihre Wirkung kann die Vorstellung davon verändern, was ein Gesicht im Bild überhaupt sein soll. Es muss nicht länger die glaubwürdige Oberfläche eines individuellen Körpers bilden. Es kann als konstruierte, verdichtete Form auftreten und den Betrachter durch seine Fremdheit unmittelbar angehen. Das ist eine andere Beziehung als diejenige zwischen einem Porträt und einem bestimmten Modell. Solche Übertragungen betreffen daher nicht nur das Aussehen eines Gegenstands. Sie greifen in die Regeln ein, nach denen Bilder Anwesenheit, Körperlichkeit und Ausdruck hervorbringen.

Die Formel „Afrika plus Picasso gleich Kubismus“ würde diese Arbeit durch eine vermeintliche Herkunftsrechnung ersetzen. Sie fasst einen Kontinent zu einem Stil zusammen und behandelt Picasso als den Ort, an dem fremde Leistungen endlich geschichtlich wirksam werden. Denise Murrells Darstellung im Metropolitan Museum macht dagegen sowohl die unterschiedlichen afrikanischen Formtraditionen als auch die Verbindung mit Cézannes und Gauguins Malerei sichtbar. Hinzu kommt eine entscheidende Verschiebung: Europäische Künstler sahen Gegenstände ästhetisch, deren ursprüngliche Funktionen sie häufig kaum kannten. Anerkennung der Form und Unkenntnis ihrer Bedeutung konnten gleichzeitig bestehen. 6

Damit ist auch die Grenze von Rousseaus ägyptischer Zuschreibung bezeichnet. Sie liefert keinen Nachweis dafür, dass ein bestimmtes ägyptisches Objekt das Vorbild eines bestimmten Picasso-Gemäldes gewesen sei. Iker liest den Ausdruck als Hinweis auf die flächigen und kantigen Formen seiner damaligen Arbeit, mit Bezug auf afrikanische und iberische Anregungen. Das bleibt eine Interpretation der Äußerung. Die heutige MoMA-Werkanalyse zieht außerdem für die Schrittstellung und die geballte Faust der linken Figur in den Demoiselles Vergleiche mit altägyptischen und südasiatischen Skulpturen. Ein benannter Formvergleich ist jedoch noch kein Beleg für Rousseaus damalige Absicht. 5 Der Reiz des Satzes besteht für unseren Zusammenhang gerade nicht in einer nachträglichen ethnografischen Genauigkeit. Er zeigt, wie ein Betrachter eine Form mit einem Namen versieht, der sie aus der Gegenwart herausrückt und dadurch neu sichtbar macht. 1

Wie oft beginnt eine produktive Übertragung mit einer solchen ungenauen Benennung. Jemand erkennt etwas wieder, das im strengen Sinne nicht dasselbe ist. Ein Profil erinnert an Ägypten, eine blockhafte Figur an eine Maske, ein Rhythmus an Musik. Daraus kann ein Irrtum entstehen, der bloß wiederholt wird. Daraus kann ebenso eine Frage entstehen, die zu einer eigenen Form führt. Zwischen beiden Fällen entscheidet nicht die Schönheit des Missverständnisses, sondern das, was mit ihm geschieht. Kunst darf aus einer falschen Gleichsetzung etwas Richtiges für sich gewinnen. Kunstgeschichte muss weiterhin sagen können, dass die Gleichsetzung falsch war.

Egyptian Jazz: Goedart Palms Linienzeichnung mit Profilen, Vögeln und musikalischen Motiven
02a Goedart Palm, Egyptian Jazz. Die Linie hält mehrere Lesarten offen. Zeichnung aus dem vorhandenen Werkbestand.
Farbige Neuinterpretation von Egyptian Jazz in Ocker, Blau, Rot und Grün
02b Egyptian Jazz, farbige Neuinterpretation der Zeichnung von Goedart Palm. Eine andere Farbordnung setzt neue Gewichte. KI-gestützte Bildfassung.

Die beiden Fassungen von Egyptian Jazz machen diese Unterscheidung anschaulich. In der Zeichnung von Goedart Palm durchzieht eine dunkle Linie den hellen Grund. Augen, Profile, Vögel, gebogene Körper und instrumentartige Gebilde greifen ineinander. Manche Konturen scheinen mehreren Figuren zugleich zu gehören. Der Blick findet keinen dauerhaften Mittelpunkt; er folgt Anschlüssen, springt zurück und entdeckt im vermeintlichen Zwischenraum ein weiteres Gesicht. Das Ägyptische entsteht hier durch lesbare Anklänge, nicht durch die Wiederherstellung einer historischen Zeichensprache. Die einzelnen Motive lassen sich ansehen, ohne dass man sie deshalb wie eine Inschrift übersetzen könnte.

Die neue farbige Interpretation erhält große Teile dieser Ordnung, liest sie aber anders. Ocker, dunkles Blau, Rot und Grün verteilen Gewicht. Eine Fläche, die in der Zeichnung nur durch eine Grenze bezeichnet war, tritt als Körper hervor; eine benachbarte Fläche zieht sich zurück. Die gealtert wirkende Oberfläche stärkt den Eindruck einer alten Wand oder eines bemalten Trägers. Das verändert die Zeit, die wir dem Bild zutrauen, ohne sein tatsächliches Alter zu verändern. Zugleich bleiben Abweichungen und neu ausgeformte Details sichtbar. Es handelt sich um eine Neuinterpretation der Zeichnung, nicht um eine neutrale Farbschicht über unveränderten Linien.

Wer beide Fassungen betrachtet, sieht deshalb keinen einfachen Fortschritt vom Unfertigen zum Fertigen. Die Zeichnung besitzt eine Beweglichkeit, die der Farbauftrag stellenweise bindet. Die farbige Fassung gewinnt körperliche und rhythmische Akzente, die im linearen Geflecht weniger entschieden sind. Beide erzeugen andere Wege des Blicks. Das ist ein kleiner Transfer innerhalb eines eigenen Werks: Ein vorhandener Formbestand wird erneut ausgewählt, gewichtet und mit einer anderen Vorstellung von Material und Zeit verbunden. Die neue Fassung macht nicht bloß sichtbar, was schon immer im Original steckte. Sie stellt ihm eine neue Lesart zur Seite, die ihrerseits auf die Zeichnung zurückwirkt.

Ähnlich verändert jede überzeugende Begegnung mit fremden Formen den Blick auf das zuvor Eigene. Nach der farbigen Fassung sieht man auch die Zeichnung anders: Man bemerkt, wo die Linie mehrere mögliche Flächenordnungen offenhält. Nach einem Blick auf ägyptische Skulptur kann die Geschlossenheit einer modernen Figur anders auffallen. Der Transfer verläuft deshalb nicht ausschließlich in einer Richtung vom historischen Vorbild zum späteren Werk. Das spätere Werk verändert die Aufmerksamkeit, mit der frühere Arbeiten betrachtet werden. Es verändert nicht ihre Entstehung, wohl aber ihre Gegenwart. Kunstgeschichte besteht auch aus solchen nachträglichen Beziehungen, die niemand bei der Herstellung der älteren Werke vorausgesehen hat.

Ägypten ist für diese Beziehungen ein besonders aufschlussreicher Fall, weil seine Formen längst vor der europäischen Moderne weit über ihren Entstehungsort hinauswirkten. Am attischen Kouros des Metropolitan Museum, datiert um 590–580 vor unserer Zeitrechnung, benennt der Sammlungstext die Herkunft der Haltung aus ägyptischer Kunst: Frontalität, seitlich anliegende Arme, das vorgestellte linke Bein. Der griechische Jüngling erhält trotzdem einen eigenen Zusammenhang; die Statue markierte das Grab eines jungen athenischen Aristokraten. Man muss weder jede Ähnlichkeit zur direkten Abhängigkeit erklären noch die konkrete Übernahme leugnen. Gerade ihre Bestimmtheit erlaubt es, Veränderung wahrzunehmen. 7

Schon dieser Fall widerspricht einer Erzählung, in der Europa seine maßgeblichen Formen allein aus sich selbst hervorbringt und das Außereuropäische erst viel später als exotische Bereicherung entdeckt. Auch das, was rückblickend als Anfang einer eigenen Tradition gilt, kann eine Begegnung enthalten. Die Kunstgeschichte verliert dadurch keinen Gegenstand. Sie gewinnt den Prozess zurück, der in der fertigen Herkunftsbezeichnung verschwunden war. „Griechisch“ bezeichnet dann eine bestimmte historische Leistung, ohne zu behaupten, alle Voraussetzungen dieser Leistung müssten ebenfalls griechisch gewesen sein. Eigenständigkeit und Beziehung lassen sich gleichzeitig denken; man muss für die eine nicht die andere opfern.

Die römische Ägyptenrezeption zeigt eine andere Konstellation. Die Vatikanischen Museen unterscheiden ausdrücklich zwischen dem Import ägyptischer Werke und römischen Neuschöpfungen nach ägyptischen Themen. Nach der Eroberung wurden auch Obelisken nach Rom gebracht; die Versetzung war mit der Darstellung römischer Macht verbunden. Daneben entstanden Arbeiten, die ägyptische Motive in eine klassische Formensprache überführten. Transport und Transformation fallen also nicht zusammen. Ein versetztes Objekt kann materiell weitgehend dasselbe bleiben und im neuen Stadtraum dennoch etwas anderes bedeuten. Ein neu geschaffenes Werk kann dagegen seine Herkunftsbezüge vorführen, obwohl es niemals in Ägypten gewesen ist. 8

Der Unterschied ist für den Begriff des Transfers zentral. Er bezeichnet nicht einfach die Zahl zurückgelegter Kilometer. Ein Gegenstand kann über eine Grenze gelangen, ohne ästhetisch neu gelesen zu werden; eine Reproduktion kann einen weitreichenden Wandel auslösen, während das Original seinen Standort behält. Auch die Gewalt lässt sich daran nicht ablesen, wie stark die Form verändert wurde. Ein geraubtes Werk kann unversehrt sein. Eine frei übernommene Form kann radikal umgestaltet werden. Wer Übertragung untersucht, muss deshalb nach den Wegen und den Bedeutungen fragen, nach den handelnden Menschen und nach denen, deren Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt wurden.

Mit Napoleons Ägyptenfeldzug seit 1798 verband sich wiederum eine andere Form der Verfügbarkeit. Die ab 1809 erschienene Description de l’Égypte verbreitete Monumente und Altertümer in umfangreichen Bildtafeln. Das Metropolitan Museum stellt diesen Publikationszusammenhang in die Geschichte des Egyptian Revival: Ägyptisierende Formen gingen in Architektur, Möbel, Keramik und Silberarbeiten ein. Wissen und ornamentale Verwendung reisten dabei nicht notwendig im selben Tempo. Ein Motiv ließ sich in ein neues Möbelstück einbauen, lange bevor sein historischer Zusammenhang umfassend verstanden war. Die gedruckte Tafel trennte seine Sichtbarkeit von der Reise zum Ort. 9

Eine solche Seite ist bereits eine Werkstatt der Übertragung. Sie bestimmt Ausschnitt und Maßstab, stellt Dinge nebeneinander, macht eine Oberfläche zu einer Linie und ein räumliches Gebilde zu einer flachen Ansicht. Dem späteren Betrachter erscheint das Ergebnis leicht als unmittelbarer Zugang zum Altertum. Tatsächlich begegnet er einer bereits bearbeiteten Sichtbarkeit. Wenn dann ein Gestalter aus der Tafel ein Ornament gewinnt, setzt er diese Bearbeitung fort. Es gibt nicht nur den einen Sprung von einer alten Kultur in eine neue. Zwischen ihnen liegen Medien, deren Entscheidungen in der neuen Form mitwirken, ohne noch eigens erkennbar zu sein.

Im 19. Jahrhundert und bis in die 1920er Jahre kehrten ägyptische Motive in wechselnden gestalterischen Zusammenhängen wieder. Die Entdeckung von Tutanchamuns Grab 1922 verstärkte die Begeisterung; das Met beschreibt ihre Verbindung mit dem Art déco. Daraus folgt nicht, dass Art déco insgesamt aus Ägypten abzuleiten wäre. Es zeigt vielmehr, wie gut eine sehr alte Formwelt zu einem ausdrücklich gegenwärtigen Anspruch passen konnte. Geometrie, starke Umrisse und verdichtete Zeichen ließen sich als modern wahrnehmen. Das Alter des Bezugspunkts entschied nicht über das Alter der neuen Wirkung. 9

„Ägyptisch“ hat auf solchen Wegen längst aufgehört, eine einzige und unveränderte Bedeutung zu besitzen. Es kann eine nachweisbare Herkunft bezeichnen, eine archäologische Kenntnis, einen modischen Eindruck oder die bewusst ungenaue Erinnerung an Monumentalität. Diese Bedeutungen müssen unterschieden werden, damit die Geschichte nicht im allgemeinen Ägyptenzauber verschwindet. Im heutigen Egyptian Jazz begegnen wir keinem vollständigen kulturellen System des alten Ägypten. Wir begegnen Formen, deren Wiedererkennbarkeit bereits viele Übertragungen voraussetzt. Das Gegenwartsbild greift damit auf eine Geschichte der Lesbarkeit zurück. Dass sein Vokabular zugänglich ist, bedeutet nicht, dass seine Herkunft bedeutungslos geworden wäre.

Für „Jazz“ gilt eine andere, ebenso notwendige Genauigkeit. Das Smithsonian beschreibt seine Entstehung aus afroamerikanischen musikalischen Traditionen im Austausch mit weiteren Musiken und hebt New Orleans als entscheidenden Ort hervor. Improvisation und individuelle Gestaltung gehören zu seinen prägenden Möglichkeiten. Das Wort darf daher nicht bloß als beliebiges Synonym für lebhafte Farben dienen. In Palms Zeichnung weist die Hommage an Charlie Mingus zusätzlich auf einen konkreten musikalischen Bezug. Aus dem Bild lässt sich keine bestimmte Komposition zurückübersetzen. Es benennt eine Hörwelt, mit der sich seine visuelle Bewegung ins Verhältnis setzt. 10

Man kann dieser Bewegung folgen, ohne einen festen Katalog von Entsprechungen zu erfinden: Auge gleich Note, Schnabel gleich Trompete, Linie gleich Melodie. Solche Schlüssel würden das Bild schnell stillstellen. Interessanter sind Unterbrechung, Wiederaufnahme und der Wechsel zwischen erkennbarem Motiv und offenem Verlauf. Ein Gesicht beansprucht Aufmerksamkeit, wird aber von einer anderen Figur überlagert; eine Kontur scheint zu enden und setzt sich anderswo fort. Das Auge muss Beziehungen herstellen, die ihm nicht als fertige Hierarchie vorgelegt werden. In diesem begrenzten Sinn ist der musikalische Titel eine Aufforderung zum Sehen: Achte auf das Zusammenspiel, nicht nur auf die identifizierbaren Dinge.

Damit wird auch deutlich, weshalb ein Gegenwartskünstler hier nicht als historische Fußnote auftreten muss. Palms Arbeiten dienen nicht dazu, eine Linie von Rousseau über Picasso bis zu einem vermeintlichen Erben zu verlängern. Eine solche Genealogie würde genau die Beweglichkeit wieder einschränken, um die es geht. Die Gegenwart kann diese älteren Konstellationen aufnehmen, ohne ihren Rang zu beanspruchen oder ihre Probleme zu wiederholen. Sie bringt andere Mittel und andere Voraussetzungen mit. Aus dem Nebeneinander von Zeichnung und farbiger Bildinterpretation entsteht deshalb keine Gleichsetzung mit den historischen Werken. Es entsteht eine weitere Möglichkeit, die Tätigkeit der Übertragung anzusehen.

Imaginierte sitzende ägyptische Steinfigur mit goldenem Saxophon in einem Museumssaal
03 Dauer bekommt einen Atemzug. Ägyptisierende Saxophonfigur aus der Bildarbeit von Goedart Palm. KI-Bild; Skulptur und Museumssituation sind imaginiert.

Die sitzende ägyptisierende Figur mit dem Saxophon führt diesen Gedanken räumlich weiter. Dunkler Stein, eine geschlossene Haltung und der goldene Bogen des Instruments scheinen in einem Museumssaal zusammenzufinden. Der erste Blick nimmt die Würde eines ausgestellten Gegenstands wahr; der zweite bemerkt die unmögliche Verbindung. Das Bild dokumentiert keine antike Skulptur und keine reale Museumssituation. Es ist eine heutige KI-Bildkomposition. Gerade die erkennbare Unmöglichkeit macht seine Funktion aus: Es führt vor, wie rasch die vertraute Präsentation im Museum selbst einem erfundenen Gegenstand den Anschein geschichtlicher Beglaubigung verleiht.

Das Saxophon ist dabei mehr als ein komischer Zusatz. Es verändert die Haltung der ganzen Figur. Aus einer geschlossenen, auf Dauer gerichteten Präsenz wird die Vorstellung einer Handlung in der Zeit. Man erwartet einen Atemzug, obwohl der Körper steinern erscheint. Das Instrument verspricht einen Klang, den das Bild nicht geben kann. Ägyptische Monumentalität und musikalischer Augenblick bleiben unterscheidbar, aber keiner der beiden Zusammenhänge bleibt unberührt. Hier wird das Moderne nicht allein durch kubistische Brüche angezeigt. Es entsteht durch die neue Tätigkeit, die einer alten Form zugemutet wird. Der Stil wechselt seine Aufgabe.

Das Bild lässt sich auch rückwärts lesen. Das Instrument erhält durch den steinernen Körper eine fremde Schwere. Was mit Beweglichkeit, Spiel und Variation verbunden ist, scheint zum Monument geworden. Dadurch gerät die übliche Rangordnung von alt und neu ins Schwanken. Die alte Form wird beweglich, die moderne musikalische Vorstellung dauerhaft. Beide Veränderungen sind gleichzeitig sichtbar. Darin liegt der Unterschied zwischen einer bloßen Ausstattungsidee und einer tragfähigen bildlichen Begegnung: Das Fremde bleibt nicht als Accessoire an einer unveränderten Sache hängen. Es verändert, wie diese Sache anwesend ist, und wird selbst von ihr verändert.

Solche Beispiele legen eine begriffliche Präzisierung nahe. Rezeption bezeichnet zunächst das Aufnehmen und Verstehen; Aneignung betont das Zu-eigen-Machen. Von Transformation sprechen wir, wenn sich Form oder Funktion verändern, von Übersetzung, wenn etwas unter anderen Bedingungen verständlich werden soll. Exotismus richtet den Blick auf das Fremde als reizvolle Ferne. Der kunsthistorische Primitivismus wiederum machte unterschiedliche nichtakademische und außereuropäische Künste zu Gegenbildern einer vermeintlich erschöpften europäischen Zivilisation. Kolonialismus bezeichnet dagegen ein Herrschaftsverhältnis, nicht eine weitere Stiltechnik. Diese Wörter lassen sich nicht gegeneinander austauschen, auch wenn sie denselben Vorgang unter verschiedenen Aspekten treffen können.

Michel Espagnes Forschung zum kulturellen Transfer hilft, die Veränderung der Bedeutung in den Mittelpunkt zu rücken. Ein Gegenstand wird im neuen Zusammenhang nicht nur anders platziert, sondern anders gebraucht und verstanden. Dabei interessieren gerade die Vermittler und die konkreten gesellschaftlichen Wege. „Kultur“ steht dann nicht wie ein versiegelter Behälter neben einem zweiten. Auch der empfangende Zusammenhang hat eine Geschichte früherer Übertragungen. Der Begriff ist für unseren Essay deshalb ergiebig, weil er die bewegten Formen weder zu herrenlosen Teilchen erklärt noch ihre Herkunft als unveränderliches Schicksal behandelt. 11

Die Rede von wandernden Formen bleibt allerdings eine Abkürzung. Formen packen keine Koffer. Menschen erwerben und stehlen Gegenstände, lernen Verfahren, übersetzen Texte, drucken Bilder und wählen aus, was sie weitergeben. Sammlungen und Märkte entscheiden darüber, welche Arbeiten sichtbar werden und welche Namen überliefert sind. Gerade der europäische Umgang mit afrikanischen Werken hat diese Ungleichheit lange mitproduziert: Der moderne Künstler wurde individualisiert, die Herkunft seines Gegenübers häufig pauschalisiert. Dass die Begegnung ästhetisch produktiv war, hebt diese Asymmetrie nicht auf. Es macht sie zu einem Bestandteil der Geschichte des neuen Werks, statt zu einer äußerlichen Störung seiner Betrachtung. 6

Auch deshalb wäre es falsch, den Begriff der Aneignung ausschließlich als Lob schöpferischer Freiheit oder ausschließlich als Vorwurf zu verwenden. Wer ein Motiv verändert, hat damit noch nicht die Bedingungen seiner Verfügbarkeit gerechtfertigt. Wer diese Bedingungen kritisiert, hat damit noch nicht erklärt, was im neuen Werk geschieht. Beides verlangt Aufmerksamkeit. Die Frage nach Rückgabe eines Gegenstands und die Frage nach der Wirkung seiner Form sind miteinander verbunden, aber sie haben keine identische Antwort. Ein ästhetisch bedeutendes Ergebnis macht einen ungerechten Erwerb nicht rechtmäßig. Umgekehrt lässt sich ein stattgefundener Einfluss nicht durch ein nachträgliches Urteil aus der Geschichte entfernen.

Kultureller Transfer ist ein vitales Bewegungsgesetz der Kunst. Das ist keine Naturgesetzlichkeit, die jeden Einzelfall erklärt oder historische Gewalt zur notwendigen Voraussetzung von Kreativität erhebt. Es bezeichnet eine produktive Bedingung: Kunst kann mit Vorgefundenem anders verfahren, als dessen bisheriger Zusammenhang es vorsieht. Sie kann eine Form von ihrer Aufgabe lösen, ihre Bedeutung verschieben und ihr eine neue Nachbarschaft geben. Diese Tätigkeit ist nicht immer erfolgreich. Sie erzeugt auch Klischees, dekorative Beliebigkeit und kraftlose Zitate. Aber ohne die Möglichkeit, dass eine Form anderswo etwas anderes wird, wäre künstlerische Geschichte kaum zu denken.

Die Stärke eines Transfers bemisst sich deshalb nicht an der Entfernung seiner Ausgangspunkte. Ein ägyptisches Profil neben einem Saxophon kann ein leerer Witz bleiben. Eine geringfügige Verschiebung innerhalb einer vertrauten Bildsprache kann dagegen tiefgreifende Folgen haben. Entscheidend ist, ob die Begegnung die Wahrnehmung verändert oder nur bekannte Etiketten bestätigt. Die hier gezeigten Arbeiten laden zu dieser Prüfung ein. Man kann an ihnen beobachten, welche Konturen weiterarbeiten, welche Farbbeziehungen neue Gewichte setzen und wo der Anschein von Vergangenheit die Gegenwart des Entwurfs verdeckt. Der Begriff ersetzt das Urteil über die Bilder nicht; er macht bestimmte Fragen an sie möglich.

„Formen besitzen keine Pässe.“ Der Satz gewinnt seinen Sinn erst nach diesen Unterscheidungen. Er besagt nicht, dass Werke keine Urheber haben, dass Gemeinschaften keine berechtigten Ansprüche erheben können oder dass jeder Gegenstand jedem gehört. Er bestreitet die Vorstellung, ein sichtbares Verhältnis zwischen Formen müsse für immer an eine einzige kulturelle Zugehörigkeit gebunden bleiben. Eine Kontur kann wiedererkannt und anders eingesetzt werden. Eine Anordnung kann ihre Funktion wechseln. Was sich übertragen lässt, verliert damit nicht seine Geschichte. Es erhält eine weitere, die sich nicht vollständig aus der ersten ableiten lässt.

Eine Kunstgeschichte ohne kulturelle Aneignung und Transformation wäre deshalb keine gereinigte Fassung der wirklichen Kunstgeschichte. Sie wäre eine Kunstgeschichte, die niemals stattgefunden hat. Man müsste aus ihr nicht nur koloniale Sammlungen und exotische Moden entfernen, sondern Übersetzungen, Wanderungen von Handwerkern, Reproduktionen, Reisen und unzählige Begegnungen zwischen Menschen und Bildern. Selbst die vermeintlich einheimische Tradition bliebe davon nicht unberührt. Ihre Kontinuität besteht häufig gerade darin, dass sie Fremdes aufnehmen und verändern konnte. Was später als selbstverständlich Eigenes erscheint, hat seine Herkunft nicht immer am sichtbarsten Teil seiner Oberfläche bewahrt.

Der verwandte Essay „Die dunkle Materie der Kunstgeschichte“ richtet den Blick auf Kunst, die niemals verwirklicht wurde. Hier tritt eine andere Frage hinzu: Welche Begegnungen haben stattgefunden, und welche Beziehungen werden erst aus heutiger Sicht vorstellbar? Eine imaginierte ägyptische Saxophonfigur ergänzt keinen fehlenden Fund. Sie macht eine Verbindung anschaulich, die historisch gerade nicht gegeben war. Die Kunstgeschichte des Möglichen ist auch eine Geschichte möglicher Begegnungen. Ihr Wert liegt darin, dass sie unsere Aufmerksamkeit für das tatsächlich Überlieferte verändern kann, ohne an dessen Stelle eine erfundene Vergangenheit zu setzen.

Am Ende kehrt Rousseaus Satz deshalb mit einer anderen Betonung zurück. „Du im ägyptischen Stil, ich im modernen“ teilt keine endgültigen Zuständigkeiten aus. Der Satz lässt zwei Künstler nebeneinanderstehen, deren Bilder aus unterschiedlichen Begegnungen hervorgehen, und erlaubt uns, die Einteilungen selbst zu betrachten. Rousseaus Paris enthält einen erfundenen Dschungel. Picassos Gegenwart arbeitet mit Formen, die nicht in seiner Gegenwart entstanden sind. In Palms Zeichnung treffen historische Zeichenwelten auf eine musikalische Erinnerung; ihre farbige Neuinterpretation verschiebt diese Beziehung erneut. Keine dieser Arbeiten bleibt durch die bloße Aufzählung ihrer Quellen erklärt.

Das Eigene entsteht dort, wo aus diesen Beziehungen eine bestimmte Form wird. Es ist weder die Abwesenheit fremder Voraussetzungen noch deren unterschiedslose Mischung. Es ist die Entscheidung, durch die etwas so und nicht anders sichtbar wird. Spätere Betrachter und Künstler können diese Entscheidung wieder öffnen. Sie sehen in ihr Möglichkeiten, die ihr Urheber nicht vorgesehen hat, und nehmen sie in andere Zusammenhänge mit. Darin liegt die eigentümliche Unruhe der Kunstgeschichte: Auch ein abgeschlossenes Werk ist mit seinen Begegnungen nicht fertig. Die Rollen können wechseln. Und selbst das Alte kann, am unerwarteten Ort, noch einmal mit der Gegenwart beginnen.

Quellen und Literatur

Die nummerierten Nachweise beziehen sich auf historische und begriffliche Aussagen. Die Bildlektüren und die These vom kulturellen Transfer sind Interpretationen dieses Essays. Internetquellen geprüft am 17. September 2026.

1. Olivier, Fernande: Picasso et ses amis. Vorwort von Paul Léautaud. Paris: Librairie Stock, Delamain et Boutelleau, 1933, S. 113, zitiert nach Annemarie Iker: „Henri Rousseau“, Museum of Modern Art, 2021, Anm. 1. Der MoMA-Beitrag gibt den französischen Satz wieder; sein offensichtlicher Tippfehler „mois“ wird hier zu „moi“ normalisiert, die Zeichensetzung vereinheitlicht. Deutsche Übersetzung für diesen Essay. Die Originalseite der Ausgabe von 1933 konnte nicht unmittelbar eingesehen werden; die Seitenangabe ist über MoMA, die Ausgabe über den BnF-Katalog überprüft. Die heutige MoMA-Künstlerseite kann gegenüber dem Beitrag von 2021 verändert sein.

https://www.moma.org/artists/5056

https://catalogue.bnf.fr/ark:/12148/cb35556693w

2. Musée de l’Orangerie / The Barnes Foundation: Henri Rousseau. A Painter’s Ambition. Englisches Ausstellungsbegleitheft, Paris 2026, insbesondere S. 4–7. Kuratorinnen und Kurator: Juliette Degennes, Christopher Green, Nancy Ireson. Zu Porträtkauf und Bankett, Rousseaus künstlerischem Anspruch und den Pariser Bildquellen. Ergänzend: Musée d’Orsay, Le Douanier Rousseau. L’innocence archaïque, Ausstellung 2016.

https://www.musee-orangerie.fr/sites/default/files/exposition/booklet/2026-03/prog%20salle_ROUSSEAU_ANG.pdf

https://www.musee-orsay.fr/fr/programme/agenda/expositions/presentation/le-douanier-rousseau-linnocence-archaique

3. National Gallery of Art, Washington: „Rousseau in the Jungle“, Art and Ecology, Lehrmaterial zu Tropical Forest with Monkeys (1910). Zu Stadtzoll, Jardin des Plantes, veränderten Pflanzenformen und fotografischen Tiervorlagen.

https://www.nga.gov/educational-resources/art-and-ecology/rousseau-jungle

4. Museum of Modern Art, New York: Henri Rousseau, The Dream (Le Rêve), 1910. Sammlungseintrag. Der Absatz zum Sofa entwickelt eine eigene Bildinterpretation.

https://www.moma.org/collection/works/79277

5. Museum of Modern Art, New York: Pablo Picasso, Les Demoiselles d’Avignon, Paris, Juni–Juli 1907. Sammlungseintrag mit „MoMA Learning“ (2026), Saaltext (2024) und Auszug aus MoMA Highlights (2019). Zu europäischen, afrikanischen, iberischen und ozeanischen Bezügen, ägyptischen und südasiatischen Formvergleichen sowie dem Trocadéro-Besuch. Historische Werke werden verlinkt, nicht reproduziert.

https://www.moma.org/collection/works/79766

6. Murrell, Denise: „African Influences in Modern Art“. In: Heilbrunn Timeline of Art History. New York: The Metropolitan Museum of Art, April 2008. Zu unterschiedlichen afrikanischen Traditionen, europäischer Rezeption und kolonialen Übertragungsbedingungen.

https://www.metmuseum.org/essays/african-influences-in-modern-art

7. The Metropolitan Museum of Art, New York: Marble statue of a kouros (youth), griechisch, attisch, um 590–580 v. Chr., Inventarnummer 32.11.1. Sammlungseintrag zum ägyptischen Haltungsschema und zur Grabfunktion.

https://www.metmuseum.org/art/collection/search/253370

8. Musei Vaticani, Museo Gregoriano Egizio: „Room IV. Egypt and Rome“. Sammlungstext zu ägyptischen Importen und ägyptisierenden römischen Neuschöpfungen.

https://www.museivaticani.va/content/museivaticani/en/collezioni/musei/museo-gregoriano-egizio/sala-iv--l_egitto-e-roma/sala-iv--l_egitto-e-roma.html

9. Ickow, Sara: „Egyptian Revival“. In: Heilbrunn Timeline of Art History. New York: The Metropolitan Museum of Art, Juli 2012. Zur Description de l’Égypte, Architektur und Kunstgewerbe des 19. Jahrhunderts sowie zur Ägyptenrezeption im Art déco.

https://www.metmuseum.org/essays/egyptian-revival

10. Smithsonian Institution, National Museum of American History: „What is Jazz?“, Projekt Smithsonian Jazz. Zur afroamerikanischen Geschichte, zur Rolle von New Orleans und zur Improvisation.

https://americanhistory.si.edu/explore/projects/smithsonian-jazz/education/what-is-jazz

11. Espagne, Michel: „La notion de transfert culturel“. In: Revue Sciences/Lettres, 1 | 2013; online seit 1. Mai 2012. DOI: 10.4000/rsl.219. Ergänzend: Transnationales Seminar Transferts culturels, Universität Leipzig: „Circulations, resémantisations et l’histoire transnationale“. Zur Veränderung von Bedeutung und zur Bedeutung der gesellschaftlichen Vermittlungswege.

https://journals.openedition.org/rsl/219

https://research.uni-leipzig.de/transfertsculturels/circulations-resemantisations-et-lhistoire-transnationale-3/

Bildgrundlage: Goedart Palm, Egyptian Jazz, vorhandene Zeichnung der GP-Redaktion; drei vom Künstler für diesen Essay bereitgestellte digitale Bildarbeiten. Für diese Seite wurden keine zusätzlichen KI-Bilder erzeugt. Die neuen Webvarianten verändern weder Ausschnitt noch Seitenverhältnis.