Autor & Archiv

Zeitmaschine II

Die Dinge, an denen Zeit kleben bleibt

Erinnerung hält sich selten an die Rangordnung der Ereignisse. Sie bewahrt nicht unbedingt, was damals wichtig gewesen sein müsste. Stattdessen bleibt sie an einer Schulfassade, einer Buchillustration, der rauen Kante eines Kunststoffteils oder dem Schriftzug eines längst verschwundenen Geschäfts hängen. Die Vergangenheit kommt nicht als vollständiger Film zurück. Sie erscheint in Dingen, Oberflächen und beiläufigen Orten.

Vielleicht ist das die zuverlässigste Form der Zeitreise: keine große Maschine, sondern ein Gegenstand, der plötzlich wieder Gewicht bekommt. Man sieht ihn nicht nur. Für einen Moment weiß die Hand noch, wie er sich anfühlte, und die Straße trägt wieder die Typografie von 1968.

Schule als Erinnerungsort

Historische Aufnahme aus dem bisherigen Zeitmaschine-Bestand
Historische Aufnahme aus dem bisherigen Zeitmaschine-Bestand.

Meine alte Schule war das Helmholtz-Gymnasium in Bonn-Duisdorf. Auf der alten Aufnahme fehlt noch der spätere Pavillon; schon daran lässt sich Zeit genauer ablesen als an manchem Datum. Am Wochenende spielte ich mit Christoph Wartenberg verbotenerweise auf dem Sportplatz, bis der Hausmeister mit seinem Hund zum Angriff ansetzte. Der Hund gehört zur Erinnerung vermutlich stärker als manche Unterrichtsstunde.

Direktor Dr. Wilhelm Schüttler konnte seinerzeit wunderbar mit mir streiten, als ich Schülersprecher war. Er hieß Wilhelm und erschien mir wilhelminisch, eine Pointe, die vermutlich ungerecht war und deshalb besonders haltbar blieb. Schule besteht rückblickend aus einer merkwürdigen Mischung: Autoritäten, Nebenschauplätzen, Gerüchen von Fluren und kleinen Grenzverletzungen, die damals bedeutender wirkten als der Lehrplan.

Ein Gebäude speichert solche Szenen nicht sichtbar. Trotzdem genügt seine Fassade, um den alten Weg, den Sportplatz und die Erwartung des Hausmeisters wieder aufzurufen. Mehr zur Schulzeit und zum Helmholtz-Gymnasium →

Bildung aus Bildern

Meine humanistische Bildung bestand im Alter von etwa zwölf Jahren nicht unwesentlich aus den Illustrierten Klassikern. Das klingt nach einer pädagogischen Nebenstrecke, war aber eine durchaus wirksame Verkehrsverbindung. Literatur kam als Bildfolge, dramatische Geste und stark verkürzte Weltgeschichte ins Kinderzimmer.

Man erinnert sich später vielleicht nicht mehr an den genauen Wortlaut, wohl aber an eine Haltung, eine dunkle Burg, einen gezogenen Degen oder die Farbe eines Himmels über Troja. Bilder waren keine bloße Erleichterung des Textes. Sie bauten eine eigene Gedächtnisarchitektur, in der Bildung und Abenteuer nicht sauber getrennt waren.

Kindergeburtstag im Wohnzimmer

Der Kindergeburtstag war ein Fest, noch kein Erlebnisaufenthalt mit pädagogisch geprüfter Piratenwelt. Es gab Kuchen, Kerzen, Limonade, Geschenke, Topfschlagen, Gäste und jene produktive Unordnung, die entsteht, wenn ein Wohnzimmer für einige Stunden seine gewöhnliche Funktion verliert.

Rekonstruiertes Erinnerungsbild eines Kindergeburtstags im Wohnzimmer der späten 1960er oder frühen 1970er Jahre
Rekonstruiertes Erinnerungsbild: Kindergeburtstag im Wohnzimmer – bevor aus dem Fest ein Erlebnisangebot wurde.

Die Rituale waren einfach und gerade deshalb deutlich: Kerzen ausblasen, Papier aufreißen, Saft verschütten, wieder Ordnung schaffen oder es bleiben lassen. Ob diese Geburtstage tatsächlich eine größere Erinnerungsdichte besaßen als heutige, ist allerdings ungewiss. Vielleicht ist das nur die optische Täuschung des Erwachsenen, der seine eigene Kindheit in hoher Auflösung und die Gegenwart anderer Leute nur ausschnittweise sieht.

Die Erinnerung macht aus Einfachheit gern Authentizität. Das ist nicht immer falsch, aber auch nicht ganz unschuldig. Wahrscheinlich war man damals ebenso leicht gelangweilt, überfordert oder beleidigt wie heute. Nur das Topfschlagen hatte den Vorzug, seine Regeln ohne App erklären zu können.

Vor den Regalen

Ein Spielzeuggeschäft war kein gewöhnlicher Laden. Es war eine begehbare Möglichkeitswelt, sorgfältig in Regale, Vitrinen und Preisschilder zerlegt. Die Dinge standen dort zwar zum Verkauf, aber das war aus Kinderperspektive beinahe eine Nebensache. Zunächst waren sie Versprechen: Fahrzeuge, Ritter, Baukästen, Figuren, Modellwelten und Abenteuer in handlichen Schachteln.

Rekonstruiertes Erinnerungsbild: Kinder betrachten Modellpanzer und Fahrzeuge in der Auslage eines Spielzeuggeschäfts
Rekonstruierte Erinnerung an das Spielzeuggeschäft: Modellfahrzeuge in Reih und Glied, mit kleinen Preisschildern versehen – eine nüchterne Warenordnung, aus der der Blick bereits Gelände, Bewegung und ganze Szenen machte.

Der Blick wanderte über die Auslage und hielt sich selten an die Ordnung des Geschäfts. Aus einzelnen Gegenständen entstanden Zusammenhänge: Ein Fahrzeug brauchte eine Straße, ein Ritter eine Burg, eine Figur Gegner, Verbündete und eine Landschaft. Die Phantasie erledigte kostenlos, was heute vermutlich als Erweiterungsset angeboten würde.

Rekonstruiertes Erinnerungsbild: Kinder vor einer großen Vitrine mit historischen Spielfiguren und Reitern
Rekonstruierte Erinnerung an das Spielzeuggeschäft: Reihen von Figuren, Reitern und kleinen historischen Formationen hinter Glas – katalogisiert und doch bereit, im Kopf die Vitrine zu verlassen.

Vor solchen Vitrinen wurde nicht nur ausgewählt. Es wurde verglichen, verworfen, kombiniert und in Gedanken längst gespielt. Der Laden war räumlich begrenzt; die Modelle waren es weniger. Später blieb von dieser Fülle oft nicht der Kauf, sondern die konkrete Nähe der Dinge: Farbe, Maßstab, Verpackung – und schließlich das Gewicht eines Teils in der Hand.

Das Gedächtnis der Finger

Plasticant ist fast vergessen, Fischertechnik weniger, Lego ohnehin nicht. Doch die Erinnerung unterscheidet diese Systeme nicht nur nach Form und Farbe. Sie kennt ihren Steckwiderstand. Plasticant hatte andere Kanten, anderes Gewicht und eine andere Nachgiebigkeit als Lego. Fischertechnik verlangte ein eigenes Griffwissen. Die Hand wusste, wie viel Druck nötig war und wann ein Teil richtig saß.

Rekonstruiertes Erinnerungsbild mit Plasticant, Fischertechnik und Lego auf einem Kindertisch
Rekonstruiertes Erinnerungsbild: Plasticant, Fischertechnik und Lego – Stecksysteme, Oberflächen und Widerstände, die im Gedächtnis der Finger bleiben.

Da waren der Kunststoff, die kleinen Unebenheiten, das Geräusch beim Zusammenstecken und der kurze Widerstand vor dem Einrasten. Manche Teile fühlten sich technisch an, andere fast freundlich. Ein Modell entstand nicht nur vor den Augen. Es wurde ertastet, gedreht, wieder gelöst und mit jener beiläufigen Genauigkeit zusammengesetzt, die Kinder entwickeln, wenn niemand ihre Tätigkeit bereits „Feinmotorik“ nennt.

Über Tasterinnerungen findet man erstaunlich wenig, vielleicht weil sie schwer in Bilder und Sätze zu übersetzen sind. Das Auge kann auf ein Foto zeigen. Die Hand erinnert stumm. Sie bewahrt Bewegungsfolgen, Oberflächen und Kraftverhältnisse, ohne daraus eine Erzählung zu machen.

Ganze Schuljahre können verschwinden. Namen, Unterrichtsstoff und Termine lösen sich auf. Aber die Finger wissen noch, wie ein bestimmtes Bauteil zwischen Daumen und Zeigefinger lag. Das ist keine große Theorie des Gedächtnisses. Es ist nur der hartnäckige Befund, dass Erinnerung manchmal dort am genauesten ist, wo sie am wenigsten sprachlich wurde.

Straßen, die verschwunden sind

Historische London-Aufnahme aus dem bisherigen Zeitmaschine-Bestand
Historische London-Aufnahme aus dem bisherigen Seitenbestand.

Thames Street, London 1968: Halfords, British Home Stores, Busse, Autos, Schaufenster und eine Stadt, die nicht dadurch verschwunden ist, dass ihre Monumente abgerissen wurden. Häufig sind es die Nebensachen, die eine Epoche unzugänglich machen: Ladenketten wechseln, Reklame verschwindet, Straßenmöbel werden ersetzt, Typografie modernisiert sich, Kleidung und Karosserien ändern ihre Silhouette.

Rekonstruiertes Erinnerungsbild einer Londoner Straßenszene um 1968 mit Doppeldeckerbussen und Ladenbeschriftungen
Rekonstruiertes Erinnerungsbild an London 1968: Thames Street, Ladenbeschriftungen, Busse, Autos und die beiläufige Architektur einer verschwundenen Stadt.

Eine alte Stadtansicht wirkt deshalb selten nur wegen ihrer Architektur. Entscheidend ist das Verhältnis der Dinge: der rote Bus neben einem bestimmten Automodell, die Schrift über dem Eingang, die Farbe einer Auslage, ein Briefkasten am Gehweg, Menschen in Mänteln, die damals keine Kostüme waren. Gerade das Beiläufige öffnet die Erinnerung, weil es nie eigens als erinnerungswürdig inszeniert wurde.

Die Rekonstruktion ist kein historisches Beweisstück. Sie versucht, jene visuelle Dichte zurückzuholen, in der sich eine Erinnerung bewegt. Das echte alte Bild bleibt daneben wichtig: als Widerstand gegen die allzu gefällige Nachbildung und als Hinweis darauf, dass Vergangenheit immer mehr Details besaß, als man behalten konnte. Mehr von den alten Reisen →

Ohne Maschine

Eine Zeitmaschine braucht möglicherweise keinen Apparat. Manchmal reichen eine alte Schulfassade, eine Buchillustration, ein Stück Kunststoff, ein verschwundener Ladenname oder eine Straße, die heute anders aussieht. Die Zeit kehrt dabei nicht vollständig zurück. Sie bleibt nur für einen Moment wieder an den Dingen kleben.