Positionsbestimmung
Psychologie ohne Seeleninventur
Psychologie interessiert dort, wo sie ihre eigene Gewissheit verliert. Solange sie nur erklärt, was der Mensch „eigentlich“ will, liefert sie eine nachträgliche Gebrauchsanweisung für ein Gerät, dessen Konstruktion sie selbst voraussetzt. Trieb, Charakter, Gen, Milieu, Erziehung: Jedes dieser Wörter kann etwas sichtbar machen. Sobald eines von ihnen das letzte Wort beansprucht, wird aus Beobachtung Verwaltung. Der Fall ist abgeschlossen, die Akte geheftet, die Seele inventarisiert.
Der Mensch ist weder die Summe seiner Triebe noch das berechenbare Resultat von Genen, Umwelt und Elternhaus. Er ist nicht ursachenlos; nur sind seine Ursachen selten so höflich, einzeln aufzutreten. Biologie, soziale Zuschreibung, Sprache, Körper, Erinnerung und Situation greifen ineinander. Was später als konsequenter Lebenslauf erscheint, war in der Gegenwart meist ein unübersichtliches Gemenge aus Gelegenheit, Zwang, Missverständnis und Einfall. Die Psychologie neigt dazu, diesem Gemenge einen Generalbass unterzulegen. Dann klingt selbst der Zufall wie ein Motiv.
Erinnerung ist dabei kein inneres Archiv, in dem die Vergangenheit nur auf den richtigen Archivar wartet. Sie wird erzählt, gekürzt, umgestellt und durch die Erinnerungen anderer korrigiert. Wir bewahren nicht einfach, was war; wir erzeugen Fassungen dessen, mit dem wir weiterleben können. Werbung kann sich in autobiografische Erinnerung einschreiben, Fotografien können Erlebnisse ersetzen, Familiengeschichten glätten Brüche zu Herkunft. Die alte Sehnsucht nach der Zeitmaschine ist deshalb doppeldeutig: Man möchte zurück, aber bitte nicht in eine Vergangenheit, die der eigenen Version widerspricht.
Identität ist die provisorische Autorisierung solcher Fassungen. Sie entsteht aus dem Körper, den andere sehen, den Namen, die sie geben, den Sätzen, die man über sich wiederholt, und den Lücken, die in diesen Sätzen nicht vorkommen dürfen. Selbsterkenntnis ist daher kein Blick in einen besonders sauberen Spiegel. Vielleicht beginnt Identität tatsächlich dort, wo man sich wiederholt. Das macht sie nicht falsch, aber auch nicht zur Offenbarung eines verborgenen wahren Selbst.
Auch Angst besitzt keine rein private Adresse. Medien und Politik ordnen Bedrohungen, geben ihnen Gesichter, Rhythmen und Dringlichkeiten. Aus Gefahr wird eine Semantik: Cyberfront, Kriminalität, Feind, Ansteckung, Niedergang. Angst kann berechtigt sein und dennoch organisiert werden. Gerade die berechtigte Angst eignet sich zur politischen Bewirtschaftung, weil Widerspruch leicht wie Leichtsinn aussieht. Projektion erledigt den Rest. Was eine Gesellschaft an sich selbst nicht ertragen will, entdeckt sie mit bemerkenswerter Deutlichkeit beim Gegner.
Psychoanalytische Figuren können diese Verschiebungen erhellen; sie können sie ebenso elegant erfinden. Wer jede Äußerung als Symptom liest, gewinnt immer und erfährt wenig. Die politische Exkommunikation des Gegners bietet dafür ein dankbares Theater: Seine Motive gelten als entlarvt, die eigenen als prinzipiell lauter. Freund-Feind-Denken ist nicht nur eine politische Entscheidung, sondern eine Maschine zur moralischen Selbstentlastung. Der Antisemitismus zeigt in seiner extremsten Form, wie Wahn, Zuschreibung und gesellschaftliche Macht sich gegenseitig stabilisieren.
Begehren wiederum wartet nicht unschuldig im Innern, bis Werbung es entdeckt. Werbung adressiert Wünsche und produziert die Sprache, in der sie sich erkennen sollen. Das Produkt verspricht keine Sache, sondern eine kleine Biografie: Freiheit, Jugend, Zugehörigkeit, erotische Verfügbarkeit. Konsum ist damit weniger die Erfüllung vorhandener Bedürfnisse als ein fortlaufender Unterricht darin, was noch fehlen könnte. Die Pointe der Manipulation besteht nicht darin, dass Menschen willenlos werden. Sie sollen sich gerade als besonders selbstbestimmt erleben.
Sexualität, Scham und moralische Erregung folgen einer ähnlichen Choreografie. Öffentliche Empörung spricht gern im Namen des Schutzes und verrät dabei, wie lustvoll sie ihren Gegenstand fixiert. Pornografie wird zum Projektionsschirm, Moral zum sozial verträglichen Voyeurismus. Auch das Familienritual kennt diese doppelte Buchführung: Weihnachten soll Nähe garantieren und erhöht gerade dadurch Erwartungsdruck, Kränkung und Eskalationsbereitschaft. Wo Harmonie vorgeschrieben wird, wird Abweichung zur Diagnose.
Aufmerksamkeit ist die knappe Währung dieser Anordnungen. Was nicht wahrgenommen wird, bleibt psychisch und politisch beinahe folgenlos; was unablässig wiederkehrt, gewinnt den Anschein objektiver Bedeutung. Das Aufmerksamkeitsspektakel liefert daher nicht nur Themen, sondern auch Gefühlslagen. Empörung, Mitleid und Furcht werden in sendefähige Intervalle gebracht. Der Einzelne hält seine Reaktion weiterhin für spontan, obwohl ihr Gegenstand, Tempo und Vokabular längst eingerichtet sind. Medienpsychologie beginnt an dieser Nahtstelle zwischen eigener Regung und fremder Regie.
Auch Aggression wird missverstanden, wenn man sie wie einen isolierbaren Stoff behandelt, der in bestimmten Menschen in zu hoher Dosis vorkommt. Zwischen Impuls und Tat liegen Situationen, Rollen, verfügbare Bilder des Handelns und gesellschaftliche Erlaubnisse. Das entschuldigt nichts; es verhindert nur, Erklärung mit moralischer Entlastung oder Verurteilung mit Erkenntnis zu verwechseln. Die schnelle Diagnose beruhigt vor allem die Diagnostiker. Sie lokalisiert das Böse zuverlässig dort, wo sie selbst nicht stehen.
Psychologische Erklärungen können aufklären, wenn sie ihre Reichweite mitdenken. Sie können normieren, sobald sie Abweichung in Pathologie übersetzen und aus Beschreibungen heimliche Sollwerte machen. Aufmerksamkeit, Apathie, Aggression oder Zynismus sind keine Dinge, die fertig im Menschen liegen. Sie sind Formen, in denen Individuen auf soziale Anforderungen reagieren, sich schützen, beteiligen oder entziehen. Selbst Apathie kann eine hochaktive Distanzleistung sein.
Die Aufgabe einer skeptischen Psychologie wäre daher nicht, hinter jeder Handlung den einen wahren Sinn aufzuspüren. Psychologen sind Sinnsucher; gerade deshalb sollten sie dem gefundenen Sinn misstrauen. Interessanter sind die Formen, in denen Menschen Motive, Ängste, Wünsche und Erinnerungen ordnen – und die Institutionen, Bilder und Erzählungen, die ihnen dabei behilflich sind. Verstehen heißt dann nicht, den Menschen endgültig zu entziffern. Es heißt, die Bedingungen seiner Lesbarkeit offenzulegen und die Stellen freizuhalten, an denen er der eindeutigen Geschichte entkommt.

Erinnerung und Selbstkonstruktion
Vergangenheit in nachträglicher Bearbeitung
Zeitmaschine
Erinnerung erzeugt Personen, glättet Brüche und gerät mit fremden Rekonstruktionen in Konflikt.
Zur Themenseite →Biografische Erinnerungen
Familiengeschichte, Bilder und die Materialien, aus denen Herkunft erzählt wird.
Zum Archivzugang →Total recall – oder: Alle reden von Werbung, wir auch!
09.09.2001. Wie Werbeanzeigen autobiografische Erinnerungen verändern und Vergangenheit nachträglich konsumierbar machen.
Externer Telepolis-Link ↗PALM // PALM
Zwei Fassungen desselben Autors streiten über die Kontinuität von Erinnerung und Ich.
Zum Signaturtext →
Angst, Aggression und Projektion
Die gesellschaftliche Organisation des Inneren
Zur Psychopathologie der amerikanischen Cyberangst
29.07.2001. Angst erhält an der „Cyberfront“ politische Richtung, mediale Bilder und einen Gegner.
Externer Telepolis-Link ↗Auf der Suche nach dem „Krimino-Gen“
04.08.2002. Eine Kritik der monokausalen Kopplung von Genen, Umwelt und Gewalt.
Externer Telepolis-Link ↗Zum Bündnis gegen Gewalt
04.05.2002. Politische Reaktionen auf Amok und der Wunsch, komplexe Gewalt eindeutig zu benennen.
Externer Telepolis-Link ↗Zur politischen Exkommunikation eines christlichen Fundamentalisten
13.11.2003. Projektion, Ausschluss und psychoanalytische Deutungsmuster im politischen Streit.
Externer Telepolis-Link ↗
Begehren, Werbung und Sexualität
Wünsche unter öffentlicher Regie
Coke vobiscum
09.06.2002. Werbung, Konsum und die symbolische Aufladung alltäglicher Wünsche.
Externer Telepolis-Link ↗La Grande Nation gegen die Pornokratie
17.08.2002. Sexualität, Scham, moralische Erregung und die Lust an öffentlicher Projektion.
Externer Telepolis-Link ↗Showdown unterm Tannenbaum
24.12.2002. Familie, Ritual, Erwartungsdruck und die psychische Eskalation verordneter Harmonie.
Externer Telepolis-Link ↗Gewalt und Medien
Mediale Bilder zwischen Aufmerksamkeit, Erregung und gesellschaftlicher Deutung.
Zum eigenen Text →Literatur als Psychologie
Figuren wissen nicht, dass sie Fälle sind
Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten
Täterperspektive, literarische Zumutung und die „Verbrecherseele“ als Erklärungsversprechen.
Zur Lektüre →Thomas Pynchon
Paranoia, Zeichenjagd und die Versuchung, jedem Zufall einen verborgenen Zusammenhang zu geben.
Zur Lektüre →Personen, Masken, Konstruktionen
Porträt und Rolle als Verfahren der Fremd- und Selbstzuschreibung.
Zu den Personen →Literatur
Erzählungen als Versuchsanordnungen für Motive, Erinnerung und widersprüchliche Identitäten.
Zu den Essays →
Kleine Psychologien
Elf Aphorismen
Psychologen. Psychoverlogen.
Memory. Die Erinnerung ist nur ein vergebliches Aufbäumen gegen die Verlaufsformen der Zeit. Jede Suche nach der verlorenen Zeit endet in einer Konstruktion einer nie existierenden Zeit.
Selbsterkenntnis. Ich beginne mich zu wiederholen, also habe ich doch eine Identität.
Persönlichkeit. Starrheitssyndrom. Eine multiple Persönlichkeit, selbstbeherrscht und selbstsicher, ja das wollen wir. Jeden Tag als neue Persönlichkeit mit alten Erfahrungen - geht das?
Beobachtungsmodus. Er beobachtete viel, aber versagte sich jede große Form. Wie viele Wahrnehmungen werden eindimensional, wenn sie sich dem jeweiligen Generalbaß einer Theorie unterordnen. Gerechtigkeit gegenüber den Phänomenen: sie nicht verstehen zu wollen.
Apathie. Was ist Apathie? Apathie ist das Medium der modernen Existenz, eine Schutzhaltung gegen den sozialen Differenzierungsdruck. Apathie heißt die Fühlung mit dem Leben an ein Distanzsystem abtreten. Der Stoizismus hat die Reaktion auf Outburn-Effekte schon früh beschrieben. Altrömische Zustände. Apathie heißt Beteiligung ohne innere Teilnahme. Apathie als Ruhepolster oder moderne Überlegenheit.
Zynismus. Enttäuschte Lebensfreude. Aber selbst der Zyniker hofft noch auf Enttäuschung.
Ennui. Ästhetische Müdigkeit.
Freude. Kurzes Vergessen.
Schwäche. Liebe ist eine Schwäche - freilich die stärkste.
Warten. Harre der eisigen Dinge, die irgendwann erscheinen. Gleichwohl ist Warten nicht das halbe Leben. Wer wartet, hat noch keine präsentische Lebensweise gefunden.
Weitere psychologische Texte
Historische Archivwege
- Telepolis-Archiv: vollständige historische Übersicht
- Datiertes Telepolis-Verzeichnis
- Die Mutter aller Aufmerksamkeitsschlachten, 04.04.2003 – Medienkrieg als Steuerung der Wahrnehmung
- Wahrheitsfindung und Aufmerksamkeitsspektakel, 25.01.2001 – Recht, Medien und inszenierte Aufmerksamkeit
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