Kunst

Klärwerk III - Künstlergruppe - Klaerwerk III - Bonn Goedart Palm

Kunstbetrachtungen, Bilder und Projekte.

Zur Historie einer Supergruppe der Bildenden Kunst

Klärwerk III war und ist eine Künstlergruppe, wobei schon das Wort „Gruppe“ mehr Geschlossenheit verspricht, als Künstler gewöhnlich über längere Zeit aufbringen. Alfred Kerger, Goedart Palm und Karl-Heinz Wolff verband kein einheitlicher Stil. Sie teilten einen Namen, gemeinsame Auftritte, Ausstellungen und die produktive Vermutung, zusammen könne man anders sichtbar werden als allein.

Der alte Vergleich mit Cream bleibt deshalb treffend und erfreulich unbescheiden. Auch eine Supergroup entsteht aus Einzelprotagonisten, die bereits eigene Stimmen besitzen, gemeinsam ein Repertoire suchen und dabei natürlich nicht aufhören, sich selbst zu suchen. Von Cream kann man alte Schallplatten erwerben. Klärwerk bot autonome Kunst an – unvermittelt, mitunter unvermittelbar und jedenfalls nicht so bequem abspielbar.

Künstlergruppen ähneln Rockbands: Sie brauchen einen Namen, gemeinsame Auftritte und ein Bild, auf dem alle für einen kurzen Moment so aussehen, als hätten sie denselben Plan. Es gibt Gastauftritte, Personalwechsel, Solokarrieren, interne Legenden und irgendwann die Frage nach Reunion oder Alterswerk. Später macht die Erinnerung aus wechselnden Besetzungen gern eine klassische Formation.

Warum Künstler Gruppen bilden

Eine Künstlergruppe produziert nicht nur Kunst, sondern auch Bilder ihrer Zusammengehörigkeit. Schon das Gruppenfoto ist ein kleines Manifest: Wir gehören zusammen, selbst wenn unsere Arbeiten widersprechen. Die Brücke machte aus dem gemeinsamen Namen ein Versprechen des Aufbruchs. Dada verwandelte schon die Zusammenkunft in ein Ereignis. Die Surrealisten inszenierten Nähe, Hierarchie und Ausschluss gleich mit, während Fluxus zeigte, dass eine Gruppe auch eher aus Handlungen, Begegnungen und wechselnden Beteiligten als aus einem gemeinsamen Stil bestehen kann.

Solche Vergleiche machen Klärwerk nicht zur Bonner Ausgabe einer kanonischen Avantgarde. Sie zeigen nur, dass die Mechanik auch im kleineren Maßstab funktioniert: Name, gemeinsamer Auftritt, gegenseitige Verstärkung, Distanz zum Kunstbetrieb und ein wenig Mythologie. Kunstgeschichte liebt im Nachhinein feste Bewegungen. Das wirkliche Gruppenleben bleibt meist beweglicher und komischer.

Der Name ist dabei bereits eine Form der Selbstinszenierung. „Klärwerk III“ klingt nach Institution, technischer Anlage und Fortsetzung, obwohl die Teile I und II offenbar der Fantasie des Publikums überlassen blieben. Die Gruppe besaß damit von Anfang an etwas, das der Kunstbetrieb schätzt: Wiedererkennbarkeit. Dass sie diese zugleich ironisierte, machte die Sache nicht weniger wirksam.

Gruppen können Unterschiede sichtbar bündeln, ohne sie aufzulösen. Eine gemeinsame Ausstellung ist kein Beweis ästhetischer Einheit. Sie ist ein zeitweiliger Präsentations- und Handlungsraum, in dem verschiedene Arbeiten aufeinander, auf den Ort und auf ein Publikum reagieren.

Klärwerk III in einer Darstellung aus dem ursprünglichen Clearwork-Bestand
Klärwerk III – Bild aus dem ursprünglichen Clearwork-Bestand.

Wir sitzen hier und können auch anders

An sonnigen Samstagnachmittagen suchte Klärwerk nach Konzepten, die Welt und Menschen verändert hätten, wenn sie denn je gefunden worden wären. Das war die Zeit, in der Künstlergruppen noch als Vision von Stärke und politischem Zusammenschluss plausibel erschienen. Relevant über Gott und Gesellschaft zu sprechen war schwierig; von den Zeitläuften überholt zu werden dagegen ausgesprochen einfach.

Klärwerk war lokal und global ungefähr in demselben ironischen Sinn, in dem eine Rockband aus einem Proberaum heraus Weltgeltung beansprucht. Bonn lieferte Räume, Widerstände, Publikum und Anwendungsfälle. Eine besondere Liebesbeziehung zur Stadt entstand daraus nicht. Städte schielen auf internationale Anerkennung und gewinnen aus toten Berühmtheiten meist verlässlichere Rendite als aus lebenden Initiativen. Gerade diese lokale Reibung gehörte jedoch zur Arbeit.

Das Verhältnis zum Kunstbetrieb blieb entsprechend doppeldeutig: Man wollte gesehen werden und misstraute den Instanzen, die Sichtbarkeit verwalten. Klärwerk erschien gern dann, wenn niemand damit rechnete – und, seien wir ehrlich, meist rechnete niemand damit. Dass die Gruppe über Jahrzehnte eine provokative Apokryphe des Kulturbetriebs blieb, lässt sich als Ausdauer lesen. Oder als Beleg dafür, dass ein gutes Ende immer wieder verschoben werden kann.

Signet von Klärwerk III aus dem ursprünglichen Clearwork-Bestand
Das Klärwerk-III-Signet: Ein Gruppenname wird zur Marke – und zur eigenen kleinen Institution.

Gastkünstler und Personalwechsel

Klärwerk kannte personelle Wechsel und zahlreiche Gastkünstler. Das macht die Gruppengeschichte nicht unklarer, sondern gruppentypisch. Auch Bands leben von der Spannung zwischen klassischer Besetzung und wechselnden Verstärkungen. Die Solisten bleiben erkennbar, doch der gemeinsame Name erzeugt eine zusätzliche Figur, die keinem Einzelnen ganz gehört.

Gastkünstler machten die Gruppe nicht bloß größer, sondern veränderten für eine Ausstellung oder ein Projekt ihre innere Balance. Wie bei einer musikalischen Besetzung entsteht der gemeinsame Klang nicht dadurch, dass alle dasselbe spielen. Er entsteht aus Unterschieden, Reaktionen und der zeitweiligen Bereitschaft, unter einem gemeinsamen Namen aufzutreten.

Ausstellung Künstlerfreunde im Haus an der Redoute aus dem ursprünglichen Clearwork-Bestand
Künstlerfreunde im Haus an der Redoute – gemeinsamer Auftritt und wechselnde Verstärkung.

Im alten Clearwork-Text drohten die personellen Verzweigungen bereits Proust’sche Ausmaße anzunehmen. Das war nicht nur ein Scherz. Gruppen erinnern sich gern in Stammbesetzungen, obwohl ihre tatsächliche Arbeit häufig von Gästen, Kooperationen, Abwesenheiten und Wiederbegegnungen geprägt wird. Gerade darin liegt ihre Beweglichkeit.

Klärwerk III in einer weiteren Darstellung aus dem ursprünglichen Clearwork-Bestand
Klärwerk III – weiteres Bild aus dem ursprünglichen Seitenbestand.

Kult mit Tradition

Eine Künstlergruppe ist Werkstatt, Bühne und Erzählung über sich selbst. Sie lebt von gemeinsamen Auftritten, aber auch von der späteren Mythologisierung dieser Auftritte. Lockere Beziehungen werden zu Bewegungen, zufällige Fotos zu Ikonen und vorläufige Besetzungen zur klassischen Formation. Klärwerk kann diesen Mechanismus heute betrachten und zugleich ironisieren.

Das Alterswerk beginnt bekanntlich dann, wenn die anderen anfangen, rückblickend Ordnung zu schaffen. Klärwerk hält dagegen an einer gewissen Unordnung fest. Die Museen, die zu spät kommen, bestraft weiterhin der Auktionator. Und die Kunstgeschichte erhält vorsorglich den alten Seitenbestand, in dem Selbstbeschreibung und Selbstironie kaum voneinander zu trennen sind.

Blumenkreuz kreuzt Aschenkreuz gehört als öffentlicher Auftritt zu dieser Geschichte; die ausführliche Dokumentation steht auf der Theaterseite.

Künstlergruppen verschwinden oder verändern ihre Besetzung. Bilder bleiben und behaupten rückwirkend Zusammengehörigkeit. Vielleicht sind die nachträglichen Gäste deshalb weniger Geschichtsfälschung als Kommentar auf die erstaunliche Karriere des Gruppenfotos.

Klärwerk III – weiter im Archiv