Philosophie · Gesellschaft

Denkbilder und Zeitdiagnosen

Philosophische und gesellschaftliche Miniaturen

Ausgewählte Texte aus dem Webdiarium, entstanden zwischen 2008 und 2016. Die ursprünglichen Fassungen und ihre Datierung bleiben erhalten.

Inhaltsübersicht · 26 Texte
  1. Humanität und andere Belanglosigkeiten
  2. Intuition und Erkenntnisarmut
  3. Der Einbruch der Schriftkultur
  4. Materialismus und Gefühl - Paul Henri Thiry Baron d'Holbach
  5. Kistenweise Adorno
  6. Theodizee und Busfahrplan
  7. Wirtschaftswirrschaften
  8. Geisteswissenschaften und Notwendigkeit
  9. Ulrich Sonnemann - ein Minirequiem
  10. Die Penetranz des Igels
  11. conditio humana - Madagascar 2
  12. Wärmetod der Information
  13. Eine westöstliche Geschichte des Blicks
  14. Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit
  15. Notiz: Zum "Wesen" der Dinge - Phänomenologie updated
  16. Casanova vs. Kant
  17. Ideal und Ideologie
  18. Im Reich der Körnerbrötchen
  19. Parfüm und Moral
  20. Schicksalsentsorgung
  21. Vorsicht, letzte Menschen!
  22. Satire als Heldentum
  23. Shortcut zur Logik des Terrors
  24. Wie werde ich Individualist?
  25. Recht und Macht
  26. Wider den Untergang

Humanität und andere Belanglosigkeiten

Humanität gilt als höchster Wert. Humanität ist eine apologetische Keule ohne Vergleich, selbst in einer Welt, die großzügig Werte reklamiert, wenn sie nicht zu teuer erscheinen. Der Irak-Krieg wie viele "gerechten Kriege" haben diese Begrifflichkeit in überreichem Maße gespendet wie ausgebeutet. Bushs Humanitätspolitik beinhaltete in nuce die Feststellung, "auch wenn wir keine Anlässe haben", so salviert unsere länderübergreifende Humanität doch (fast) jede Vorgehensweise, im Paradox des Krieges: also auch die inhumane. Simbabwe demonstriert nun, wie belanglos dieses Argumentationschema ist. Wenn "Humanität" nur noch als strategische Vokabel gilt, gilt sie gar nichts mehr. Simbabwe löst keine internationale Aktion aus, Humanität ist hier nicht opportun, die öffentliche Erregung verwandelt sich nicht in entschiedene Politik. Insofern scheitert die Staatengemeinschaft in Simbabwe mehr noch, als sie in solchen Ländern scheitert, die nicht mit Humanitätsschlägen auf den rechten Weg der fremden Tugend gebracht werden. Simbabwe desavouiert den politischen Diskurs der Humanität und erweist ihn als das, was er schon immer war: Wenn wir ihn brauchen, haben wir ihn, aber ob wir ihn brauchen, darüber entscheidet nicht die Differenz von Humanität/Inhumanität: Opportunität ist ein Wert, der sich vor jede Humanität schieben kann.

Original im Webdiarium

Intuition und Erkenntnisarmut

Wer sich auf seine Intuition verlässt, kann in fortgeschrittenerem Alter erkennen, ob diese Erkenntnisquelle zuverlässig ist. So kann man die richtigen Menschen wählen, geschickte kaufmännische Optionen treffen, Gefahren und Unbill vermeiden. Intuition ist eine Art des Denkens und wer gut denkt, hat gute Intuitionen. Doch viele Menschen verlassen sich auf Intuitionen, die sie nur deshalb als richtig ansehen können, weil sie ihre Wirklichkeit gegen den Strich bürsten: "Ich habe richtig gehandelt, die Anderen sind Ignoranten" - "Hätte ich nicht so gehandelt, wäre ich Katastrophen erlegen, die andere weggefegt haben" - "Ich kann mich auf mich verlassen, was bereits der Umstand anzeigt, dass ich noch lebe". Diese Art von self fulfilling principle schenkt Intuitionen Glauben, die andere verworfen hätten - denn Andere sind offensichtlich anderen Intuitionen gefolgt. Das Plädoyer gegen die Intuition, wenn die Entfernung von Zielen nur über Interpretationen zu leisten ist, muss jedem Entscheidungstheoretiker in die Augen springen. Kontrafaktisch in Bezug auf die eigenen Intuitionen zu handeln ist der wahre Weg zum Erfolg. Das Entscheidungsdilemman liegt auf der Hand: Benötigt man Intuitionen, um sich vor Intuitionen zu schützen. Wie immer bei Paradoxen gibt es keinen masterplan, sie aufzulösen. Man muss Intuitionstypen antesten, sich auf antiintuitive Pläne einlassen etc. Mit einem Wort: Berater und Beratungstypen variieren.

Original im Webdiarium

Der Einbruch der Schriftkultur

Wenn die Zahl der Auslassungen und Rechtschreibfehler wächst, nehmen wir das als Zeichen der Zeit. Heute schreibt mir eine, die "Känzelung" dieser Absicht sei dann und dann erfolgt. "Känzelung" ist ein Wort gewordenes Ungetüm, das schlimmste Schmerzen schon bei oberflächlicher Berührung auslösen müsste. Doch diese Schmerzen werden seltener, bald schon werden wir völlig schmerzlos falsch schreiben und unsere Kommunikationsmoral jedenfalls nicht in der Orthografie suchen. Manches Komma wird den Freitod wählen. Vielleicht gibt es dann eine Bewegung für den Schutz ungeborener Satzzeichen...

Original im Webdiarium

Materialismus und Gefühl - Paul Henri Thiry Baron d'Holbach

Liest man das Système de la nature (1770) von Paul Henri Thiry Baron d'Holbach und vergleicht das mit Manon Lescaut oder ähnlich emotional aufgeladenen Werken, wird in der Beschreibung der Gefühle schnell klar, dass jedenfalls auf einer semantischen Ebene der blanke Materialismus herrscht. Das Gefühl lässt sich nicht ausdrücken, also wird es semantisch als Gefühl gekennzeichnet. Es ist durchaus verständlich, warum das funktioniert: Wir verbinden mit dem Begriff eines Gefühls so viele Projektionen, dass der Autor schon gewonnen hat.

Original im Webdiarium

Kistenweise Adorno

Gerade verirre ich mich auf den Suhrkamp-Seiten, kistenweise Adorno. Das mag löblich sein, aber partout will mir das Bild des heutigen Adorno-Lesers nicht erscheinen. Wer um vieles in der Welt liest noch Adorno, so wenig wir den Autor unisono in den Hades der Bedeutungslosigkeit zu versenken wagten. Von einigen moralischen essentials, die wohl auch ihm in das Zentrum seiner Betrachtungen rückten, abgesehen - was bleibt an "anschlussfähiger" Philosophie übrig? Theodor W. Adorno hätte diesen Terminus sicher gehasst, aber das reicht eben längst nicht aus, sich diesem Anspruch zu entziehen. Wer nicht mehr "geschaltet" wird, existiert nicht.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Theodizee und Busfahrplan

Ich benötige nicht erst das Erdbeben von Lissabon, um die Theodizee erschüttern zu lassen - mir reicht bereits der Busfahrplan, das ewige Warten und die Beliebigkeit der Ankunft des "Herrn". Mit anderen Worten: Wir müssen in der Weltkonstruktion nicht suchen, um Fehler zu finden. Gleich viel, ob Natur oder Faktur, die Bedingtheiten drängen sich so nachhaltig auf, dass jede Form der Verehrung ihr schnelles Ende finden müsste - wenn nicht die Selbstbetrugsbefähigung von Menschen so stark evolutionär abgesichert wäre.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Wirtschaftswirrschaften

Weinte ich bittere Zähren, nicht die Wirtschaftswissenschaften studiert zu haben, hätte ich doch wenigstens den ökonomischen Lauf der Dinge verstanden, das Wesen der kapitalistischen Zeitläufte etc. Nun bin ich geheilt: Betrachte ich eben diese Zeitläufte und dann die Synopse der Aussagen der Wissenschaft, weiß ich, es gibt keine "Wissenschaft", es gibt nur Hypothesen. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Prognostik auch nur im Ansatz funktioniert, also eine weitere "Wissenschaft", die uns über ihre Gesetze täuscht, ja fingiert, es gäbe Gesetze. Selbst wenn wir Humes Problem zurückstellen,verlieren wir den Glauben, dass wir uns hier auf kleinsten Flecken festen Bodens bewegen. Auch die Wirtschaftswissenschaften sind windelweich...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Geisteswissenschaften und Notwendigkeit

Die Frage, was denn Geisteswissenschaften seien, ist schwer zu beantworten, wollen wir weder der Mathematik den Geist absprechen noch behaupten, dass Philologie durch Geist nun exakt bezeichnet wäre. Geisteswissenschaften ist eine schwach definierte Kategorie. Haben wir uns damit abgefunden, konstatieren wir, dass Geisteswissenschaften im eigentlichen Sinne nicht gebraucht werden, sondern Moment einer Kultur ist, die viele wenig explizite Gehalte mit sich führt, um ihren Grad an Kultivierung zu erreichen. Wir reden also von Differenzen, die für gesellschaftliche Selbstbetrachtungen förderlich sein dürften, doch welche Notwendigkeit in ihnen liegt, vermag keiner zu beantworten - wenn doch Notwendigkeit gerade das Abgestoßene der Geisteswissenschaften ist.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Ulrich Sonnemann - ein Minirequiem

Wer liest heute noch Ulrich Sonnenmann? Ich. Allerdings weiß ich nicht immer so genau warum. Denn Sonnemann ist prätentiös und sperrig bis an die Grenze des Erträglichen und mitunter auch darüber hinaus. Einige seiner Einfälle lesen sich mit einem satirischen Empfängerhorizont leichter. In seiner Biografie ist vermerkt, dass er wohl tatsächlich mal in einem Satiremagazin geschrieben haben soll. Was mich am stärksten ennerviert, ist die aufdringliche bis aufdrängende Nähe zu Adorno, dessen Stilmagnetismus er mitunter bedingungslos gegenüber kapituliert. Nun ist es mehr als der Stil Adornos, der ihn affiziert. Es gibt Gedankenwerke als Versatzstücke, oft nur ein einfacher Grammatikalismus, der instantanes Denken ermöglicht. Dialektik hatte schon immer das Problem, dem eigenen Mechanismus zu erliegen, auch wenn sie sich negativ geriert. In diesen Missliebigkeiten dann aber schöne und originelle Ideen, man muss die Attitüde jener Tage abziehen, zumindest die Stilselbstverliebtheiten, um einige Essenzen zu destillieren. Eine große Rezeption ist nicht mehr zu erwarten,aber vergessen wollen wir Ulrich Sonnenmann nicht.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Die Penetranz des Igels

Eleganz oder Penetranz - immer mehr verliert der Roman sein Selbstverständnis. Er pumpt sich auf mit Wissenspartikeln aus allen möglichen Bereichen, wird immer fetter und implodiert schließlich im Nichts. Längst soll das nicht besagen, dass wir hier nur den Ausverkauf von Trivialitäten erleben, obschon diese Grenzgänge zur Schlampigkeit verführen. Man verlässt eine Disziplin auch dadurch, dass man disziplinlos wird. Die "Eleganz des Igels" gehört in diese mehr oder minder stolze Reihe, in der sich z. B. Bouvard und Pecuchet, der Zauberberg, aber auch Sophies Welt befinden. Grenzgänge und Hintereingänge sind legitime Zugangsweisen und -wege. Gleichzeitig erleben wir aber eine mutuelle Mangelverwaltung, der Roman stützt die Not leidende Philosophie und umgekehrt.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

conditio humana - Madagascar 2

Sicher ist es nicht paradox, in einem Tierfilm nach menschlichen und sozialen Eigenschaften zu fahnden, so wie uns Fabeln just diesen Trick vorführen. Das fabulöse Tier ist eindeutiger in seinen menschlichen Eigenschaften, weil wir hier entdifferenzieren dürfen, um den Kern menschlicher Verhaltensweisen, Liebe, Hass, Gier, Dummheit etc., zu begreifen. Insofern ist der tierische, also in der Fabellogik: menschliche Verhaltenskomplex von einiger Logik, allein die Frage, wie das Groteske eingeordnet werden kann, bleibt bestehen. Das Popcorn-Kino in seinen abstrusen Überschüssen ist leicht wahrzunehmen, aber was fasziniert hier eigentlich? Hinter den emotionalen Grundfiguren verbergen sich bizarre Varianten, die das abundante Geschenk gegenüber evolutionären Aufdringlichkeiten feiern. "Madagascar 2" ist ein kleines Epos, das unter Beweis stellt, dass die Interpretation keine großen Anlässe benötigt, um auf "ewige Wahrheiten" zu stoßen. Etc.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Wärmetod der Information

Das Gerede von der Informationsgesellschaft ist so antiquiert wie falsch, die Rede vom Web 2.0 ist eine euphemistische Nebenerzählung. Die eigentliche Zäsur wird der Wärmetod der Information sein, niemand interessiert sich für irgendwas, was jenseits seiner interaktiven Reichweite liegt. Gewiss, das ist nicht leicht zu definieren, aber ebenso ist es grotesk, welche Informationen uns Aufmerksamkeit abverlangen, während wir längst wissen, dass wir jenseits dieser Erfahrung keinerlei Effekte verbuchen. Die politische Aufmerksamkeitsgesellschaft ist aber eine Fiktion der Mainstream-Parteiprogramme, die immer noch zu erfolgreich suggerieren, von der Aufklärung führe ein Weg zu politischen Partizipation und das - eine logische Sekunde später - verbessere die gesellschaftliche Konfiguration. Der Mechanismus ist viel komplexer, aber das zu wissen, würde die Partizpanden zu sehr verunsichern, als dass man es ihnen so ungeschönt vermitteln könnte.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Eine westöstliche Geschichte des Blicks

Diese Geschichte unterstellt die Möglichkeit des Zusammenschreibens von divergenten Positionen. "Westöstlich"? Prätendiert das nicht eine dritte Geschichte des Blicks, gleichsam des "Überblicks", die dann nach ihrer eigenen Position befragt werden muss. Wie also ist eine Geschichte der Perspektive von Perspektive versus Lichtstrahlen überhaupt möglich? Im Grunde könnte die Antwort auf Hans Beltings Geschichte nur eine östlichwestliche Geschichte des Blicks sein, wenn nicht der Verdacht aufkäme, dass bereits diese Metaperspektive eine typisch westliche Beobachterposition ist. Insofern ist die Geschichte der Perspektive also längst nicht zuende geschrieben, so wenig die Perspektive als Erklärung ausreicht, jedes Medium mit einem Monitor in eine Blickachse mit der italienischen Renaissance zu stellen...demnächst mehr.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit

Das war keiner Theorie der Öffentlichkeit geläufig: Jeder darf ungehindert reden, so viel er/sie will und diese Freiheit demontiert als unendliche Ressource gewährt die öffentliche Meinung, ja mehr die Meinungsfreiheit selbst. Stell´ Dir vor, alle reden und keiner hört mehr zu. Unser Stichwort: Die Meinungsfreiheit durch die Vielzahl der Meinungen liquidieren.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Notiz: Zum "Wesen" der Dinge - Phänomenologie updated

Nur wenn man die symbolischen Werte der Dinge jenseits ihres Gebrauchs- und Tauschwerts kennt, nähert man sich dem, was früher als das "Wesen" bezeichnet worden wäre. Symbolische Werte erschließen sich nur dem Beobachter, der die Dinge nicht braucht, sondern ihren Gebrauch nur allgemein imaginiert, also von sich selbst im Zugriff auf die Dinge abstrahiert. Menschen begeistern sich für Funktionen, die weit entfernt von ihren eigenen Lebenszusammenhängen nur virtuell existieren. So werden Dinge wichtig, die wir zuvor nie wahrgenommen haben, weil sie in unseren zweckrationalen Zusammenhängen keine Bedeutung besaßen. Für diese Wahrnehmung benötigt man viel Lebenszeit.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Casanova vs. Kant

Wenn man aus den wirklich spannenden und historisch eminent wichtigen Detailaufnahmen einen Rückschluss auf Casanova ziehen möchte, wird schnell klar, dass die Instrumentalisierung anderer Menschen bei ihm im Mittelpunkt seiner Vorgehensweisen steht. Er handelt stets so, dass der andere immer auch Mittel seiner jeweiligen Ziele ist. So steht er gegen Kants Maxime. Hier erweist sich aber, dass die moralische Frage damit längst nicht zum Nachteil Casanovas entschieden ist. Denn Casanovas Gaunereien erscheinen verzeihlich. Er ist ein mehr oder weniger weltmännischer Hallodri, dessen fundamentale Metapher das "Fortkommen" ist. Er will ungebunden sein und zieht seine Bahnen durch Europa. Vielleicht ist diese Unbändigkeit der Grund, dass ihm selbst die Flucht aus den Bleikammern Venedigs mit großartigen Einfällen gelang. In einer solchen aussichtslosen Situation mit den residualen Mitteln eines schlimmen "Knasts" zu zaubern hat ihm kaum einer nachgemacht. In der Logik der Gegenüberstellung gilt: Kants Zwecktheorie ist seiner Immobilität geschuldet. Man muss immer in Königsberg bleiben, um den Menschen so zu verzwecken.

Casanova dagegen ist ein weltläufiger Vermittler, ein Mann der Medien in mehreren Wortbedeutungen.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Ideal und Ideologie

Dass das Ideal von der Ideologie im schlechten Wortsinne, sprich: Lug und Trug, nicht weit entfernt ist, hatte Pierre-Joseph Proudhon mit der antireligiösen Feststellung „Wer Gott sagt, will betrügen“ markiert. Bei dem politisch höchst vorbelasteten Carl Schmitt lautet das säkulare, aber nicht weniger spektakuläre Remake: „Wer Menschheit sagt, will betrügen“. Allerdings mag es mitunter nicht minder ideologisch sein, sich von Ideologie freizuzeichnen. Denn dass alle Menschen ihr Korsett von unüberprüften Überzeugungen mit sich herumtragen und notfalls mit Herzblut verteidigen, dürfte unstreitig sein.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Im Reich der Körnerbrötchen

"Haben Sie ein Körnerbrötchen oder etwas Ähnliches". Ich bin heute nicht müde genug, um über dieses Desiderat hinweg zu hören. Ein "studentenähnlicher" Mensch mit dem geschniegelten Outfit des frühreifen Luxus-Stipendiaten wirft kategoriale Fragen auf. Etwas Ähnliches? Was mag das sein? Ein Brötchen, das mit Vitaminen, Mineralien und Ballaststoffen hochgejazzt wurde? Gottlob werde ich von einer anderen Verkäuferin bedient. Hinter Körnerbrötchenähnlichkeitssuchern zu warten, lässt einen bereits im Vorhof der Hölle schmachten. Andererseits ist das Sortiment der Körnerherrlichkeiten in dieser Bäckerei überschaubar. Schließlich besinnt sich die Verkäuferin auf ihre Kern-, um nicht Kornkompetenz zu sagen. Ihr kühner Vorschlag durchbricht sämtliche Fragen nach der Ontologie des Körnerbrötchenähnlichen: "Wie wäre es mit einem Korneck?" Genial, nicht die Quadratur des Zirkels, aber doch die Verwinkelung des Körnerbrötchens. Fast alle fundamentalen philosophischen Probleme können an Verkaufstheken paradigmatisch werden....

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Parfüm und Moral

Die Herrschaft der Nase war bereits vor Patrick Süskind ein Menschheitsthema. Parfüm verführt, was indes die juristisch komplexe Frage aufwirft, ob hier nicht Entschuldigungsgründe bis hin zur Paradiesgeschichte die geruchsstrategisch Verbundenen von Sünde freisprechen. Gegen die gefährlichen Elixiere teuflischer Verführung ist womöglich keine Macht der Welt gefeit. Doch die Nasenherrschaft erlebt in der olfaktorischen Spätmoderne nun eine beispiellose Verschärfung. Denn "Gucci Guilty Black" verströmt eine unvorherriechbare neue moralische Qualität: Statt der vormaligen Verführung wird nun ohne Umwege sofort hoch dosierte Schuld verkauft. Der moralische Exzess ist ab jetzt programmierbar bzw. einmassierbar. Reib dich mit Schuld ein! Gucci selbst hat das eigene immoralistische Produkt allerdings nicht ganz begriffen: Zwar bringt der Duft laut Packungsbeilage die "extremsten Facetten zum Vorschein", aber in der Folge heißt es von den Duftträgern, die wechselseitig von unbändiger Anziehungskraft angezogen würden, lediglich: "...sie lieben die Gefahr und den Nervenkitzel." Das bleibt weiter hinter der ultimativen Verschränkung von Duft und Moral, Sinnlichkeit und Schuld zurück, auf die der Käufer doch einen Primäranspruch hat. Hier sind Mängelgewährleistungsansprüche und Rückholaktionen zu erwarten, wenn der unmittelbare Sündenfall ausfällt und die Gucci-Schuldigen auf die Fährnisse einer fragilen Verführbarkeit zurückgestoßen würden...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Schicksalsentsorgung

Wir leben in einer Entschädigungs- und Versicherungsgesellschaft, die prinzipiell jeden Schicksalsschlag für ausgleichspflichtig halten möchte. Nicht nur verbreitet Zivilisation seit Anbeginn den Anspruch, das Individuum vor den Fährnissen der Zukunft immer besser zu schützen. Maßgeblich soll der Umgang mit dem Opfer die moralische Fähigkeit einer Gesellschaft demonstrieren, Gerechtigkeit immer umfassender zu gewährleisten. Evolution ist mit dem Gerechtigkeitsempfinden so eng verkoppelt, dass wir ständig messen und vergleichen und bei diesen Kalkulationen regelmäßig zu dem wundersamen Schluss kommen, nicht so gerecht behandelt zu werden, wie wir es doch "verdienen". Laufen die Dinge also schlecht, so kann das niemals an uns liegen, sondern an den versagenden Entschädigungsinstanzen der Gesellschaft. Kurzum: Das Opfer genießt einen privilegierten Status, den wir als - mehr oder minder infantile - Auffangposition unserer Enttäuschungen gerne einnehmen, wie immer völlig ungeachtet des Umstands, dass die wirklichen Opfer dahinter verblassen könnten.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Vorsicht, letzte Menschen!

Man mag zwar Nietzsches "Letzten Menschen" zitieren, der "das Glück erfunden" hat: "Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit." Das Schicksal selbst lässt sich trotz so bemühter Wirklichkeitsbesänftigung noch nicht entsorgen. Das bereitet soviel Pein, dass kein geringer Teil der Komfort- und Unterhaltungsindustrie daran arbeitet, die allfälligen kollektiven wie individuellen Katastrophen vergessen zu machen oder zumindest erträglicher zu gestalten. Der Einzelne wird je nach Charakter und Bildung hier seine palliativen Mittel finden. Dabei sollte man nicht vergessen, dass die Selbstbeschwörung, einen anderen Gang zu wählen als jene, die solchermaßen gesellschaftlicher Ideologie unterliegen, sich durchaus als Autosuggestion herausstellen kann.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Satire als Heldentum

Juvenals "Es ist schwierig, keine Satire zu schreiben" verwandelt sich zu: "Es erfordert Mut, eine Satire zu schreiben". Auch wenn das für den westlichen Freiheitsbegriff unerträglich ist, liegt ein paradoxer Impuls in dieser "ungeistig-moralischen Wende". In den letzten Jahrzehnten genoss Satire eine Narrenfreiheit, an deren Beliebigkeit sie längst notleidend geworden ist. Wer jetzt zum Stift greift, um bestimmte Themen aufzuspießen, bewegt sich nolens volens wieder auf einer explosiven Schnittlinie, die jener ähnelt, die früher die Tyrannen für ihre Kritiker bereit hielten. Die neue, diesmal aber (inner)gesellschaftliche, nicht staatliche Tyrannei wäre nur dann zu stoppen, wenn der Fanatismus nicht als billige ideologische Ressource überreich zur Verfügung stünde. Anders wäre das nur in einer wirklich globalisierten Kultur, der die Unterscheidungen zwischen Bildern und Waffen, Meinungskampf und nackter Gewalt etc. unabdingbar sind, weil sie zugleich die dafür nötigen Bildungsvoraussetzungen für alle schafft.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Shortcut zur Logik des Terrors

Der Terror ist asymmetrisch in seiner Kommunikationsverweigerung gegenüber Gesellschaften, die ihrer historischen Erfahrung nach Kommunikation, Diskurs und freie Wahlen für ihre Haupttugenden halten. Der öffentliche Raum wird zur Kampfzone erklärt, in der nun Mittel eingesetzt werden, die gesellschaftliche Angst wie staatliche Überreaktionen auslösen sollen. Wie schwer sich Staaten damit tun, ihre eigenen Legitimitätsvoraussetzungen nicht zu verraten, machte der "war on terror" der Bush-Regierung besonders deutlich. Langfristig sind nur Strategien effektiv, die den Vorteil friedlicher Auseinandersetzungen für alle Beteiligten plausibel machen. Das ist allein durch aufwändige Integrationen von Gruppen und Einzelnen zu erreichen, die ihre soziale und ökonomische Sicherheit nicht länger an Heilsideologien abtreten wollen. Je fragiler solche Sicherheiten werden desto zahlreicher werden Proselyten fundamentalistischer Führer und Prediger nachwachsen. Wer die Zivilgesellschaft erhalten will, muss begreifen, dass ihren immer radikaleren Umbrüchen mit den alten Formeln kapitalistischer oder liberalistischer Weltbeglückung kaum zu begegnen ist. Insofern ist der Terror ein Indiz für das Versagen von Gesellschaftstheorien, die hartnäckig an obsoleten Bildern des "pursuit of happiness" festhalten.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Wie werde ich Individualist?

Extremindividualismus würde letztlich die Atomisierung der Gesellschaft implizieren. Vermutlich muss man verschiedene Formen des Individualismus differenzieren. Deren eine, die "logozentrierte Kragenhochklappvariante" führt geradewegs in das Paradox, dass sie zwar eine (relativ) teuer gekaufte, aber im Blick auf die zugrundeliegende "Persönlichkeit" billig zu haben ist. Es gehörte seinerzeit zum diskreten Charme der Nicht-Bourgeoisie, Billig-Klamotten mit Hochpreisetiketten zu versehen. Es geht auch anders: Ein nicht unbekannter Künstler beauftragte vor Jahrzehnten einen exklusiven Kölner Herrenschneider, ihm einen grauen Mao-Anzug, wie sie zu Millionen in China hergestellt wurden, auf die aber damals noch nicht per "amazon" etc. zuzugreifen gewesen wäre, "individuell" anzufertigen. Das demonstrierte nicht nur auf das Schönste, dass auch der extremste Kollektivismus mit der Mimikry kreativer Individualität rechnen muss. Es zeigt vor allem, dass der Kontext maßgeblich über die Individualität entscheidet, während der selbstgefällige Individualist sich diese Effekte als eigene Leistung zurechnen mag...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Recht und Macht

Recht ist von Macht- und Verfahrensfragen nie zu trennen. Recht hat in einem Rechtsstaat der, dem es in einem demokratisch festgelegten Verfahren zuerkannt wird. Zu sagen, man habe gleichwohl Recht jenseits dieser Prozeduren ist eine müßige Feststellung. In Streiks werden reale gesellschaftliche Machtpositionen in Einigungsprozesse eingebracht, die den Ursprung des (demokratischen) Rechts als mehr oder weniger geglückte Austarierung von Interessen deutlich werden lassen. Recht und Macht liegen hier so dicht beieinander, dass kontroverse Grundüberzeugungen der Parteien eher nur in einem Erschöpfungsprozess relativiert werden. In Zeiten härterer Verteilungskämpfe kann dieser Prozess zu einer Offenbarungserklärung des Systems werden, dass gesellschaftliche Verhältnisse ihren Grundkonsens verloren haben. Das kann so heilsam sein wie riskant, dass Gesellschaften den Glauben an den "Leviathan" aufgeben, der erst dann wiederkehrt, wenn die meisten begreifen, dass dieses Modell langfristig nur Verlierer kennt. Vor einigen Jahrhunderten war dieses Wissen noch geläufiger...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Wider den Untergang

Institutionelle Bindungen von jüngeren Menschen sind sicher wünschenswert, wenn kulturelle und moralische Impulse verstärkt werden. Klassische Kultureinrichtungen, die sich müde an die Parallelwelt des Internets und der einschlägigen hoch frequentierten Foren anbiedern, werden diese Aufgabe unter den derzeitigen Auspizien nicht lösen. Die Frage nach den richtigen Lebensentwürfen beantworten Generationen aber wohl je auf ihre Weise. Insofern ist das, was als Verfall, wenn nicht Untergang definiert wird, womöglich nur eine Dynamik, die von den Protagonisten von morgen gar nicht negativ definiert werden mag. Gesellschaften haben sich schon je im Gleichgewicht der Katastrophen eingerichtet. Kulturelle oder gar anthropologische "Devolutionen" sind historisch betrachtet immer eine gewagte These, weil progressive Faktoren oft erst retrospektiv erkannt werden - weil dafür auch neue Wahrnehmungen und Kategorien ausgebildet werden müssen.

Goedart Palm

Original im Webdiarium