Kunst · Ästhetik

Kunst sehen, Kunst denken

Ästhetische Miniaturen

Ausgewählte Texte aus dem Webdiarium, entstanden zwischen 2009 und 2016. Die ursprünglichen Fassungen und ihre Datierung bleiben erhalten.

Inhaltsübersicht · 28 Texte
  1. Antihegel - Minitraktat zur Malerei
  2. Museum und der Verkauf im Tempel
  3. Bildtheorien - Ikonologien - W. J. T. Mitchell und andere
  4. In Seven Days Time - Katharina Grosse Revisited
  5. Jonathan Meese oder die perennierende Langeweile
  6. Pop up: Das Desinteresse an der Kunst
  7. Damien Hirsts "Verity"
  8. Das Telos der Fotografie
  9. Museen besuchen
  10. Minikommentar Modefotografie
  11. Kunst, Kreativität und andere Kleinigkeiten
  12. Beuys, Wilde und andere Lügner
  13. Kritiker Künstler Mythen
  14. Kunst und Funktion
  15. Cézanne und die Lehre der Äpfel
  16. Zur Rettung des Museums
  17. Das Verschwinden der Kunstkritik
  18. Kulinarismus in der Kunst?
  19. Reauratisierung
  20. Illusionismus - Mimesis - Transzendenz
  21. Kulturzerstörung
  22. Homogenitätsprinzip
  23. Zwischen Inszenierung und Authentizität
  24. Autonomie und Auftragskunst
  25. Kunst und Kunstkritik
  26. Zum Wesen der Kunst
  27. Kunst, notleidend
  28. Überlastung

Antihegel - Minitraktat zur Malerei

Eine Zeit drückt sich nicht so in zeitgenössischer Malerei aus, dass lediglich formale und strukturelle Elemente auf den Zeitgeist bezogen werden müssen: Kubistische Formen - die Zerrissenheit und Scharfkantigkeit der Moderne, abstrakte Formen - der Verlust des Gegenstands etc. Das sind kurzschlüssige Beobachtungen, die Richtiges und Falsches vermengen. Wir sehen jederzeit Formen, die offensichtlich nicht synchronisierbar sind, weil ihr Blick vielleicht zurück oder nach vorn gerichtet ist. Gegenwart ist auch nur eine Konstruktion sehr verschiedener Zustände. Die Märchen vom Trend belegen das. Ideengeschichtlich müsste man sehr viel komplexer vorgehen, um bildnerische Formen auf die Zeiläufte zu beziehen. Formen, selbst Stilbildungen fügen sich in die Paradigmata ihrer Zeiten nicht fugenlos ein, sondern sind regelmäßig viel zu unspezifisch, um das Verstehen anzuleiten. Mein induktiver "Beweis": Man gehe in ein beliebiges Museum moderner Kunst und versuche die Zusammenhänge zwischen den Konzeptionen zu erläutern, denn diese Räume sind erklärungsbedürftig, nicht die simple Hermeneutik einzelner Bildkonstruktionen. So gesehen hat unsere Kunstgeschichtsschreibung ihre eigentliche Aufgabe noch gar nicht gelöst, doch schon zweifeln wir, dass hier noch die Zeit gewährt wird, diese unterschlagenen Geschichten der "schwarzen Löcher" zu erzählen. Der Kunstgeschichtsschreibung eignete je ein materialistischer Duktus, der sich auch in ihrer philosophischen "Bodenständigkeit" demonstriert. Oder gibt es Kunsthistoriker, die zugleich als veritable Philosophen gelten könnten? Ich möchte keine Namen nennen, aber die Philosophie, die die Kunstgeschichtler umtreibt, ist wenig mehr als Glasur auf mehr oder weniger sinnlich präzisen Feststellungen.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Museum und der Verkauf im Tempel

Die Geschichte der Museumsshops ist noch nicht geschrieben. Wenn ich Dissertationsthemen zu vergeben hätte, würde ich dieses Subjekt wählen. Denn die Profanisierung des Museums ist ein Gewinn. Wir nähern uns nun den Exponaten via dem Fetisch zum Mitnehmen. Die Nike von Samothrake als Briefbeschwerer respektive paperweight, oh, wie erhaben, das ist antikisierende Kulturaneignung. Ohne Museumsshop können Museen nicht mehr existieren - weder vermutlich ökonomisch noch ideell.So könnte der Shop zum geheimen Zentrum des Museums avancieren: Technische Reproduzierbarkeit, Miniaturisierung, Fetischisierung, Entauratisierung und das alles zum Dumping-Preis.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Bildtheorien - Ikonologien - W. J. T. Mitchell und andere

Die mir bekannten Bildtheorien kranken allesamt daran, dass Aussagen über Bilder ohne ihren jeweiligen Kontext besonders vage bleiben müssen. Das ist im Prinzip der Bildwissenschaft zwar bekannt, doch wie sollen solche Kontexte beachtet werden, ohne aus einer Bildtheorie eine Soziologie oder Philosophie des Bildes und mehr zu machen. "Ein und dasselbe Bild" kann höchst unterschiedliche Bedeutungen, Funktionen und Wirkungen haben, je nachdem, wie dieses Bild oder seine Reproduktionen eingesetzt werden. Die destillierten Bildwirkungen sind eine Ausnahme. Wir erleben Bilder in Zusammenhängen, die wie elektronische oder algorithmische Schaltungen funktionieren, ohne dass je eine Bildtheorie hinreichende Erklärungsmuster dafür hätte finden können. Allein die Frage, was ein Bild will, ist so unspezifisch, weil hier nicht einmal die relative Konsistenz einer Person vorliegt. Wer wie W. J. T. Mitchell Bilder und Lebewesen vergleicht, hat zwar Gelegenheit zu originellen Erkenntnissen, aber eine Theorie, die Bildwirkungen tendenziell zuverlässig angeben kann, wird daraus nicht. Im Grunde ist das je Bildern inhärent: Ein "Kreuz" kann so viele Bedeutungen haben, wie gesellschaftliche Kontexte angegeben werden können. Bildtheorien sind eine Prätention, so wenig wir auf sie verzichten wollen.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

In Seven Days Time - Katharina Grosse Revisited

Nun gut, Wahrnehmungskonventionen zu durchbrechen, ist ein inzwischen nicht mehr allzu provokativer Standard. Um überhaupt anzugeben, was denn bei diesem Durchbruch passiert, müsste zunächst die Konventionalität der Wahrnehmung beschrieben werden. Ist Wahrnehmung überhaupt konventionell? Wer buntes Chaos oder bunten Zufall im "öffentlichen Raum" zulässt, stört noch längst keine Wahrnehmung. Jedenfalls meine nicht!

Längst rechnen wir doch mit urbanen Monstren, die mehr oder weniger lustvoll uns an der nächsten Ecke begegnen. Kunst ist keine Überraschung, zum wenigsten dann, wenn eben diese Überraschung andauernd von Kunstvermittlern beschworen wird. Wie sollte ich den ernst nehmen, der mir ein Kunstwerk erklärt und dabei sagt, dass es überraschend sei. Das ist geradewegs das double-bind der Kunstvermittlung, gegen das aus nachvollziehbaren Gründen Künstler nicht protestieren. "Zufall" als Kunstprinzip ist so lange langweilig, bis daraus eine Struktur entsteht, die sich auf mehr als Durchbrechung von Konventionen berufen kann.

Insofern kann sich die Kunst so demokratisch gerieren wie sie will, letztlich endet sie in einer Hierarchie der Formen und Bedeutungen. Gottlob, schon bald kommt eine andere KünstlerIn, die wiederum Wahrnehmungskonventionen durchbricht - ad infinitum. Es beruhigt ungemein, dass diese Konventionen in eben dem Maße nachwachsen, in dem sie dann durchbrochen werden dürfen. Im Prinzip müssten Künstler eine Sozialabgabe leisten an jene, die ihre Sehgewohnheiten wie Festungen verteidigen. Künstler werden jedenfalls nicht arbeitslos, so lange wir uns nur konventionell genug verhalten. Anderenfalls würde das Kunstsystem kollabieren, was geradewegs tragisch wäre für alle jene, die ihr Leben daran gehängt haben.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Jonathan Meese oder die perennierende Langeweile

Wenn ich diesen albernen Hitler-Gruß sehe, diese Volksschreck-Pose aus der Rumpelkammer, wenn ich dieses Gerede, wie autonomautonomautonom die Kunst denn sei, höre, als habe es diese Diskurse nicht bereits ad nauseam gegeben, wenn ich diese intentionale "Ich bin ein Kind und darf kleckern, wo ich will"-Attitüde erlebe, dann muss ich gestehen: Ich finde das grauenhaft langweilig. Da Meese aber zweifelsohne Zeitgeist genannt werden darf, lässt mich das den Glauben an diesen vergessen.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Pop up: Das Desinteresse an der Kunst

Statistiken mögen uns viel erzählen. Das Interesse der Menschen an Bildender Kunst will mir äußerst gering erscheinen, wenn ich Orte besuche, die längst wieder reklamieren können, reine Musentempel zu sein. Museen und Kirchen teilen sich das Schicksal, ihre Anhänger zu verlieren. Zwar gibt es mitunter hochgejazzte Ausstellungen, die jeder glaubt, in sein Kunstbetrachtungsrepertoire eingliedern zu müssen. Etwa gegenwärtig "El Greco" in Düsseldorf, so wenig viele Besucher auch nur einen Anflug von Verständnis für diese wilde Malerei entwickeln können. Das Besucherinteresse ist kaum von Prätention zu unterscheiden. Wirklich bezeichnend sind andere Impressionen. Museum Ludwig, 30.06.2012: Claes Oldenburg zieht keine Besucher an, so wenig wie Yvonne Rainer oder Kasper Königs Nichtvollendungen. Es ist angenehm, sich in diesen weltabgewandten Heterotopien zu bewegen. Diese Ausstellungen sind verdienstvoll, ich würde sie nicht missen wollen, aber die Gesellschaft von Claes Oldenburg reizt offensichtlich außer mir "Samstag mittags in der City" kaum einen. Der Reiz des Pop, des Postpop ist dahin. Dabei präsentierte sich diese Kunst so antiesoterisch, wenngleich schon beim ersten Anhub niemand so recht glauben wollte, die Kunst fände nicht mehr im Saale statt. Inzwischen ist der verwelkte Pop ein reines Insider-Phänomen, eine Avantgarde, der keine Truppe folgte. Wenn ich einen Ort für einen toten Briefkasten wählen müsste, würde ich eine Warholsche Brillo-Box im Museum Ludwig wählen. Dass eine Kunst, die weiland doch als Ewigkeit alltäglichen Seins erschien, Patina ansetzt, belegt Claes Oldenburgs Material. Das Mouse Museum atmet Muffigkeit. Die Witze erscheinen wie verblasste Pointen eines sich alles einverleibenden Nostalgiediskurses. Das Material löst sich wieder aus seinem Kunstzusammenhang, es verwandelt sich zurück in das Apriori der Kunst. So wird auch eine Brillo-Box einstmals wieder Interesse auslösen. Wer oder was war "Brillo"? Vielleicht könnte uns uns Warhol weiterhelfen, wenn wir nur wüssten, was der mit Brillo zu tun hatte. Fragen über Fragen, die das Weltschicksal kaum beeinflussen werden.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Damien Hirsts "Verity"

Leonardo da Vinci hat vor solchen Darstellungen auch nicht "zurückgeschreckt". Gewiss, die Anlässe waren verschieden, aber die Ästhetisierung findet sich auch hier. Hirst hat viele Kunstwerke gemacht, die die Welt nicht braucht. Aber "Verity" hat im mehrfachen Wortsinn eine antike Größe. Vormals hätte man gesagt, "Veritiy" ist erhaben...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Das Telos der Fotografie

Bei der "Nikon S800c" wird einem sofort klar, dass wir nun nur noch eine Kamera benötigen, die auch endlich die Motive für uns auswählt und eigenständig die Bildbearbeitung übernimmt. Das schafft viel Freiheit. Das einzige Ziel kann nur sein, die ganze Welt zu fotografieren. Und dafür braucht es keinen Fotografen, der uns die Welt erklärt, sondern nur eine Apparatur, die kompromisslos arbeitet. Wer eine spezifische Weltsicht braucht, wird wohl eine Taste finden.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Museen besuchen

Die "Palm´sche Regel" lautet: Je unwichtiger das Museum desto härter die Restriktionen. Im Louvre kann man die ML mit Blitz fotografieren, obwohl dort überall Schilder darauf hinweisen, dass das untersagt ist. Mein kleiner Sohn stand dort vor einem Veronese und trank aus einer riesigen Wasserflasche, ohne dass das irgendeinen Aufseher bekümmert hätte. In völlig bedeutungslosen Museen habe ich dagegen erlebt, dass die geradewegs paranoid reagieren, wenn man sich den Bildern nähert ... In einem wurde meiner Tochter von einer übereilfertigen Aufsicht untersagt, auf einer Süßholzstange zu kauen!? Hätte man einen Kuli in den Mund genommen, wäre man wohl sofort der heiligen Hallen verwiesen worden...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Minikommentar Modefotografie

Wenn Authentizität das wahre innere Selbst ausdrückt (Lionel Trilling), werden romantische Kunst und ihre diversen Spätformen zu Anwärtern dieses Anspruchs. Gibt es einen nichtauthentischen van Gogh? Dort wo Kunst den Schein als Sein setzt, wird Authentizität indes zur fragilen Kategorie. Mode repräsentiert nicht das Selbst, sondern inszeniert es. Das Spiel mit dem Authentischen mag dann als eine Form paradoxer Authentizität gelten. Für Modefotografie gilt nichts anderes.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Kunst, Kreativität und andere Kleinigkeiten

Dass die Kunst nach Brot geht, gilt für die Erfolgreichen wie die Erfolglosen. Doch das Verhältnis von Kunst und Geld bescheidet sich gerade in Zeiten von "Mein Haus, mein Auto, meine Yacht" nicht auf eine Äußerlichkeit oder gar eine Marginalie. Denn wenn Geld zu einem Parameter des Erfolgs wird, setzt das im Guten wie im Schlechten Energien frei, die Kreativität anregen, aber auch korrumpieren können. Das mag im Fall von Baselitz so oder anders gesehen werden. Aber dass Künstler glauben, sich von dieser gesellschaftlichen Akzeptanzform frei zeichnen zu können, wäre nur eine Pose. Die hält sich zwar seit der mehr oder minder narzisstischen Rede von der künstlerischen Autonomie hartnäckig, aber die Warenform, insbesondere die Gleichförmigkeit vieler ästhetischer Produktionen spricht eine andere Sprache.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Beuys, Wilde und andere Lügner

Zu angeblichen Lebenslügen von Beuys: Ich habe jene Biografie nicht gelesen. Aber es ist wohl einigermaßen absurd zu glauben, man könnte einen Künstler der Lüge überführen. Oscar Wilde hätte sich bei diesem Gedanken vor Lachen zerkugelt oder in feine von A. Beardsley gezeichnete Luftblasen verwandelt...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Kritiker Künstler Mythen

Die öffentlichen Zuweisungen von "Berufsrollen" sollten nicht über die Rollendiffusion von Kritikern und Künstlern täuschen. In einigen Fällen sind doch die Kritiker die Künstler und Kunstwerke höchst geduldig gegenüber ihren "Gebrauchsformen". Wenn man den Begriff "Kunstbetrieb" für richtig hält, sollte man sich darüber klar werden, dass die Herstellung von Kunstwerken kollaborativ angelegt ist. Die besseren Kollaborationen von Künstlern, Kritikern und Publikum mögen sich dann bis auf Widerruf Mythen nennen.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Kunst und Funktion

Wofür ist Kunst in ausdifferenzierten Gesellschaften überhaupt noch zuständig? Künstler haben darauf viele Antworten. Zumeist verweist man auf die generalistische Zuständigkeit für das, was keine funktionale Zuständigkeit gefunden hat. Etwa verwaiste Sensibilitäten, die in der Kunst und zunächst nur dort ihre Gültigkeit besitzen. Wird die Kunst explizit politisch, läuft sie oft Gefahr, parasitär auf die Verhältnisse zu reagieren. Das schließt nicht aus, dass politische Kunst großartig sein kann, aber eben deshalb, weil sie es als Kunst und nicht wegen ihrer Gesinnung ist.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Cézanne und die Lehre der Äpfel

Revolutionäre Äpfel waren eine Sache des 19.Jahrhunderts, das diese Wahrnehmungsempfindlichkeit in bildarmen Zeiten noch besaß. Nicht nur den Äpfeln ist die Revolution abhanden gekommen. Es gibt Zeiten der Kunst und der Politik, die weniger bis wenig aufregend sind, wenn man es sich nicht ohnehin mit dem Befund, in der "posthistoire" zu leben, etwas gemütlicher macht. Engagierter formuliert scheint zu gelten, dass die "subkutan-subversiven" Wirkungen der Kunst zur Veredelung des Menschengeschlechts auch nur als frommer Glaube weiterleben.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Zur Rettung des Museums

In Zeiten der Inklusion und Exklusivität, insbesondere aber der nervenzerreibenden Geschäftigkeit der Städte möchte mir die Seklusion als wertvolles Gut erscheinen. Museen sind herausragende Orte der Seklusivität, wo du wieder bei dir bist, weil dich - von gehypten Sonderausstellungen abgesehen - niemand stört. Neulich Kunstmuseum Gelsenkirchen-Buer: Ich bedeute der Museumswärterin, dass ich mir auch den "alten" Teil der Sammlung (1. Hälfte des 20. Jh. mit teilweise beachtlichen Werken) ansehen werde. Mit leichtem Erstaunen ob des Erscheinens eines Interessierten heuchelt sie Selbstverständlichkeit. Selbstverständlich ist nur der Umstand, dass ich der einzige Besucher bin. Das ist meine gewöhnlichste Kondition. Hier bist du Mensch, hier bist du allein. Anstelle des Klosters ist nun vor allem das kommunale Museum ein Mausoleum der Selbstbesinnung, das im öffentlichen Budget nicht von Besucherzahlen abhängig gemacht werden darf, sondern von seinem Alleinstellungsmerkmal, müden Flaneuren köstliche Einsamkeit zu gewähren.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Das Verschwinden der Kunstkritik

Die Kriterienlosigkeit der Kunst respektive der Kunstkritik mag so positiv wie negativ gedeutet werden: Einerseits erscheint sie als Ausdruck eines lauwarmen Wertepluralismus, vormals "de gustibus non est disputandum" genannt, andererseits als ökonomische Durchdringung, um nicht Demontage zu sagen, der Kunst in ihrem "Eigensten". Für Religionen halten Menschen, Spätmoderne hin oder her, ihren Kopf hin, die einen freiwillig, die anderen eher nicht. Für Kunst hat man dagegen ein Scheckheft. Oder aber übersetzt sie in ein relativ folgenloses Ideal, für das kaum mehr ein gesellschaftliches Sensorium zu erwarten ist. Das vormalige Pathos der Kunst ist dahin, da ihre zu Hochzeiten angemaßte Allzuständigkeit sich längst für die Meisten in Nichtzuständigkeit verwandelt hat...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Kulinarismus in der Kunst?

Seitdem Immanuel Kant glaubte, die Formulierung "interesseloses Wohlgefallen" bei der Kunstermittlung für oder wider das Schöne als Königsweg angeben zu können, sind "Kulinariker" je verdächtig, ohne Urteilskraft wahrzunehmen. Nun ist es einigermaßen grotesk bis schizoid, sinnliches Material nicht sinnlich - bis hin zur puren Verführung durch Oberflächen - "wahrzunehmen". Witzigerweise hat Nietzsche, der mit "tiefen" Gründen für Oberflächen plädierte, die Künstler gewarnt, sich nicht zu verrechnen: ...denn ihre Zuschauer oder Zuhörer haben nicht mehr ihre vollen Sinne und geraten, ganz wider die Absicht des Künstlers, durch sein Kunstwerk in — eine "Heiligkeit" der Empfindung, welche der Langweiligkeit nahe verwandt ist." Sollte das Kulinarische so langweilig werden wie das Analytische? Tertium datur?

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Reauratisierung

Der sprichwörtliche Verlust der Aura durch Massenreproduktion ist an sich nicht beklagenswert, weil sie doch die Beteiligungschancen des Publikums an Kunst zudem in Zeiten des Internets enorm vergrößert. Dass Künstlerfotografen das durch "Reauratisierung" von Abzügen wieder aus einem legitimen ökonomischen Interesse heraus wettmachen wollen ist legitim bis überlebensnotwendig. Aber das Publikum, das sich erst im Zugriff auf ein Quasioriginal in den höheren Weihesphären der Kunst wiederzufinden glaubt, ist rückläufig. Die Demontage des Originals als Kategorie künstlerischer Welterschließung ist für ein jüngeres Publikum so selbstverständlich geworden, dass auch die Museen als exklusive Wahrnehmungsagenturen noch längst nicht alle Schrecken erlebt haben, die noch bevorstehen...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Illusionismus - Mimesis - Transzendenz

Sind Naturnachbildung, Illusionismus und viele Varianten die maßgebliche Quelle künstlerischer Erfindung?

Wilhelm Worringer war anderer Auffassung. Die Kunst schaffe zunächst mit abstrakten Formen (etwa Pyramiden) ein Herrschafts- und Schutzsystem gegen die Undurchschaubarkeit und Gefahren einer äußeren Welt. Erst später komme es dann mit wachsender Vertrautheit und Kenntnis der Natur zur Naturnachahmung. Dialektisch ist zumindest der Gedanke, dass mächtige Antriebe der Kunst darin bestehen, die Natur zu überformen, zu verdrängen, zu transzendieren, was spätestens seit dem Kubismus mit besonderer Radikalität augenfällig wird. Insoweit bewegen sich Künstler in einer "Schöpfungskonkurrenz" zum vermeintlich Natürlichen. Gegenüber zahlreichen Formkonzepten, die den mimetischen Impuls hintertreiben, müssen sich alle Augentäuscher und Illusionisten ohnehin fragen lassen, welche magische Bedeutung ihre von Platon verworfene Verdoppelung der Welt überhaupt haben soll.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Kulturzerstörung

Dialektisch betrachtet ist Kulturzerstörung, vom Bürokraten abgesehen, der Kunstwerke wegräumen lässt, weil er sie erst gar nicht als Kunst erkennt, eine Form der Anerkennung. Wer Götter- und Götzenbilder entsorgt, weil er in ihnen eine Gefahr wittert, glaubt an eine Kraft, die wir kaum mehr kennen. In der Historie der Bilderkriege aller Sorten war diese Überzeugung dagegen ein Standard. Der hl. Bonifatius vernichtete aus missionarstrategischen Gründen die Donaueiche, um die Überlegenheit des Christentums augenfällig für alle zu bekehrenden Heiden zu demonstrieren. Künstler, die an die ideelle Kraft ihrer Bilder glauben, haben - bei aller Abscheu im Übrigen - wenigstens von Ferne ein Verständnis für solche Erregungen. Eine lauwarme liberale Kultur, der jede Kunst gleich-gültig ist, hat den Glauben an sie längst verloren, so nachhaltig die sonntäglichen Beschwörungen der Bedeutung der Kunst auch ausfallen mögen. Eine Kunst, die allein dadurch existiert, dass sie - im schlechten Sinne des Wortes - musealisiert und damit entschärft werden kann, fristet eine fragile Existenz. Unsere Gesellschaft mag daher über den Zorn der Bilderstürmer die eigene kulturelle Selbstentwertung einer Revision unterziehen. Darüber nicht kulturpessimistisch zu werden, könnte eine Anstrengung wert sein, die darin bestünde, mit härteren, medial nicht weichgespülten Kategorien die Welterschließung durch Kunst wieder ernst zu nehmen.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Homogenitätsprinzip

Mir will scheinen, dass der Kunstmarkt Kunst homogenisiert. Vorderhand ist das paradox: Jedes Werk, jeder Künstler, jeder Stil reklamieren Einzigartigkeit, um unterscheidbar zu sein, Das nimmt der Markt dankbar an, ja mehr: anders kann er nicht funktionieren, wenn Distinktion sein Verkaufskriterium ist. In dieser Logik wird dann aber gerade ein abstraktes Apriori-Kunstverständnis begründet, das nicht nach Eigenwerten der Kunst fragen muss, sondern nach marktspezfischen Regeln urteilt. Das ist wie beim Wochenendeinkauf: Was nicht angeboten wird, ist nicht Teil des Gemüsemarkts und das was angeboten wird, ist gesund. Insofern adelt der Kunstmarkt den Käufer, der sich zwar verspekulieren mag, aber immer mit dem süßen Versprechen einschlafen kann, dass es sich jedenfalls um Kunst handelte.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Zwischen Inszenierung und Authentizität

Allerdings hat die Kunst oder - genauer gesagt - der Betrieb immer das moderate Paradox gepflegt, zwar Akzeptanz mit vielen Mitteln zu suchen, andererseits aber betont, dass gering(st)er Zuspruch nichts über die Qualität der verhandelten Kunst sagen könne. Den Ruhm zu verachten und gleichzeitig sein Leben daran zu setzen, wie es Gustave Flaubert mal formulierte, ist eine dem verwandte Kondition, um das höchst ambivalente Verhältnis von Künstlern zu Publikum zu beschreiben.

Es gibt keine einsinnige Formel, um "Künstlerseelen" und ihre (öffentliche) Artikulation über Kunst letztgültig zu beschreiben. So mag gelten: "Das Schweigen von Marcel Duchamp wird überbewertet."(Joseph Beuys) Andererseits ist schon der Rangstreit der Künste paradigmatisch für die Grenzen der Übersetzbarkeit. Psychoanalytisch beschreibbar wäre dagegen der künstlerische Narzissmus, der seine Sprachlosigkeit vor der Erhabenheit des Kunstwerks inszeniert, um das Publikum in Bann zu schlagen. Diese Pose ist andererseits kaum je vom kreativen Selbstschutz zu unterscheiden, eigene Arbeiten nicht "kaputt" zu reden und in griffigen Phrasen für´s Publikum bekömmlich zu machen. So soll sich Gustav Mahler zunächst vehement gegen Sigmund Freuds Interpretationslüste gewehrt haben, um seine Kreativität nicht zu riskieren. Wer erfährt, dass seine Sinfonie dem Vatermord geschuldet ist, bleibt vielleicht für immer unvollendet...

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Autonomie und Auftragskunst

Totale Autonomie war immer eine Fiktion! Es gibt aber höchst unterschiedliche Verkoppelungen von Kunst und Kommerz, die daraufhin zu befragen wären, ob Künstler längst keine Kunst mehr machen (wollen), sondern zynische Verkäufer des Markenzeichens "Kunst" für Werke sind, die vorrangig kommerziellen Zielen dienen. Dem stehen Künstler entgegen, die ihre Kunst trotz aller äußeren und inneren Zwänge in relativer Autonomie verfolgen. Ob nun mittelalterliche Auftragskünstler oder moderne Künstler mit Geschäftssinn betrachtet werden, ändert wenig daran, dass die Autonomie immer darin bestand, sich die eigenen Formansprüche nicht abkaufen zu lassen, ohne deshalb ökonomisch erfolglos sein zu müssen. Das ist freilich für jene schwer zu verkraften, die ihre Ressentiments gegenüber fremdem Erfolg anders nicht zu erklären vermögen als in dem Glauben, dass nur der Pakt mit dem Teufel dafür ursächlich sein kann. Was Philosophen als Einsicht in die Notwendigkeit bezeichnet haben, könnte für Künstler bedeuten, subversiv mit fremder Vereinnahmung und gesellschaftlichen Widerständen umzugehen. Vorgebliche Freiheitsverluste bis hin zur Zensur könnten so zu Anlässen werden, die eigene gesellschaftliche Rolle genauer und spannungsreicher zu definieren, als es der wenig sagende Blankettbegriff "Freiheit" vermag.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Kunst und Kunstkritik

Dass die Kunstkritik keine mehr im alten Sinne sein kann, ist wesentlich dem Umstand zu verdanken, dass die Künstler gelernt haben, die Kritik inzwischen gleich mitzubesorgen. Marcel Duchamps Readymades sind Kritik am Kunstsystem mit der durchaus von ihm einkalkulierten paradoxen Konsequenz, nach kurzer Zeit in dieses System erfolgreich eingebunden zu werden. Die Dadaisten, Futuristen, Surrealisten etc. artikulierten Kritik durch ihre Kunst und erlitten oder erhofften dasselbe Schicksal, in das Pantheon aufgenommen zu werden. Dass die externe Kritik die Kunst verbindlich kategorisiert oder reflektiert, ist eine Idee, die in der Moderne der Avantgarde abhanden kommen musste, weil sich der Kunstbegriff als Allgemein- oder Gattungsbegriff aufgelöst hat. Wenn Stile, Werke, Kontexte etc. nicht mehr "kommensurabel" sind, riskieren kritische oder gar normative Kunstdiskurse, unter Sinnlosigkeitsverdacht gestellt zu werden.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Zum Wesen der Kunst

Kunst ist es wesentlich dadurch, kein Wesen zu reklamieren und so funktionale Kategorien und gesellschaftliche Zuweisungen unterlaufen und transzendieren zu können. Das mag - terminologisch angreifbar - als Autonomie bezeichnet werden. Bedienen sich Künstler wissenschaftlicher Prozeduren, bestehen diverse Risiken, die künstlerische Rolle zu verlieren. Einerseits kann es zum Rollentausch kommen, wenn der Künstler gesellschaftlich etwa als Natur- oder Sozialwissenschaftler wahrgenommen wird. Andererseits kann privatistische Wissenschaft von Künstlern esoterisch hinter gesellschaftliche Niveaus zurückfallen und den ("hegelianischen") Verdacht begründen, den erreichten Standard des "Weltgeistes" zu verfehlen. Die eigentliche künstlerische Leistung besteht hier zum ehesten darin, erfolgreich die Zuständigkeit der Nichtzuständigkeit zu behaupten, wenn anerkannte Paradigmen oder funktionale Sicherheiten des hehren Wissenschaftsbetriebs tatsächlich irritiert werden. Dabei kann es Künstlern, die die von Paul Feyerabend verkündete These der innigen Verwandtschaft von Kunst und Wissenschaft wirklich begreifen, gelingen, nicht als jene Clowns zu enden, die - wie m.E. nicht wenige - folgenlos beide Welterschließungsweisen zu amalgamieren versuchen.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Kunst, notleidend

Die Kunst teilt mit der Philosophie ein ähnliches Schicksal, dass hier vielfältige konkurrierende Formen der Gestaltung und Kommunikation und dort zahlreiche Einzelwissenschaften Legitimationsprobleme enorm verschärft haben. Der gegenwärtige Befund mag nur noch einen Grabgesang eröffnen. Die Kunst hat das fröhliche Spiel mit den Kontingenzen sehr weit getrieben, um darin eine angeblich unabdingbare Freiheit zu artikulieren, die sich den zweckrationalen Momenten anderer Formen gesellschaftlicher Praxis versagt. Künstler insistieren schon deshalb auf dieser fragilen Freiheit, die vorgeblich keinen anderen Ort besitzt, weil sie anderenfalls ihre eigene Rolle riskieren - auch wenn die vor allem von Illusionen lebt. Dass dabei Werke entstehen, die auch gut anderen Subsystemen (wie etwa dem der Wissenschaft) zugeschlagen werden können oder aber den Kult der Beliebigkeit so redundant wie folgenlos feiern, darf im Betrieb eher niemand wahrnehmen. Der Betrieb hat die Sinnkrise kommerziell verdrängt und präsentiert Waren, die so beliebig, wie sie entstanden sind, auch als Kunstwerke gelten dürfen (Vgl. Arthur C. Danto). Who the hell cares? Kunst ist immer so notwendig wie der gesellschaftliche Einfluss, den sie ausübt. Und der ist so hoch, dass viele Künstler ernsthaft einen Zunftwechsel in Erwägung ziehen sollten.

Goedart Palm

Original im Webdiarium

Überlastung

Im Grunde hat die Kunst ihren Wahrnehmungsrahmen immer unabsehbarer erweitert, was dann zu einer Zuständigkeitsüberlastung führte. Wer mit der Politik oder Wissenschaft konkurrieren will, muss damit rechnen, "unterbestimmt" auf spätmoderne Problemstellungen zu reagieren. Kunst, die einer ästhetischen Aufgabe im engeren Sinne (wieder) folgt, müsste ihr Apriori genauer definieren. Die ästhetischen Provokationen unwirtlicher Städte bieten beispielsweise weiterhin ausreichend Anlässe, die eigene Kompetenz zu behaupten - ohne im unverbindlichen Spiel der Formen und Farben zu enden.

Goedart Palm

Original im Webdiarium