Ausgewählte Texte aus dem Webdiarium, entstanden zwischen 2009 und 2016. Die ursprünglichen Fassungen und ihre Datierung bleiben erhalten.
Inhaltsübersicht · 32 Texte
- Politische Programme - das Prinzip des Regenmachers
- Kapitalismus ist lustig
- Wie erkenne ich große Philosophie?
- Geheime Gesetze
- Warum nicht für Maschinen schreiben
- Wahrheit und Medium
- Bedeutungslosigkeit
- Warum ist nicht alles schon verschwunden?
- Überleben mit dem neuesten Betriebssystem
- Lob der Dummheit
- Lebenserhaltungskosten - Wunder der Semantik
- Prätention des Wissens
- Die Wahl der Wörter
- Alltagsepiphanie: Abstinenzler
- Die Aporien der Authentizität
- Wir benötigen eine Leidensniveautheorie!
- Aufmerksamkeit - Langeweile
- Polyphone Politik
- Beweislastumkehr
- Unzweifelhafte Regel
- Fundamentaloriontologie
- Projektion des Anderen
- Wiederholung, immer und immer...
- Dialektik des Bösen
- Beim Betrachten einer alten Fotografie
- Wie werde ich Surrealist?
- Dreitagebart
- Kulturpessimismus
- Warum Formen in der Kunst entstehen
- Vergeblichkeit
- Selbstverständnis der Kunst
- Populismus
29.01.2009
Politische Programme - das Prinzip des Regenmachers
Politische Programme funktionieren wie das Wissen des Regenmachers. Sie funktionieren oder auch nicht, was sich ergebnisorientiert rechtfertigt. Wenn also eine Prognose nicht eintrifft, war sie eben schlecht, anderenfalls richtig. Das Prinzip selbst wird nicht dadurch desavouiert, weil die politische Leere unerträglich wäre. Erst wenn Politik die Legitimationsprobleme hat, die den Regenmacher bekanntlich schon länger verfolgen, ließe sich von Aufklärung reden. Wir leben weiterhin in nicht aufgeklärten Zeiten...
17.02.2009
Kapitalismus ist lustig
Chyrsler kappt 3000 Stellen und fordert mehr Geld. Das ist braver Kapitalismus. Im Grunde sind Arbeiter lästig, wenn man das Geld auch direkt haben kann, weil man schließlich um des Geldes und nicht der Arbeit willen, im Geschäft ist.
02.05.2009
Wie erkenne ich große Philosophie?
Es gibt ein untrügliches Kriterium, große Philosophie zu erkennen: Die Bereitschaft, sich nicht schnell auf ein Wissen einzulassen, unbestechlich in der Exegese zu sein und - alle Stränge in einem (Kraft)Punkt zu bündeln.
Goedart Palm
18.05.2009
Geheime Gesetze
Definitiv gibt es zahlreiche Gesetze, die das Verhältnis der Dinge zueinander betreffen, die wir nicht kennen. Vermutlich unterscheidet sich der Charakter dieser Gesetze auch in seinem Typus von den Gesetzen, die uns geläufig sind. Denn die Rekonstruktion, aus welchen Gründen sich Weltprozesse so abspielen, wie wir es erleben, reicht nicht sehr weit.
Goedart Palm
26.05.2009
Warum nicht für Maschinen schreiben
Es wäre konsequent, die Aufmerksamkeit auf konzentriertere Leser zu richten, als es Menschen sind, zumal deren Aufmerksamkeitshorizont immer näher rückt. Insofern ist es plausibel, auf bessere Leser respektive Rezipienten zu hoffen, also Einheiten oder Netze, die schlicht die Information besser verarbeiten oder aber - mit besseren Gründen - verwerfen. Denn auch das, was heute als Kritik auftritt, ist doch zumeist arm und nur strategisch positioniert.
Goedart Palm
26.05.2009
Wahrheit und Medium
Ein riskanter Laborversuch - wen wundert es, wenn es dann zu Implosionen kommt, die nur schlecht "wegerklärt" werden können. Trotzdem gibt es gute Gründe, hier weiterzumachen: Denn wir wollen vor allem anderen wissen, was Medien vermitteln, also wo denn ihre Mitte liegt. Es wäre also nicht falsch zu sagen, dass Medien die Wirklichkeit moderieren.
Goedart Palm
08.06.2009
Bedeutungslosigkeit
Man verabschiedete ihn, niemand würde ihn erinnern. Die Akten schweigen. Das war das Ideal, das Arno Schmidt formulierte. Goethe, Schiller, sie werden das Purgartorio nicht so schnell verlasssen. Die Heroen des gegenwärtigen oder vergangenen Diesseits müssen warten und zahlen für den Ruhm. Auch das ist Gerechtigkeit, wie Schmidt gut erkannte. Je, nun ist er selbst in diesen Erfolg verstrickt...
Goedart Palm
12.06.2009
Warum ist nicht alles schon verschwunden?
Die Frage von Jean Baudrillard "Warum ist nicht alles schon verschwunden?" wäre nur aufrichtig, wenn der Fragesteller paradox bescheinigte, dass alles - auch er selbst - bereits verschwunden ist. Geht es uns nicht oft so, dass wir eine Katastrophe imaginieren, die uns verschwinden lässt. Existieren heißt den Modus des Verschwindens immer wieder zu denken, davon handelt das "Hagakure" als Kraft des Kriegers. Bushido, ich werde so kämpfen, als wäre ich bereits verschwunden. Reale Gespenster...
Goedart Palm
24.07.2009
Überleben mit dem neuesten Betriebssystem
Betriebssysteme sind so lästig wie hypertrophe Office- und Grafikanwendungen. In Zukunft wollen wir nicht mehr durch Programme behelligt werden, sondern wir rechnen mit ihrem Verschwinden und der Demontage proprietärer Systeme, die keine funktionalen Vorteile bieten. Wer das Geschäft nicht begreift, wenn es denn noch ein Geschäft ist, wird keine Geschäfte mehr machen. Microsoft mutiert zum Saurier. Die Ökonomie des Netzes passt nicht mehr zur Ökonomie des Marktes, soweit es um die medialen Voraussetzungen der Teilnahme an virtuellen Gesellschaften geht.
26.01.2010
Lob der Dummheit
Jahrzehnte habe ich benötigt, um zu begreifen, dass Dummheit ein wichtiges evolutionäres Konstruktionselement ist. Deshalb darf man die Dummheit nicht gering schätzen, was allerdings den meisten verschlossen bleibt. Denn die Nichtdummen halten diese Eigenschaft tendenziell für eine Schande und den anderen ist die Einsicht in die eigene Bedingtheit entweder verschlossen oder sie verdrängen sie. Dumm sein und sich damit brüsten, das dürfte nur selten zu beobachten sein.
Goedart Palm
30.08.2010
Lebenserhaltungskosten - Wunder der Semantik
Einer im Bus spricht über "Lebenserhaltungskosten" (wohl in der Schweiz häufiger zu hören), was mich zu der Fantasie verführt, dass das Leben erhalten wird, solange diese Kosten erbracht werden. Wie wäre diese Welt beschaffen? Einige haben ausreichende "Lebenserhaltungskosten", bei anderen reicht es nur für Lebenshaltungskosten. Das wären brisantere Verhältnisse als die, die wir schon ohne solche Optionen für anstrengend genug halten dürfen.
Goedart Palm
11.02.2012
Prätention des Wissens
Mehr als das jeweilige Wissen ist oft der Glaube wert, dass man eben dieses Wissen besitzt. Das Wissen ist dann mit einem autoritären Modus verknüpft, der sich vor allem gegen Angriffe gegen die Gewissheit dieses Wissens schützt. Insofern ist das Wissensspiel eine Form des Sicherheitsdenkens, der Selbstversicherung, des Selbstverständnisses etc. und weniger eine kognitiv unbestechliche Methode.
Goedart Palm
22.03.2012
Die Wahl der Wörter
Gespräch mit einem Elfjährigen über sein Verhalten. Plötzlich ein kleiner Ausbruch: "Zum Psychopathen gehe ich nicht!" Recht hat er.
12.06.2012
Alltagsepiphanie: Abstinenzler
Da zieht einer durch die Straßen mit offener Bierflasche in der einen und Kippe in der anderen Hand. Für sich betrachtet kein aufregender Vorgang. Doch: Es regnet in Strömen! Das Bier verdünnt sich rasant, die Zigarette wird erlöschen. Jetzt wird es klar. Der Passant hat sein eigenes Entwöhnungsprogramm entwickelt. Er nutzt die Naturgewalten gegen seine Sucht.
Goedart Palm
29.08.2012
Die Aporien der Authentizität
Wer fordert, den "Authentizitätswahn im Internet" abzuschaffen, kommt für mich "voll" authentisch "rüber". "Abschaffen" ist in Bezug auf Authentizität bzw. menschliches Selbstverständnis auch eine prima Vokabel.
Goedart Palm
13.09.2012
Wir benötigen eine Leidensniveautheorie!
Die Probleme von Bettina Wulff sollten nicht die Probleme der deutschen Öffentlichkeit sein. Interessanter wäre eine Leidensniveautheorie. Auf welchem Niveau leiden Sie eigentlich?
Goedart Palm
19.09.2012
Aufmerksamkeit - Langeweile
Wer aber garantiert, dass nicht große Teil des Netzes an Langeweile implodieren? Schon heute lässt sich die abwandernde Aufmerksamkeit gut konstatieren.
Goedart Palm
20.10.2012
Polyphone Politik
Es mag sein, dass seinerzeit die vertikal komplexen Mehrstimmigkeiten der Musik Einfluss auf Staat und Gesellschaft hatten. Max Weber sagte mal, so wolle er schreiben können wie vertikal komponiert werden konnte. Die heutige Polyphonie der Künste dürfte wenig bis gar nichts dazu beitragen, dass Politik entfaltet wird. Der Einfluss der gegenwärtigen Kunst auf die Ausdifferenzierung von Gesellschaften dürfte gleich Null sein. Außer der Perpetuierung alter Ansprüche in einem geschlossenen System ist nicht viel zu sehen.
Goedart Palm
09.11.2012
Beweislastumkehr
Wenn sich heute einer Philosoph nennt oder nennen lässt, trägt er die Beweislast. Das war vordem anders. Klar wird hier unter anderem, dass der Philosoph einen antiquierten Beruf ausübt. Wer braucht ihn?
Goedart Palm
09.03.2013
Unzweifelhafte Regel
Überlebenstechnisch: Ich folge der Regel, lieber einer Regel zu folgen, deren Wahrheitswert zweifelhaft ist als gar keiner. Einige Grillen sind Regeln.
Goedart Palm
27.04.2013
Fundamentaloriontologie
Für mich paradigmatisch bei Raumschiff Orion: Der geradewegs wichtigtuerische Ernst der Akteure, der Lage, um dann bei nachmaligem Sehen immer lächerlicher zu werden. Das Gravitätische mutiert zur Satire. Nostalgie heißt, diese beiden Aspekte wieder miteinander zu versöhnen.
Goedart Palm
15.07.2014
Projektion des Anderen
Wenige Menschen sind dem Anderen besonders nahe. Regelmäßig reicht uns dessen Projektion, die wir aus unserer Wunschidentität konstruieren.
Goedart Palm
17.09.2014
Wiederholung, immer und immer...
Napoleon sagte, es gäbe nur eine rhetorische Figur: die Wiederholung. Wahrscheinlich ist das auch die Figur, die den Erfolg eines Lebens bestimmt. Wenn man Warren Buffet bitten würde, einem sein Vermögen zu übertragen, würde das auch funktionieren, sofern es sich nur um die wahrscheinlichkeitstheoretisch notwendige Zahl von Wiederholungen handelt.
Goedart Palm
21.09.2014
Dialektik des Bösen
Es gibt zahllose Dialektiken zwischen Gut und Böse. Der Faktor "Zeit" spielt hierbei nicht die geringste Rolle: Die Guten von heute mutieren dann zu den Bösen von morgen und vice versa.
Goedart Palm
07.10.2014
Beim Betrachten einer alten Fotografie
Heute erscheint als Inszenierung, was seinerzeit Alltag war.
Goedart Palm
25.11.2014
Wie werde ich Surrealist?
Der Vater von Max Ernst malte ein Bild und konstatierte, dass er vergessen hatte, einen Ast abzubilden. Was tat er? Das Bild war schließlich fertig. Natürlich, er sägte den Ast vom "Original" ab. So werden Söhne zu Surrealisten.
Goedart Palm
28.01.2015
Dreitagebart
Der Dreitagebart erscheint wie die Behauptung, noch nicht völlig domestiziert zu sein, ohne dabei den wölfischen Eindruck eines Vollbartes zu riskieren. So wie bei Quark und Joghurt stellt sich das Tier im Manne auf den "light"-Modus um, was man kurzgefasst dann vielleicht auch als Lifestyle-Quark bezeichnen könnte.
Goedart Palm
04.03.2015
Kulturpessimismus
Kulturtechniken ändern sich so zwangsläufig wie radikal. Evolutionär betrachtet wird - auch im "Reich des Geistes" - das ausgebildet, was benötigt wird. Und "deep reading" wird eher keine große Zukunft haben. Als Trost: Jeglicher Kulturpessimismus hat immer Unrecht!
Goedart Palm
17.06.2015
Warum Formen in der Kunst entstehen
Der Mensch, der in den Formen untergeht resp. lernen muss, mit ihnen umzugehen, war seinerzeit ein großes, geradezu "triadisches" Thema...von hier aus lässt sich auch der Kubismus besser verstehen.
Goedart Palm
01.10.2016
Vergeblichkeit
Wenn der Weg zum Menschen über die Kunst führt, kann die Kunst nicht so vergeblich sein, wie man es oft meinen möchte.
Goedart Palm
01.10.2016
Selbstverständnis der Kunst
Das Selbstverständnis der Kunst besteht darin, um ihr Selbstverständnis ringen zu müssen. Das unterscheidet sie - wohl von der Philosophie abgesehen - von anderen Welterschließungsweisen.
Goedart Palm
01.10.2016
Populismus
Populisten, die anderen Populisten vorwerfen, Populisten zu sein, könnten damit zum Ausdruck bringen, verärgert zu sein, dass man sich auf Populismus auch nicht mehr verlassen kann bzw. dass derjenige, der das Populismusspiel beginnt, damit rechnen muss, noch unterboten zu werden.
Goedart Palm