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Notizen zu und wider Bonn

Biografische Spuren, Orte und Archivmaterial.

Notizen zu und wider Bonn

***Was uns in dieser Stadt nicht passt!***

Eine Stadt kann sich auf den großen Auftritt verstehen und ihre Bewohner im Kleinen fortgesetzt warten lassen. In Bonn liegen zwischen beidem manchmal nur die paar Schritte von einem Werbeversprechen zur nächsten Haltestelle. Die folgenden Notizen tragen ihre Daten, weil der Ärger einen Ort und eine Uhrzeit hat: Köslinstraße, Herwarthstraße, Hardtberg. Er entsteht nicht beim Nachdenken über die Stadt im Allgemeinen, sondern dort, wo man mit ihr etwas vorhat und sie nicht mitspielt. Die wiederkehrende Frage ist dabei ziemlich unfeierlich: Kann ich mich auf diesen Alltag verlassen? Ein Wahrzeichen lässt sich besichtigen. Mit einem ausgefallenen Bus muss man seinen Nachmittag verbringen.

Bonn Stadt City Ville
Bonn Stadt City Ville© Goedart Palm 
Köslinstraße, 07.07.2012 

Warten auf die Buslinie 608. Um 16.38 Uhr soll sie kommen. Turnus: Zweimal in der Stunde. Der letzte Bus dieser Linie, so er gekommen sein sollte, wäre um 16.08 Uhr dort gewesen. Um 16.55 Uhr ist die 608 immer noch nicht erschienen. Fast 50 Minuten und vermutlich noch geraume Zeit mehr wird diese Bushaltestelle von einer ohnehin nicht gerade üppig eingesetzten Linie erst gar nicht angefahren. Wir nehmen schließlich höchst hilfsweise die Linie 609.

Wenn ich mitteilen würde, wie oft dieser Vorgang sich  mutatis mutandis nach meiner Erinnerung schon ereignet hat, würde wahrscheinlich die Rechtsabteilung der SWB über Unterlassungsansprüche gegenüber solchen "Behauptungen" nachdenken. Eine Woche zuvor haben wir auf die 608 wartend an der Herwarthstraße ähnlich bittere Tränen weinen müssen. Warten, Warten, Warten. Die SWB sollte nun kompensatorisch an jeder Haltestelle Monitore installieren, die familientaugliche Filme zeigen, um uns die schlimme Zeit an der Haltestelle zu versüßen. Jedenfalls sind jetzt Lösungen fällig, die unsere Erregungskurven nicht noch weiter in die Höhe schnellen lassen. Eine echte Killervariante: Die Verantwortlichen überprüfen flächendeckend, ob die Fahrpläne eingehalten werden, ob die Ressourcen stimmen oder "nachgeplant" werden muss. Gibt es kein Feedback bei diesen Verkehrsbetrieben? Macht sich  Apathie breit?

Das Warten hat eine eigentümliche Macht über den Wartenden. Man kann die verlorene Zeit nicht einfach anderweitig verwenden, weil der Bus gerade dann kommen könnte, wenn man aufgibt. Die vermeintliche Bewegungsfreiheit schrumpft auf den Blick in die Richtung zusammen, aus der endlich etwas erscheinen soll. Im Protokoll der Köslinstraße stehen deshalb zwei verschiedene Ärgernisse: Der angekündigte Bus fehlt, und mit ihm fehlt eine brauchbare Vorstellung davon, wie es weitergeht. Zwischen 16.08 und 16.55 Uhr liegen 47 Minuten; hinter dem „so er gekommen sein sollte“ steckt bereits die Ungewissheit über den vorangegangenen Wagen. Man wartet nicht bloß auf ein Fahrzeug. Man wartet darauf, dass aus einer gedruckten Zusage wieder eine verlässliche Verbindung zur Welt wird. Die hilfsweise genommene 609 ist dann keine Antwort auf das Problem der 608, sondern die private Reparatur eines öffentlichen Versprechens.

Bonn Goedart Palm
Bonn Goedart Palm© Goedart Palm 

Bonn - moderat apokalyptisch

Karneval 2011

Auf dem Hardtberg fahren nicht wie üblich Gelenkbusse, sondern statt dessen kleine, völlig überfüllte Fahrzeuge, die nicht in der Lage sind, die Jecken, die zum Zug fahren wollen, mitzunehmen. Das war der Service der Stadtwerke Bonn. Zo Fooß no Bonn jon? An allen Haltestellen, die ich später per Taxi passiere, stehen Wartende. 

Der Karneval verschärft dieselbe Erfahrung, weil der Anlass nicht überraschend vom Himmel fällt. Eine Stadt, die ihre Feste liebt, müsste auch die Wege zu ihnen ernst nehmen. Die Jecken an den Haltestellen gehören zur Veranstaltung, selbst wenn sie noch nicht im Zug mitschunkeln. Vom Taxi aus sieht man dann eine sonderbare Verteilung der Möglichkeiten: Wer ausweichen kann, kauft sich Bewegung; wer es nicht kann oder nicht will, bleibt Teil des stehenden Publikums. Das ist die prosaische Rückseite des städtischen Festkalenders. „Zo Fooß no Bonn jon?“ ist als Liedzeile gemütlicher denn als Verkehrsplanung.

Karneval in Bonn Alaaf
Karneval in Bonn Alaaf© Goedart Palm 

  Festspielhaus, Pützchens Markt und Karneval gehören alle irgendwie zusammen, ästhetische Differenzierungen sind die Glasur, wenn überhaupt.  Allerdings gibt es noch mehr „Jahrhundertprojekte“ für Bonn, die wir nicht geringer schätzen würden als ein opulentes ästhetisches Spectaculum wie das „Festspielhaus“. In dieser Stadt sind zahlreiche Dinge verbesserungsbedürftig. 

Die Konkurrenz zwischen Festspielhaus und Busfenster ist keine ästhetische Marotte. Das große Projekt besitzt von Anfang an Bilder seiner künftigen Herrlichkeit, während die ausbleibende Demütigung eines Fahrgastes schlecht zu fotografieren ist. Ein Bus, der kommt, liefert keine Sensation. Ein Fenster, durch das man sehen kann, eignet sich kaum für eine Einweihungsrede. Gerade darin steckt das Missverhältnis: Das Selbstverständliche hat wenig Chancen auf eine festliche Würdigung und ist doch die Voraussetzung dafür, dass man sich in einer Stadt aufgehoben fühlt. Die erhabene Schönheit einer pünktlichen Buslinie wäre eine, an der sehr viele Menschen täglich und ohne Eintrittskarte teilhätten.

Merkwürdige Transporte

Geschrieben am 19.02.2004: In den städtischen Bussen sind viele Fenster mit Werbung verklebt. Was soll das? Die Sicht ist erheblich eingeschränkt und Gefangenentransporte sollen es doch wohl nicht sein.  

PS - 7 Jahre später: Offensichtlich bekümmert diese Zumutung wenig. Teilweise sind Busse so bekleistert, dass es im Innenraum dunkel ist. Passagiere meiden Plätze, wo jede Aussicht abgeschnitten ist. Solange sich die Stadt respektive die SWB nicht einmal vernünftige Fenster leisten kann, sollte man über Prioritäten in der Haushaltspolitik angestrengt nachdenken.  

PS - 08.07.2012: Offensichtlich lebt die Stadt bzw. die SWB inzwischen mit dieser Dauerunzuträglichkeit. Solche Blenden habe ich in keiner anderen europäischen Stadt erlebt. Soll das bürgerfreundlich sein? Bei Teilverklebungen sieht man übrigens, wie Fahrgäste diese Bereiche meiden, um woanders einen Platz zu finden. Eine Stadt, die sich und ihre Sehenswürdigkeiten zeigen will, würde andere Lösungen präsentieren. 

Das verklebte Fenster ist dabei mehr als eine Geschmacksfrage. Wer im Bus sitzt, bleibt ein Bewohner der Stadt und möchte wissen, wo er ist. Ein Straßenname, eine Ecke, ein Laden, das Licht draußen: An solchen Dingen orientiert man sich, auch wenn die Haltestelle angesagt wird. Die Werbefläche behandelt denselben Menschen von der anderen Seite her. Außen soll möglichst viel zu sehen sein, innen darf dafür weniger gesehen werden. Die Aussicht des Fahrgastes wird zu einem Material, das sich vermarkten lässt. Dass Plätze mit freier Sicht bevorzugt werden, ist ein ziemlich deutlicher Kommentar zu dieser Rechnung. Man müsste den Fahrgästen nur glauben, was sie mit der Wahl ihres Sitzplatzes längst mitteilen. Und ausgerechnet eine Stadt, die sich gern zeigt, verdunkelt auf diesem Weg die Begegnung mit sich selbst.

Unpünktliche Buslinien

Beispielsweise: Pünktlich operierende Buslinien im ganzen Innenstadtbereich – auch das ein kühner Traum von erhabener Schönheit. Zwar für die direkte Außendarstellung einer Stadt weniger geeignet, aber doch dauerhafter in den solidarischen Effekten ... Allerdings ist es im Frühjahr 2010 erheblich besser geworden. Stay tuned! 

Das „Stay tuned!“ gehört zur Sache. Man möchte ja nicht recht behalten, sondern fahren. Wenn es im Frühjahr 2010 besser wurde, war das kein Makel an der Beschwerde, sondern genau das, worauf sie hinauswollte. Der Alltag einer Stadt besteht aus wiederholten Versuchen; seine Qualität lässt sich nicht mit einer einmaligen Erfolgsmeldung erledigen. Wer täglich auf eine Verbindung angewiesen ist, braucht eine andere Verlässlichkeit als jemand, der sie für einen Fototermin benutzt. Die Notizen springen zwischen Jahren, weil die Zumutungen wiederkehren und weil auch eine Verbesserung erst im weiteren Gebrauch zeigen muss, ob sie bleibt.

Fahrbedingungen in Bussen

Wäre es sinnvoll, im hinteren Teil der Busse einen "guardian angel" oder ähnliche Mitarbeiter zu postieren, um bestimmten Exzessen Einhalt zu gebieten? Das Kostenargument ist nicht so zwingend, wenn erstens die schweren Schäden in den Innenräumen der Fahrzeuge betrachtet werden und zweitens die Unlust, zu bestimmten Zeiten überhaupt noch in diese Verkehrsmittel einzusteigen. Zudem sind mehrfach Fahrer angegriffen worden, die sich auch sicherer fühlen würden, wenn sie nicht alleine fahren. Bei "Schlecker" kritisiert man die Ein-Frau-oder-Mann-Besetzung in den Läden, in den Bussen gilt sie als selbstverständlich, doch ist es längst nicht mehr. 

Auch die Frage nach dem „guardian angel“ gehört in diesen Zusammenhang von Gebrauch und Verlässlichkeit. Der Fahrer soll fahren, Auskunft geben, Fahrgäste aufnehmen und im Konfliktfall plötzlich eine ganze Ordnungsmacht vertreten. Wer das selbstverständlich findet, hat seine Vorstellung vom öffentlichen Verkehr möglicherweise am leeren Fahrzeug entwickelt. Ein beschädigter Sitz lässt sich in einer Rechnung erfassen; die vermiedene Fahrt eines Menschen, der sich abends nicht mehr hineintraut, taucht darin weniger eindrucksvoll auf. Sie ist deshalb nicht weniger wirklich. Ein Verkehrsmittel verliert seinen öffentlichen Charakter Stück für Stück, wenn es nur noch für diejenigen selbstverständlich benutzbar bleibt, die bestimmte Situationen aushalten wollen oder können.

Fahrradfahrer auf den Bürgersteigen 

Mindestens so kritisch ist die mangelhafte Kontrolle von Fahrradfahrern auf dem Fußweg. Man/frau tritt aus dem Haus und wird von dreist fahrenden Radfahrern "rasiert". Weist man diese Verkehrsteilnehmer auf ihre Fahrweise hin, werden die meisten - alt oder jung - rüpelhaft. Im Grunde ist niemand auf den Bürgersteigen mehr vor diesen Fahrern geschützt. Freilich lässt sich das nicht alleine mit Ordnungskräften regeln, doch irgendwo muss ein Anfang gemacht werden, Unrechtsbewusstsein herzustellen. 

Vor der Haustür setzt sich diese Rechnung mit anderen Verkehrsmitteln fort. Auf dem Bürgersteig sollte man nicht erst seine Reaktionsfähigkeit beweisen müssen, um zu seinem Haus oder von ihm weg zu gelangen. Die Dreistigkeit des Radfahrers besteht gerade darin, dass er den Fußgänger zur eigenen Ausweichreserve erklärt. Dieser wird den Schritt schon zurücknehmen, schon an die Wand gehen, schon rechtzeitig bemerken, was hinter ihm herankommt. Wer dann protestiert, stört angeblich den Verkehr, den er eben noch mit seinem Körper ermöglichen sollte. Rücksicht lässt sich nicht allein anordnen, aber eine Stadt verrät ihre Maßstäbe auch dadurch, wessen Zumutungen sie als unvermeidlich hinnimmt. Der bequeme Weg des einen darf nicht aus dem Schreck des anderen bestehen.

Hofgarten

Kann man nachts den Hofgarten oder Alten Zoll passieren, ohne mit kritischen Situationen rechnen zu müssen? 

Hofgarten und Alter Zoll sind deshalb nicht bloß Sehenswürdigkeiten, die bei Tageslicht ihre Aufgabe erfüllt hätten. Zur Stadt gehört auch der Weg, den man abends tatsächlich nimmt, und der Umweg, den man lieber macht. Die Frage nach einer kritischen Situation ist eine Frage nach der Benutzbarkeit des gemeinsamen Raums. Es geht um dieselbe schlichte Achtung wie an der Haltestelle und hinter dem Busfenster: Wird meine Zeit, mein Blick, mein Weg, meine körperliche Anwesenheit mitgedacht? Bonn müsste für eine bejahende Antwort kein Jahrhundertprojekt erfinden. Es müsste die Stadt, die schon da ist, im gewöhnlichen Gebrauch ernst nehmen. Das wäre eine durchaus repräsentative Leistung.

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